Kitabı oku: «Der Penis-Komplex», sayfa 2
Unter dem Druck seiner Libido versucht Adam zuerst auf eigene Faust, eine Geschlechtspartnerin zu finden. Was liegt näher, als unter den Säugetieren danach zu suchen. Doch unter diesen »ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre«. (Genesis, Kap. 2, Vers 20) Die alten Sagen der Juden bemühen an diesem heiklen Punkt nicht den diffusen Begriff der »Gehilfin«, sondern sie teilen unverhohlen mit, dass Adam seinen Sexualtrieb an Säugetier-Weibchen zu befriedigen sucht: Er war »zuerst zu allen Tieren eingegangen […]; sein Gemüt wurde jedoch nicht eher ruhig, als bis er Eva fand und zu ihr einging.« (Die Sagen der Juden, S. 67) Mit »eingehen« ist in der Luther’schen Übersetzung ›koitieren‹ gemeint. Adam, so erzählt die Sage weiter, hatte nach seinen unbefriedigenden Versuchen in Sodomie gegenüber Gott zu murren begonnen: »O Herr der Welt! Alle Geschöpfe, die du in deiner Welt schufst, sind zu Paaren erschaffen worden; nur ich habe kein zweites Wesen, das zu mir gehörte.« (Die Sagen der Juden, S. 67)
Und endlich hat es auch Gott kapiert: Adam braucht eine Frau. Gottes eigene narzisstische Verliebtheit in sein menschliches Ebenbild hatte in ihm einen blinden Fleck erzeugt, ein psychisches Skotom (von griechisch skotos = Dunkelheit), wie die Psychoanalyse das zu nennen pflegt. »Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.« (Genesis, Kap. 2, Vers 18) Und weil Adams Frau in jeder Hinsicht zu Adam passen soll, wird Gott sie ihm anpassen. Eva ist die an den Mann angepasste Frau. Sie ist die Frau, die von Adam kommt. So soll gewährleistet sein, dass sie auch bei ihm bleibt. Zu diesem Zweck entnimmt Gott dem Adam eine Rippe und baut daraus Eva: eine Art von Ableger-Frau.
Über Adams erste Frau, also jene der ersten Menschenerschaffung, schweigt sich die Bibel aus; es ist, als wäre sie nie erschaffen worden. Ihr Name wird an keiner Stelle erwähnt. Dennoch wissen wir aus den Quellen der uralten jüdischen Sagen, dass ihr Name Lilith war, was soviel wie ›die Nächtliche‹ bedeutet. Sie passte, zumindest im Verständnis der patriarchalischen Bibel, überhaupt nicht zu Adam. Als starke, eigensinnige und eigenständige ›Urfrau und Urmutter‹ entstammte sie den altorientalischen Matriarchaten und fand, als gleichwertige Partnerin Adams, Eingang in die erste Schöpfungsgeschichte. Lilith war zu sehr sie selbst, als dass sie sich Adam unterworfen hätte, wie es die patriarchalische Bibel von der Frau verlangt. Sie legte Wert darauf, Adam auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Schließlich war sie von Gott auf die gleiche Art wie Adam erschaffen worden. »Bist doch nur meinesgleichen, beide sind wir von der Erde genommen«, wird sie Adam im Streit entgegenschleudern. Lilith fordert im Sexuellen – und auch sonst – die Gleichheit ein, jene vollkommene Gleichheit der Geschlechter, wie sie von der weiblich-männlichen Gottheit des Matriarchats repräsentiert wurde.
Die widerspenstige Lilith wird, wie zur Strafe, von den patriarchalisch geprägten Bibelautoren klammheimlich in die jüdische Sagenwelt verbannt, um in der Bibel, und bei den Lesern derselben, keinen Glaubensschaden anzurichten. Zum bösen weiblichen Dämon umgedeutet, verkörpert sie fortan die dunkle, rätselhafte, dem Mann Angst einflößende Seite der Frau. In der Kabbala, der jüdischen Mystik, genießt Lilith immerhin eine Art von negativer Verehrung als ›Königin des Bösen‹‹, als die sie im jüdischen Volksglauben bis heute ihr düsteres Dasein fristet. Mit Adam hatte Lilith immer nur Streit, bis sie ihn verließ und »davonflog in die Lüfte«. Nur einmal, so erzählt die Sage, kehrte Lilith zu Adam zurück: während jener 130 Jahre nach dem Sündenfall, in denen sich Adam seiner zweiten Frau Eva sexuell verweigert hat. Mit ihrem Unterleib aus »eitel Feuer und Flamme« suchte ihn Lilith eines Nachts heim, legte sich zu ihm »und gebar von ihm Teufel, Geister und Dämonen ohne Zahl. Wen diese befielen, der wurde geplagt und getötet«. (Die Sagen der Juden, S. 86)
Aus all dem ergibt sich eine bedeutende Diskrepanz zwischen Mann und Frau hinsichtlich unserer biblischen Stammeltern: Der Mann wird allein durch Adam verkörpert, die Frau durch Eva und Lilith zugleich.
Eva, die Adamsfrau
Gott zieht also die Lehre aus dem Desaster mit Adams erster Frau und formt die zweite aus Adams Rippe. Aber wieso aus einer Rippe?, so fragt man sich. Vielleicht, weil Adam auf eine Rippe gut verzichten kann, wo er doch zwölf Paar davon hat. Da kommt es auf eine mehr oder weniger nicht an. In den alten jüdischen Sagen finden wir den Hinweis, dass Gott überlegte, welches »Glied« des Adam er nehmen sollte. Wichtig war ihm, die Frau aus einem »keuschen Glied« zu bauen, »aus einem Glied, das auch zur Stunde, da der Mensch nackend dasteht, zugedeckt ist«. Und weiter ist zu lesen: »Und bei jedem Glied, das der Herr dem Weibe formte, sprach er zu ihr: Sei ein frommes Weib, sei ein züchtiges Weib!« (Die Sagen der Juden, S. 68) Was er damit sagen will, und der werdenden Eva buchstäblich einbläut, ist klar: Sei bloß nicht wie Lilith!
(An dieser Stelle sei gefragt, wieso Gott auf den Gedanken verfällt, der Gefährtin Adams, von der er Zucht und Frömmigkeit erwartet, ein so reizintensives, ausschließlich der weiblichen Lust dienendes Glied wie die Klitoris, dieses Unikum der menschlichen Anatomie, zum Geschenk zu machen. Im Sinne des Patriarchats hätte es ausgereicht, wenn der patriarchalische Gott die Frau mit einer weitgehend gefühllosen Geschlechtsöffnung ausgestattet hätte, mit jenem ›Loch der Löcher‹, von dem so mancher Mann gern ein wenig abschätzig spricht. Die um die Klitoris zentrierte Lust der Frau ist noch heute in 28 Ländern Afrikas, des Nahen Ostens und Südostasiens mit ihren neurotisch-patriarchalischen Gesellschaften ein Grund, den heranwachsenden Mädchen die Klitorisspitze – nicht selten mitsamt den Schamlippen – abzuschneiden, wobei ein Viertel der Mädchen an den unmittelbaren oder langfristigen Folgen des Eingriffs stirbt.)
Bleibt weiterhin die Frage: Wieso die Rippe?
In menschlichen Träumen ist es zuweilen so, dass mit dem konkreten Trauminhalt nur vertuscht werden soll, was uns der Traum eigentlich sagen will. Das kann so weit gehen, dass der Traum das genaue Gegenteil von dem erzählt, was er tatsächlich meint; er zensiert sich selber auf Weisung des Über-Ichs. Oft ist es die tabuisierte Sexualität, die in vermeintlich asexuellen Traumszenen verhandelt wird. Wenn die Genesis, wie alle großen Mythen, ein tiefgründiger Menschheitstraum ist, so spricht einiges dafür, dass mit dem »keuschen Glied« Adams (= Rippe), aus dem Eva gebaut wird, das genaue Gegenteil gemeint ist: Adams ›unkeusches Glied‹, soll heißen: sein Penis. Allein schon durch ihre phallische Gestalt eignet sich die Rippe in idealer Weise als Symbol für das männliche Glied. Die Rippe Adams stünde demnach für seinen vom mythischen Über-Ich zensierten Penis.
Hätte Gott dem Adam anstelle der Rippe sein bestes Stück entfernt, um daraus die Eva zu bauen, dann bräuchte der penislose Adam logischerweise keine Eva mehr. Dieser Widerspruch ließe sich auf die triviale Weise lösen: Adam hatte ursprünglich zwei Penisse. So abwegig wäre das nicht, wie wir im nächsten Kapitel am Beispiel der Spinnenmännchen sehen werden, bei denen einige Arten tatsächlich zwei Penisse besitzen. Aus einem der beiden Penisse Adams hätte Gott die Eva gebaut. Doch diese Konstruktion wäre weder elegant, noch überzeugend, eben weil wir Männer keine Spinnenmännchen sind.
Wie lösen wir das Problem? Nun, wir lösen es auf elegante und überzeugende Weise: Gott nahm von Adam nicht die Rippe, er nahm auch nicht den Penis, und schon gar nicht einen von ursprünglich zweien, sondern er nahm vom Penis nur den Knochen. Und mit einem Schlag ist die zweite biblische Geschichte von der Menschenerschaffung in sich logisch: Uns Männern fehlt keine Rippe, uns fehlt der Penisknochen!
Diese aufs Erste ziemlich gewagt anmutende These wird von der biologischen Evolution eindrucksvoll bestätigt: Alle Primaten, ausgenommen Homo sapiens, besitzen einen Penisknochen. Man findet ihn auch bei Hunden, Katzen, Bären, und anderen Säugetierarten. Unsere Hypothese ist auf einmal nicht mehr gewagt, sondern geradezu nahe liegend. Mit ihr bringen wir die archaische Genesis in Übereinstimmung mit der modernen Evolutionsbiologie. Letztere teilt uns mit, dass der so genannte Schwellkörper im menschlichen Penis nichts anderes ist als der weiche Überrest des einstigen Penisknochens. Oder umgekehrt: Der Penisknochen war die ursprüngliche knöchrige Form des heutigen Penis-Schwellkörpers.
Was die bedauernswerte Eva betrifft, so stellt ihre Erschaffung aus Adams Penisknochen von allen Varianten patriarchalischer Frauenerschaffungs-Mythen zweifellos die patriarchalischste dar. Den Bibelautoren wäre sie gewiss die liebste Variante gewesen. Doch in einem heiligen Buch spricht man nicht offen vom Penis, diesem ›unkeuschen Glied‹, schon gar nicht im Zusammenhang mit Gott. Und so behalf man sich mit der »keuschen«, aber immerhin phallisch geformten Rippe, um die Abstammung der Frau vom Mann mythologisch zu begründen.
Dass Adam, als er aus der Narkose erwacht, in die ihn Gott zum Zweck der Penisknochenentnahme versetzt hat, von seiner zweiten Frau begeistert ist, versteht sich, nach dem Debakel mit Lilith, von selbst. Freudig ruft er aus: »Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin [hebräisch Ischa] heißen, darum dass sie vom Manne [hebräisch Isch] genommen ist.« (Genesis, Kap. 2, Vers 23) Hier kommt ein unterschwelliges Inzest-Motiv zum Tragen: Adam wird mit seinem eigenen »Bein und Fleisch« Sex haben.
Die »Männin«, die bezeichnenderweise erst nach dem Sündenfall den Namen Eva (›Leben Schenkende‹) verliehen bekommt – und zwar von Adam, nicht von Gott! –, hat mit dem Penisknochen, aus dem sie gemacht ist, das Patriarchat, das in vielem ein ›Penisarchat‹ ist, buchstäblich verinnerlicht. »In einer männerrechtlichen Gesellschaft«, so schreibt der Sexualforscher Ernest Borneman (1915 – 1995), »orientiert sich die Frau an dem Mann und lernt seine sexuellen Attribute auch im eigenen Geschlecht zu schätzen.« Deshalb müssen wir uns die »Männin« als eine sehr männliche (phallische) Frau vorstellen.
Nun kann nichts mehr schiefgehen, denkt Adam. An die Stelle Liliths, einer selbstbewussten Frau, tritt eine »Männin«, eine Halbfrau: Adams weiblicher Abklatsch. Die vertuschende Art, mit der später der Sündenfall erzählt wird, legt den Verdacht nahe, dass auch hier eine latente Homosexualität im Spiel ist, wie wir sie im Verhältnis zwischen Gott und Adam zu spüren meinten. Was, von Satan eingefädelt, unter dem Baum der Erkenntnis geschieht, ist eh klar: Adam »erkennt« seine »Männin«, er »geht in sie ein«, soll heißen, er hat Sex mit ihr. Wenn ein Mann mit einer »Männin«, also einem Mann mit weiblichen Attributen, sexuell verkehrt, dann kann eigentlich nur ein Akt gemeint sein, bei dem die Vagina keine Rolle spielt.
Und in der Tat: Das »Erkennen« unterm Baum der Erkenntnis war ein Sexualakt, von dem die »Männin«, wie wir wissen, nicht schwanger wurde. Das gibt schon deshalb zu denken, weil sich ausnahmslos alle mythischen Geschlechtsakte dadurch auszeichnen, dass sie Nachwuchs zur Folge haben. Andernfalls bräuchte sie der Mythos nicht zu erzählen. Denn mit mythischen Geschlechtsakten, vornehmlich solchen zwischen Göttern und Sterblichen, soll nichts anderes als die Genealogie von Stämmen und Völkern – oder hier der ganzen Menschheit –begründet werden. Nur so funktioniert das patriarchalische Stammbaum-Denken.
Und so entsteht ein begründeter Verdacht, den zu äußern freilich nicht leicht fällt: Adam hat seine »Männin« unter dem Baum der Erkenntnis wie einen Mann penetriert. Dies dürfte auch der Grund sein, wieso Adam danach mit seiner »Männin« während 130 Jahren nicht mehr sexuell verkehrt. Das behauptet zumindest die jüdische Sage. Nach unserer Deutung ist Adams Askese die Sühne für den analsexuellen Sündenfall. Freilich hat Adam, der ein Alter von 930 Jahren erreichen wird, noch immer genügend Zeit, um Eva ›normal‹ zu begatten und so die Gattung auf den Weg zu bringen. Doch deren Weg ist nur von kurzer Dauer. Gott wird die Menschheit, ihrer sittlichen Verderbtheit wegen, in der Sintflut ertränken. Diese Verderbtheit hat in Adam ihren Ursprung. Von ihm spannt sich ein direkter Bogen zu Sodom und Gomorra (Genesis, Kap. 18/19). Zwar teilt die Bibel nicht eindeutig mit, welche »sehr schweren« Sünden in beiden Städten begangen wurden, doch es gibt allen Grund zu der Annahme, dass es jene ›Sexual-Sünden‹ waren, die Adam mit der Unschuld des ersten Menschen in die Welt gesetzt hat: Zoophilie, Analverkehr und Inzest. Letzteren begeht Adam insofern, als Eva für ihn zweite Frau und erste Tochter zugleich ist: sein eigen Fleisch und Blut. Notgedrungen war die ganze biblische Urfamilie inzestuös. Anders hätte die Menschheit auch nicht aus ihr hervorgehen können!
Diese drei biblischen Urformen ›perversen‹ Geschlechtsverkehrs sind im Laufe der Jahrhunderte als ›Sodomie‹ bezeichnet worden. Letztlich hat Gott selbst sie zu verantworten. Bei der Erschaffung seines menschlichen Ebenbilds ist der Allmächtige grandios gescheitert, nicht zuletzt im Hinblick auf dessen Sexualität. Den Menschen, nicht anders als den Tieren, einfach nur zu sagen: »Seid fruchtbar und mehret euch«, geht an der polymorphen ›Perversität‹ des menschlichen Sexus vorbei.
Zweites Kapitel
Die biologische Penis-Genese
Dass dem Menschenmann als einzigem unter den Primatenmännern der Penisknochen (Baculum) fehlt, lässt nicht nur Adams ›Rippe‹ in einem neuen Deutungslicht erscheinen, sondern gibt auch den Evolutionsforschern ernsthaft zu denken. Was ist der Vorteil eines knochenlosen Penis?, so fragen sie sich. Das fragen auch wir uns. Erstmal keiner, denkt der stets um seine Erektionsfähigkeit besorgte Menschenmann. Hingegen liegt der Vorteil eines Penisknochens buchstäblich auf der Hand: Mit einem Knochen im Penis hätte der Mann ein Sexualproblem weniger. Er müsste in kritischer Koitussituation nicht um den Erhalt seiner fragilen Erektion fürchten. Viele Männer bräuchten keine Potenzmittel mehr zu nehmen, um ihren Penis wenigstens leidlich hochzukriegen. Die Männer hätten, egal wie impotent sie sich fühlten, ständig einen Ständer – selbst noch im Sarg.
Doch die Evolution gehorcht einer anderen Logik: Wenn alle Männer, auch die impotenten, eine knochenharte Dauererektion vorzuweisen hätten, wäre Potenz kein Vorteil mehr bei der Partnerfindung, sondern ein allgemeines und permanentes Faktum der männlichen Sexualkonstitution. Bei den anderen Primaten spielt die Erektion als Imponierobjekt und Potenzbeweis keine Rolle, da der Penis ohnehin sehr klein ist und das Wenige auch noch vom Fellkleid größtenteils verdeckt wird. So muss man bei einem Gorilla-Mann, der durch seine stattliche Größe und offensichtliche Kraft imponiert, schon sehr genau hinschauen, um seinen kleinen, gerade mal drei Zentimeter großen Penis zu entdecken. Ohnehin ist es bei den Gorillas so, dass der überschaubare Familienverband von etwa zehn Individuen vom Silberrücken-Männchen dominiert wird, der keine Konkurrenten zu fürchten hat. Es gibt für ihn somit auch keinen Grund, mit einem möglichst großen Penis bei den Weibchen Eindruck zu machen; dafür reichen Statur und Körperkraft aus.
Bei den Schimpansen, unseren nächsten Tier-Verwandten, sieht es allerdings schon wieder anders aus: Es gibt in den relativ großen Horden massive Konkurrenz unter den Männchen um die Gunst der Weibchen. Und so haben Schimpansen auch einen relativ großen Penis von durchschnittlich acht Zentimetern. Noch imposanter aber sind ihre Hoden: Während diese beim Gorilla jeweils nur etwa dreißig Gramm wiegen, sind es bei dominanten Schimpansen-Männchen bis zu 120 Gramm! Auch bei den eng mit den Schimpansen verwandten Bonobos – früher auch Zwerg-Schimpansen genannt – haben die Männchen stattliche Hoden, obwohl sie in Matriarchaten leben und die sexuelle Konkurrenz zwischen den Männchen deshalb keine so große Rolle spielt. Soziale Konflikte werden bei den Bonobos nur selten auf aggressive Weise ausgetragen. Sex dient ihnen als eher beiläufiger sozialer Kitt und nicht, wie bei den Schimpansen, als Grund für Konkurrenz und Streit hinsichtlich der Begattungshierarchie in der Horde. Mit einem besonders großen Skrotum beeindruckt ein Schimpansen-Männchen nicht nur die Weibchen, sondern ebenso die Rivalen im Affen-Patriarchat. Hingegen muss ein Bonobo-Männchen mit seinem Geschlechtsorgan nur die Weibchen im Affen-Matriarchat auf sich aufmerksam machen.
Beim Menschen ist es nun so, dass zum schwach behaarten Körper ein auffallend großer Penis hinzukommt – bei ziemlich bescheidenen Hoden von gerade mal zwanzig Gramm Gewicht. Das fehlende Fell lässt den erigierten Penis noch größer erscheinen, als er eh schon ist, was, nebenbei bemerkt, wohl auch ein Motiv für männliche Intimrasur sein dürfte. Zudem rückt der aufrechte Gang den imposant aufgerichteten Phallus erst recht ins Blickfeld begattungswilliger Frauen, während das Skrotum als Imponierorgan nur eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Von den meisten Frauen wird es ohnehin kaum eines Blicks gewürdigt.
Relativ zur Körpergröße hat der Mensch den größten Penis unter den Säugetieren. Nicht einmal der Blauwal, mit bis zu dreißig Metern Länge das größte Säugetier der Erde, kann es mit seinem etwa zwei Meter langen Penis in dieser Hinsicht mit dem Menschen aufnehmen. Es scheint, als solle den Menschenfrauen der Penis des Mannes buchstäblich ins Auge springen. Bewegte sich der Mensch, wie die übrigen Primaten, nackt auf allen Vieren fort, würde ein großer Penis nur stören. Entsprechend liefe ein Gorilla mit erigiertem Zwanzig-Zentimeter-Penis ständig Gefahr, sich mit diesem im Urwaldgestrüpp zu verheddern und dabei Verletzungen davonzutragen.
Von dem bekannten Evolutions-Forscher Richard Dawkins stammt die Hypothese, dass die männlichen Vorfahren von Homo sapiens den Penisknochen im Lauf der Evolution eingebüßt hätten, weil der knochenlose Penis den Frauen ermöglicht habe, an der Erektionsfähigkeit die sexuelle und sonstige Gesundheit der um ihre Gunst werbenden Männer abzulesen. Denn Erektionsstörungen sind bei einem jungen Mann zweifellos als bedeutsames Krankheitssymptom zu werten. Welche Frau will schon einen Mann, der keinen hoch kriegt! Nun könnte man einwenden, dass so ein Erektionstest auch für Schimpansen- oder Gorilla-Weibchen von Interesse sein könnte. Doch dafür fehlt diesen Primaten die Intelligenz, die nötig ist, um von guter Erektion auf gute Gesundheit zu schließen. Zudem kann man davon ausgehen, dass Menschenaffen-Männchen ohnehin keine Erektionsprobleme kennen; diese sind eine Folge der Kulturentwicklung beim Menschen, die höchstwahrscheinlich erst mit dem Patriarchat in Erscheinung getreten sind.
Der große und knochenlose Penis beim Menschen ist also letztlich eine indirekte Folge des großen Menschen-Gehirns und der damit verbundenen hohen Intelligenz – in diesem Fall jener der Frauen. Evolutionsgeschichtlich ist also die Intelligenz der Frauen daran schuld, dass die Männer ohne Unterstützung eines Penisknochens erigieren müssen.
Die Menschenfrauen, die sich auf einen Mann mitsamt seinem Penis einlassen, können auch aus anatomischen Gründen froh sein, dass der Penisknochen fehlt. Dadurch ist die Gefahr von Koitusverletzungen stark vermindert, während sie zum Beispiel ziemlich groß ist, wenn eine Frau sich in perverser Anwandlung von einem Hund bespringen lässt »und durch plötzliches Herausreißen des Hundepenis der Penisknochen Einrisse am After oder in der Scheide bewirkt«. (Ernest Borneman: Lexikon der Liebe, S. 747) So können die Frauen der Evolution gegenüber nur dankbar sein, dass der Penis des Mannes so ist, wie er ist. Nicht nur, dass er einen Knochen haben könnte, nein, dieser könnte auch noch mit Widerhaken versehen sein, wie das zum Beispiel beim Katzenpenis der Fall ist.
Wer freilich als Mann glaubt, sein knochenloser Penis könne nicht brechen, der irrt. Ein Penisbruch, hervorgerufen durch ungeschickte, allzu heftige oder bewusst gewalttätige Penetration, passiert schneller, als man denkt. Zu Bruch geht dabei der Schwellkörper, also das, was vom einstigen Penisknochen übriggeblieben ist. Dabei können im schlimmsten Fall sogar schwere Blutungen im Penis auftreten, verbunden mit Urin-Infiltration, falls die Harnröhre mit verletzt wird. Von daher ist dem Mann zu raten, auch bei stürmischer Penetration nicht gänzlich die Kontrolle über sich und seinen Penis zu verlieren, zumal wenn er sexuell noch unerfahren ist und vielleicht sogar meint, volltrunken vögeln zu müssen. Und damit haben wir eine elegante, wenn auch triviale Überleitung zu den Vögeln.
Das Überraschende gleich vorneweg: Vögel vögeln nicht. Das gilt zumindest solange, wie mit dem Begriff ›Vögeln‹ eine penetrierende Kopulation gemeint ist. Denn zur Penetration fehlt den Vogel-Männchen schlichtweg der Penis. Das gilt zumindest für die allermeisten Vogelarten. Nur bei wenigen Vogelgruppen, etwa den Enten oder Gänsen, besitzen die Männchen ein bescheidenes ›Begattungsglied‹. Wenn wir also unser menschliches Koitieren als »Vögeln‹ bezeichnen, meinen wir eigentlich ein ›Gänseln‹ oder ›Enteln‹. Gleichwohl ist ›Vögeln‹ als volkstümlich-derbe Bezeichnung für den Koitus schon seit dem Mittelalter gebräuchlich: Mit vogelen war zwar ursprünglich ›Vögel fangen‹ gemeint, doch hatte es von Anbeginn auch die Bedeutung von ›begatten (beim Vogel)‹, um schließlich auch als Ausdruck für die menschliche Begattung verwendet zu werden.
Tiere, die sich tagsüber die meiste Zeit in der Luft befinden, müssen möglichst leicht sein. Und da die Natur die Fortpflanzung problemlos auch ohne Penis hinkriegt, hat sie dieses entbehrliche Fortpflanzungsgerät bei den Vögeln einfach weggelassen – aus Gewichtsgründen. Das Vogelweibchen wird also vom Männchen gar nicht penetriert, wie man meinen könnte, wenn man den Spatzen beim ›Vögeln zuschaut, sondern beide pressen nur ihre ›Kloaken‹ aneinander. Eine Kloake ist eine Art Sammelbecken, in welchem die Ausfuhrorgane für Kot und Urin, ebenso die Absonderungen der Geschlechtsorgane zusammenlaufen – eine Art organische Senkgrube. Im mittleren Teil der Kloake befinden sich beim Vogelmännchen seitlich von der Harnleitermündung die Ausgänge zweier Samenleiter. Das Weibchen hat an der entsprechenden Stelle die Scheidenöffnung. Das Männchen lässt bei der Kopulation sein Sperma einfach von seiner Kloake in die des Weibchens fließen, von wo es dann in die Scheide gelangt. Da die Vögel ohnehin nur ein- oder zweimal im Jahr ›vögeln‹, spricht eigentlich nichts gegen diesen so einfachen wie praktischen ›Kloakensex‹. Für den Menschen möchte man sich Geschlechtsverkehr durch Aneinanderpressen von Kloaken lieber nicht vorstellen, vor allem wegen der damit verbundenen Hygieneprobleme. Die Lust auf oralen Sex wäre einem auch verleidet.
Der Luxus zweier Penisse
Die Kloake haben die Vögel von ihren evolutionsgeschichtlichen Vorläufern, den Reptilien, übernommen. Die Kriechtiere ›vögeln‹ also wie die Vögel. Da bei ihnen das Körpergewicht keine Rolle spielt, kommen die männlichen Tiere sogar in den Genuss eines winzigen, zur Ausstülpung fähigen Penis in ihrer Kloake. Mit diesem übertragen sie den Samen in die Kloake des Weibchens, ohne dass eine Penetration, die diesen Namen verdient, stattfinden muss. Während männliche Schildkröten und Krokodile nur einen einzigen solchen Ausstülpungspenis besitzen, haben männliche Echsen und Schlangen gleich deren zwei. Man spricht von zwei Hemipenissen. Bei der Begattung stülpt das männliche Tier beide Halb-Penisse aus, führt jedoch nur einen von ihnen in die Kloake des Weibchens ein, und zwar jenen, der dem Scheideneingang am nächsten liegt. Die paarigen Penisse sind vertrackte Gebilde aus Falten, Wülsten, Spitzen und Zacken, die dazu dienen, das männliche Begattungsorgan in der weiblichen Kloake regelrecht zu verankern. Nach der Begattung werden die Hemipenisse zurückgezogen und dabei wieder eingestülpt. Es gibt allerdings auch einige Echsenarten, unter ihnen zum Beispiel die Brückenechse, bei denen die Männchen, in der Art der Vögel, ohne Penis auskommen. Bei der Begattung pressen sie in Vogelmanier ihre Kloake auf die des Echsenweibchens.
Beim Stichwort ›zwei Penisse‹ drängt sich dem Menschenmann natürlich sofort die Frage auf, ob der Besitz solch eines dualen Begattungsapparats nicht auch für ihn von Vorteil wäre. In Gedanken sieht er sich in wilder Doppelpenetration mit zwei Frauen, wie immer diese anatomisch zu bewerkstelligen, kräftemäßig zu bewältigen und seelisch zu verarbeiten wäre. Von diesem Gedanken kommt der Mann aber schnell wieder ab, wohl wissend, dass es schwierig genug ist, den einen Penis, den er hat, optimal, das heißt zur Zufriedenheit des Sexualpartners, zum Einsatz zu bringen. Ein Ausstülpmechanismus wäre gewiss praktisch, doch fehlte ihm die bezaubernde Eleganz einer langsam sich entfaltenden Erektion, deren Loblied in einem der folgenden Kapitel noch gesungen wird.
Bei einer besonders faszinierenden Tiergruppe, jener der Spinnen, gehört der Besitz zweier Penisse nicht nur zur Sexual-, sondern weit mehr noch zur Überlebensstrategie des Männchens. Denn das Männchen ist bei den meisten Arten wesentlich kleiner als das Weibchen. Der krasse Unterschied in der Körpergröße wäre nicht weiter tragisch, wenn die Weibchen nicht die fatale Neigung verspürten, nach vollzogenem Geschlechtsakt den Partner aufzufressen. Das kommt daher, dass bei ihnen der Beutetrieb nicht immer scharf vom Begattungstrieb getrennt ist. Koitierend zu sterben, womöglich im Moment des Orgasmus, ist freilich nicht die schlechteste aller denkbaren Todesarten. Zudem ist sie im Dienst der Arterhaltung gar nicht so abwegig, wie sie aufs Erste erscheinen mag. Wegen der raschen und großen Produktion von Eiern haben Spinnenweibchen einen sehr hohen Eiweißbedarf, den sie auf diese praktische und billige Weise decken. Das Männchen hat mit der Abgabe des Samens ohnehin seine biologische Pflicht, sich fortzupflanzen, erfüllt. Hier bestätigt sich auf eindringliche Weise ein grundlegendes Gesetz der Natur: Ihr Interesse gilt vorrangig der Art und nicht dem Individuum.
Das Penispaar der Spinnenmännchen ist evolutionsgeschichtlich nichts weiter als das zum Begattungsorgan umfunktionierte vorderste Beinpaar (Pedipalpen). Vor der Begattung befüllt das Männchen diese beiden ›Bein-Penisse‹ mit Sperma, das aus dem vorderen Teil der Bauchseite austritt. Zu diesem Zweck spinnt das Männchen ein kleines ›Sperma-Netz‹; auf dieses setzt es einen Tropfen Samenflüssigkeit ab und packt das Befruchtungspaket mit beiden ›Begattungsbeinen‹. Damit ist das Männchen begattungsbereit. Diese Vorbereitung auf den Koitus kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen – ein langes, autoerotisches Vorspiel des Männchens, wenn man so will. Wenn das Männchen sich schließlich einem Weibchen nähert, das Samen-Geschenkpaket vor sich hertragend, richtet es sich immer wieder hoch auf, erigiert gewissermaßen mit seinem ganzen Körper, und winkt der Auserwählten mit seinem geladenen ›Doppelpenis‹ zu. Das geht so lange, bis sich beide Tiere Kopf an Kopf gegenüberstehen. Falls das kleine Männchen Glück hat, und das vergleichsweise riesige Weibchen durch das winkende ›Penispaar‹ in Paarungsstimmung gekommen ist, kann es wagen, das Weibchen mit dem Mut des Begehrens anzuspringen, rasch seine beiden mit Samen beladenen Taster an der Geschlechtsöffnung des Weibchens zu positionieren und das Samenpaket eiligst in diese hineinzustopfen. Das ordinäre, vor allem im süddeutschen Raum gebräuchliche Wort ›stopfen‹ für koitieren bringt zumindest beim Spinnensex die Sache auf den Punkt.
Sie hat ihn zum Fressen gern
Bei einigen Spinnenarten benutzt das Männchen nur einen der beiden ›Tasterpenisse‹, der an speziellen Fortsätzen der weiblichen Geschlechtsöffnung einrastet. Meistens ist damit das Schicksal des Männchens besiegelt. Im Moment des Einrastens rastet das Weibchen buchstäblich aus; es schlägt, einem Tötungsreflex gehorchend, seine mächtigen Klauen in den Hinterleib des kopulierenden Männchens, falls dieses nicht flink genug ist, sich von seinem feststeckenden Penis loszureißen, diesen im Körper des Weibchens zurücklassend, um mit seinem anderen, heil gebliebenen Penis das Weite zu suchen. Falls ihm das gelingt, erbringt das Männchen den Beweis, dass es zumindest bei weiblichem Sexualkannibalismus nicht das Schlechteste ist, zwei Penisse zu haben. Falls das Männchen nicht entkommt und den tödlichen Biss erhält, ist damit die Samenübertragung nicht unterbunden. Der Penis des Toten führt sein Werk selbständig zu Ende. Ist dies geschehen, wird das Männchen, inklusive Penis, vom begatteten Weibchen verspeist. Erst verzehrt er sich nach ihr, dann wird er von ihr verzehrt. In sich stimmiger kann ein Liebesakt, zumindest aus weiblicher Perspektive, kaum sein.
Bei der Wespenspinne ist die Sache mit dem Sex ähnlich vertrackt, doch hat hier das Männchen eine reelle Chance, den Geschlechtsakt zu überleben. Das Weibchen ist nämlich nicht darauf fixiert, sich nur mit einem einzigen Männchen zu paaren. Es ist polygam, oder präziser ausgedrückt: polyandrisch. Das heißt, es will sich möglichst mit mehreren Männchen paaren und erst später entscheiden, welches Samenpaket es für die Befruchtung der Eier verwendet. Die Biologen sprechen in so einem Fall von ›kryptischer Weibchenwahl‹. Allerdings setzt die weibliche Spinnen-Anatomie der Polygamie Grenzen: Die Weibchen haben ›nur‹ zwei Geschlechtsöffnungen und können sich deshalb nur von zwei verschiedenen Partnern pro Paarungszeit begatten lassen. Anders als die Weibchen, sind die Männchen jedoch auf Monogamie geprägt, wenngleich auch sie im Besitz zweier Begattungsorgane sind. »In ihrem Interesse liegt es«, so meint die Verhaltensforscherin Jutta Schneider, »ein jungfräuliches Weibchen zu finden, mit ihm zu kopulieren und es dann zu monopolisieren.« Zu diesem Zweck verstopft das Männchen nach der Begattung die Geschlechtsöffnung des Weibchens mit der Spitze seines ›Taster-Penis‹– eine seltene Form der sexuellen Selbstverstümmelung. Jutta Schneider spricht von »Ein-Schuss-Genitalien«. Der Verlust der Penisspitze als Genitalpfropf lohnt sich für das Männchen insofern, als es dadurch sicherstellt, dass nach ihm kein Nebenbuhler in die von ihm besamte Geschlechtsöffnung des Weibchens eindringt und ebenfalls seinen Samen dort ablegt. Schließlich hat das Männchen ja noch einen zweiten Penis und kann damit ein weiteres Weibchen begatten und verpfropfen – vorausgesetzt, er kommt bei der ersten Kopulation mit dem Leben davon. Die flinksten Männchen haben so die Chance, zweimal im Leben zum ›Schuss‹ zu kommen, was ja ganz im Sinne der Evolution ist.