Kitabı oku: «Das Erzählwerk Cécile Wajsbrots», sayfa 12
Rückfahrt und Neuanfang in Paris
In den Gedanken Agathes bleibt Loïc auch in den letzten in Saint-Thomas verbrachten Stunden und auf der Rückfahrt nach Paris präsent. In der Nacht vor der Abfahrt erscheint Loïc Agathe in einem Traum und lässt sie wissen, dass er sie und Marc auf der Insel gesehen habe.1 Agathe, die so viele Hoffnungen mit Saint-Thomas verbunden hatte, befindet sich nun in einem Zustand der Orientierungslosigkeit – Je ne sais plus où je suis –, der völligen Erschöpfung – Elle se sentait à bout, à bout d’elle-même […] – und einer inneren Zerrissenheit, die dem „[…] partage, l’un et l’autre au lieu de l’un ou l’autre […]“, also ihrer „double vie“ geschuldet ist. Das Doppelleben bedeutet für sie, dass zwischen sie und die anderen, zwischen sie und die Welt etwas Trennendes getreten ist. Und schließlich wird ihr bewusst, dass „[…] entre elle et Loïc il y aurait ce silence, entre elle et elle-même, ce décalage qui l’empêcherait d’être entièrement d’un côté ou de l’autre“.2 Marc hingegen, der nach Saint-Thomas gereist ist „pour [se] distraire“, gesteht angesichts des unerwarteten Ablaufs immerhin ein: „[…] j’ai été surpris autant que toi par ce qui arrivait, il y avait quelque chose d’inéluctable.“3 Mit ihrer Reaktion „C’est Saint-Thomas“4 gibt Agathe zu verstehen, dass der Ort wohl eine Magie ausübt, der man sich nicht entziehen kann. Allerdings scheint deren Wirkung begrenzt zu sein, lässt die Erzählstimme uns im Moment des Abschieds doch wissen: „[…] il n’y avait pas de pont jeté vers l’avenir, peut-être pas d’avenir, et ils rentraient chacun chez soi.“5
Im Moment der Rückkehr nach Paris befindet sich Agathe in einem Zustand anhaltender Orientierungslosigkeit, aus dem ihr auch Jeanne nicht herauszuhelfen vermag. Mit ihrem Rat, Loïc nicht über ihre Affäre mit Marc zu informieren,6 erschwert sie Agathe die Rückkehr zu ihm. Zu einem späteren Zeitpunkt wird sie ihr jedoch erklären, dass sie sich nicht von Marc als Person, sondern von dem, was er repräsentiere, anziehen lasse. Er verkörpere die „transgression“, also die Überschreitung einer Grenze, in diesem Fall der Grenze zwischen Freundschaft und verbotener Liebe.7 In demselben Gespräch entlockt Jeanne ihrer Freundin Agathe Details über ihre ersten Begegnungen mit Loïc bzw. Marc, die im Nachhinein einige Merkmale der späteren Beziehungen widerspiegeln. Agathe lernt Loïc „bei Freunden von Freunden“ in einer offensichtlich großbürgerlichen Wohnung im Herzen von Paris kennen.8 Außer den sie begleitenden und die Gesellschaft früh verlassenden Freunden kennt Agathe niemanden, bricht daher selber früh auf und trifft im Moment des Abschiednehmens im Hausflur auf Loïc. Er bestätigt ihre Vermutung, dass er gehen müsse, fragt aber, ob er sie anrufen dürfe „[…] pour qu’on se voie un peu plus au calme“.9 Ob Lucie zur Gesellschaft gehörte, ist ungewiss. Charakteristisch ist diese Szene insofern, als Agathe und Loïc eine von allen Freunden und Bekannten abgeschirmte Zweierbeziehung pflegen werden und jedes Zusammentreffen immer bereits auch durch die Erwartung des Aufbruchs geprägt ist.10 – Die erste Begegnung mit Marc geht auf gemeinsame Studienzeiten zurück. Man traf sich während eines Studentenstreiks in einer nur kurze Zeit existierenden Gruppe, die weder politisch noch gewerkschaftlich geprägt war. Marc wirkte auf Agathe nicht sonderlich anziehend, zumal er ein Verhältnis mit einer mindestens zehn Jahre älteren, ihn, wie Agathe meint, stark, wenn nicht zu stark bewundernden Frau pflegte und er, als E.N.A.-Kandidat ehrgeizig vertieft in seine Studien, auch kein Interesse an Agathe erkennen ließ. So liefert das erste Zusammentreffen der beiden keinerlei Indiz für ein möglicherweise entstehendes engeres Verhältnis. Wohl aber zeichnen sich bei Marc – im Hinblick auf seine berufliche Karriere – ein Zug elitärer Ambitioniertheit und – bezüglich seines Verhältnisses zu Frauen – eine verführerisch anmutende Ausstrahlung ab, auch wenn Agathe ihr damals nicht erlegen ist.
Was Agathe in der Erinnerung an Saint-Thomas als „[…] le reliquat du voyage, l’apparence que prennent les rêves qui ont tenté de se réaliser, la différence entre l’attente et l’accomplissement […]“11 vorfindet, fasst die unerwartete Entwicklung des Aufenthalts in Saint-Thomas, durch die sie in ein Doppelleben geraten ist, zusammen. Der Prozess, der durch die von Marc angekündigte Fortführung seiner Beziehung zu Véronique und das bislang ungeklärte, durch die Ereignisse in Saint-Thomas zusätzlich belastete Verhältnis zwischen Agathe und Loïc ausgelöst wird, steht, anders als die Geschehnisse in Saint-Thomas, nicht mehr unter dem Einfluss oder gar der Magie des Ortes. Wohl aber werden die (vornehmlich) aus der Perspektive Agathes erzählten Entwicklungen in der Wahrnehmung ihrer Beziehung zu Loïc und Marc im Wesentlichen als Raumerfahrungen dargestellt. Dies wird bereits am Abend ihrer Heimkehr deutlich, als sie den gleichermaßen erwarteten, erhofften und befürchteten Anruf Loïcs entgegennimmt und den Eindruck gewinnt „[…] d’appartenir à un autre monde, d’être partie longtemps, et d’être revenue changée ou de n’être pas encore revenue“12.
Von ähnlichen Empfindungen wird sie eingeholt, als sie unmittelbar danach ihrerseits Marc anruft und – […] parce que tout était question de vie ou de mort […] – 13 atemlos auf seine Reaktion wartet. Seine routinemäßig gestellte Frage „Comment tu vas?“ erinnert sie an „[…] le monde stable qu’elle avait quitté, où elle savait qu’elle aimait Loïc et personne d’autre, dans ce monde où des mots comme amour, amitié, avaient un sens défini, où rien ne risquait de se superposer, de se confondre – de troubler“.14 Aufgegeben hat sie diesen sicheren Grund, um sich – wie der Fliegende Holländer der Legende – auf „[…] une errance, une navigation perpétuelle […]“15 zu begeben. Dabei hat sie jedoch den Eindruck, nicht nur aus eigenem Antrieb gehandelt zu haben, sondern fremden Kräften ausgeliefert gewesen zu sein, während Marc mental stets in seiner „alten Welt“ verblieben war. Darum befindet er sich auch wieder auf dem sicheren Ufer, d.h. auf dem Weg zurück zu seinem alten Leben und damit abseits all jener Abgründe von Gefahren, die Agathes Vorstellung wie danteske Höllenbilder gefangen nehmen und sie zu verschlingen drohen.16 Für ihn ist es, wie er Agathe im Telefongespräch und später noch einmal bei einem Treffen in einem Café erklären wird, nicht „vernünftig“, das den „circonstances de Saint-Thomas“ geschuldete „Sich-gehen-lassen“17 über den Ort und den begrenzten Zeitraum hinaus fortzusetzen. Mit den Worten „Là-bas, c’était comme ça, ici c’est autrement“18 bringt er in lakonischer Kürze zum Ausdruck, dass es für ihn durch den jeweiligen Ort und die Umstände beeinflusste, letztlich von seiner Interessenlage bestimmte Verhaltenskodices gibt, die auf Empfindlichkeiten anderer Personen, in diesem Falle Agathes, keine Rücksicht nehmen.
Agathe, die nach der Rückkehr nach Paris den Kontakt zu Marc sucht, wird ihrerseits von Loïc angesprochen, der ihr seine Absicht „[…] de tout dire à Lucie“ mitteilt.19 Loïc wirkt danach so befreit, als verlasse er ein Gefängnis, während Agathe angesichts dieses Entschlusses zwar von tiefem Mitgefühl für ihn und seine Handlungsweise ergriffen wird, zugleich jedoch angesichts des „Schiffbruchs ihrer Liebe“20 und aller vergangenen und zu erwartenden Widrigkeiten ihres Verhältnisses zu Loïc eine Katastrophe erwartet, die sich in ihrer Vorstellung in dramatischen Bildern darstellt: „Elle contemplait les morceaux de l’avion écrasé, les restes de la ville bombardée, les façades sans fenêtres qui se dressaient encore, les murs sans intérieur, et des larmes coulaient.“21 Die Metapher des Flugzeugabsturzes und seiner Folgen, die in ihrer Wucht die Schiffbruchmetapher noch übertrifft, übersetzt zunächst das Empfinden Agathes, aus einer großen Erwartungs- und Erlebnishöhe jäh abgestürzt zu sein. Sodann bringt sie die von Agathe in und um sich herum empfundene Leere zum Ausdruck, von der sie sich „aufgesogen“ und fast um ihr Bewusstsein gebracht sieht.22 Gesteigert wird ihre Irritation schließlich noch dadurch, dass sie sich im Moment des Abschieds von Loïc auf unwiderstehliche Weise zu Marc hingezogen fühlt, wobei ihr durchaus bewusst ist, dass dabei „[…] l’attrait de l’impossible face à la certitude du possible, l’inconnu face au connu […]“23 eine Rolle spielen dürfte.
Dieser Reiz der Suche nach dem Äußersten, der risikoreiche Versuch, das Unmögliche möglich zu machen, evozieren ein Bild aus dem Bereich der Seefahrt: Agathes – nicht erwiderte – Hinwendung zu Marc gleicht dem „[…] besoin d’affronter les mers du Sud quand tant d’autres océans sont assez vastes et moins extrêmes […]“24. Der in dieser bildhaften Gegenüberstellung zum Ausdruck gelangende innere Zwiespalt Agathes wird erneut sichtbar, nachdem Loïc sie über ein Gespräch mit seiner Frau in Kenntnis gesetzt hat. Er hat Lucie eröffnet, dass er in der Beziehung zu ihr nicht mehr Liebe, sondern nur noch „[…] la force de l’habitude, le sens du devoir, quelque chose lié à la situation plutôt qu’à la personne“25 erkenne. Agathe ist angesichts dieser Mitteilung, die Loïcs Liebe zu ihr und das ganze Ausmaß seines Verzichts und seines Leidens offenbart, tief berührt, zugleich löst die Möglichkeit eines Anrufs Marcs in ihr jedoch eine Mischung aus Furcht und Hoffnung aus. Sie empfindet den Unterschied zwischen diesen emotionalen Zuständen nicht als „simple écart“, sondern als „[…] un gouffre, un abîme, deux rives d’un fleuve qui n’appartenaient pas au même pays“26, mithin als Spaltung ihrer eigenen Persönlichkeit. In einem späteren Kontext wird das Bild des wankenden Bodens, der „sables mouvants“ variiert, wenn Agathe sich in ihrer Orientierungsnot in der Nähe eines kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkans wähnt und ihre einstmals klaren Leitvorstellungen und Wertmaßstäbe – [l]a netteté en laquelle elle avait toujours cru […] – in einer „[…] dans les brumes épaisses et humides […]“27 eingehüllten Landschaft verschwinden. Die innere Isolation Agathes entwickelt indes eine rasante Eigendynamik, insofern eine direkte, ungefilterte Kommunikation mit ihren Mitmenschen für sie nicht mehr möglich ist.28 Zwischen sie und ihre Kommunikationspartner hat sich eine Art innerer Prüf- und Vermittlungsinstanz eingeschlichen, die ihre Sprechbereitschaft auf ein Minimum einschränkt.29 Sodann werden ihre Treffen mit Loïc zu einem „[…] combat intérieur […]“30, der, wie sie hofft, Loïc verborgen bleibt, denn „[…] chacune de ses avancées, de ses propositions, déclenchait comme la rupture, en elle, d’un barrage que les flots emportaient et qu’il fallait à tout prix reconstruire“31. Agathe erlebt einen Auflösungs-und Desintegrationsprozess ihrer Person, durch den sie sich selbst so stark verändert fühlt, dass sie sich nicht mehr für wiedererkennbar hält. Der Vergleich ihrer inneren Verfasstheit mit dem Bruch eines Staudamms drückt auf überaus drastische Weise aus, in welchem Maß sie jeglichen Halt und jegliche Verhaltenssicherheit verloren hat. Die Ursache dieser pathologisch zu nennenden Persönlichkeitsstörung wird im auktorialen Erzählmodus und daher mit besonderer Autorität auf sehr einfache Weise so erklärt: „Quelque chose s’était perdu qu’on pouvait appeler l’innocence, le droit de juger les autres, de se sentir entière et sans faille […].“32
Nachdem Lucie Loïc ultimativ aufgefordert hat, sich innerhalb von zwei Wochen zwischen ihr und Agathe zu entscheiden,33 wird Agathe ihrerseits von Loïc vor die Wahl gestellt. Agathe fühlt sich einerseits gedemütigt,34 andererseits möchte sie Loïc zwar nahe sein und ihm „alles erzählen“, meint aber, dazu nicht berechtigt zu sein.35 So bleibt es Loïc, der, anders als Agathe, durch eine klare Entscheidung seine „Unschuld“ wiedererlangt hat, vorbehalten, das Thema Saint-Thomas anzusprechen und Agathe seine Hilfe anzubieten. Agathe jedoch vermag nicht mehr ihre Worte und Taten in Übereinstimmung zu bringen und damit die Voraussetzungen der „Unschuld“ zu erfüllen. Sie gesteht, dass sie infolgedessen den Eindruck einer völligen Auflösung ihrer selbst hat:
[…] j’ai l’impression, si je me lève, que tout va s’écrouler, que les différentes parties de mon corps n’appartiennent plus au même corps, que mes pensées ne sont plus totalement les miennes, que certaines appartiennent à quelqu’un d’autre qui loge à l’intérieur de moi. Je ne peux plus rien dire.36
2.4.3 Die Chapelle Notre-Dame-de-Grâce als „image de la vie souhaitée avec Loïc“
Nach einem Gespräch mit Jeanne, das Agathe nach Loïcs erster Reiseabsage geführt hat, erinnert sich Agathe, allein in ihrer Wohnung, daran, dass sie vor einiger Zeit an einem Sonntagabend mit ihrer Freundin Éliane an einer Messe in der Chapelle Notre-Dame-de-Grâce in Honfleur, deren hölzerne Dachkonstruktion einem umgedrehten Schiff gleicht, teilgenommen hat.1 Vom Licht, der schlichten Schönheit der Architektur der Anfang des 17. Jahrhunderts von Bürgern und Fischern errichteten Kapelle, von den Votivtafeln, die im Namen von vor dem Schiffbruch geretteten Matrosen angebracht waren, aber auch vom Gesang der versammelten Gemeinde fühlt sich Agathe zu Tränen gerührt. In diesem Moment erwacht in ihr, und in ihrer Freundin gleichermaßen, ein Gedanke, dessen Unerfüllbarkeit sie sich sofort bewusst wird: „[…] elle aurait souhaité être avec eux, habiter là, être femme de pêcheur et croire en Dieu pour assister à cette messe et rentrer chez elle […] faire partie de quelque chose, mais sa vie n’était pas là, cette paix n’était pas pour elle […].“2 Ihre Wunschvorstellung, aus ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Isolation auszubrechen, sowie ihre Sehnsucht nach einem einfachen, auf einem sicheren Wertefundament gegründeten Leben durchschaut Agathe bereits beim Verlassen der Kapelle als etwas nicht zu ihr Passendes. Gleichzeitig jedoch wirkt das für die Rückfahrt bereit stehende Auto auf sie wie „[…] l’instrument d’une errance stupide“3, d.h. dass sie die Fortsetzung ihres Lebens in der bisherigen Form für eine ziel- und damit sinnlose Angelegenheit hält. Die tiefere Ursache für ihre durch die Chapelle Notre-Dame-de-Grâce ausgelöste emotionale Bewegung hat sie indes nach einer Zeit des Schweigens erkannt: „La chapelle éclairée était un peu à l’image de la vie qu’elle entrevoyait avec Loïc […].“4 So vermag ein realer Ort, dessen konfessionell-religiöse Prägung keineswegs mit dem Weltbild Agathes übereinstimmt, gleichwohl ihre Träume von einem gemeinsamen Leben mit Loïc zu konkretisieren, und sie schließt eine Änderung ihres Lebens nicht aus für den Fall, dass Lucie Loïc verlässt. Als sie über eine solche Perspektive nachsinnt, glaubt sie, für einen Moment durch das Autofenster im Halbschatten zu erkennen, wie „jemand“, also eine nicht identifizierte Person, unbekümmert über das Dach (der Kapelle) spaziert – eine Illusion, die das Unwirkliche des sehnlich Erwünschten unterstreicht.5
2.4.4 Medial vermittelte Räume
Die Mitteilung über die von Agathe getätigte Hotelbuchung für Saint-Thomas wird kontextuell eingerahmt von einem Exkurs über ihre Begeisterung für den Vendée Globe, die größte, mit zahlreichen Risiken und Gefahren verbundene Einhand-Segelregatta der Welt, und ihren Besuch einer Ausstellung über Polarexpeditionen im Jardin des Plantes, bei dem sie von Jeanne begleitet wird.1 Erzähltechnisch wird auf diese Weise eine Konstellation geschaffen, bei der disparate Ereignisse wie die in Sables-d’Olonne endende Weltumseglung einerseits und eine Wochenendreise von Paris nach Saint-Thomas andererseits durch die interne Fokalisierung in eine wechselseitige Beziehung gebracht werden. Die Länge und die Herausforderungen der Regatta, an die sich jeder Teilnehmer nur „[…] avec un mélange d’effroi et de nostalgie […]“2 erinnert, werden formal bereits durch die extrem mäandrierende Syntax widergespiegelt. Sodann werden die realen Gefahren durch die Erwähnung des im Januar 1998 verschollenen kanadischen Seglers Gerry Roofs und den Hinweis auf die Ursachen der existentiellen Gefahren untermauert: „[…] les certitudes n’existaient plus, […] les limites s’estompaient, entre les océans, entre l’eau et la glace, entre le ciel et l’eau, la surface et le fond, et même l’ultime limite, entre la vie et la mort.“3 Agathe ist von den „[…] récits de terreur apaisée […]“4 gleichermaßen fasziniert und erschüttert. Sie geben Grenzerfahrungen wieder, die von der „[…] alternance des pics et des abîmes, ce vertige du très haut et du très bas […]“5, mithin sehr gegensätzlichen Erlebnissen, geprägt sind und beim Hörer zwar ein gewisses Behagen, vor allem jedoch das Gefühl auslösen, dass das eigene Leben „[…] peu de choses au regard des terrifiantes aventures […]“6 bietet. In ihrer sie verzehrenden Vereinsamung einer schlaflosen Nacht erkennt Agathe jedoch eine Parallele zum Lebensgefühl der Segler, die durch die Orientierung an einem angestrebten Zielort zum Ausdruck gebracht wird: „[…] dans la nuit où le sommeil se dérobait, Saint-Thomas paraissait aussi lointain et irréel que les Sables-d’Olonne à ceux qui se trouvaient au bord de l’Antarctique.“7
Das Naturkundemuseum des Jardin des Plantes ist ein Ort, der Agathe aus folgenden Gründen besonders anspricht und in ihrer Nachdenklichkeit bestärkt:
Vor dem Hintergrund des Schicksals des französischen Seefahrers Binot Paulmier de Gonneville, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts glaubte, die legendäre Terra Australis entdeckt zu haben, in Wirklichkeit jedoch in Brasilien gelandet war, stellt sich ihr die Frage, ob die Menschen nicht auch in der fortschrittsgläubigen Gegenwart, in der durch die Möglichkeiten der Vermessung von Raum und Zeit Forscher- und Entdeckergeist geweckt wird, Dinge als „certitudes“ betrachten, die sich in zwei oder drei Jahrhunderten als „[…] le comble du ridicule ou de la naïveté […]“ herausstellen.8
Trotz der Gegensätzlichkeit der beiden Pole, des bewohnten Nord- und des nicht bewohnten Südpols, haben „gewisse Forscher“ – […] certains explorateurs […] – 9 bewusst die Herausforderung dieser beiden „Extreme“ gesucht.
Die „[…] blancheur absolue […]“10 der polaren Landschaft, die Unterschiedlichkeit der Pole, kurzum: „[…] cette étrangeté extrême […]“11 gebietet, wie Agathe im Unterschied zu ihrer sich in Banalitäten flüchtenden Freundin Jeanne meint, ehrfurchtsvolles Schweigen. Noch verstärkt wird diese Haltung staunender Bewunderung in Agathe durch Bilder der Erinnerung an berühmte Polarforscher wie den Norweger Roald Amundsen und den Franzosen Jean-Baptiste Charcot, die beide verschollen sind. Obwohl Agathe die in der Ausstellung präsentierten Darstellungen der Polargegenden zuvor nicht gesehen hatte, glaubt sie, dass sie seit langem „ihrem Herzen innewohnten“.12 Vielleicht spürten jenes “ […] serrement de cœur […]“, die durch die Pole ausgelöste Beklemmung, sogar alle Menschen, denn „[…] ces terres désolées […]“, diese vom ewigen Eis bedeckten Zonen seien „[…] l’image des zones intérieures auxquelles on ne pourrait jamais avoir accès, gelées dès le commencement, dès avant le début, et qui faisaient que, malgré toute la chaleur qu’on pouvait trouver auprès de quelqu’un, malgré le réconfort, on se sentait cruellement seul en pleine nuit, en pleine maladie – en pleine vie“13.
Besteht das vom Vendée Globe ausgehende Faszinosum vor allem aus dem Mut des einzelnen Individuums zum Aufbruch in ein Abenteuer, das höchste Risiken bis zur Gefahr des Todes einschließt, so zeichnen sich die Expeditionen der Polarforscher zusätzlich durch das Erlebnis der Besonderheit der polaren Landschaften, nicht zuletzt auch durch die Konfrontation mit der abweisenden Undurchdringlichkeit des ewigen Eises aus. Nicht zu unterschätzen ist schließlich auch jener Reiz, der davon ausgeht, dass sich das Vertrauen in die durch technischen Fortschritt erlangten „certitudes“ als trügerisch erweisen könnte. Wenn Agathe den Zustand ihrer eigenen „Seelenlandschaft“ mit Erfahrungen von Individualisten in Verbindung bringt, die außergewöhnliche Herausforderungen suchen und alle damit verbundenen Entbehrungen und Nöte, von der extremen Einsamkeit bis zur Todesangst, in Kauf nehmen, so verdeutlicht dies einerseits das Ausmaß ihrer Vereinsamung und ihres Leidensdrucks, andererseits jedoch auch ihre geradezu heroisch anmutenden, in Wirklichkeit wohl eher verzweifelten, mit Ahnungen des Scheiterns verbundenen Anstrengungen, die Not der Isolation zu überwinden.