Kitabı oku: «Das Erzählwerk Cécile Wajsbrots», sayfa 13

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2.4.5 Intertextuell vermittelte Räume

Welche Bedeutung Literatur insbesondere für Agathe hat, wurde bereits bei einem Blick in das erste Kapitel deutlich.1 Neben dem ebenda und an mehreren anderen Stellen zitierten Roman Le marin rejeté par la mer von Yukio Mishima nimmt die Erzählinstanz auf zahlreiche andere literarische Werke, insbesondere von Agathe gelesene japanische Romane, Bezug.2

In welchem Maße Agathe sich in Literatur „behaust“ fühlt, offenbart eine Szene, in der sie nach einem Gespräch mit Jeanne eine Buchhandlung betritt und dies von der Erzählstimme folgendermaßen kommentiert wird: „[… ] elle entra – et parfois, entrer dans une librairie, c’était entrer dans un autre monde, une autre dimension.“3 In dieser Welt sind die Bücher nicht tote Gegenstände, sondern

[ils] attendaient comme des animaux au repos dans la jungle, ils avaient l’air anodins, inoffensifs, qu’est-ce que c’était, un peu de papier, du carton et de l’encre […] mais l’apparence était trompeuse, comme la tranquillité des bêtes de la jungle est trompeuse. Il suffisait de quelque chose qui donne l’éveil […] et l’animal bondissait, on était à la fois l’animal et la proie, le combat sans merci qui déchire les savanes écrasées de chaleur, qui s’enfonce au cœur des forêts les plus épaisses, on était la savane, les ténèbres, la forêt, on croyait seulement se distraire, lire un livre, et voilà qu’on devenait un personnage de l’histoire, l’histoire même, voilà que le chemin sur lequel on marchait et qui paraissait sûr se perdait dans les broussailles […]4

Der kühne Vergleich von Büchern mit im Dschungel sprungbereit wartenden Tieren, sodann die Übernahme verschiedenster Rollen durch den Leser simulieren eine kampfähnliche, überfallähnliche Situation, die den Lesevorgang in bester rezeptionsaesthetischer Manier bildhaft-dramatisch als eine Auseinandersetzung zwischen Text und Leser, die hier in eine ausführliche Wegemetapher einmündet, erscheinen lässt. Für den Zweck dieser Untersuchung entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Herausforderungen des Leseprozesses in räumlichen Kategorien vermittelt werden.

2.4.6 Perspektivierende Zusammenfassung

Abschließend soll die sich im Titel des Romans andeutende und in seinem ersten Kapitel in einigen Punkten bereits entfaltende Bedeutung, die der „Reise nach Saint-Thomas“ und damit der Suchbewegung der Protagonistin über die Ebene der „histoire“ hinaus insbesondere im Hinblick auf die Beziehungen zwischen den Handlungsorten und der Figurenkonstellation zukommt, zusammengefasst werden.

Paris und Saint-Thomas (Saint-Jean-le-Thomas) werden – bei objektiver Betrachtung – natürlich nicht durch eine „klassifikatorische“ Grenze im Sinne Lotmans getrennt, zumal der kleine Ort in der Normandie (auch) für viele Pariserinnen und Pariser ein attraktives Ausflugs- und Urlaubsziel sein dürfte. Die in Voyage à Saint-Thomas gleichwohl vom ersten Kapitel an deutlich werdende Opposition zwischen den beiden Orten erklärt sich daher aus den ihnen im Verlauf der Diegese zugewiesenen Funktionen bzw. der Bedeutung, die sie für Agathe haben.

Im Hinblick auf die in Voyage à Saint-Thomas stattfindenden „Ereignisse“, also die „Sujethaftigkeit“ des Textes, sind drei unterschiedliche Aspekte zu unterscheiden:

1 Zu Beginn der Diegese sind Agathe und Loïc geeint in dem Wunsch, vier Tage in Saint-Thomas zu verbringen. Für Agathe würde mit dem Aufenthalt in Saint-Thomas ein von ihr seit langem gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Sie hätte damit, wie in Kapitel 2.4.2 gezeigt wurde, „[…] le bout du monde, le but de sa vie […]“ erreicht. Das hyperbolische „bout du monde“ signalisiert, welch immense Bedeutung Agathe dem Ort Saint-Thomas beimisst, der sich durch seine periphere Küstenlage und sein dörfliches Gepräge in markanter Weise von Paris unterscheidet. Angesichts dieses asymmetrischen Verhältnisses und aufgrund ihrer existentiell hohen Erwartungen käme die Realisierung der Reise für Agathe einer „Grenzüberschreitung“ im Lotman’schen Sinne gleich, bedeutete sie doch – u.a. – die drei Jahre lang für unmöglich gehaltene öffentliche Manifestation einer bislang nur in privater Abgeschiedenheit gepflegten Beziehung.Loïc wird im Unterschied zu Agathe nicht nur durch berufliche bzw. familiäre Verpflichtungen an der Reise gehindert. Da er seine Ehefrau Lucie einstweilen noch nicht über sein Verhältnis mit Agathe informiert hat, wäre für ihn angesichts seines zwar an keiner Stelle explizit definierten, sondern nur aus seinem Verhalten ableitbaren Verhaltenskodex eine nicht schlüssig erklärte längere Abwesenheit ein eindeutiger Tabubruch und damit eine Grenzüberschreitung.Von Saint-Thomas geht – nach Loïcs Reiserücktritt – eine das Verhältnis zwischen Agathe und Loïc keineswegs festigende, sondern, wenn nicht entzweiende, so doch stark belastende Wirkung aus. Sodann beeinflusst der Ort die Figurenkonstellation einerseits und die Befindlichkeit Agathes andererseits in einer tiefgreifenden Weise.

2 Nicht mit Loïc, sondern mit Marc nach Saint-Thomas zu reisen, kommt Agathe zunächst wie eine „fugue“1 bzw. ein „voyage de remplacement“2 vor. Saint-Thomas und die Ereignisse, für die der Ort wie eine Chiffre verwendet wird, bewirken in Agathe, wie in B 2.4.2 herausgearbeitet wurde, einen Zustand innerer Zerrissenheit, einen Verlust ihrer „innocence“ in ihrer nach- und fortwirkenden Beziehung zu Loïc, zugleich jedoch eine leidenschaftliche Hinwendung zu Marc. So geht der Ortswechsel von Paris nach Saint-Thomas für Agathe mit einer sicherlich nicht geplanten, aber psychologisch folgenreichen „Grenzüberschreitung“ (in einem übertragenen Sinn) einher. Ihre Lage wird noch dadurch kompliziert, dass Marc zu einer gänzlich anderen Bewertung der mit ihr in Saint-Thomas verbrachten Zeit gelangt. Für ihn haben die den „circonstances“ geschuldeten Begegnungen keine über den örtlichen und zeitlichen Rahmen hinausgehende Wirkung. Daraus wird ersichtlich, dass, wie in Kapitel A 2.2 ausgeführt wurde, die Bewertung eines Vorgangs als „Grenzüberschreitung“ nur in Relation zu den für die betroffenen Personen gültigen Weltbildern erfolgen kann. Da Agathe und Marc aus einem sich durch die Pluralität der Meinungen und Wertvorstellungen auszeichnenden Raum kommen, ist dies leicht nachvollziehbar.

3 Mit der Bereitschaft, sich von Lucie zu trennen, gewinnt Loïc gegenüber Agathe seine innocence“ zurück. In der Schlussszene geschieht, was, wie die Erzählstimme anmerkt, Agathe für unmöglich gehalten hatte,3 also ein im Sinne Lotmans „sujethaftes Ereignis“, das über zarte Gesten vermittelt wird. Wenn Agathe ihren Kopf auf Loïcs Schulter legt und dabei in Tränen ausbricht, während er ihr Gesicht streichelt, ist dies als Zeichen der Versöhnung und der Befreiung Agathes aus der Sprachlosigkeit zu verstehen. Auf eine gänzlich unerwartete Weise hat der Ort „Saint-Thomas“, auf den Agathe und Loïc zu Beginn der Diegese wie auf ein Fanal der Hoffnung blickten und den sie dennoch nicht gemeinsam erreichten, dazu beigetragen, beide über alle sie trennenden Grenzen zusammenzuführen.

2.5 Zusammenfassung Themenfeld I

Die in den Romanen des Themenfeldes I erzählten „errances“ zeichnen sich durch – mehr oder weniger große – Wirklichkeitsnähe der Figuren und Handlungen aus. Topographisch nachvollziehbar sind die Aufbrüche und Suchbewegungen allesamt, so unterschiedlich sie motiviert und ausgerichtet sein mögen. Sie sind als Geschichten einzelner Individuen, in gewisser Weise als „Privatangelegenheiten“ konzipiert und nur in begrenztem Maße verallgemeinerbar. In Mariane Klinger kündigt sich jedoch die das Themenfeld II beherrschende Thematik „Krieg und Holocaust“ an.

Die auch gesellschaftlich relevante Frage der Ausgrenzung von Menschen mit besonderer sexueller Orientierung (Atlantique, Le Désir d’Équateur) wird im Wesentlichen in ihren Auswirkungen auf die betroffenen Figuren beschrieben.

Die Protagonisten der Romane des Themenfeldes I bewegen sich jedoch alle auf ein – mehr oder weniger konkretes – Ziel zu, das sich in Le Désir d’équateur, obwohl es sich bei Quito bzw. dem Denkmal La mitad del mundo um eindeutig referentialisierbare Orte handelt, virtualisiert. Sie haben ihren jeweiligen Ausgangspunkt verlassen und leben – zwischen zwei Welten – in der hoffnungsvollen Erwartung, dass sie ihr Glück an ihrem jeweiligen Wunsch- oder Sehnsuchtsort finden. Für Vincent und seine Schwester erfüllt sich diese Hoffnung in einem auf 24 Stunden begrenzten Zeitraum.

3 Themenfeld II

Auch die im Themenfeld II vereinten, zwischen 1997 und 2005 erschienenen Erzähltexte können arbeitshypothetisch als Suchbewegungen bezeichnet werden. Der Aspekt der Bewegung wird bei vier von fünf Texten erneut bereits durch die Titel mehr oder weniger deutlich signalisiert. Nation par Barbès (2001) verweist auf eine mehrere Stationen verbindende Strecke der Metro in Paris. Beaune-la-Rolande (2004) – der Name des ca. 100 km südlich von Paris gelegenen Dorfs dient als metonymische Bezeichnung des 1941 eingerichteten Durchgangslagers für Juden, die nach Auschwitz deportiert wurden – suggeriert als Titel eines Erzähltextes gleichermaßen ein Ankommen und Abfahren. Der doppeldeutige Titel Mémorial (2005) insinuiert in der Bedeutung ‚monument commémoratif‘1, dass an einem Erinnerungsanlass Interessierte sich auf den Weg zu einem Denkmal machen. Mit Fugue schließlich (2005) assoziiert man spontan einen Ausgangs- und Zielort und die Frage nach dem Grund für die Fluchtbewegung. Lediglich der Titel La Trahison (1997) gibt keinen direkten Hinweis auf Bewegung, weckt dafür jedoch die Erwartung nach Suche und Aufklärung eines wann auch immer begangenen Verrats.

Da La Trahison und Nation par Barbès Probleme behandeln, die für die Zeit der Okkupation und die Nachkriegszeit bzw. die Gegenwart repräsentativ sind, sollen die in diesen Werken erzählten Suchbewegungen zumindest in ihren Grundzügen analysiert werden. Angesichts der Bedeutung, die der Holocaust für das Gesamtwerk Cécile Wajsbrots hat, sollen jedoch die thematisch eng verwandten, durch die Familiengeschichte und Biographie der Autorin beeinflussten Texte Beaune-la-Rolande und Mémorial im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Obwohl Fugue aufgrund der Verbindung von Text und Fotografien sich eher als Gegenstand einer intermedialen Analyse anbietet, sollen die für das Thema dieser Arbeit relevanten Aspekte doch einer gründlichen Betrachtung unterzogen werden.2

3.1 La Trahison1 – Louis Mérians Suche nach der eigenen Vergangenheit

Die Begegnung der Protagonisten Louis Mérian und Ariane Desprats weckt in Louis Mérian die Bereitschaft und den Wunsch, seine bislang verdrängte Vergangenheit aufzuarbeiten und nach seiner wahren Identität zu suchen. Die anfänglich große Distanz zwischen den beiden in unterschiedlichen Semiosphären lebenden Figuren resultiert keineswegs nur aus dem zwischen ihnen bestehenden Altersabstand von dreißig Jahren, sondern vorrangig aus jenen Unterschieden, die durch die Besonderheiten der familiären Herkunft und die Prägung ihrer Weltanschauung bedingt sind. Der zu Beginn des zweiten Weltkrieges 17 Jahre alte Louis Mérian entstammt einer Familie von „spectateurs“, deren „seul combat“ im Krieg und in der Zeit danach stets darin bestand „[…] d’avoir assez de pain, ou assez de viande […]“2 und die in ihrer Überlebensstrategie und vor allem in ihrer Entscheidung, Paris während des Krieges nicht – wie so viele andere – zu verlassen, einen Nachweis ihres Heldentums erblickten. Die 1952 geborene Jüdin Ariane Desprats, deren Großeltern mütterlicherseits deportiert wurden, betrachtet Frankreich nicht als ihre Heimat, sondern als ein Land, das die Wahrheit über die aus Kollaboration und Denunziation erwachsene Schuld bis in die Gegenwart konsequent verschweigt. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Familiengeschichte sieht sich Ariane aufgrund dieser Art der Geschichtsfälschung als „Gefangene“.3 Für sich zieht sie daraus die Konsequenz, in ihrem Beruf als Journalistin gegen Verschleierung und Verdrängung anzukämpfen. Ihr Wunsch, den von ihr in ihrer Kindheit als Radiojournalist verehrten Louis Mérian nach seiner Tätigkeit während des Krieges zu befragen, mag sich psychologisch aus ihrer Hoffnung erklären, dass er die ihm von ihr entgegengebrachte Wertschätzung auch durch ein aus ihrer Sicht tadelloses Verhalten während der Okkupationszeit rechtfertige.

Wichtige Phasen der „histoire“ der beiden Protagonisten werden durch chronotopische Markierungen hervorgehoben. In der nachfolgenden Analyse soll herausgearbeitet werden, in welcher Weise die Suchbewegung des Louis Mérian, sein Denken und Empfinden auf der Ebene des „discours“ durch die Darstellung von Raum und (Nicht-)Bewegung widergespiegelt werden.

3.1.1 Die Bedeutung von Raum und (Nicht-)Bewegung für die Charakterisierung des Louis Mérian

À travers les stores à demi baissés flottait une lumière douce, et les bruits de la rue paraissaient atténués. […] il aimait cette période où la ville se vidait peu à peu, s’apaisait doucement, s’endormait comme il parvenait quelquefois à le faire en début d’après-midi, à cette heure-ci, précisément, quand la chaleur s’abattait lourdement et qu’il n’y avait qu’à attendre que cela passe.

Venait-il de se réveiller ou était-il dans cet état intermédiaire qu’il n’aimait pas, entre veille et sommeil, et qui gagnait, d’année en année, qui se confondait presque avec sa vie? La nuit, c’était comme s’il courait sans cesse après quelque chose, comme s’il courait sur une route qui s’interrompait soudain, se perdait au milieu d’elle-même et le laissait hors d’haleine, au matin, épuisé d’une recherche dont il ignorait l’objet mais qu’il recommençait la nuit d’après. Le jour, il n’y avait pas de but, pas de recherche mais les lambeaux de vie épars qui s’assemblaient sans former une image d’ensemble, et qu’il regardait avec perplexité.1

Louis Mérian, dessen Name – wie der seiner Gesprächspartnerin Ariane Desprats – im Sinne einer Spannungssteigerung erst in einer nachträglich eingefügten Erwähnung der gegenseitigen Begrüßung2 genannt wird, befindet sich, wie der Textauszug und ein späterer Hinweis3 belegen, zu Beginn der Diegese in einer von ihm seit etwa 20 Jahren gemieteten Wohnung. Dem weiteren Verlauf des Textes ist zu entnehmen, dass es sich um eine Wohnung in der von ihm bevorzugten fünften Etage eines modernen, an einer verkehrsarmen Straße im Westen von Paris gelegenen Wohnhauses handelt, die mit einem Balkon ausgestattet ist und einen Ausblick auf den Invalidendom bietet.4 In starkem Kontrast zu den lichtdurchfluteten, in einer Vorzugslage befindlichen Räumlichkeiten stand die Behausung seiner Kindheit und Jugend. Aufgewachsen ist er in einer engen Straße in der Nähe des Louvre, und

[…] de toute cette période, il gardait l’impression d’une absence de lumière, d’un long tunnel, peut-être parce que les circonstances l’avaient obligé à rester chez ses parents plus de temps qu’il ne l’aurait voulu, peut-être parce que sa chambre donnait sur une petite cour et les autres pièces sur une rue obscure […]5

Mit diesen auszugsweise zitierten Beschreibungen verfolgt die Erzählinstanz keineswegs nur das Ziel einer atmosphärischen Schilderung der Lebensumstände Louis Mérians, die sich im Laufe der Jahre offensichtlich stark verändert haben. Vielmehr spiegeln verschiedene chronotopische Details in symbolischer Form Hintergründe der Biographie des Protagonisten, die im Hinblick auf die Entwicklung der Diegese eine eindeutig proleptische Funktion ausüben. In chronologischer Anordnung sei zunächst auf die durch das Bild des Tunnels veranschaulichte räumliche Enge und Dunkelheit hingewiesen, die das Lebensumfeld seiner Kindheit und Jugend kennzeichnen und nicht nur auf bescheidene materielle Voraussetzungen schließen lassen, sondern auch einen Mangel an Offenheit und Weite im Denken und Empfinden der Familie Mérian widerspiegeln. Die aktuelle und alle von ihm seit der Zeit seiner beruflichen Tätigkeit bevorzugten, niemals unter dem vierten Stockwerk gelegenen Wohnungen zeichnen sich hingegen durch Helligkeit und den Vorzug aus, ihm durch ihre Höhe einen weiten Blick, zugleich jedoch einen hinreichenden Abstand zum Geschehen auf der Straße zu verschaffen. Beachtenswert ist darüber hinaus, dass die Erzählinstanz den Roman mit den Worten „À travers les stores à demi baissés […]“ eröffnet. Dieses auf den ersten Blick gänzlich unauffällige, sich scheinbar durch die natürlichen Umstände der nachmittäglichen Sonneneinstrahlung erklärende Detail gewinnt im Kontext eine besondere Bedeutung.

Der Wechsel von Tag und Nacht geht, wie der oben zitierte Textauszug belegt, für Louis Mérian einher mit der Abfolge eines auf keinerlei Ziel zusteuernden und um keinerlei Aufklärung bemühten Lebens – le jour – und einer albtraum­ähnlichen, ihn in Atemlosigkeit versetzenden, plötzlich abbrechenden Suche und Jagd nach einem geheimnisumwobenen, in Vergessenheit geratenen Ereignis in seiner Vergangenheit – la nuit –. In welch starkem Maße diese Verunsicherung, zumal nach Arianes Frage, ob er auch während des Krieges für das Radio gearbeitet habe,6 ihn in Verwirrung stürzt, wird deutlich, als Louis Mérian sich nach dem ersten Gespräch mit der Journalistin an einem typischen Schwellenort, nämlich im Hausflur vor dem Aufzug von ihr verabschiedet und sich vor seiner Wohnung „[…] comme un étranger devant une porte inconnue […]“7 wähnt. In diesem Moment lässt ihn ein zwar diffuser, von der Erzählinstanz gleichwohl in einprägsamer Raummetaphorik zum Ausdruck gebrachter Eindruck erahnen „[…] qu’il existait en lui des zones ignorées, des zones inconnues de sables mouvants où depuis si longtemps qu’il vivait, il ne s’était encore jamais aventuré“8. So dienen die zu Beginn des Gesprächs mit Ariane Desprats noch immer halb heruntergelassenen Rollos9 offensichtlich nicht nur dazu, Louis Mérian vor den eindringenden Sonnenstrahlen zu schützen. Vielmehr deutet die Erzählstimme damit symbolisch an, dass er sich nicht dem hellen Licht der vollständigen Wahrheit auszusetzen bereit ist, sich mithin in einen Innenraum zurückzieht, der ihn vor von außen eindringenden Einflüssen und Gefahren abschirmt. So ist es folgerichtig, dass er am Tag danach, nachdem Ariane Desprats telefonisch um ein weiteres Gespräch gebeten und er sein Einverständnis erklärt hat, eine über sich selbst hinausweisende Handlung, über deren Folgen er sich noch nicht im Klaren sein kann, vollzieht: „La voix s’était tue, il avait relevé le store […]“.10 Das Geheimnis wird gelüftet werden, die Wahrheit ans Licht des Tages geraten.

Louis Mérian führt als Rentner ein Leben in einer beinahe monadenhaft wirkenden Abgeschiedenheit. Er verlässt seine Wohnung selten, verreist nicht gerne, verbringt nur jedes Jahr im Juli einige Tage in dem unweit von Paris gelegenen Haus seiner verwitweten Schwester Anne, um danach „[…] avec un goût renouvelé de la solitude“11 zurückzukehren.

In gewisser Weise außerhalb von Zeit und Raum – […] en dehors du temps et en dehors du monde […] – 12 vollzog sich das Berufsleben Louis Mérians, wenn er in seinem fensterlosen Radiostudio in seiner spätabendlichen Sendung seinen Auftrag erfüllte „[…] d’aller du soir à la nuit, de mener ses passagers sur l’autre rive, dans des contrées nocturnes inhabitées où parfois une silhouette errante cherche le sommeil“13. Mit der Metapher des Fährmanns, der seine Passagiere „auf das andere Ufer“, in jene unbewohnten nächtlichen Gegenden übersetzt, überträgt er die Vorstellung des Übergangs vom Abend zur Nacht in ein anschauliches räumliches Bild. Wie stark er seine Rolle als Fährmann verinnerlicht hatte und wie sehr er von seinem Auftrag, seine Zuhörerschaft in die Stille der Nacht zu entlassen, überzeugt war, zeigt seine anfängliche Enttäuschung, als sein Sender das Programm nicht mehr mit seinen Interviews beendete, sondern auch noch während der Nachtstunden fortsetzte. Die Erzählinstanz überträgt die Vorstellung einer ununterbrochenen Abfolge nächtlicher Sendungen in räumliche Bilder und gibt mittels interner Fokalisierung, d.h. durch ihre Identifizierung mit der Sichtweise Louis Mérians, zu verstehen, dass die Illusion bevölkerter Landschaften, bewohnter Dörfer und Städte sowie erleuchteter Autobahnen, die durch die nach Mitternacht ausgestrahlten Sendungen erzeugt wird, nicht den Wert des zuvor den Zeitraum der Nacht beherrschenden „silence“ aufwiegt:

Pendant des années, son émission fermait l’antenne, puis la nuit s’était peuplée, on avait construit des maisons isolées, des villages, c’étaient des villes, maintenant, qui s’étendaient d’un bord à l’autre de la nuit, des barres d’immeubles, des autoroutes éclairées plus monotones que le vide, mais même s’il avait eu l’impression, les premières fois qu’on avait ôté à sa mission une part d’absolu en supprimant le silence qui suivait, il avait fini par s’habituer à céder l’antenne au lieu de la rendre.14

Louis Mérian sah sich selbst während seiner Zeit als Radiojournalist jedoch keineswegs nur in der Rolle des Fährmanns, vielmehr glaubte er, noch eine andere Mission erfüllen zu müssen. So erinnert er sich in einem Dialog mit seiner „inneren Stimme“15 an ein Interview mit einem Experten, der sich darauf spezialisiert hatte, gesunkene Schiffswracks zu lokalisieren und anschließend zu bergen. Auf die Frage, was ihn an einer solchen Aufgabe reize, habe der Mann geantwortet:

[…] l’exhumation des secrets. Remonter des choses restées au fond des mers pendant des siècles, ou seulement des années, voir le travail du temps, sous les eaux, le temps enlève, le sel ronge et les objets s’érodent, et ils rouillent, mais le temps ajoute, aussi, des choses s’agglomèrent, des coquillages, des algues, d’autres substances qui finissent par former une matière unique et belle […] qui fait corps avec l’objet et qui […] en fait partie.16

Zeit und Raum, hier der Meeresboden mit dem von Rost angefressenen und von Muscheln und Algen überwucherten Schiffswrack, treten in dem Bericht des Bergungsfachmanns eindeutig in ein symbiotisches Verhältnis ein. Fasziniert spricht der Experte jedoch auch über Schiffe, die neben ihrer offiziell erklärten auch noch eine geheime Fracht beförderten,17 um, wie Louis Mérian sich in seinem Selbstgespräch erinnert, abschließend folgende Schlussfolgerung zu ziehen: „[…] la vie est pareille, chacun de nous a une mission apparente et une mission cachée mais la plupart du temps, les gens ne le savent pas et ne prennent pas la peine de chercher l’objet de leur mission cachée.“18 Es grenzt an tragische Ironie, dass die Erzählstimme Louis Mérian, der einen entscheidenden Abschnitt seiner eigenen Biographie konsequent verdrängt hat und von sich sagt, dass sein Leben erst mit dem Radio begonnen habe,19 als journalistischen Vermittler bei der Enthüllung von über Jahrhunderte auf dem Meeresboden verborgenen Geheimnissen auftreten lässt.

Raum und Bewegung spielen auch im Kontext der in das Gedächtnis Louis Mérians zurückgekehrten Sarah Lipsick eine bedeutende Rolle. So verwandelt Sarah beim ersten Rendezvous mit Louis auf den von ihm zuvor nicht sehr geschätzten Champs-Élysées die Prachtstraße in seinen Augen mit ihrer bloßen Gegenwart in eine „approche du paradis“20. In welch radikaler Weise die Beziehung zu der Jüdin Sarah Lipsick das Leben Louis Mérians in eine andere Richtung hätte lenken können, erhellt aus der Beschreibung ihrer ersten Begegnung. Sarah vermag offenbar allein mit ihrem Blick alle Hindernisse, die den Zugang zum „Herzen“, d.h. zum Kern der Persönlichkeit Louis Mérians versperren, zu überwinden. Die Hindernisse werden bezeichnenderweise sowohl durch konkret räumliche als auch durch zeitbezogene Assoziationen evoziert: „Dès le premier regard Sarah avait traversé tous les barrages, toutes les couches déposées par le temps, pour s’installer au cœur de Louis […] Sarah était directement venue frapper là, au cœur de l’idéal.“21

Die Auswirkungen, die Sarahs Gegenwart auf Louis Mérian ausübt, erfassen den ganzen Menschen, lassen ihn zu sich selbst, zu seiner eigentlichen Wesenheit gelangen: „Par Sarah, il devenait, il était lui.“22 Für die Louis bislang prägende Beziehung zu seinen Eltern bedeutet seine „Umkehr“ jedoch, dass er sich „[…] à l’opposé de leurs valeurs […]“23 befindet. Diese Spannung nicht ausgehalten, die von Sarah vorgelebten und ihm ans Herz gelegten Ideale verraten zu haben, macht die Tragik seines Lebens aus, der er vergeblich zu entkommen sucht, indem er behauptet, sein Leben habe mit seiner Radiotätigkeit begonnen.24

Die Wiederbelebung dieser und anderer verschütteter Erinnerungen im Gedächtnis Louis Mérians wird von der Erzählstimme wie die „Wiederauferstehung“ eines in Ruinen daniederliegenden Schlosses beschrieben:

[…] Sarah Lipsick, un nom qu’il n’avait pas prononcé depuis des années […] ce nom ne remontait pas seul, il venait avec un flot de paroles et d’événements oubliés, comme un château dont il ne restait que des ruines, quelques murs effondrés, reviendrait d’un seul coup à la vie avec non seulement tous ses murs mais aussi tous ses meubles, ses tapisseries, ses habitants, et encore ses remparts, son pont-levis, son fossé, et la rivière d’autrefois qui s’était asséchée au fil du temps.25

Sarah Lipsick wird als eine Person präsentiert, die Louis Mérian mit ihrer Liebe und der an ihn gerichteten Aufforderung, ihr „[…] sur le chemin de la révolte […]“26 in die Résistance bis nach London zu folgen, zum Aufbruch aus der erstickenden geistig-ideologischen Enge seines bisherigen Lebens bewegen will. Obwohl er sich dafür zwischenzeitlich zu begeistern scheint, wirken die von seinem Elternhaus ausgehenden Beharrungskräfte auf ihn und seine Schwester Anne ungleich stärker und bilden „[…] un pays sûr de lui qui ne regardait jamais en arrière pour ne pas voir les cadavres qu’il laissait en avançant sur sa route […]“27. Diese Haltung des Wegsehens sollte auch das weitere Leben Louis Mérians prägen. In einem Gespräch mit seiner Schwester, das er nach seiner „Wiederentdeckung“ Sarahs führt, spricht Louis Mérian im Hinblick auf seine Radiotätigkeit, also die Gespräche mit bald narzisstischen, bald erfolgsabhängigen, bald untalentierten Künstlern, die sich alle für eine oberflächliche Existenzweise entschieden haben, von seinem eigenen Leben als einer „[…] fuite en avant“28. Nicht umsonst habe er sich bei seiner Sendung für die Nachtzeit entschieden „[…] parce que la nuit, on ne voit rien […]“29.

Auch die Probleme Louis Mérians, die Gründe für sein Vergessen zu verstehen, werden von der Erzählstimme in einer raum-zeitlich geprägten Bildersprache geschildert. So sieht sich Louis nicht in der Lage, jene Kreuzung – le carrefour – bzw. jenen Moment zu benennen, der zum Bruch seines Verhältnisses mit Sarah geführt hat.30 Und an einer anderen Stelle heißt es:

[…] il était impossible de se souvenir de l’oubli, de repérer, dans l’étendue du temps, dans ce paysage de prairies et de déserts, la frontière, le passage du souvenir à l’oubli, de la prairie au désert, l’instant précis où tout avait commencé à s’effacer, où tout s’était effacé.31

Von großer Bestimmtheit geprägt ist das Verhalten Louis Mérians bei der Vorbereitung seines Suizids, die von der Erzählinstanz ausführlich in Szene gesetzt wird. Er steht am Fenster und schaut in eine„[…]clarté dorée“, einen „[…]ciel bleu ponctué de légères traînées de chaleur […]“ und genießt eine Phase des Übergangs, in der er, wie viele Male zuvor, „[…] le soleil qui baissait à l’horizon et qui disparaissait derrière les immeubles […]“32 beobachtet. Das einen Ausblick bis zum Invalidendom bietende Fenster, die klare Atmosphäre und die Erwartung des Sonnenuntergangs bilden jenen verklärten, alle Enge überwindenden raum-zeitlichen Rahmen, in dem Louis Mérian sich anschickt zu sterben, während er Ariane einen Abschieds- und Dankesbrief schreibt. In diesem Brief spricht er einleitend von jener (oben erwähnten) Sendung mit dem Experten für die Bergung von Schiffswracks, die ihn in einen „[…] état second […]“ versetzt und habe verstehen lassen, dass er das Leben nicht nach oberflächlichen Eindrücken beurteilen dürfe, sondern „[…] qu’il fallait chercher ailleurs, au fond […]“33. Er dankt Ariane ausdrücklich, da sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Sarah Lipsick und ihrer Frage „[…] qu’avez-vous fait pendant la guerre […]“ jene „remontée“ von Erinnerungen ausgelöst habe, die ihn nun befähige, das zu tun, was er tun müsse: „ – […] suivre la route abandonnée il y a cinquante ans, la reprendre enfin et rejoindre Sarah là où elle est aujourd’hui.“34 Mit dieser Entscheidung beweist er – aus seiner Sicht – jenen Mut zum Aufbruch aus einer selbstverschuldeten Isolation und Verweigerungshaltung, der ihm fünfzig Jahre vorher gefehlt hatte.

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