Kitabı oku: «Mondschein», sayfa 3
„Also, zu dir, junges Fräulein. Natürlich werde ich mir von meinem Knappen noch mal genau berichten lassen, was hier vorgefallen ist, aber anscheinend hast du dich wirklich verdient gemacht. Komm mit uns mit, dann möchte ich dir alles sagen und du wirst entsprechen belohnt werden. Und für jetzt, mein Name ist Geron von Dämmertan, Freiherr von Dämmertan und Ritter Valoriens.“
Dann packte Geron Finn wieder an der Schulter und lief in Richtung der besseren Viertel. Lora folgte den beiden wortlos.
Nach einigen Minuten Fußmarsch in den westlichen Teil der Stadt erreichten sie ein relativ gutes Gasthaus. Auf das Holzschild, das über der Tür hing, war ein Speichenrad aus Messing geschlagen. Darüber stand in ebensolchen Lettern der Name des Gasthauses „Zum goldenen Rad“. Das Fachwerkhaus hatte zwei Etagen und die drei passierten eine stabile Eichentür. Natürlich hätte der Herr von Dämmertan auch in der Residenz des Herzogs unterkommen können. Aber er bevorzugte es, in einem einfachen Gasthaus zu bleiben, um nicht so stark an die starren Protokolle eines Adelshofs gebunden zu sein. Außerdem sah er es auch als einen guten Teil der Ausbildung seines Knappens, ab und zu beim einfachen Volk zu sein, auch wenn die Gäste des „Goldenen Rads“ bestimmt nicht zum wirklich „einfachen“ Volk gehörten. In seinen vergangenen Reisen hatte Geron die Erfahrung gesammelt, dass man manchmal besser an einem dreckigen Wirtshaustisch als einer Adelstafel saß, um bestimmte Dinge in Erfahrung zu bringen oder zu erledigen.
Der Gastraum, den man betrat, war dem Haus entsprechend eingerichtet. Die Tische und Stühle waren offensichtlich von einem talentierten Schreiner angefertigt und hatten verschieden farbige Tischdecken. Der Gastraum bot einen Kamin mit einigen gemütlichen Sesseln davor, durch einen Durchgang sah man ein weiteres Kaminzimmer. Um diese Uhrzeit war fast nichts los, nur ein älteres Ehepaar, offensichtlich ehemals Kaufleute, saßen an einem Tisch und aßen Mittagessen. Der Wirt, der hinter dem Tresen stand, grüßte den Herrn mit seinen beiden Begleitern mit einer respektvollen Verbeugung. Geron ging ohne ihn weiter zu beachten die Treppe hoch und bis in den zweiten Stock. Am Ende des Treppenhauses waren nur zwei Türen. Der Ritter trat in den linken Raum. Er war geräumig eingerichtet und bot durch ein Fenster einen guten Blick über den Platz vor dem Gasthaus. Dazu gab es noch zwei Dachfenster. Zwischen den beiden Betten stand auf einem kleinen Tisch eine Waschschüssel. An einem Tisch am Fenster standen zwei normale Stühle und noch zwei Hocker.
„Setz dich, Lora!“, sagte Geron und zeigte auf einen der beiden Stühle. Nachdem sich das Mädchen niedergelassen hatte, setzte sich Geron gegenüber von ihr.
„Priovan“, rief er seinen Knappen her. „Geh herunter und lass dir vom Wirt einen Krug mit Wasser, einen Krug mit Milch und einen ordentliche Schüssel mit heißem Eintopf geben. Dann komm sofort wieder hoch.“ Der Knappe nickte kurz und zackig und war dann schon wieder aus der Tür verschwunden.
„Also, Lora, dann erzähl mir doch erstmal ein bisschen über dich und das, was vorhin vorgefallen ist. Danach werde ich dir gerne auch mehr Auskunft über mich und meinen Knappen geben.“
Lora hatte den Namen Priovan schon mal gehört, aber sie konnte ihn im Moment noch nicht wirklich zuordnen. Aber dem Ritter folgend würde sie es bestimmt bald erfahren.
„Nun, wie Ihr schon wisst, hoher Herr, ist mein Name Lora, genauer gesagt Eleonora. Über mich gibt es nicht wirklich viel zu erzählen. Ich wohne hier auf den Straßen von Tjemin. Meine Eltern sind schon lange tot, mein Vater kehrte aus dem Krieg nicht zurück, meine Mutter starb kurz darauf. Seitdem lebe ich eben in den Tag und versuche jeden Tag genug Essen zu bekommen, wenn es geht auch mal einen warmen Platz zum Schlafen.“ Der Ritter nickte und signalisierte Lora weiter zu erzählen.
„Heute war eigentlich ein ganz guter Tag und, hoher Herr, ich glaube, dass er gerade noch besser wird. Es war warm, ich hatte noch ein bisschen was zu Essen und der alte Xaver, ein örtlicher Bäcker, war auch nicht gerade knauserig, was ein bisschen Brot anging. Dann sah ich Euren Knappen, wie er durch die Gassen lief, verfolgt von diesen drei dunklen Gestalten, die Ihr ja auch noch gesehen habt.“
In diesem Moment kam Gerons Knappe gerade wieder durch die Tür. In der Hand hatte er ein Tablett mit den geforderten Sachen.
„Gut“, sagte Geron. „Dann iss erstmal etwas, danach kannst du weitererzählen.“
Priovan stellte die Schüssel mit der heißen Suppe vor Lora ab. Dann holte er aus einer Kiste zwei Kelche und stellte sie ebenfalls vor Lora und seinem Herrn ab. Loras Kelch schenkte er mit Milch voll, den seines Herrn mit Wasser. Lora schaute, ob sich Priovan setzen würde, aber er stellte sich ohne weitere Worte direkt hinter seinen Herren, der sich aber sofort wieder an ihn wandte:
„Priovan, nimm dir einen Hocker und repariere dein Kettenhemd weiter. Es war noch etwas kaputt. Denke dabei nach, was dir die Tugenden Gehorsam, Treue und Demut bedeuten und berichte mir das dann danach.“
Nachdem Lora bemerkte, dass sich Finn, beziehungsweise Priovan, nicht zu ihnen setzen würde, begann sie dann doch mit dem Essen. Geron nahm ruhig einen Schluck aus seinem Kelch.
Den ersten Löffel nahm Lora noch sehr zivilisiert, aber dann überkam sie ihr Hunger. Sie begann den Rest des Eintopfs geradezu in sich herein zu schaufeln. Es schmeckte wirklich köstlich. Sie hatte schon lange nichts mehr so schön Warmes gegessen und sie erinnerte sich nicht daran, jemals so etwas Köstliches gegessen zu haben. Im Eintopf waren nicht nur verschiedene Sorten von Gemüse, von frischem Gemüse, sondern auch wirklich große Brocken Fleisch. Dazu war der Eintopf mit verschiedenen Kräutern und Gewürzen verfeinert. Es schmeckte wirklich einfach köstlich. Als sie halb fertig gegessen hatte schaute sie zu Finn hinüber. Der Arme tat ihr ein bisschen leid. Während sie hier essen durfte, musste er sein Kettenhemd flicken, was offensichtlich eine recht anstrengende Arbeit war. Ihr kam gerade kurz der Gedanke, dass sie wohl lieber mit ihm zusammen essen wollte, aber dann überkam sie wieder der köstliche Geschmack dieser Suppe. Nicht nur das Essen war gut, sie hatte auch sonst ein gutes Gefühl in der Gesellschaft des Herrn Ritter und Finn. Dann nahm sie noch einen kräftigen Schluck Milch, ein Getränk, das sie bisher auch sehr selten genossen hatte. Es schmeckte auch sehr angenehm, leicht süßlich und dennoch schön frisch. Das Ganze war wirklich ein Festmahl.
Nachdem sie den letzten Löffel des Eintopfs gegessen hatte lehnte sie sich erstmal kurz zurück. Die Schüssel war wirklich größer gewesen, als sie eigentlich ausgesehen hatte. Lora war seit langem nicht mehr so schön satt gewesen.
„Vielen Dank, hoher Herr, für das Essen“, bedankte sich Lora höflich bei dem Ritter. „Soll ich weiter erzählen?“, fragte sie dann Geron, der dies mit einem Nicken bestätigte.
„Ja, bitte fahr fort, junges Fräulein.“
„Also gut, ich sah also Finn, äh, ich meine Priovan um die Ecke kommen und ein Mann folgte ihm. Zu dieser Zeit sah ich noch nicht, dass er offensichtlich von guter Herkunft war. Jedoch erkannte ich, wie Finn direkt in eine Sackgasse lief.“
Lora fiel es jetzt gar nicht mehr auf, dass sie immer noch den Namen nannte, mit dem sich Priovan ihr vorgestellt hatte.
„Ich überlegte kurz, ob ich mich in so was überhaupt hinein ziehen lassen sollte, entschied mich dann aber dafür, Finn zu helfen. Immerhin hätte ihn dieser Mann wohl sonst getötet. Ich zog dem finsteren Gesellen also eins mit einem Holzbrett über und half Finn dann bei der Flucht. Wir stiegen erstmal auf die Dächer und liefen dann Richtung Hafenmarkt. Dort gingen wir durch ein Lagerhaus, über den Markt und dann in die Gasse, in der Ihr uns dann gefunden habt. Von dort an kennt Ihr die Geschichte ja.“
Geron lächelte. „Vielen Dank. Priovan, kannst du diese Geschichte bestätigen?“, fragte er dann seinen Knappen, der von seiner Arbeit aufsah.
„Ja, Herr, es entspricht alles der Wahrheit.“
„Gut, Priovan, komm hierher“, sagte er dann weiter.
Dieser stand auf und stellte sich hinter seinen Herrn.
„Setz dich!“, befahl er seinem Knappen und zeigte auf einen Hocker. Dieser tat wie ihm befohlen wurde und setzte sich zu Lora und Geron an den Tisch. „Und nun, junger Knappe, berichte uns doch Mal, wie du in die Situation gekommen bist, dass dir überhaupt geholfen werden muss.“
Priovan schluckte.
„Nun, Herr, ich flüchtete, wie Ihr bereits bemerkt habt, heute Morgen aus dem Gasthof. Ich wollte einfach mal etwas erleben, wollte sehen, wie das wirklich einfache Volk lebte. Ihr betont doch immer, dass man seine Untergebenen auch verstehen muss, um sie zu beherrschen. Und indem ich immer nur bei Euch herumsitze oder von Adelshof zu Adelshof ziehe, werde ich das Volk bestimmt nicht verstehen. Also lief ich ein bisschen durch den Hafen herum, hörte mich hier und dort um. Und dann kam ich in diesen einen Hinterhof. Diese Drei hatten mich noch nicht bemerkt, als ich eine Unterredung hörte. Die Gestalten unterhielten sich über eine Aufgabe, die sie hatten. Sie wollten eine Kutsche überfallen, die von Tjemin nach Andtweil fahren soll. Diese soll in zwei Tagen losfahren. Als sie merkten, dass ich sie belauschte, versuchten sie mich zu töten. Ich floh durch die Gassen. Den Rest der Geschichte habt Ihr ja bereits gehört.“
Dann machte sich eine unangenehme Stille in dem Raum breit. Lora schaute zu dem Herrn von Dämmertan, ebenso wie Priovan. Beide warteten darauf, was der Ritter nun etwas sagen würde, aber er schwieg erstmal. Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Kelch. Und er schwieg. Er nahm noch einen Schluck Wasser. Und er schwieg immer noch. Dann leerte er den Kelch endgültig und hob ihn erneut hoch. Priovan stand auf und durchbrach so die Stille in dem Raum, als sein Hocker über den Boden rückte. Er nahm den Krug mit Wasser und schenkte den Becher erneut voll.
„Geh an deine Arbeit zurück!“, befahl Geron seinem Knappen. Sein Ton war nicht mehr ganz so zackig wie vor einigen Jahren, dafür hatte seine Stimme weiter an Tiefe gewonnen. Dann wandte sich der Ritter erneut an Lora.
„Also mein Mädchen, wie ich bereits gesagt habe wollte ich erstmal die Geschichte des heutigen Tages und ein bisschen über dich hören. Jetzt aber möchte ich dir erzählen, wen du da überhaupt gerettet hast. Wie ich bereits gesagt habe, bin ich ein Ritter Valoriens, zudem Freiherr von Dämmertan, sagt dir das etwas?“
Lora nickte. Sie kannte die Landschaft, die man Dämmertan nannte, auch wenn sie selbst noch nie dort gewesen war. Es war den Erzählungen nach eine düstere und verlassene Gegend, wo sich ein tiefer und dunkler Wald über eine große Fläche erstreckte. Dort lebten nicht viele Menschen, so viel wusste sie, und von jedem der dort einmal gewesen war hatte sie nur gehört, dass sie Dämmertan wenn möglich meiden sollte. Dämmertan lag, soweit sie es wusste, an der anderen Seite der Gronde, und gehörte somit schon zu dem Land der Krone, also zu keinem der drei Herzogtümer.
„Dies ist seit einigen Jahren mein Knappe. Sein Name ist Priovan Finneas, aus seinem zweiten Namen leitet er auch seinen Spitznamen Finn ab. Sein kompletter Name lautet Priovan I. Finneas von Valorien, König von Valorien. Du hast eben dem König von Valorien das Leben gerettet. Ich hoffe, dir ist bewusst, was du getan hast.“
Lora machte wirklich große Augen. Sie schaute überrascht zu Finn, der zu ihr aufschaute und nur nickte. Lora konnte es wirklich nicht fassen. Sie hatte den König von Valorien gerettet? Jetzt wusste sie natürlich auch wieder, woher sie den Namen Priovan kannte. Sie interessierte sich sonst nicht so für die Namen der hohen Adeligen, deswegen war ihr das noch nicht sofort aufgefallen. Aber jetzt kam es wieder. Natürlich hatte sie schon oft von dem König gehört, der selbst noch ein Kind war. Sein Vater war in dem letzten Krieg mit Kargat gefallen, und danach war er der einzige Erbe gewesen. Das sie aber diesem König selbst das Leben gerettet hatte, das wurde ihr langsam erst klar.
„Nun, das, äh, ist doch sehr erfreulich, oder?“ stammelte sie noch etwas unsicher, was Geron von Dämmertan zum Lachen brachte. Irgendwie sah der Ritter nicht wie jemand aus, der oft lachte, umso überraschter war Lora, als dies doch geschah. Auch Finn wirkte deutlich überrascht.
„Ja, das ist in der Tat wirklich erfreulich. Und du sollst auch entsprechend belohnt werden. Ich werde nachher mit Priovan zum Schloss gehen und dort Herzog Richard von Fendron sprechen. Du hast dem König das Leben gerettet, und das soll entsprechend belohnt werden. Priovan“, sagte er und Priovan stand auf und stellte sich neben seinen Herren.
„Was schlägst du als Belohnung vor?“ fragte Geron seinen Knappen.
„Nun, mein Herr, wieso lasst Ihr nicht Lora einfach selbst eine Belohnung auswählen. Gewährt ihr doch einen Wunsch für des Königs Leben.“
Geron nickte. „Ja, das ist eine ausgezeichnete Idee. Also Lora, du hast es gehört. Äußere einen Wunsch, den ich dir erfüllen kann, und glaub mir, ich kann vieles bewerkstelligen. Bedenke den Wunsch gut. Wenn du noch Zeit brauchst, können wir uns auch nachher wieder sehen.“
Lora dachte nach. Das Ganze hier überrumpelte sie doch ein bisschen. Es hatte alles damit angefangen, dass sie einfach nur nett und hilfsbereit sein wollte und auch nichts für finstere Gestalten übrig hatte, und jetzt hatte sie das Leben des Königs gerettet und sollte dafür einen Wunsch bekommen. Sie konnte endlich das klägliche Leben der Straßen von Tjemin hinter sich lassen. Sie könnte sich Gold wünschen. Viel Gold. Aber das war irgendwie zu einfach. Oder sie konnte sich ein großes Haus wünschen, in dem sie wohnen konnte. Aber irgendwie gefiel ihr das alles nicht. Immerhin hatte sie einen königlichen Wunsch frei. All diese Gedanken zauberten anstatt des überraschten Blickes ein breites Lächeln auf ihre Lippen. Dann hatte sie eine Idee. Eine wirklich gute Idee. Ein Idee, die bestimmt auch Gefahren bringen würde, aber sie würde ihr Leben für immer ändern, und Lora hatte sich schon oft danach gesehnt, Abenteuer zu erleben. Sie hatte oft davon geträumt, eine große Heldin zu sein, wie die Helden der Geschichten, die man sich in Valorien erzählte. Von einer Heldin hatte sie sowieso, soweit sie wusste, noch nichts gehört. Das war ja langsam wirklich Zeit. Es war bestimmt ein sonderbarer, ein waghalsiger Wunsch. Aber Loras Entscheidung stand fest.
„Nein, Herr von Dämmertan, Finn, ich brauche keine weitere Bedenkzeit. Ich habe mich bereits entschieden, was der eine Wunsch sein soll. Nehmt mich mit, auf Euren Reisen. Ich möchte mit euch Abenteuer erleben, ich möchte hohe Herren und Damen kennen lernen. Ich möchte die großen Städte Valoriens kennen lernen, und ich möchte einfach hier raus.“
Geron lehnte sich zurück. Er schaute zu Priovan, der über das ganze Gesicht lächelte. Irgendwie freute er sich schon auf die Gesellschaft von Lora. Der alte Herr von Dämmertan war teilweise doch etwas, nun ja, griesgrämig. Und da war so eine fröhliche Seele wie Lora wirklich eine gute Ergänzung.
„Nun, mein Herr, Wunsch ist Wunsch, nicht wahr?“, fragte Priovan seinen Herren, der nur nickte.
„In Ordnung, Eleonora, dann wirst du uns auf unserer Reise begleiten. Wir werden dir nachher etwas Ordentliches zum Anziehen besorgen und dann wirst du uns zu Herzog Richard begleiten. Aber merk dir eines, junges Fräulein, wenn du mit mir reist wirst du auf jeden meiner Befehle hören, ohne jegliche Nachfragen. Das ist vorerst das Wichtigste, alles Weitere wird sich dann schon klären. Ist das klar? Willst du immer noch mit?“
„Ja, mein Herr, dies ist mein Wunsch.“, antwortete Lora.
„Gut, dann soll es so sein. Dann sollst du, Eleonora, von nun an meinem Gefolge angehören.“
Kapitel 2
Schon zu lange hatte Tandor unter den Angriffen dieser Barbaren leiden müssen. Zu lange hatten sie eine Schneide der Verwüstung und Plünderung hinterlassen. Zu lange waren Händler überfallen, Dörfer geplündert und Gehöfte niedergebrannt worden. Zu lange hatten die wilden Horden unter Ikran Khan die Ostgrenze Valoriens unsicher gemacht. Aber dies würde sein Ende finden, hier und heute. Dies hatte Herzog Celan seinem Volk versprochen, bevor er vor fünf Tagen aus Taarl losgezogen war, und er würde sein Versprechen einhalten, unter allen Umständen.
Herzog Celan von Tandor war vor neun Jahren, nach dem Tod seines Vaters in der Schlacht am Eisentor, zum Herzog von Tandor erhoben worden. Mit seinen lediglich achtundzwanzig Jahren war er der Jüngste der drei Herzöge und zugleich der Einzige, der seine Streitkräfte noch selbst anführte. Celan war von kräftigem Wuchs, hatte schwarze Haare und ein normalerweise rasiertes Gesicht, auf dem sich aber aufgrund seines Feldzuges schon schwarze Stoppeln abzeichneten. Sein Blick aus grünlich grauen Augen war kalt und berechnend. Wie es sich für ihn als Ritter gebot trug er eine schwere Plattenrüstung, die in der Sonne glänzte, und sein Ritterschwert Wolfsfang an der Seite. Das Schwert trug er in einer goldenen Scheide, die mit Rubinen besetzt war. Der Knauf des Schwertes war dem Kopf eines Wolfes nachempfunden, statt der Augen waren zwei Rubine eingesetzt. Sein Wappenschild zeigte das Wappen Tandors: auf rotem Hintergrund war ein aufrecht stehender, dunkelgrauer Wolf zu sehen, der einen weißen Schild in der Hand hielt, auf dem ein roter Stern abgebildet war. Dieses Wappen war nicht nur auf seinem Schild zu sehen, sondern wurde von jedem Reiter, der sich hinter dem Herzog befand, getragen, und dies waren immerhin an die fünfhundert Mann.
Celan sah aus dem Augenwinkel, wie sich einer seiner engsten Vertrauten, Forgat von Fendron, ihm näherte. Hoffentlich mit guten Neuigkeiten über die Kampfbereitschaft der Truppen und die Bewegungen des Feindes.
„Forgat, was hast du zu berichten?“, begrüßte Celan seinen ehemaligen Knappen, der nun Junker war.
„Euer Gnaden, wir haben gerade Nachricht erhalten, dass Freital seine Truppen formiert hat. Die Späher berichten, dass sich der Feind mit großer Geschwindigkeit nähert und schon bald auf den östlichen Hügel zu sehen sein müsste. In maximal einer Stunde wird die Schlacht beginnen. Außerdem wurden einige feindliche Späher abgefangen. Wir gehen im Moment nicht davon aus, dass der Feind unsere Überlegenheit durchschaut hat.“
Forgat von Fendron war der jüngste Sohn des Herzogs von Fendron und hatte zwei ältere Brüder. Er war ein kleines Stück größer wie sein Herr und von ebenso kräftiger Statur, obwohl er erst das achtzehnte Lebensjahr vollendet hatte. Seine hellbraunen Haare hatten einige blonde Strähnen, die sich in leichte Locken legten. Schon früh hatte er sich als besonders geschickt in der Kampf- und Reitkunst bewiesen und war deshalb von seinem Vater nach Tandor geschickt worden, um hier seine Knappschaft zu absolvieren. Nach dem Ende seiner Knappschaft vor kurzem hatte er dem Herzog versprochen, noch mindestens fünf weitere Jahre in dessen Dienst zu stehen. Zum einen bewunderte er den Herzog, zum anderen erhoffte er noch mehr zu lernen, was er in Fendron nicht erfahren konnte. Das Leben hier war anders als in Fendron, rauer, härter, eher eines Mannes würdig.
„Das sind wahrlich gute Neuigkeiten“, empfing der Herzog die gute Nachricht. Dann wandte er sich an seinen zweiten Vertrauten, Ulf von Darbenkort, der einst Knappe bei seinem Vater gewesen war. Im Unterschied zu diesem war er lebendig aus der Schlacht am Eisentor zurückgekehrt. Ulf war ein ausgezeichneter Mann, um Dinge zu erledigen. Er hinterfragte Befehle nicht, er konnte Männer gut anführen und er hatte keinerlei Skrupel, wenn etwas dem Wohl Tandors diente. Obwohl er eher von kleiner Statur war, war er kräftig und ein gefürchteter Kämpfer. Sein Haupt war von keinem Haar geschmückt, ebenso wie sein grobschlächtiges Gesicht mit den kleinen braunen Augen mit einem finsteren Blick. Als Waffe führte er stets einen stachelbesetzten Streitkolben.
„Ulf, befiehl den Männern sich bereit zu machen. Sie sollen aufsitzen und jederzeit bereit zur Schlacht sein. Und führe die Männer hinter den Hügel, sodass sie aus östlicher Richtung nicht zu erkennen sind. Dann komm zu mir und Forgat auf die Spitze des Hügels“, sagte der Herzog zu Ulf und ritt dann mit Forgat zusammen den Hügel hoch, an dessen Fuß die tandorische Reiterei versammelt war.
Celan hatte lange über einen geeigneten Ort für die Schlacht nachgedacht und sich für dieses Tal entschieden, da es geradezu ideal für seinen Plan war. Das unbewohnte Tal war im Norden durch die Dunkelzinnen begrenzt, in den anderen drei Richtungen von Hügeln umgeben, wobei der Hügel im Süden, auf dem sich der Herzog befand, besonders steil anstieg und von der Mitte des Tals nicht zu erklimmen war. Von hier oben hatte er einen kompletten Überblick über das Geschehen der Schlacht ohne Gefahr zu laufen, einem direkten Angriff ausgesetzt zu sein. Nachdem er sich für einen Ort entschieden hatte war es ein Leichtes gewesen, durch gezielte Scharmützel und kleine Angriffe durch seine Leichte Kavallerie das Hauptheer des Feindes in diese Richtung zu locken. Die Urben mochten ein gefürchtetes Reitervolk sein, was zu Pferd selbst der mächtigen tandorischen Kavallerie überlegen war, aber für einen ausgefeilten Sinn für Strategie und Taktik waren sie nicht bekannt.
Oben auf dem Hügel angekommen schaute Celan in das Tal hinunter, das außer einigen kleinen Bäumen und Felsen ein ebenes Gelände bot, ein Fakt, der die Urben einladen würden, da sie sich überlegen fühlten. Dies würde sich aber als trügerisch herausstellen, wenn alles nach Celans Plan verlief. Im westlichen Teil des Tales sah der Herzog den Großteil seiner Streitmacht aufgestellt. Das Zentrum bestand aus schwerer Infanterie, ansonsten waren die Fußtruppen aus Schildträgern mit Äxten oder anderen Hiebwaffen und einfachen Speerträgern zusammengesetzt. Celans eigentlicher Trumpf befand sich aber hinter den tandorischen Fußsoldaten. Lange hatte er mit sich gehadert, war zu stolz gewesen, und hatte gedacht, er könne die Urben alleine besiegen. Nach den vermehrten Übergriffen und Niederlagen der letzten Jahre hatte er jedoch seinem Stolz nachgeben und seinen Nachbarn Rethas um Unterstützung bitten müssen. Und diese Unterstützung war die wohl beste Waffe gegen die die Urben, gegen deren Kampfweise Infanterie und die tandorische Kavallerie nahezu machtlos waren.
Rethas stellte die besten Bogenschützen Valoriens, und dreihundert mit Langbögen ausgerüstete Rethaner befanden sich hinter der tandorischen Infanterie. Unter der Führung des rethanischen Ritters Arthur von Freital hatten sie sich so platziert, dass sie nicht zu sehen waren, zumindest nicht von der Position, von der die Urben angreifen würden. Erst kurz bevor die feindliche Reiterei die tandorische Kampflinie erreichte, würden die Urben von einem Pfeilhagel empfangen werden. Dies würde die Urben unerwartet und tödlich treffen, dessen war sich Celan sicher.
Arthur von Freital stach deutlich aus den Rittern Valoriens hervor. Das einzige Zeichen seiner Würde war sein Schwert in einer bronzenen Scheide mit roten Berylls verziert. Obwohl er kurz vor einer Schlacht war, trug er jedoch nicht wie die anderen Ritter eine Plattenrüstung. Auch einen großen Wappenschild oder ein schwer gepanzertes Pferd würde man bei dem Ritter lange suchen können. Stattdessen trug er als Rüstung lediglich eine Lederweste, in die mehrere Metallplatten eingenäht waren, dazu trug er eher die typische Kleidung eines Jägers oder Waldläufers. An Unterarmen und Beinen hatte er mit Nieten beschlagene Stulpen, seine Kleidung war in grün und braun Tönen gehalten und er trug einen schweren, grünen Mantel. Um seinen Kopf trug er ein ledernes Band, in dem auf seiner Stirn sehr klein sein Wappen abgebildet war, ein roter, auf allen Vieren stehender Fuchs auf dunkelgrünem Grund. Sein Schwert hing an einem Gürtel, an dem außer mehreren Gürteltaschen noch ein grünes Wappen mit einem schwarzen Pfeil befestig war. Das Bild wurde von einem Köcher auf dem Rücken abgerundet, in der Hand trug er einen rethanischen Langbogen. Auch sein wettergegerbtes Gesicht wirkte mit den vielen rotbraunen Haaren und dem zotteligen Vollbart eher wie das eines Bauern, denn eines Adeligen. Nur die dunkelbraunen, fast schwarzen Augen, strahlten eine herrschaftliche Würde aus. Sein Körper war muskulös und wirkte dennoch agil und sehnig, insbesondere da er im Vergleich zu anderen Männern eher klein war.
Ähnlich gekleidet wie Arthur hockten links und rechts von dem Ritter die Bogenschützen aus Rethas hinter der tandorischen Infanterie. Es gehörte zu dem Schlachtplan des Herzogs, an dem auch Arthur mitgearbeitet hatte, dass die Bogenschützen erst in letzter Minute vom Feind gesehen wurden. Die Rethaner trugen das Wappen ihres Herzogs, ein grüner Baum der zwischen zwei schwarzen Bergen zu sehen war. Auf dem weißen Hintergrund prangte über dieser Dreierformation ein grüner Stern. Nur etwa fünfzig Mann um Freital herum trugen dieses Wappen nicht, stattdessen trugen sie ebenso ein Gürtelwappen wie der Ritter. Die Bogenschützen aus Rethas wirkten ruhig, eine Eigenschaft, die ein guter Bogenschütze brauchte. Außerdem konnten sie relativ hoffnungsvoll der Schlacht entgegenblickten, da sie sich in der letzten Reihe und somit am weitesten entfernt vom Feind befanden.
Arthur schaute auf den Hügel hoch, auf den gerade der Herzog von Tandor mit seinen engsten Getreuen ritt. Von hier unten konnte man nicht erkennen, dass sich jenseits dieses Hügels die tandorische Reiterei auf den Angriff vorbereitete. Diese wilden Urben würden hier ihr blaues Wunder erleben, wenn sie einem der größten valorischen Strategen dieser Zeit entgegentraten, dem Herzog von Tandor, dessen war sich Arthur sicher. Der Bote hatte berichtet, dass der Feind in keiner großen Entfernung mehr war und bald in dem Tal eintreffen würde. Noch einmal schaute Arthur nach Links und Rechts und sah in die entschlossenen Gesichter seiner langjährigen Weggefährten, die zum Teil schon damals bei der Verteidigung der Ostwacht gestritten hatten. Es war gut, stets Freunde um sich zu haben. Ob es jetzt Hagen war, Arthurs Cousin, der ihm fast aus dem Gesicht geschnitten war, oder Jorgen, der Sohn eines Schmiedes aus Freital, der selber Oberarme wie ein Bär hatte, oder Wulf, der bestimmt schon über fünfzigjährige ergraute Jäger und Kämpfer, oder William, oder Georg, oder Rogar, oder alle anderen braven Freitaler, die sich bei den Schwarzen Pfeilen zusammenfanden. Man würde sich wieder viel zu erzählen haben, wenn man nach dem Kampf am Lagerfeuer auf die erfolgreiche Schlacht anstieß. Arthur schaute nach vorne. Bald schon würde der Feind da sein.
Ikran Khan, der einstmalige Stammesführer der Urboi Kjit, war mittlerweile unumstrittener Anführer aller Urben. Nach und nach hatte er die vielen zersplitterten Stämme unterworfen oder überzeugt, sich ihm anzuschließen. Majestätisch ritt er vor seinen Reitern, neben ihm seine vier Söhne. Und er wirkte in der Tat wie ein Herrscher: seine schwarzen Haare waren zu mehreren Zöpfen zusammengebunden, die mit edlem Schmuck verziert waren. Auch sein Bart war von kleinen Schmuckstücken durchzogen und reichte ihm bis auf die Brust. Sein Blick stach aber heraus. Ein Blick aus braunen Augen, die einen Mann in die Knie zwingen konnte.
In den letzten Jahren hatte sich das Reitervolk an den Reichtümern Tandors laben können, nun aber waren sie so stark geworden, endgültig in Valorien einzufallen.
Seine Späher hatten von einer Armee des Herzogs von Tandor berichtet. Wenn diese erst besiegt war, dann würde das Tor in das Königreich offen sein, das sich im Südwesten an die Steppen der Urben anschloss. Und dies würde weiteren Reichtum bedeuten. Ikran Khan würde unsterblich werden, dies war stets sein Streben gewesen, und hier sollte es beginnen. Dem Anführer der Urben folgten über eintausend Reiter, was für das sonst eher kleine Volk der Urben, das über weite Steppen verteilt war, eine große Streitmacht war. Die meisten der wilden Reiter waren mit Bögen ausgerüstet, dazu trugen sie Säbel und Speere, einige wenige auch Schilde aus Holz oder Leder.
Ikran Khan gab seinem Pferd die Sporen und erreichte ein gutes Stück vor seinen Söhnen den Hügelkamm. Sein Blick glitt über das Tal, das sich zu seinen Füßen erstreckte. Im westlichen Teil des Tales sah er die Streitmacht der Valoren, die, soweit er erkennen konnte, ausschließlich aus Infanterie bestand. Etwa tausend Mann glaubte er zu erkennen, eine durchaus ordentliche Streitmacht. Dennoch suchte er im Tal nach weiteren Anzeichen von Soldaten, da er sich nicht vorstellen konnte, dass tandorische Infanterie ohne Unterstützung durch Kavallerie reiste, deren Qualität immerhin fast an die der Urben heranreichte. Dann erkannte er die einzelnen Reiter auf der Spitze des südlichen Hügels. Er lächelte. Dahinter versteckte sich also die Kavallerie Tandors. Er schätzte diese nicht auf mehr als dreihundert Pferde, zumindest besagten dies in etwa seine letzten Berichte, die er von seinen Spähern erhalten hatte. Mit den Fußtruppen waren seine Feinde den Urben zahlenmäßig leicht überlegen, was für Ikran Khan einen sicheren Sieg bedeutete. Seine Söhne schlossen zu ihm auf und gemeinsam besprachen sie den Schlachtplan in der groben und harten Sprache der Urben.
Die Strategie der Urben sah fast immer gleich aus: Man ritt bis auf etwa fünfzig Schritt an den Feind heran, um ihn mit Pfeilen zu spicken. Wenn der Feind vorrückte, zog man sich zurück, was aufgrund der Schnelligkeit der leichten Reiterei der Urben bei keinem Gegner eine Schwierigkeit darstellte. Wenn der Feind ausreichend geschwächt war durchbrach man dessen Linien und löschte ihn endgültig aus. Wenn es möglich war, griff man vorher noch seine Flanken an, um zusätzlich Unruhe zu stiften.
In dieser Form war auch der Plan von Ikran Khan gestrickt. Nur musste er mit seinen Truppen darauf achten, wie sich die feindliche Reiterei verhielt. Er war sich sicher, dass der Herzog von Tandor versuchen würde, ihn und seine Männer zu umschließen und sie dann in den Nahkampf mit der Infanterie zu drängen, den die urbischen Reiter gegen die valorischen Speerträger verlieren mussten. Doch soweit würde er es nicht kommen lassen. Wenn die feindliche Reiterei auftauchte, würde sich die gesamte urbische Streitmacht dieser zuwenden, um sie zu zerschlagen. Danach würde die restliche Infanterie ausgelöscht werden. Der Plan war einfach, aber Ikran Khan war sich sicher, dass er erfolgreich sein würde und er eine weitere Schlacht in seine Siege einreihen konnte.
