Kitabı oku: «Djorgian», sayfa 2

Yazı tipi:

»Weil … Du hast es, nicht wahr?«

»Nein. Und deshalb bin ich der Meinung, ihr könntet jemand anderen ärgern.«

»Aber wir machen keine Witze! Wenn er glaubt, du hast es, dann mußt du dich in Sicherheit bringen! Wir könnten dich verstecken. Sehr gut sogar.«

»Meine Mutter war nicht vergeßlich. Vielleicht hat eure Mutter es euch nicht beigebracht: ›Mein Kind, du darfst nie zu einem Fremden ins Auto steigen!‹ Ich jedenfalls glaube, daß das auch für das Angebot eines Fremden gilt, einen in Sicherheit zu bringen.«

Als sie dachte, sie würde darauf gar keine Antwort mehr bekommen, sagte der Kleinere (sie erkannte es an der Stimme) leise: »Und wenn du uns einfach vertraust?«

Das war doch lächerlich! Die beiden hätten Vertreter für Staubsauger oder ähnliches werden sollen, die waren genauso hartnäckig.

»Wir können es beweisen. Mach die Tür auf und du wirst sehen. Ehrenwort!«

Und darauf sollte sie hereinfallen? Und wenn doch … Ganz vorsichtig drückte sie die Klinke herunter, vergaß aber nicht den Fuß gegen die Tür zu drücken. Dann schob sie sie ein paar Millimeter auf um hindurchzuspähen. Das hätte sie nicht tun sollen. Die beiden da draußen hatten es trotz ihrer Vorsicht bemerkt und warfen sich fast gleichzeitig gegen die Tür, so daß diese mit voller Wucht gegen ihren Kopf prallte. Keuchend fiel sie nach hinten und landete unsanft auf dem Teppichboden. Der Große packte sie am Arm und zerrte sie hinaus. Aber anders als erwartet, steckten sie sie nicht in irgendein Auto mit schwarzgetönten Scheiben, hinter dessen Steuer ein Mann mit Zigarre im Mundwinkel saß, sondern rannten auf das kleine Gartenhaus zu, das ihrem Haus gegenüber stand.

Judi war immer noch zu benommen, um zu schreien oder sich auch nur zu wehren. Der Kleinere öffnete die Tür und schob den Rasenmäher und das andere Gerümpel beiseite, um Platz für sie zu schaffen. Dann schloß er die Tür wieder und nahm vor dem schmutzigen Fenster Aufstellung.

Behutsam setzte sie der Große auf dem klapprigen Gartenstuhl ab und sah sie an.

»Wie geht es dir?«

»Ihr seid ja nicht mehr ganz dicht! Was wollt ihr hier machen?«

»Warten.«

»Worauf denn? Daß meine Eltern nach Hause kommen und die Polizei rufen?«

»Nein. Wir warten auf den Beweis. Damit du endlich einsiehst, daß wir die Wahrheit sagen.«

Und das taten sie dann auch. Judi wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war bis der Kleinere sich hastig etwas weiter vom Fenster zurückzog und ihr mit Gesten bedeutete, aufzustehen. Nichts tat sie lieber als das, sie konnte nämlich nicht mehr sitzen. Neugierig trat sie an das schmutzige Fenster und spähte hinaus. Eine einzelne Person stand vor ihrer Haustür und klingelte. Er war in ein Holzfällerhemd und Jeans gekleidet und trug eine Cappie. Man konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen. Er klingelte noch einmal und dann ein drittes Mal. Was sie dann sah, konnte sie kaum glauben. Der Mann sah sich um, und als noch immer niemand die Tür öffnete, ging er zum Fenster, das auf Kippe stand und verrenkte sich so lange den Arm, bis der Griff waagerecht lag und er es aufschieben konnte. Allerdings mit dem Ergebnis, daß sämtliche Blumentöpfe, die innen auf der Fensterbank standen, zu Bruch gingen.

»Glaubst du uns jetzt?«

»Ich … Und wenn ihr ihn beauftragt habt?«

Beide verdrehten gleichzeitig die Augen.

»Und wenn es stimmen würde, was sollte ich dann eurer Meinung nach tun?«

»Mit uns kommen. Wir können dich in Sicherheit bringen. Du mußt uns nur vertrauen.«

So ein Schwachsinn! Diese Männer waren doch wildfremd und sie verlangten von ihr, daß sie ihnen vertraute?

Es dauerte noch eine Weile, bis der Eindringling endlich aus ihrem Haus trat und den Weg wieder zurück eilte.

Judi atmete erleichtert auf. Nur ein Problem hatte sie … Wie sollte sie das ihrer Mutter bloß erklären? Nun, da war ja auch noch Merlin. Der dicke Kater hatte schon öfter Töpfe in Scherben verwandelt, wenn er auf die Fensterbank gesprungen war. Warum sollte er es jetzt nicht wieder gewesen sein? Er war nun einmal ein Trampel.

»Nein, Danke! Ich gehe jetzt wieder in mein Zimmer und wenn ihr ebenfalls gehen würdet, nur in die entgegengesetzte Richtung, also da die Straße hinunter, wäre ich wirklich sehr froh. Tschüß!«

Sie ging hinaus und stellte fest, daß der Schlüssel sich nicht in ihrer Hosentasche befand. Judi zuckte mit den Schultern und betrat, wie der Mann vor ihr, das Haus durch das immer noch offene Fenster. Der Boden bot keinen sehr erbaulichen Anblick. Er war mit zerbrochenen Blumentöpfen, Erde und teilweise abgeknickten Pflanzen übersäht. Na, Klasse! Und wer mußte das sauber machen?

Kopfschüttelnd schloß sie wieder das Fenster (diesmal richtig) und winkte den beiden Männern zu, sie sollten endlich verschwinden. Sie taten das dann Gott sei Dank auch. Ihr fiel ein Stein vom Herzen.

Nach ungefähr zwanzig Minuten hatte sie alles soweit wieder hergerichtet und ihr erster Weg ging zum Telefon. Eilig tippte sie Rabeas Nummer ein und wartete bis diese endlich abhob.

»Hallo?«

»Hi, ich bin’s. Du … Ich weiß das hört sich total verrückt an, aber zwei bekloppte Typen belagern mich und ein dritter hat sogar bei uns eingebrochen. Ich habe ganz schön Angst. Kann ich wohl vorbeikommen? Ich weiß nicht, ob diese Verrückten noch mal wiederkommen. Die labern ständig etwas von Gefahr und solchem Zeugs. Die einzige Gefahr, die ich sehe, geht von denen aus. Die sind reif für die Klapse!«

»Ah … ja. Klar, du kannst kommen. Und dann erzählst du mir noch mal alles haargenau, okay?«

»Ist gut. Bis dann!« Erleichtert legte sie den Hörer auf die Gabel zurück und steckte den Schlüssel ein. Einen Moment lang überlegte sie, mit dem Fahrrad zu fahren, entschied sich dann doch dagegen. Sie brauchte frische Luft, um nachzudenken, und das möglichst lange. Judi würde zu Fuß gehen, und so schloß sie das Haus sorgfältig ab und machte sich auf den Weg. Als sie eine Weile die Straße entlang gegangen war, kam ihr wieder jemand entgegen. Ihr Herz drohte stehenzubleiben, als sie erkennen mußte, daß es niemand anderes war als der Typ, der bei ihnen eingebrochen war. Verdammt! Was sollte sie jetzt machen?

Krampfhaft versuchte sie, normal weiterzugehen und nicht ständig den Näherkommenden zu beobachten. Als er nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt war, blieb er stehen und musterte sie. Sie hielt seinem Blick Gott sei Dank stand und brachte es sogar fertig, zu lächeln. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Ja, ich suche eine gewisse Judi Lenz. Weißt du, wo sie wohnt?«

Warum wollte er wissen, wo sie wohnte? Das wußte er doch. Er war gerade eben erst bei ihr eingebrochen. Eine Fangfrage? Besser, sie ging davon aus, und so nannte sie ihm auch die richtige Adresse. Ihr Gegenüber schien zufrieden.

»Ach, weißt du zufällig, wo sie jetzt ist?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Ich bin ein guter Bekannter von ihr und wollte eigentlich ihre Mutter besuchen, aber irgendwie finde ich das Haus nicht. Und da die Mutter vormittags arbeitet, wollte ich zu Judi.«

Das war die behämmertste Ausrede des Jahres! Gerne hätte sie ihm jetzt gesagt, was sie von seiner ›guten Bekanntschaft‹ hielt, aber das tat sie natürlich nicht.

»Ja, wenn das so ist … Sie ist in dem Haus da hinten, das mit den vielen Rosen davor. Da wohnt ihre Freundin Ingrid und da ist sie immer, wenn ihre Mutter arbeitet. Richten Sie ihr einen Gruß aus, ja?«

Der Mann nickte und ging rasch weiter. Bis er merken würde, daß sie ihn ordentlich belogen hatte, würde sie sicherlich schon längst bei ihrer Freundin sitzen. Und damit auch in Sicherheit. Doch das war ihr heute wohl nicht gegönnt. Nach fünf Minuten drehte sie sich noch einmal um und sah einen kleinen hüpfenden Punkt, den sie erst für einen streunenden Hund hielt. Trotzdem beschleunigte sie ihren Schritt noch ein wenig und nach weiteren fünf Minuten erkannte sie, daß es der Mann war, und er ging ganz und gar nicht langsam. Verdammt!

Judi rannte los, erst langsam, dann immer schneller werdend, und als sie die Kreuzung fast erreicht hatte, raste ein dunkelblaues Auto heran und bremste mit quietschenden Reifen neben ihr. Die Insassen waren ihr (leider) bekannt: die beiden verrückten Männer.

»Komm! Schnell, steig ein!«

»Ich denk ja nicht dran.«

»Ich verstehe das einfach nicht. Jetzt verfolgt er dich schon, und du glaubst uns immer noch nicht!«

Ängstlich sah sie über die Schulter zurück. Wenn sie jetzt los rannte, konnte sie es noch schaffen, bis zu Rabea zu kommen.

»Jetzt komm schon! Ich schwöre bei meiner Seele, wir wollen dir nichts Böses, nur dich in Sicherheit bringen.« Der Größere ging ihr allmählich auf die Nerven.

»Nein! Und jetzt laßt mich in Ruhe!«

»Und wenn ich dir sage, daß wir dich nach Djorgian bringen?«, murmelte der Kleinere, als sie sich umwenden wollte.

Judi stockte. Einen Moment lang stand sie wie gelähmt da, dann schien das Amulett auf ihrer Haut plötzlich zu brennen. Trotzdem konnte sie sich immer noch nicht rühren. Bilder, unglaublich viele Bilder rasten durch ihren Kopf. Aber sie waren alle nur kurz sichtbar, so daß sie sie nicht erkennen konnte. Aber ein seltsames Gefühl breitete sich in ihr aus. Und plötzlich vertraute sie den beiden Männern im Wagen. Sie zögerte noch einen Moment, sichtlich verwirrt, und streckte dann langsam die Hand nach der Autotür aus, um sie zu öffnen und sich, immer noch zögernd, auf die Rückbank zu setzen. Was zum Teufel tat sie denn da schon wieder? Was hatte sie dazu gebracht, in diesen blöden Wagen zu steigen? Doch wohl nicht dieses einfache Wort? Was war daran so besonders? Im letzten Moment unterdrückte sie den Impuls, nach dem Amulett zu greifen, das mittlerweile wieder ein ganz normales Amulett war. Aber hatte sie es denn nicht schon einmal gehört?

Die Fremden fuhren schnell los, aber Judi konnte sich nicht auf den Weg konzentrieren, den sie fuhren. Was waren das für Bilder gewesen? Von vielleicht Tausend, die durch ihren Kopf geschossen waren, waren zwei geblieben. Und diese begannen auch schon wieder zu verblassen. Da war ein Haus. Ein seltsames Gebäude aus Holz mit … Schlangen? Oder waren es Drachen? Nein … Hunde? Sie hatte es wieder vergessen. Aber hatte sie es jemals wirklich gewußt? Nein, das war zu kompliziert.

»Wohin fahren wir?«

»In Sicherheit. Dorthin, wohin er uns nicht folgen kann. Jedenfalls nicht so schnell und nicht problemlos.«

»Und das heißt im Klartext?«

»Zur weißen Stadt. Nach Djorgian.«

Schon wieder dieses Wort. Also eine Stadt. Aber nie davon gehört. Oder doch?

»Übrigens, ich bin Felonn«, sagte der kleinere ältere.

»Und ich bin Mendras.«

»Aha«, meinte sie nur. Ungewöhnliche Namen. »Und wie ich heiße, wißt ihr ja schon.«

»Ja, aber du wahrscheinlich nicht«, sagte Felonn.

»Was soll denn das jetzt wieder heißen? Traut ihr mir nicht zu, daß ich meinen Namen behalten kann?«

»Judi, ja so heißt du hier. Aber dort heißt du Norenie.«

Dieser Name … Auch ihn hatte sie schon einmal gehört. »Könntet ihr mir denn jetzt bitte genau sagen, wo wir hinfahren?«

Mendras seufzte. »Wir fahren in einen Wald.«

»In welchen?«

»In einen Wald eben. Einen, der weit genug entfernt und groß genug ist. Und alt.«

Und was hatte das bitteschön mit einer weißen Stadt zu tun? Sie gab es auf.

»In Djorgian wird dir alles wieder einfallen.«

»Ich dachte, wir fahren in einen Wald?«

Beide Männer seufzten, als würden sie verzweifeln. Dabei war sie doch diejenige, die das tat! Sollten sie doch endlich Klartext reden, damit sie endlich verstehen konnte, was die überhaupt meinten! Ärgerlich verschränkte sie die Arme vor der Brust und tat beleidigt. Dann würden sie sie wenigstens die nächste Zeit nicht mehr ansprechen.

Judi schätzte, daß ungefähr eine halbe Stunde verging, bis Felonn und Mendras anhielten. Schnell stiegen sie aus, bedeuteten Judi, es ebenfalls zu tun und schlossen den Wagen ab. Vor ihnen befand sich tatsächlich ein Wald, auf den sie hastig zusteuerten. Sie hatte keine Ahnung, was die beiden da wollten, aber sie hatte auch keine Angst, obwohl das hier eigentlich angebracht war.

Nachdem sie ein paar Meter in den nicht allzu dichten Wald eingedrungen waren, gingen sie etwas langsamer und schließlich gemächlich. Die Männer unterhielten sich leise, während Judi sich neugierig umsah. Etwas Außergewöhnliches konnte sie allerdings nicht entdecken, ein ganz normaler Wald eben. Nur das Amulett schien für einen Moment aus Feuer zu bestehen, so daß sie einfach nicht anders konnte, als erschrocken aufzuschreien und unter den Pulli zu greifen, um das heiße Ding herauszuholen. Ärgerlich wedelte sie mit den Händen, die sie sich fast verbrannt hatte, und fluchte laut.

Felonn und Mendras drehten sich erschrocken zu ihr um, was sie noch ärgerlicher machte. Toll! Jetzt wußten die beiden, daß sie das, was sie suchten, doch hatte. Dem Großen rutschte die rechte Augenbraue ein Stückchen nach oben und Felonn lächelte. Demonstrativ ergriff sie das nun mittlerweile wieder kalt gewordene Amulett und steckte es wieder unter den Pulli.

»Wir sind da.«

Judi sah sich fragend um, aber sie befanden sich immer noch in demselben Wald. War das hier versteckte Kamera oder so was? »Ach, ja?«

Felonn deutete auf ihre Brust, da, wo sich ungefähr das Amulett befinden mußte. Wirklich sehr aufschlußreich. »Es hat uns hinübergebracht. Ohne das wäre es nicht so leicht gelungen, aber wir wußten von Anfang an, daß du es hast.«

Sie verstand immer noch Spanisch, also zog sie es vor, zu schweigen. Wenn die Beiden Spaß daran hatten, nur in Rätseln zu reden, bitte. Sie fand das wirklich sehr komisch.

»Laßt uns weitergehen, ich weiß im Moment nicht, wie weit wir von der weißen Stadt entfernt sind.«

»Ich dachte, wir sind da?«

»Noch nicht ganz. Komm, man erwartet uns sicherlich schon. Niam hat ausdrücklich gesagt, wir sollen uns beeilen.«

Niam? Wieder rauschten Bilder mit der Wucht eines Niagarafalls durch ihren Kopf, so daß sie gequält aufstöhnte und sich an die Stirn faßte.

»Das vergeht wieder, glaub mir. Es sind deine Erinnerungen, die du, wie soll ich sagen … verdrängt hast. Das geschieht automatisch, wenn man wieder in die andere Welt geht. Das ist so eine Art Schutz für die anderen. Ihre Existenz bleibt verborgen, wenn man sich nicht mehr an sie erinnert, aber wenn man wieder hier ist, kommen alle Erinnerungen zurück, früher oder später.«

Was redete der da eigentlich? Erinnerungen? Hier? Dort? Was sollte das alles? Andererseits …

»Niam … er muß jetzt ungefähr neunzehn sein, oder?«

Mendras mußte lachen. »Wenn du ihm das sagst, wenn du ihn siehst, machst du ihm ein unendlich großes Kompliment. Nein, auch die Zeit vergeht hier anders als in der anderen Welt.«

Na ja. Sie würde abwarten. Und ihre Eltern sagten immer, sie hätte zu viel Fantasie. Ha, ha.

~ ~ ~

2. Kapitel

Seine Hand schloß sich fest um das kleine Bündel, das um seinen Hals hing. Es so leicht zu bekommen, hatte er sich nicht vorgestellt. Tallorin wußte selbst nicht, wie er das gemacht hatte. Es war fast, als hätte irgend etwas die Kontrolle über ihn übernommen, und er war nur Zuschauer in seinem eigenen Körper gewesen. Alles, was er gesagt hatte, hatte ihn selbst überrascht. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Langsam ging er die dunkle Straße entlang. Der Wind wirbelte Blätter vor ihm auf, und er zog den Umhang etwas enger um sich. An der Weggabelung blieb er kurz stehen und überlegte. Wo war die Herberge? Schulternzuckend wandte Tallorin sich nach rechts. Wenn er hier kein Glück haben sollte, konnte er auch noch woanders suchen. Jedenfalls brauchte er Nahrung. Wenn er erst einmal genügend zu Essen bekommen würde, könnte es vielleicht diesmal funktionieren. Er hatte immer noch nicht richtig herausbekommen, wie man die Kräfte seines kleinen Schatzes entfesseln konnte. Man mußte sich halt in Geduld üben. Lächelnd blickte er in den sternenklaren Himmel. Wie lange noch?

Tallorin blieb stehen, als er leises Trommeln hörte, und folgte dem Geräusch. Kurz darauf hatte er die Herberge erreicht und öffnete die alte Tür. Eine kleine Musikgruppe saß in der Ecke und spielte. Das Gasthaus war nicht schlecht besucht. Leise schloß er die Tür wieder und machte sich auf den Weg zu den Zimmern.

Er ging den Gang bis fast ganz nach hinten durch, um nicht überrascht zu werden, und klopfte. Schnell nahm er seinen Beutel um den Hals ab, legte ihn vor die Tür und duckte sich in den Schatten des Ganges, um zu warten. Ein paar Sekunden später öffnete ein junger Mann, sah sich fragend um, und als er das kleine Bündel am Boden sah, bückte er sich rasch danach und verschwand wieder.

Tallorin trat aus dem Schatten und lauschte. Nichts war zu hören. Er streckte die Hand nach der Klinke aus und runzelte die Stirn. Verdammt! Verschlossen. Das war ihm bis jetzt noch nicht passiert. Ärgerlich rüttelte er ein paar Mal und fuhr erschrocken zurück, als die Tür geöffnet wurde.

»Was wollt Ihr?«

»Ich … Ich habe etwas verloren. Es war in ein Tuch eingewickelt.«

»Ich weiß von nichts.« Mit diesen Worten knallte er ihm die Tür vor der Nase zu. Das Geräusch des Schlüssels blieb aus.

Er lächelte leicht, als er ein schwaches Poltern hörte, und betrat das Zimmer. Es bestand nur aus zwei Räumen. Im Schlafzimmer entdeckte er den Mann. Er lag am Boden und ein paar Zentimeter von ihm entfernt lag der Stein. Vorsichtig drehte Tallorin ihn herum. Nein, er war nicht tot. Ebensowenig wie die anderen vor ihm. Er wußte nicht, was mit ihnen geschah. Sie rührten sich einfach nicht mehr, als würden sie schlafen. Nur daß sie nicht mehr erwachten, und jedesmal schien von dem Stein eine größere Kraft auszugehen.

Schnell wickelte er ihn wieder ein und verließ zufrieden das Gasthaus.

~ ~ ~

Sie gingen immer noch durch den Wald, dessen goldgelbe Blätter zum größten Teil schon auf dem Boden lagen. Judi war noch nie aufgefallen, daß er so groß war. Aber wenn es nach Mendras und Felonn ging, konnten sie noch mehrere Wochen hier herumlaufen. Nach der angeblichen Stadt konnten sie lange suchen, es gab nämlich keine.

Die Beiden blieben stehen, schienen zu lauschen, und dann konnte auch sie das leise Geräusch von rasch näher kommenden Pferdehufen hören. Neugierig sah Judi zu dem kleinen Punkt, der vor ihnen zwischen den Bäumen auftauchte. Er entpuppte sich als ein Mädchen, vielleicht ein oder zwei Jahre älter als sie selbst. Sie hielt dicht vor den Dreien an und lächelte Judi zu.

»Da seid ihr ja endlich! Ihr habt gesagt, es würde nicht sehr lange dauern und jetzt sind schon fast drei Monate vergangen.«

Die Unbekannte trug eine enge Hose aus angerauhtem Leder, deren Enden in weichen Stiefeln aus demselben Material steckten. Ihr Oberteil war ein viel zu großes, aus grober Wolle gearbeitetes Hemd. Zum Schutz vor der Kälte hatte sie sich einen langen Umhang übergeworfen.

»Ich habe dir doch schon mehrmals erklärt, daß bei euch die Zeit anders vergeht. Dort ist wirklich nicht sehr viel Zeit vergangen. Woher wußtet ihr, daß wir da sind?«, fragte Mendras.

»Das habe ich dir wiederum schon mehr als einmal erklärt. Niam hat es gesehen. Das war nicht schwer, zumal sie es bei sich hat.« Wieder schenkte sie Judi ein Lächeln. »Ich muß jetzt wieder umkehren. Beeilt euch ein wenig, weit ist es ja nicht mehr. Oder soll ich Pferde bringen lassen?«

»Nein, ich danke dir. Wir gehen zu Fuß weiter.«

Das Mädchen wendete ihr Pferd und preschte davon. Ihre langen, rabenschwarzen Haare flatterten wild im Wind.

»Wer war das?«

Felonn drehte sich zu ihr um und antwortete: »Meerenja. Sie ist nur ein Jahr älter als du.«

Also Siebzehn. Aber warum hatte sie so merkwürdige Klamotten an? Während sie noch grübelte, gingen sie weiter. Judi bemerkte gar nicht, daß sie mittlerweile auf einem Weg gingen und auch nicht, daß der Waldbestand ein wenig abnahm. Erst als sie mehrmaliges Lachen hörte, schrak sie aus ihren Gedanken auf und erblickte eine Gruppe von Kindern, die ihnen entgegenkamen. Sie hatten Körbe bei sich und lasen Bucheckern vom Boden auf.

»Nicht über das Aussehen wundern. Hier sind alle so gekleidet. Aber daran wirst du dich sicherlich auch noch erinnern«, meinte Mendras, und grüßte freundlich die Kleinen.

Ja, sie wußte zwar, daß das hier normal war, aber mehr auch nicht.

Die Anzahl der Menschen, die ihnen entgegenkamen, nahm mehr und mehr zu, ebenso wie die Wege, und dann konnte sie die ersten vereinzelten Häuser erkennen. Sie waren klein und fast ausschließlich aus Lehm gebaut, machten aber alle einen gemütlichen Eindruck. Aber auch Wachposten befanden sich unter ihnen, die nicht zu übersehen waren. Hohe Türme, auf denen man Bogenschützen sehen konnte. Der Wald war nun wirklich kaum noch vorhanden, nur noch vereinzelte Baumgruppen, die auf schon abgeernteten Feldern oder neben den aufgeweichten Wegen standen. Aber Judi war ganz damit beschäftigt, ihre Erinnerungen zu sortieren, als sie die Stadt sah. Das letzte Mal als sie Djorgian betreten hatte, war es eine menschenleere Ruinenstadt gewesen. Aber jetzt? Die neu errichteten Mauern leuchteten in der Herbstsonne und statt einem befanden sich gleich drei riesige Tore nebeneinander, durch die Menschen ein- und ausgingen. Die roten Dächer der Häuser überragten die Mauern ein wenig. Mendras und Felonn gingen ein wenig schneller.

Wieviel Zeit war vergangen? So etwas ließ sich doch sicherlich nicht in einem einzigen Jahr aufbauen!

Sie durchschritten eines der Tore und die matschigen Wege machten mit Kopfstein gepflasterten Straßen Platz. Ein weißes Haus reihte sich an das andere, aber sie konnte auch Ruinen erkennen, die noch nicht wieder errichtet oder erneuert worden waren. Manchmal konnte man auch kleine Gärten sehen, in denen allerhand Kräuter wuchsen.

Sie folgte den Männern bis zu dem runden Platz, auf dem ein neuer, großer Brunnen stand. Ein paar kleine Kinder turnten an dessen Rand und warfen Steinchen in das Wasser. Ein großer Hund lief bellend und schwanzwedelnd zwischen ihnen her. Rechts mußte sich der Tempel befinden. Sie wußte wieder, daß die drei Drachen auf ihrem Amulett die drei Heiligen Drachen dieser Welt waren, und diese Stadt einst das Zentrum dieses Glaubens gewesen war. Bevor Dohn kam. Ja, sie konnte sich plötzlich wieder an jede Kleinigkeit erinnern. An den Stein der Seelen, an Burbix, Diamara usw.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie dann.

»Zu Niam. Er erwartet uns schon.«

Judis Herz klopfte freudig. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie das alles hier vermißt hatte. Sie bogen noch ein paar Mal nach rechts oder links ab, dann blieben sie vor einem mittelgroßen Haus stehen, dessen Wände reich verziert waren. Daneben stand eine große steinerne Wand, in die drei Figuren eingearbeitet waren. Verblüfft blieb sie stehen, als diese sich als zwei Menschen und einen Zwerg entpuppten.

Mendras lächelte. »Ja, die in der Mitte bist du. Das ist das Denkmal zum Dank, daß ihr die Stadt gerettet habt. Rechts siehst du Niam und links Burbix. Es wurde gleich zu Beginn der Erneuerung der Stadt errichtet.«

Ein Denkmal? Von ihr selbst? Judi mußte sich bemühen, nicht glatt eingebildet zu werden. Sie grinste und folgte den beiden dann ins Haus. Der Holzboden knarrte laut. Gleich neben der Tür befand sich eine Treppe, die nach oben führte. Aber sie gingen nicht hinauf, sondern weiter geradeaus in eine kleine Küche mit einer offenen Kochstelle. Über dem Feuer hing ein Topf und es roch würzig. In der Ecke auf einem der Stühle, die um einen wuchtigen Tisch standen, saß ein alter Mann. Fassungslos blieb sie stehen und starrte ihn an. Es war der Mann aus ihrem Traum, den sie vor einem Jahr während der Klassenfahrt mehrmals geträumt hatte. Aber was hatte das zu bedeuten?

»Hallo, Judi! Bitte setz dich doch.«

Beunruhigt tat sie, was er gesagt hatte, konnte die Augen aber nicht von ihm nehmen.

»Erkennst du mich nicht?«, fragte er und lächelte.

Judi schüttelte den Kopf und nickte dann. »Sind Sie … der aus meinem Traum?«

»Das auch, aber darüber reden wir später. Weißt du nicht wer ich bin?« Der Alte strich sich durch seine langen weißen Haare.

»Nein.«

»Na, das nehme ich dir auch nicht übel. Wenn ich dich so ansehe … du hast dich in all den Jahren kein bißchen verändert. Damals war ich achtzehn, hatte braune Haare …« Er machte eine wedelnde Handbewegung, wobei sie ein schlangenartiges Ding auf seiner Handfläche erkennen konnte.

»Niam? Nee.«

»Doch. Ich weiß, ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber …«

»Das haut doch hinten und vorne nicht hin. Den Traum hatte ich vor einem Jahr, und da war er noch jung. Wie kann es sein, daß, nehmen wir mal an, er ist jetzt alt, er jetzt erst alt ist, ich den Traum aber da schon hatte, er also schon vor Jahren alt sein mußte und …«

»Das zu erklären ist fast unmöglich. Die Zeit verläuft hier anders. Ich wollte dich damals und gleichzeitig hier in der Gegenwart um Hilfe bitten. Aber jetzt, also jetzt wo ich alt bin, hat irgend etwas nicht funktioniert und … Ach, es ist so schwer … Ich habe dich jetzt vor ein paar Tagen um Hilfe bitten wollen, doch durch die Zeitverschiebung ist meine Bitte, also dein Traum, zu früh bei dir angekommen, also zu der Zeit, als ich noch jung war.« Er seufzte und strich sich über seinen Bart.

Judi konnte es immer noch nicht glauben. Der Tattergreis da vor ihr sollte Niam sein?

»Na, ja. Ach, bitte laß das alberne ›Sie‹. Sag ›du‹, wie früher auch. Kann ich das Amulett bitte einmal kurz haben?«

»Welches Amulett?«

»Das ich dir damals in den Ruinen geschenkt habe«, antwortete er geduldig. War er doch Niam? Zögernd griff sie unter ihren Pulli und reichte ihm das Gewünschte. Er legte es vor sich auf den Tisch.

»Warum haben Sie … hast du mich wieder hier hergeholt?«

»Nun, ja. Es gibt ein kleines Problem mit dem Stein.«

»Ich dachte, er liegt im See und damit hätte sich die Sache erledigt.«

»Das dachten wir alle. Aber der Stein … Es hat eine Überschwemmung gegeben und da ist er irgendwie aus dem See gelangt. Jemand hat ihn gefunden und seine Kräfte entdeckt.«

»Heißt das wieder so ein Verrückter?«

»Nicht ganz. Er kann seine Kräfte nicht nutzen, da er keine Ahnung hat. Aber der Stein benutzt ihn.«

»Hä?«

»Tja, er braucht Nahrung. Deshalb benutzt er seinen Träger als eine Art Transporter. Mit ihm kann er in verschiedene Gegenden kommen und dort die Seelen der Menschen nehmen. Aber anders als bei Dohn werden sie nicht zu willenlosen Kriegern, sondern fallen einfach um und scheinen zu schlafen. Nur wachen sie nicht mehr auf. Und dann verschwinden sie. Einfach so. Man glaubt, es sei eine Krankheit und daß man sie vertuschen will, aber …«

»Das heißt, der Stein hat einen eigenen Willen?«

»So in der Art, ja. Und das ist nicht das Problem allein. In Sonnenfeld hat es angefangen, dann ist es in Somonda passiert. Es breitet sich immer weiter nach Westen aus und die Westländer meinen, wie schon gesagt, es sei eine Krankheit und wir seien daran schuld. Nachrichten, von denen ich nicht weiß, ob sie stimmen, behaupten, sie würden sich sammeln, um uns niederzumachen, bevor die vermeintliche Krankheit sich bis zu ihnen vorarbeiten kann. Jetzt haben wir also gleich zwei Probleme und ich dachte, da du uns schon einmal geholfen hast, würdest du uns vielleicht auch ein zweites Mal helfen. Und dazu brauchen wir das Amulett. Es ist eines der letzten.«

Judi überlegte. Aber warum nicht? So konnte sie wieder mal ein kleines Abenteuer erleben, während in ihrer Welt nur wenige Minuten vergingen. Sie nickte.

»Gut. Nur diesmal kann ich leider nicht mitkommen. Du weißt ja … Das Alter …«

»Was ist eigentlich aus Burbix geworden?«

»Tja, er ist bei einem Überfall umgekommen, als er mich besuchen wollte. Das waren irgendwelche abscheulichen Wegelagerer. Aber schon vor einigen Jahren.«

»Oh! Tut mir leid.« Das hatte der kleine Sprücheklopfer nicht verdient.

»Hast du Hunger? Ich glaube das Essen ist fertig.«

Sie seufzte. »Nun ja, solange es keine Tiefkühlpizza ist …«

~ ~ ~

Von dem Stein schien eine Unruhe auszugehen, die er bis jetzt noch nicht erlebt hatte. Erst dachte Tallorin, er hätte vielleicht wieder Hunger, aber dem war nicht so. Gleichzeitig schien sich diese Unruhe auch auf ihn zu übertragen. Er mußte schnell weiter. Irgend etwas war geschehen, das seinen kleinen Stein sehr beunruhigt hatte. Vielleicht würde er ihm jetzt seine Kräfte offenbaren? Zeit wäre es ja eigentlich schon. Seufzend schwang er sich in den Sattel und ritt weiter.

~ ~ ~

Nach dem Essen bot sich Meerenja - Judi hatte erfahren, daß sie die Tochter von Niams Sohn war, der allerdings an sehr hohem Fieber erkrankt war, und dies nicht überlebt hatte - an, ihr die neue Stadt zu zeigen. Da konnte sie nicht nein sagen.

Fast alles war wieder aufgebaut und noch schöner errichtet worden. Den Schutz der Stadt hatte man verdoppelt. Die Mauern waren verstärkt, ebenso die Wachtürme. Aber das, was sie am meisten beeindruckte, war der Tempel. Judi konnte sich noch gut an die rußgeschwärzten Wände erinnern und an die halb zerstörte steinerne Karte, die sich im Innern befunden hatte. Jetzt erkannte sie dieses Gebäude kaum wieder. Säulen aus hellem Marmor stützten die drei heiligen Drachen, die ebenfalls aus diesem Stein gearbeitet waren. Die Karte war wieder vollständig vorhanden und der Altar über und über mit Herbstblumen und sonstigen Gaben bedeckt. An den Wänden hingen Teppiche, auf denen die Rettung der Stadt und die Vernichtung von Dohns Herrschaft zu sehen war. Auch sie selbst war ebenfalls wieder abgebildet, was Judi abermals zu einem Grinsen veranlaßte. Aus Holz geschnitzte Figuren, ebenfalls wieder die heiligen Drachen, standen zwischen den Kissen, die sorgfältig am Boden aneinander gereiht lagen.

Es gab auch hier ein Heilerhaus, allerdings war Diamara auch nicht mehr am Leben. Dann war da noch so eine Art Schule, wo die Nachfolger der Magier ausgebildet wurden. Niam war einer der Lehrer, und so hatte sie den Rest des Tages nicht mehr die Gelegenheit, mit ihm zu reden. Nach der kleinen Führung hatten sie ihr Lager für die Nacht hergerichtet. Judi mußte mit Niams Enkeltochter in einem Zimmer schlafen, was ihr allerdings nichts ausmachte. Sie mochte Meerenja.

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22 aralık 2023
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