Kitabı oku: «Buen Camino - die schönste Reise meines Lebens», sayfa 4
14. Pilgertag, Dienstag, 06.05.2014
Kloster Fischingen–Gibswil: 17 km, Gesamt: 263 km
Bereits um 06.30 Uhr läutet mein Wecker. Ich habe wunderbar geschlafen. Nach einer ausgiebigen Dusche packe ich meinen Rucksack und gehe zum Frühstück. Wie erwartet, steht ein herrliches Buffet zum Zugreifen bereit. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Das ist die richtige Stärkung für die heutige Bergetappe über das Hörnli auf 1133 Meter Höhe.
Meine Pilgerfreundin kommt auch schon kurz nach sieben Uhr. Wir lassen uns den Kaffee und die Brötchen schmecken, bevor wir in die Idda-Kapelle zum Pilgersegen gehen. Bis unser Ordensmann von den Benediktinermönchen kommt, haben wir noch etwas Zeit, um die Kirche mit der hl. Idda zu betrachten und aus unseren Reiseführern ihre Geschichte zu erkunden.
Schon bald kommt Bruder Daniel, bereitet seinen Gebetsordner und die Pilgerabzeichen auf dem Altar aus und heißt uns um diese frühe Stunde zum Pilgersegen herzlich willkommen. Es ist ein feierlicher Moment. Nach dem Segen erhalten wir unsere Pilgerabzeichen und dürfen uns in das große Pilgerbuch eintragen.
Als wir so nebeneinander vor dem Altar stehen, schauen wir uns an und müssen beide kurz schmunzeln. Wir haben gleiche Lebenserfahrungen. Schon amüsant, beide erleben wir auch jetzt einen glücklichen Moment, aber Kuss dürfen oder müssen wir uns jetzt keinen geben … Aber über das Pilgerabzeichen dürfen wir uns freuen. Es hat bis heute seinen Platz an meinem Pilgerhut und leistete mir treue Gesellschaft bis nach Santiago de Compostela.
Gut gestärkt an Leib und Seele fülle ich meine Wasserflaschen mit dem köstlichen Nass vom Klosterbrunnen und starte zu meiner heutigen Etappe. Stetig bergauf komme ich bald an einer Pilgerkäserei vorbei, welche einen speziellen Pilgerkäse herstellt und diesen werbemäßig als regionale Spezialität anpreist. Daran erkenne ich voller Ehrfurcht, welche Pilgertradition hier gelebt wird. Der Käsereimeister lässt es sich nicht nehmen, persönlich ein Foto von mir zu machen.
Käserei Au

Durch die Ortschaft Au/Thurgau, in deren kleiner Kirche ich noch einen Pilgerstempel ergattere, geht es nun immer steiler hinauf zum Gipfel des Hörnli in 1133 Meter Höhe. Fünfhundert Höhenmeter habe ich auf dem Anstieg insgesamt zu erklimmen. Und dabei meinen Rucksack fünfhundert Meter in die Höhe zu stemmen. Pilger Sepp, jetzt gilt es, Stärke zu zeigen … Und es geht gleich richtig los. Schritt für Schritt dem Himmel näher, die Sonne brennt, und ich erfrische mich immer wieder am kühlen Nass des Klosterbrunnens aus meiner Wasserflasche.
Bei einer kurzen Rast drehe ich mich um und sehe unter mir das hügelige Voralpenland, durch welches ich bisher gepilgert bin. An einer kleinen Restauration komme ich noch vorbei, die wirkt zwar sehr einladend, aber mich treibt es Schritt für Schritt weiter hinauf. Auch wenn jeder Schritt irgendwann immer mehr wehtut. Man spürt den Rucksack auf dem Rücken. Dieses Gewicht muss mit jedem Schritt nach oben gestemmt werden. Mein Freund Rudi würde jetzt wahrscheinlich lachen, der hat ganz andere Bergtouren gemacht. Für mich als Schreibtischtäter und Saisonpilger ist das jedoch eine gefühlte Tour auf das Dach der Welt.
Plötzlich sehe ich vor mir eine „Grenzhütte“ und davor einen Grenzstein, welcher das Zusammentreffen der Kantone Thurgau, St. Gallen und Zürich markiert. Ein markanter Ort in dieser Region. Es darf darüber spekuliert werden, bis zu welcher Zeit diese Grenzhütte durch Wachsoldaten regelmäßig kontrolliert wurde. Der Wandersteig führt unermüdlich nach oben. Ich freue mich schon auf den Gipfel. Dort oben wird, wie so oft, jeder Schweißtropfen mit einem traumhaft schönen Blick auf die Schweizer Alpenwelt belohnt. Und obwohl ich jetzt sehr, sehr viel geschwitzt habe, kann ich die Aussage über die Belohnung gänzlich bestätigen. Das ist sogar eher noch untertrieben.
Blick vom Hörnli

Ich kann mich am Ausblick vom Hörnli gar nicht sattsehen und freue mich, dass ich heute auch wettermäßig ein gutes Los habe. Vor mir im Tal, gut vierhundert Höhenmeter tiefer, kann ich meinen bevorstehenden Wanderweg über Fischenthal nach Gibswil sehen. In der Ferne gibt es das schneebedeckte Schweizer Hochgebirge zu bewundern. Kommet, sehet und staunet. Ich bin erfreulicherweise schon bei Letzterem angelangt. Aber zur Vervollständigung meines Glückes lasse ich mich auf der Terrasse der Gipfelhütte noch mit einer guten Hüttenwurst und einer Tasse Kaffee verwöhnen, bevor ich mich für den Abstieg fertig mache.
Es ist eine gute Straße, die ins Tal führt. Aber das andauernde Abbremsen geht so richtig in die Knie und die Muskulatur. Eine ebene Strecke ist wesentlich erholsamer zu gehen. Und der Abstieg nimmt kein Ende. An einigen Gehöften und Almhütten geht es vorbei. Manchmal auf weichen Fußwegen, mitunter aber auf dem harten, festgepressten Schotterweg. Ach, wie bin ich froh, nach einer gefühlten Ewigkeit wieder im Tal anzukommen.
In Fischenthal, dem stolzen Heimatort der Schweizer Olympiasieger Philipp und Simon Schoch, möchte ich die kleine Kirche besichtigen, stehe aber vor verschlossenen Türen, ebenso wie nebenan am Restaurant. Wieder mal so eine kulinarische Diaspora, wie ich es auch schon in Deutschland auf dem Weg in Oberschwaben erlebt habe. Auch kein geöffnetes Lebensmittelgeschäft ist zu sehen. Ich muss mich weiter an meinem Klosterwasser schadlos halten. Aber auch das geht bald zur Neige.
Entlang einem kleinen Naturschutzgebiet mit seinen blumenreichen Wiesen und einem kleinen Bachlauf erreiche ich schon bald Gibswil. Mein heutiges Tagesziel mit der Pilgerherberge im „Drösli“. Drösli bedeutet so viel wie Scheune. Rustikal, aber sauber und mit sehr freundlicher Betreuung. Ich werde ganz herzlich aufgenommen. Und den Schlafraum mit ca. fünfzehn Matratzenlagern habe ich heute für mich allein. Tags zuvor hätte ich nette Damengesellschaft gehabt.
Nach einer erfrischenden Dusche mache ich es mir mit den Wirtsleuten, Ursula und Jörg, sowie einem Ehepaar aus dem Ort bei einem Gläschen Bier gemütlich. Zum Abendessen gibt es eine köstliche Suppe mit Gemüse, Nudeln und Wurst. Alles drin, was ein Pilger zur Stärkung braucht. Schmeckt herrlich.
Abends sitze ich mit Jörg noch ein Stündchen beim selbst gemachten Likör. Er erzählt mir von seinen Erlebnisse als Herbergsvater. Es sind viele Gruppen unterwegs. Für die ist so ein Quartier natürlich Gold wert. In jeder Hinsicht. Günstig, sauber und sehr gemütlich. Da kann eine Gruppe am Abend auch mal feuchtfröhlich zusammensitzen und feiern.
Wie befürchtet, hatte der Wetterbericht recht, und am nächsten Morgen werde ich von einem ausgiebigen Landregen erwartet. Auch ein erfahrener Landmann im nahegelegenen Ortsladen meint: „Das hört heut nüt uff!!!“ Die Wolken haben sich im Tal so richtig festgezurrt. Für solch einen flächendeckenden Regen bin ich noch nicht ausgerüstet.
Ein halber oder ganzer Ruhetag und abwarten, bis sich der Regen wieder etwas verzieht, würde sich angesichts meiner ohnehin überschaubaren restlichen Strecke nicht lohnen. Ich entschließe mich deshalb, vom nahegelegenen Bahnhof gleich die Heimreise anzutreten. Und während ich im Zug sitze, freue ich mich bereits darauf, nächstes Jahr nach Gibswil zurückzukehren und meine Pilgerschaft mit verbesserter Ausrüstung fortzusetzen.
15. Pilgertag, Samstag, 02.05.2015
Gibswil–Rapperswil: 16 km, Gesamt: 279 km
… der Mai ist gekommen – und damit auch wieder meine Pilgertage.
Der Wecker klingelt früh, bereits um 06.00 Uhr setze ich mich ins Auto und fahre freudig und voller guter Erwartungen nach Gibswil.
Es regnet. Der Wetterbericht gibt mir jedoch etwas Hoffnung. Und tatsächlich: Um 07.00 Uhr sehe ich den ersten blauen Himmel – allerdings nicht lange. Um 07.45 Uhr fahre ich den Bodensee entlang, und es regnet, regnet, regnet …
Ich freue mich trotzdem. Von Konstanz geht es entlang meiner letztjährigen Route über Tobel, Kloster Fischingen nach Gibswil. So hab ich gleich wieder die richtige Pilgerstimmung, wenn ich an bereits bekannten Pilgerstellen vorbeifahre.
In Gibswil trinke ich im Restaurant erst mal einen Cappuccino, bevor ich mein Auto auf einem allgemein zugänglichen P+R-Parkplatz abstelle. Auf der Parkplatzsuche erblicke ich eine Gruppe Rucksackwanderer. Voll bepackt und unter Regenponchos eingemummt suchen sie offensichtlich noch das passende Gruppentempo. Ich nehme an, dass es sich um eine Pilgergruppe handelt, welche hier in der Pilgerherberge genächtigt hat.
Am Parkplatz habe ich dann meine liebe Mühe, meine Siebensachen regensicher zusammenzupacken und dann den Neuen, in der Handhabung noch etwas befremdlichen Regenponcho darüberzuziehen. Als ich das endlich alles kapiert habe und fertig bin, ist plötzlich der Regen weg. Also Kommando zurück: Regenponcho runter, Windjacke an, und los geht’s! Ach du Schande, hoffentlich hat mich jetzt niemand beobachtet …

Blick Rapperswil
Die Strecke führt auf einem welligen Höhenweg durch kleine Weiler oberhalb des Tales auf einer Hochebene. Ich kann unter mir immer wieder die große, viel befahrene Straße, die Eisenbahnlinie und kleine Dörfer erkennen. Hier oben ist es sehr ruhig, und ich bin mit sehr viel Landschaft gesegnet. Plötzlich, ein alter Bauer hat es mir schon angekündigt, sehe ich nach einer Wegbiegung zum ersten Mal den Zürichsee mit Rapperswil, meinem heutigen Etappenziel.
Es sind jedoch noch einige Kilometer zu gehen. Unter anderem geht es runter ins hier sehr enge Tal und auf der anderen Seite wieder steil nach oben. Da komme ich dann doch ins Schwitzen, zumal auch so langsam die Sonne immer mehr die Oberhand gewinnt und die Temperaturen entsprechend ansteigen.
Gleich oben auf der Anhöhe treffe ich die Wandergruppe von heute Morgen bei einer kleinen Vesperpause. Sie bestätigen meine Vermutung. Es ist eine organisierte Pilgergruppe, welche in Gibswil im „Drösli“ genächtigt hat und von Konstanz bis zum Kloster Einsiedeln gehen will.
Mit einem fröhlichen „Buen Camino“ verabschieden wir uns. Kurz darauf kann ich auch meine Windjacke im Rucksack verpacken. Es sind jetzt angenehme Temperaturen. Und so lege ich auf einer kleinen Bank am Waldesrand ebenfalls eine Vesperpause ein und telefoniere mit der Pilgerherberge in Rapperswil bezüglich einer Bettreservierung. Ich habe Glück. Es ist nur noch ein Bett frei, und das gehört jetzt mir.
Mein Pilgerweg führt mich durch eine wunderbare frühlingshafte Landschaft mit Blick auf die noch schneebedeckten Berggipfel. Es ist traumhaft schön. Ich bin in einer anderen Welt gelandet, fern von jeglichen Alltagssorgen, Berufsstress und über was wir sonst so alles klagen und jammern. Bereits wenige Stunden auf meinem Pilgerweg haben mir wieder die Augen auf- und den Kopf freigemacht über das Sein in seiner unverfälschten Originalausgabe des Tuns.
Ich bin, ich möchte, ich kann, ich tu’s. Ich tu’s, weil ich es möchte, weil ich es kann – ich werde mitunter auch an meine Grenzen gehen: nicht weil ich es muss – nein, weil ich es möchte, dann kann ich es auch, egal wie weit die Grenzen weg sind.
Mitunter werden die Grenzen auch schon sehr schnell aufgezeigt werden – dann werde ich auch diese Grenzen einhalten. Auch hier nicht, weil ich es muss! Nein – auch hier, weil ich es kann. Ich kann nicht nur große Strecken hinter mich bringen. Nein, ich kann es mir leisten, zur Erholung auch mal nur eine kurze Distanz zurückzulegen. Weil ich im Besitz der kostbarsten Währung dieser Welt bin. Diese Währung kann sich niemand kaufen, nicht mit den größten Schätzen dieser Welt. Auf meinem Pilgerweg bin ich im Besitz von unendlich viel Zeit.
Zeit, die ausgefüllt ist mit unendlich vielen Empfindungen, Erwartungen und Erlebnissen. Schritt für Schritt durch die unverfälschte Natur, den böigen Wind, die brennende Sonne, den nassen Regen. Auch mal den Schweiß auf der Haut fühlen, die Umwelt durch Nase, Ohren und Augen allen Sinnen zuführen, welche jede Kleinigkeit wie ein Schwamm aufsaugt. Dankbar nehme ich so unsere Schöpfung, mein Sein und mein Tun mit einer innerlichen Zufriedenheit wahr.
Mit solchen und ähnlichen Gedanken erreiche ich bald Jona, eine kleine Stadt, welche mit Rapperswil eine Einheit bildet. Zu Beginn durchschreite ich einen Erholungswald mit Trimm-dich-Pfad. Viele Jugendgruppen sind unterwegs, Jogger, Radler, Skater … Ein reges Treiben und eine angenehme Freizeitstimmung.
Bald erreiche ich jedoch die richtige Stadt, habe neben mir den ganzen Straßenlärm, rieche die stinkenden Abgase und fühle mich mit Rucksack, Wanderstöcken und Pilgeroutfit wieder einmal so richtig fehl am Platz. Wie zur Bestätigung meiner Seelenlage hat sich auch die Sonne wieder hinter drohende Wolken verzogen.
Die Stimmungslage ändert sich aber schlagartig, als ich den Stadtkern mit der Pilgerherberge und der Seepromenade erreiche. Genüsslich setze ich mich auf eine Parkbank und beobachte die Menschen um mich herum. Ich genieße die Pause und warte, bis die Pilgerherberge ihre Pforten öffnet.
Pünktlich stehe ich vor der Tür und bin eigentlich gar nicht überrascht, dass auch die Pilgergruppe von heute Nachmittag hier übernachtet. Da ich als Erster im Schlafraum bin, kann ich mir meine Liege aussuchen und habe so den Vorteil, kein Stockbett nehmen zu müssen, und das auch noch in Fensternähe. Passt alles wunderbar. Einer Pilgerin der Gruppe kann ich noch mit Blasenpflaster und Salbe helfen, so kommen wir alle gleich ins Gespräch.
Unmittelbar um die Ecke gibt es nach Angabe der Herbergsleiterin einen guten Italiener. Ich folge der Empfehlung gerne und lasse es mir abends bei einer großen Portion Spaghetti Carbonara mit einer fürstlichen Salatplatte gut gehen. Ein Espresso rundet das vorzügliche Mahl ab. Ich fühle mich in diesem Lokal so richtig wohl. Freundlicher Service, gemütliche Einrichtung, nette Gäste und ein offensichtlich sehr guter Koch.
Obwohl bereits wieder einige Regentropfen zu spüren sind, mache ich noch einen kleinen Spaziergang durch die schönen Gässchen von Rapperswil, bevor ich den Abend bei angenehmer Pilgergesellschaft in der Herberge mit einem Glas Bier ausklingen lasse.
Die Gruppe ist bunt zusammengewürfelt und kommt aus dem Raum Pfullendorf. Ein Paar sogar aus Schwäbisch Hall. Wir verstehen uns prächtig, und ich bin gleich in der Gruppe integriert. Dann ist auch noch ein Schweizer Ehepaar am Tisch, welches eine Pilgerwoche als Training für den Kilimandscharo-Urlaub im Sommer bestreitet. Die haben wesentlich längere Tagesetappen geplant.
Der erste Pilgertag 2015 ist vorüber. Bis alle im Schlafraum versammelt sind, kann ich noch ganz gemütlich mein Tagebuch schreiben. Es war ein langer Tag. Und nach anfänglichem Regen hatte ich auf meiner Etappe angenehme Sonnenstrahlen und Trockenheit. Erst am Abend hat mich der Regen wieder eingeholt. Ich hoffe mal, das ist wettermäßig ein gutes Omen für meine Reise. Das könnte so bleiben. Trotz einer voll besetzten Herberge schlafe ich wunderbar und ohne störende schnarchende Geräusche.
16. Pilgertag, Sonntag, 03.05.2015
Rapperswil–Alpthal: 23 km, Gesamt: 302 km
Um 07.15 Uhr herrscht im Schlafsaal der Pilgerherberge bereits reges Treiben. Ich schnappe ganz schnell meinen Waschbeutel und erhasche mir eine noch unbenützte Duschkabine. Zügig packe ich danach meinen Rucksack, lege die Bettdecke gemäß der Zimmernutzungsverordnung ordentlich zusammen – meine Bundeswehrzeit lässt grüßen – und verewige mich noch mit einem kurzen Pilgergruß im Gästebuch.
Die Pilgergruppe hat im benachbarten Café einen Tisch für das Frühstück reserviert. Der Einladung, mit ihnen zusammen zu frühstücken, folge ich gerne. Es ist eine gemütliche Runde, draußen regnet es, und so lassen wir uns noch ein Tässchen Kaffee mehr schmecken, ehe ich mich als Erster aufraffe und in die Kälte nach draußen wage.

Holzsteg Zürichsee
Es hat zwischenzeitlich heftig angefangen zu regnen, aber ich bin ja neuerdings bestens für diese Wetterlage ausgerüstet. So gehe ich die Unterführung unter der Straße und der Bahn hindurch zum Holzsteg, welcher 1 ½ km über den Zürichsee durch ein Vogelnaturschutzgebiet führt. Der Steg ist mit einer eleganten Bretterwand versehen, durch welche man die Vögel beobachten kann, diese aber nicht beim Brüten stört.
Auf der gegenüberliegenden Seeseite erreiche ich Pfäffikon, und damit beginnt auch gleich der Anstieg zum Etzelpass auf fast 1000 m über Meeresspiegel. Es regnet, wird immer kälter, aber durch die Körperausdünstung unter dem Regenponcho komme ich mir vor wie in einer Sauna. Besonders auf der Passhöhe geht dann noch ein recht frischer Wind. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht erkälte. Deshalb lege ich gleich in der Kapelle St. Meinrad meinen Regenponcho ab und lüfte meine Kleider.

Etzelpass
Man sieht an den Bäumen sehr deutlich, dass in dieser luftigen Höhe die Natur noch nicht so weit ist wie im Tal, in welches ich mich nun wieder auf wunderbaren Wegen der kleinen Passstraße hinunterbegebe.
Überraschend stehe ich plötzlich am Geburtshaus von Paracelsus, jenem Allroundtalent als Arzt, Astrologe, Laientheologe und Philosoph. Er lebte von 1493 bis 1541, war offensichtlich ein für die sogenannte studierte Fachwelt unangenehmer Zeitgenosse und ständig zu neuen Standorten seines Wirkens getrieben. Mir war der Name eigentlich nur von den Heilwässern ein Begriff. Nachdem ich aber im Nachspann zu meiner Pilgerreise im Internet recherchiert habe, war ich doch sehr beeindruckt über die Lebensleistung dieses Menschen, welchem wir auch heute noch – oder gerade heute – viele Errungenschaften der sogenannten modernen Medizin zu verdanken haben. Wir haben der Forschung und den Medikamenten der Chemieindustrie sicher sehr viel zu verdanken. Aber was Nachhaltigkeit und natürliche Vorbeugung und Gesundung anbelangt, da können wir heute noch viel aus dem Wissen von Paracelsus profitieren.
Eine große Brücke bringt mich auf die andere Seite der Teufelsschlucht, und über eine etwas hügelige Landschaft geht es weiter Richtung Einsiedeln. Vorbei am Sihlsee erreiche ich dann Einsiedeln mit dem riesigen Kloster, welches eindrucksvoll über der Stadt thront. Reges Treiben herrscht vor der Klosteranlage. Drinnen kann ich gerade noch dem Ende eines Dankgottesdienstes für Wallfahrer aus den umliegenden Orten beiwohnen.
Ein Foto der Mutter Gottes wird mir durch zwei sehr pflichtbewusste Glaubensbrüder jedoch sehr eindringlich und arrogant mit dem Hinweis verwehrt, dass es sich hier um ein Gotteshaus handelt. Ich kann mich nicht zurückhalten und antworte etwas schnippisch und vielleicht auch ebenso arrogant, dass sich es bei diesem Trubel hier eher nicht um eine Glaubensfrage, sondern um Geschäftemacherei handelt, um die im Kiosk und Klosterladen angebotenen Bilder kaufen zu müssen. Das werde ich jedoch mit Sicherheit nicht machen, und auch sonst werde ich keinen Franken in den hier angebotenen Touristenkitsch vergeuden!

Kloster Einsiedeln
Ich bin zwar nur der kleine Pilger Sepp, aber ich kann jetzt nachvollziehen, wie Jesus sich seinerzeit gefühlt hat, als er die Händler aus dem Tempel vertrieben hat. Am liebsten hätte ich es ihm gleichgetan. Aber ich kann ja nicht die Ordensbrüder aus ihrem eigenen Kloster verjagen – auch wenn sie es mit ihrer Arroganz verdient hätten … sapperlot aber auch … in diesem Ton behandelt man keinen Klosterbesucher und schon gar nicht einen Pilger! Das muss einfach mal gesagt sein!
Einen weiteren Ordensbruder – gemäß seinem Namensschild ist er von der Wallfahrtsleitung –, lerne ich im Pilgerbüro des Klosters kennen. Er ist sehr hilfsbereit und gibt mir freudig einen Pilgerstempel. Wir haben auch ein sehr angenehmes Gespräch. Er erzählt mir unter anderem, dass er heute Vormittag im Frauenkloster der Benediktinerinnen in Au die Messe gelesen hat. Da werde ich heute noch vorbeikommen. Außerdem hat er diverse Visitenkarten mit Übernachtungsangeboten. Darunter ist auch eine Karte meiner heutigen Gastgeberfamilie. Nach diesen doch sehr unterschiedlichen Klostereindrücken begebe ich mich ins Café „Meinradsberg“ und genehmige mir eine köstliche Erdbeerroulade zum Kännchen Kaffee. Auch die angenehme Wärme im Lokal tut richtig gut. Erst jetzt merke ich, wie durchgefroren ich schon war.
Zurück auf der Straße kann ich meinen Regenponcho bereits nach einigen Hundert Metern ablegen. Es geht jetzt einige Kilometer gemütlich entlang dem kleinen Gebirgsbach Alp. Auf einem nur sanft ansteigenden Weg durch dieses schöne Tal erreiche ich auch bald das Frauenkloster in Au. Ich besichtige die Klosterkirche und läute danach an der Pforte der Benediktinerinnen, um vielleicht einen Pilgerstempel zu erhalten.
Eine etwas betagte Klosterfrau öffnet die Fensterklappe der massiven Türe und gibt gleich ungefragt, aber dafür umso deutlicher, zu verstehen, dass ich hier kein Zimmer für die Nacht bekomme! Ich grüße sie mit einem Sonntagslächeln und erfreue sie mit der Mitteilung, dass ich nicht auf Quartiersuche bin, mich aber über einen Pilgerstempel von dieser schönen Klosteranlage sehr freuen würde. Daraufhin nimmt sie freudestrahlend meinen Pilgerausweis und eilt von dannen. Mit einem strahlenden Gesicht kommt sie zurück, den Stempel in meinem Buch und zwei Tomaten und Äpfel in der Hand als Wegzehrung. Ich nehme alles dankbar an, bedanke mich artig und fülle im Klosterbrunnen nebenan gleich noch meine Wasserflaschen mit dem köstlichen Nass.
Der Blick auf meinem Weg ist immer auf den großen und kleinen Mythen gerichtet. Diese zwei Berge werden bis übermorgen in der Früh der Blickfang auf meiner Tour sein. Obwohl sie mit einer Höhe von 1898 sowie 1811 Metern nicht unbedingt zu den höchsten Gipfeln der Schweiz gehören, sind sie mit ihrer massiven Felsformation ein markanter Blickfang in der Region. Aus allen Blickrichtungen und Tageszeiten werden die zwei Gipfel meine treuen Gefährten sein.
Glücklich erreiche ich das kleine Gebirgsdorf Alpthal mit seiner schönen Dorfkirche. Bei Familie Schuler habe ich mich schon telefonisch angemeldet und freue mich, diese Nacht in einer Blockhütte zu nächtigen, welche im Winter neben dem Kloster Einsiedeln als Teehütte Verwendung findet, wenn ich das richtig verstanden habe. Jede Nacht eine andere Variante der Pilgerbeherbergung.

Mythen
Ich werde freundlich aufgenommen und sehr gut versorgt. Frau Schuler macht Spaghetti bolognese mit grünem Salat. Genau das Richtige für einen hungrigen Pilger. Dazu bediene ich mich aus der umfangreichen Teekiste mit diversen Teesorten. Man kann fast nicht genug trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Obwohl die Witterung eher kühl ist, hat der Körper bei der Dauerbelastung einen hohen Flüssigkeitsverlust auszugleichen.
Zwei Pilgerinnen aus Tettnang sind ebenfalls in einer der Blockhütten untergebracht. Sie sind heute Morgen in Pfäffikon gestartet. An dieser Pilgerherberge am Beginn des Anstiegs zum Etzelpass bin ich heute Morgen auch vorbeigekommen. Die Ältere der beiden ist sehr redselig, die jüngere ist eher wortkarg und geht auch nicht auf das unter Pilgern übliche Du ein. Also gut, dann bleiben wir halt beim förmlichen Sie. Sie betreibt eine Pension und hat diese Pilgerreise zum Geburtstag als Erholung und Auszeit von Pension, Gästen und Familie erhalten. Das ist doch mal ein schönes Geschenk.
Unsere Gastgeberin kommt noch an den Tisch. Gesprächsstoff über das Leben hier in den Bergen, die Nähe zum Kloster Einsiedeln und die langen Winter gibt es genügend. Der Einfluss des Klosters in der Region ist aus ihren Erzählungen immer wieder zu spüren. Nicht nur in der Einstellung zum Glauben. Auch der Tourismus und sehr viele Arbeitsplätze der Gewerbebetriebe sind wirtschaftlich stark an die Anziehungskraft des Klosters gebunden. Gemütlich lassen wir den Abend ausklingen und beziehen unsere Holzhütten.
Ich habe noch lange das Licht an, schreibe mein Tagebuch und studiere meinen Reiseführer. Ein Telefonat mit der Heimat wird etwas länger als üblich. Draußen regnet es. Hoffentlich wird es morgen wieder trocken. Ich habe eine anstrengende Bergetappe vor mir.
