Kitabı oku: «Konstruktive Rhetorik», sayfa 2
2Die Zeit ist begrenzt
David Alexander Day war ein amerikanischer Missionar, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Westafrika tätig war. In einer Missionsstation in Liberia predigte er nicht nur, sondern studierte auch die Sprache und Redepraktiken der afrikanischen Bevölkerung. Auch wenn er sie als uncivilized people betrachtete, war er beeindruckt vom Reichtum ihrer Sprache und ihrer Erzählungen. Er notierte seine Beobachtungen für Zeitschriften in der Heimat, zum Beispiel die folgende über einen Brauch, den er als One-Leg-Talk übersetzte:
»Wenn die Zeit knapp ist, wird der Redner oft angehalten, auf einem Bein zu stehen, und er hat nur so lange das Wort, als er in der Haltung bleiben kann.«10
Day kommentiert dies scherzhaft, indem er sagt:
»Die Zuhörer und Gemeinden in der Heimat könnten dies als Hinweis nehmen und diese Regel auf langatmige Redner anwenden. Die Idee ist nicht patentiert, aber ich erwarte, dass alle Gemeinden, die sie umsetzen, uns als kleines Dankeschön eine Schachtel mit Kleidern schicken.«
Das amerikanische Publikum hat diesen Bericht dankbar aufgenommen, und es kommt heute noch vor, dass in launigen Reden oder auch in gedruckten Ratgebern darauf angespielt wird, unabhängig davon, wie gesichert diese Behauptung ist.11 Die öffentliche Rede wird als ein Spiel verstanden, in dem das Publikum dem Redner Zeit und Aufmerksamkeit leihen, aber auch entziehen kann. Viel stärker als in privaten Situationen wird vom Redner ein adäquates Zeitmanagement erwartet. In der Regel gibt es Absprachen über die Rededauer. Dennoch verhalten sich viele so, als ob sie unter Zeitdruck stünden. Sie nehmen ohne Not eine gehetzte Sprech- und Präsentationsweise an, als ob sie Angst hätten, gleich unterbrochen zu werden.
Da ist der Mediziner, der zum Thema „Psychiatrische Störungen“ reden soll. Die Studierenden sind schon da, sie warten in einem großen Hörsaal mit nach hinten ansteigenden Sitzreihen. Die ersten Sitzreihen haben sie typischerweise leer gelassen. Der Dozent ist noch nicht zu sehen. Sie blicken auf eine weiße Leinwand, die hinter dem Lehrerpult aufgespannt ist. Einige Minuten nach der vereinbarten Zeit eilt der Dozent mit weit ausholenden Schritten durch den Raum auf das Pult zu.12 Als er die Mitte des Raums erreicht, spricht er, ohne anzuhalten, den ersten Satz: „So!“
Da er noch mitten im Lauf ist, sagt er es geradeaus, mit Blick in Richtung Seitenwand. Beim nächsten Schritt sagt er: „Etwas zu spät!“ Bei „spät“ wendet er den Kopf kurz nach links, wo die Studierenden sitzen, allerdings ohne abzubremsen. Er braucht drei weitere Schritte, um sich von einem Tablar eine Fernbedienung zu greifen. Mit dieser dreht er sich um, sagt „äh“ und macht drei kurze Schritte zurück. Dabei studiert er kurz die Fernbedienung und tippt mit dem Finger darauf herum (was auf der Leinwand keinen Effekt erzeugt). Als er hinter dem Pult angekommen ist, sagt er, noch immer zur Fernbedienung: „Schönen guten Tag!“
Erst bei „Tag“ blickt der Dozent ins Publikum. Danach wird er sich vorstellen und dann wird die Vorlesung wirklich beginnen. Er wird zwar versuchen, seine Zuhörenden mit seinem Thema zu fesseln. Mit dieser kurzen Einleitung hat er aber weder für sie noch für sich selbst eine gute Vorlage geschaffen. Denn in diesen ersten zehn Sekunden hat er so viele Dinge getan, dass er sich und die anderen überfordert:
Betreten des Raums
Durchschreiten des Raums
kurzer Blickkontakt mit den Zuhörenden
Ergreifen der Fernbedienung (mit einem weiteren Blick ins Publikum)
Blick auf die Fernbedienung, Bedienung
Einnahme der endgültigen Redeposition
drei sprachliche Äußerungen:
Ansprechen der Verspätung („etwas zu spät“) – eventuell in der Meinung, dies werde als Entschuldigung verstanden
Überbrücken einer Pause („Äh“)
Begrüßung („Schönen guten Tag!“)13
All dies ist in einer schwungvollen Bewegung von der Tür bis zum Dozentenpult erfolgt. Für die Veranstaltung stehen 45 Minuten zur Verfügung. Es gibt keinen Grund zur Eile. Ein derart gehetzter Anfang ist nicht notwendig, und dennoch ist er typisch für diese Art Vortrag, gerade an Hochschulen und anderen Lehranstalten: Die Dozenten lassen sich keine Zeit. Sie spurten in den Hörsaal, fangen an, bevor sie richtig angekommen sind, und tun immer mehrere Dinge gleichzeitig. Damit überfordern sie sich und ihr Publikum. Und verpassen die besten Möglichkeiten, mit den Zuhörenden in Kontakt zu kommen.
Das ist kennzeichnend für den Umgang mit der Zeit in der öffentlichen Rede. Der Ausgangspunkt ist eine harmlose und selbstverständliche Rahmenbedingung des öffentlichen Redens: die Zeitabsprache. Wie geredet werden soll, ist vorgegeben, und es wird erwartet, dass die Person, die vorne steht, die vereinbarte Zeit auch einhält. Dies ist ein wichtiger Unterschied zum Alltagsgespräch. Dort ist ein flexibler zeitlicher Rahmen die Regel.14 Für öffentliche Debatten und Reden dagegen gibt es nicht nur feste Termine, sondern auch eingehende Absprachen darüber, wer wie lange reden darf. Diese Regelung wird fast in jedem Fall als Einschränkung verstanden, seien es die großzügigen 90 Minuten der universitären Vorlesung oder die fünf Minuten, die den Mitgliedern des Deutschen Bundestags für „Aussprachen zu Themen von allgemeinem aktuellen Interesse“15 zuerkannt werden. Es führt in vielen Fällen zu einer unnötigen Hast. „Fasse dich kurz!“ ist eine Maxime, die sich durch sehr viele Bereiche des Lebens zieht, und viele Redner orientieren sich sogar dann daran, wenn ihnen genügend Zeit gegeben ist.
Der Einfluss der Zeit
Zeitmanagement durch die Rednerin (im Gegensatz zum gemeinsamen Zeitmanagement im privaten Dialog)
Tendenz zu vorzeitigem Beginn
Tendenz zu hoher Sprechgeschwindigkeit
gleichzeitiges Ausführen verschiedener Handlungen (z.B. Sprechen und Bedienung technischer Geräte)
Wesentlich ist dabei die Tendenz, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Wer sich dem Publikum vorstellen will und gleichzeitig seine Brille zurechtrückt, in sein Manuskript schaut und dabei sagt: „Mein Name ist …“, verpasst die Chance, Kontakt aufzunehmen, vom Publikum als Gesprächspartner wahrgenommen zu werden – und auch das Publikum selbst wahrzunehmen.
Reden heißt Zeit haben. Nicht dass man sich auf eine bestimmte Dauer geeinigt hat, sollte die Leitlinie sein, sondern dass man frei ist, sie mit so vielen oder so wenigen Dingen zu füllen, wie es sinnvoll ist – sinnvoll für die Konzentration des Redners, für die Aufnahmefähigkeit des Publikums und für ihre Interaktion.
3Der Veranstalter spielt mit
Man schreibt das Jahr 1687. An der Universität Leipzig warten die Studierenden gespannt auf die Vorlesung des Juristen und Philosophen Christian Thomasius. Er hat Unerhörtes angekündigt: Er wird deutsch dozieren, nicht mehr lateinisch, wie bis anhin gemeinhin üblich. Zum Skandal aber wird sein Auftritt noch aus anderen Gründen: Thomasius tritt nicht mehr in der Universitätsrobe auf, der langen Amtstracht, die die Professoren, ähnlich wie die Vertreter der Kirche und des Rechts, von der übrigen Bevölkerung unterscheidet. Statt des schwarzen Talars trägt Thomasius ein französisches Seidengewand, goldenen Schmuck und dazu eine passende Perücke.16 Er folgt damit der Mode der vornehmen Stände und setzt sich von den Vorgaben seiner Hochschule und seines Standes ab.
Thomasius zog damals Tadel auf sich – nicht nur von der Universität, sondern auch vom König und von der Kirche. Für ihn als Vorkämpfer der Aufklärung, der unter anderem gegen Vorurteile aller Art, insbesondere aber gegen Hexenprozesse ins Feld zog, war der Protest gegen alte Zöpfe ein wichtiges Symbol. Er war damals noch auf weiter Flur der Einzige, der sich auf diese Weise auflehnte. Das ist kennzeichnend dafür, wie stark der Einfluss der institutionellen Rahmenbedingungen auf das Verhalten von Rednern sein kann.
Vieles hat sich seither gewandelt. Aber noch immer brauchen Reden eine öffentliche oder private Einrichtung, die ihnen den Rahmen verleiht: die Schule, das Gericht, das Parlament usw. Diese Einrichtung ist der Veranstalter und schafft den Raum für die Rede. Sie sorgt für ein Publikum und setzt den Redner in Szene. Gleichzeitig gibt sie Regeln vor, die beim Reden einzuhalten sind. Sprache und Kleidung haben dabei meist weniger Gewicht als der Inhalt, auch wenn sie oft den Vorwand für ein Einschreiten des Veranstalters bieten.
Einfluss auf die Verbreitung
Eine Rede wird von drei Mitspielern bestritten. Nicht nur Redner und Publikum gehören dazu, sondern auch der Veranstalter. Dieser hatte schon in jedem Jahrhundert seine eigenen Möglichkeiten, auf eine Rede und ihre Wirkung Einfluss zu nehmen. Wie dies im 21. Jahrhundert geschehen kann, zeigt das Beispiel der weltumspannenden Vortragsfirma TED. Sie veranstaltet Bühnenprogramme mit Kurzvorträgen, die später im Internet Millionen von Klicks generieren. Die Teilnehmenden müssen sich aber an einen ganzen Katalog von Vorschriften halten. Damit bringt TED immer wieder Redner und Publikum gegen sich auf. So zum Beispiel im Jahr 2012, als im Center Theater im kalifornischen Long Beach der Unternehmer und Investor Nick Hanauer auftrat. Sein Vortragsstil fügte sich zwar nahtlos in die Reihe der TED-Vorträge ein. Dennoch führte er zu einer heftigen Kontroverse.
Hanauer – Mitte 50, kurzes schwarzes Haar – trägt weder Robe noch Anzug, sondern einen schwarzen Pulli und blaue Jeans. Er ist es gewohnt, vor Publikum zu sprechen, und wirkt dennoch etwas angespannt. Im Scheinwerferlicht sieht er nicht viel weiter als bis zu den ersten Reihen. Er sucht noch seine endgültige Position, als er schon zu sprechen beginnt:
»Es ist erstaunlich, wie einschneidend eine einzelne Idee eine Gesellschaft und ihre Politik beeinflussen kann …«
Nick Hanauer gehört zu der Gruppe der gut 600 Milliardäre der Vereinigten Staaten, aber die Botschaft, die er verkündet, ist für Seinesgleichen ungewöhnlich. Seine These: Die Steuervorteile, die reiche Bürger und große Unternehmen genießen, bringen der Gesellschaft keinen Nutzen. Zwar werde üblicherweise behauptet, dass sie die so erzielten Einsparungen für neue Arbeitsplätze nutzten. Aber Hanauer streitet dies vehement ab:
»Reiche Leute wie ich schaffen keine Arbeitsplätze; Arbeitsplätze sind die Folge einer Rückkopplung von Kunden und Unternehmen.«
Für die Zuhörenden, vor denen er spricht, ist Hanauer ein Nestbeschmutzer. Die zweitägige Veranstaltung ist ein Festival für vermögende und erfolgreiche Persönlichkeiten, die in kurzen Vorträgen die Geheimnisse ihres Erfolgs preisgeben. Hanauer passt da nicht richtig ins Konzept. Vielleicht wirkt er deshalb zu Beginn eher unsicher, fängt zu früh mit Reden an, entwickelt wenig Gestik, lächelt kaum.
Im Publikum sitzen genügend reiche Leute, die sich nicht besonders geschmeichelt fühlen. Und es zeigt sich, dass auch der Veranstalter, TED, wenig Interesse hat, die Reichen und Superreichen, die schon viel zu seinem Erfolg beigetragen haben, zu brüskieren. Die Quittung folgt denn auch sogleich. Während andere TED-Vorträge auf der Website der Organisation prominent in Szene gesetzt werden, beschließt der CEO in diesem Fall, das Video von Hanauers Rede nicht zu veröffentlichen.
Die Begründung: Die Leistung sei „mittelmäßig“ gewesen, das anwesende Publikum habe gemischte Reaktionen gezeigt und mit der politischen Botschaft könnten sich viele Geschäftsleute angegriffen fühlen.17
Mitspieler Nummer 3, der Veranstalter, hatte zugeschlagen. In seiner Macht steht es, den Rednern eine Plattform zur Verfügung zu stellen oder auch zu entziehen. Er sorgt dafür, dass die Rede einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich wird. Im Fall von Hanauers TED-Auftritt wäre dies die Verbreitung über eine vielbeachtete Internetplattform gewesen, deren Inhalte (oder ebene fehlende Inhalte) von anderen Medien aufgenommen und kommentiert werden. Der TED-Internetauftritt ist die Pforte für den öffentlichen Diskurs. Ohne sie fehlt dem Vortrag die Chance, Thesen und Argumente zum Thema auszutauschen – in diesem Fall zum Themenkomplex Steuer, Reichtum und Armut, soziale Ungleichheit.
Einfluss auf Inhalt und Sprache
Was gesagt werden kann und wie es gesagt werden soll, ist in der öffentlichen Rede Beschränkungen unterworfen. Der Veranstalter kann für die Reden, die in seinem Einflussbereich gehalten werden, eigene Regeln formulieren. Was die TED-Vorträge betrifft, so existiert eine Liste, die angibt, welche Inhalte zulässig sind und welche nicht. Dies geht so weit, dass Behauptungen, die sich „außerhalb orthodoxen wissenschaftlichen Denkens“18 bewegen, der Zensur unterworfen werden.19 Aber auch für die Sprache gibt es Regeln. So ist zum Beispiel „unpräzises New-Age-Vokabular“ verboten.20 Es ist leicht denkbar, dass es da Redner schwer haben, die eine radikale politische oder philosophische Position vertreten.21
Als selbständiges Unternehmen hat TED die Freiheit, seine eigenen Regeln aufzustellen, ähnlich, wie es auch für andere Veranstalter gilt, seien es jetzt Ausbildungsstätten, Vereine oder andere private oder öffentliche Einrichtungen. Meistens bleiben die Regeln unausgesprochen, bis daraus Konflikte entstehen. Im Fall von Hanauer kam es bald zu einem Kräftemessen zwischen TED und dem Redner, der immerhin finanzkräftige Partner hinter sich wusste. Er wehrte sich erfolgreich. TED gab klein bei, lud später Hanauer sogar erneut ein, um ihn dann sehr schmeichelhaft auf der TED-Website zu präsentieren.22
Die Regeln des Veranstalters müssen nicht, wie bei TED, schriftlich festgelegt23 sein; andernorts hält man sich mehr oder weniger unbewusst an traditionelle Formen. Wie der Pfarrer bei der Taufe spricht (in welcher Kleidung, welchen Worten, an welchem Platz in der Kirche und mit welchen Gesten), ist in der Liturgie des Gottesdienstes festgeschrieben. Was im Parlament möglich ist und was nicht, schreibt die Geschäftsordnung vor. Aber auch wenn Jugendliche einen Debattierclub gründen, stellen sie ad hoc Regeln auf, die nicht sehr von den überlieferten Gebräuchen abweichen, obwohl sie es in der Hand hätten, völlig neuartige Formen auszuprobieren.
Der Einfluss des Veranstalters:
Platzierung der Rede im Programm: im Kontrast zu anderen Reden
Regeln zur Form: von der Kleidung bis zum sprachlichen Ausdruck
Festlegung inhaltlicher Grenzen
Entscheidung über die Weiterverbreitung: Kontakt zur Presse, Internetauftritt, Aufnahme in Publikationen
Alle diese Formen der Einflussnahme lassen einen wichtigen Grundton des Redens in der Öffentlichkeit erkennen: Es geschieht in einem Kontext der Autorität. Der Rollenunterschied zwischen Redner und Zuhörenden fügt sich ein in das Machtgefälle von Veranstalter und Publikum. Wenn der Redner sich den Vorgaben des Veranstalters fügt, profitiert er von dessen Macht. Wenn er (wie Hanauer) Thesen vertritt, die den Interessen des Veranstalters widersprechen, oder formale Vorgaben unterläuft (wie es gelegentlich bei Oscar-Verleihungen zu beobachten ist), nimmt er einen Machtkampf auf, den er auch verlieren kann. Auf der anderen Seite ist der Erfolg von Reden oft gerade darauf zurückzuführen, dass der Redner in Maßen auf Distanz zum Veranstalter geht, mit dessen Regeln kokettiert oder sie explizit missachtet.
In der Fernsehserie Wie man mit Mord davonkommt24 steht eine Juraprofessorin im Mittelpunkt, die ihre Strafrechtsvorlesung nicht als Theorie von Recht und Unrecht konzipiert hat, sondern als Anleitung, das Gesetz zu umgehen. Damit hebt sie sich explizit von ihren Kollegen ab. Gleichzeitig erzielt sie auf diese Weise einen enormen Zulauf von Studierenden und nützt damit nicht nur ihrem eigenen Renommee, sondern auch dem ihrer Universität.
Zu berücksichtigen bleibt, dass institutionelle Vorgaben auch etwas Gutes haben. Auch wenn sie in vielen Fällen lächerlich oder veraltet wirken, erleichtern sie andererseits auch die Kommunikation. Sie unterstreichen die Funktion der betreffenden Person und verleihen ihr damit mehr Autorität. Zur rhetorischen Praxis gehört es, sich zu überlegen, inwieweit es möglich ist, von den Normen des Veranstalters zu profitieren, aber auch von ihnen abzuweichen, um nicht nur als Vertreter einer abstrakten Instanz, sondern auch als Individuum in den Dialog mit dem Publikum zu treten.
4Normen von Kultur und Gesellschaft
Antoine de Saint-Exupéry berichtet in seiner Geschichte vom Kleinen Prinzen über die Entdeckung des Planeten, von dem er stammt. Ein türkischer Astronom habe ihn als erster erspäht. Als dieser aber seine Entdeckung beim internationalen Astronomen-Kongress bekannt machte, habe ihm niemand geglaubt, „und zwar ganz einfach seines Anzuges wegen“.

Abb. 4: Antoine de Saint-Exupéry: Der Astronom in traditioneller Kleidung.
Es dauerte elf Jahre, bis die wissenschaftliche Community den Mann ernst nahm. Dazwischen lagen die Gesellschaftsreformen unter Atatürk, und als der Astronom seinen Vortrag wiederholte, trug er einen Anzug nach westlicher Mode. „Und diesmal gaben sie ihm alle recht“25, berichtet Saint-Exupéry.

Abb. 5: Antoine de Saint-Exupéry: Der Astronom elf Jahre später.
Die Geschichte erinnert daran, dass Verhaltensnormen sich von Kultur zu Kultur unterscheiden – und dass diese auch für Voraussetzungen des öffentlichen Redens, seiner Organisation und seiner Funktion gilt. Die Vertreter einer vermeintlich überlegenen Kultur verlangten die Unterwerfung unter ihre Normen, um den Redner überhaupt als solchen anzuerkennen.
Das Redeverhalten wird oft als Kriterium der Beurteilung der Persönlichkeit missbraucht. Am 6. Dezember, abends, wenn es dunkel war, besuchte uns der Nikolaus. Er hatte einen Sack mit Nüssen, Äpfeln und Lebkuchen bei sich und war ein Vorbote der Bescherung zu Weihnachten. Nur stellte er uns Kinder auch vor eine Aufgabe, die nicht allen leichtfiel. Wir mussten in den Tagen zuvor ein kurzes Verslein auswendig lernen. Am Nikolausabend galt es dann, vor diesem Mann, den wir als ziemlich bedrohlich empfanden, und vor der ganzen versammelten Familie dieses Verslein vorzutragen.
Wer dies gut hinter sich brachte, wurde als „brav“ gelobt. Nun hat zwar brav zu sein, nichts mit der Fähigkeit zu tun, ein Gedicht auswendig zu sprechen. Aber es ist nicht ganz untypisch dafür, wie im Alltag mit Sprachnormen umgegangen wird. Eine persönliche Eigenschaft, die damit nichts zu tun hat, wird damit verknüpft, wie sich jemand sprachlich äußert. Uns wurde damals mit der Pflichtübung vor dem Nikolaus eingebläut, dass öffentliches Reden etwas Besonderes ist.
Was für den kleinen Jungen im Vorschulalter galt, gilt für ihn auch im späteren Leben. Eine rednerische Aufgabe ist zu lösen und das Resultat wird dazu genutzt, den Redner als Gesamtpaket zu beurteilen. Das Reden – die Sprachverwendung überhaupt – dient als Indiz für Charaktermerkmale und Fähigkeiten, die damit wenig zu tun haben. Die rednerische Brillanz oder das rednerische Ungeschick überdeckt alle anderen, wichtigeren Fähigkeiten.
Derartige Voraussetzungen lassen sich nicht durch einen einzigen Auftritt torpedieren. Das Spiel muss im Rahmen seiner Regeln gespielt werden. Aber es lässt sich sanft in einer Richtung korrigieren, die es sowohl dem Redner leichter macht als auch die Informationsvermittlung verbessert: in Richtung Dialog. Die Schwerpunkte im praktischen Teil dieses Buchs haben genau dies zum Ziel.
Tradition, Ritual, Macht
Dass gesprochene Sprache und Ritual eng zusammengehören, wird zu einem gewissen Grad immer so bleiben. Ohne den rituellen mündlichen Vortrag, der noch im Mittelalter weit wichtiger war als der Umgang mit der Schrift, wäre unsere Literatur arm dran.26 Reden werden gehalten, um Jubilare zu ehren, um Begräbnissen einen würdigen Rahmen zu geben oder auch um an einem politischen Feiertag ein Zeichen zu setzen. Nicht was gesagt wird, sondern dass etwas gesagt wird, ist wichtig. Ohne gesprochene Formeln bei Gründungsakten, Taufen oder Ernennungen könnte die betreffende Handlung gar nicht durchgeführt werden. Einen negativen Einfluss auf den Umgang mit dem Reden hat erst der Umstand, dass in vielen Fällen Äußerlichkeiten, Form und Gehabe wichtiger genommen werden als der Inhalt. Und so lange es das Reden als Ritual gibt, wird man es auch mit Werten verknüpfen, die sich weitab vom Inhalt des Gesagten bewegen.
Dies ist in der öffentlichen Rede ständig präsent. Umso wichtiger ist es für den Einzelnen, sich vom sozialen Druck, der daraus entsteht, so weit wie möglich zu emanzipieren und nur diejenigen Rahmenbedingungen zu akzeptieren, ohne die man nicht auskommt. Es geht also darum, sich an die Erwartungen der Umgebung so weit anzupassen, dass die Verständigung nicht darunter leidet.
Dass der Versuch, den rhetorischen Machtverhältnissen eigene Werte entgegenzustellen, in der klassischen Rhetoriktradition aber bald auf Grenzen stößt, zeigt drastisch auch die Genderproblematik.
Das Reden in der Öffentlichkeit galt seit jeher generell als Männerdomäne. Die klassische Rhetorik demonstriert dies sehr gut, deren Vorannahmen und Regeln auf männliche Juristen, Politiker oder Kulturschaffende ausgerichtet waren. Die ideale Rednerpersönlichkeit war der vir bonus, der rechtschaffene Mann. Frauen, die sich in der Antike poetisch oder politisch im männlich definierten öffentlichen Raum äußerten, wurden von männlicher wie weiblicher Seite gleichermaßen kritisch beäugt und ihr Einfluss und Respekt wurden „in der Regel unterminiert.“27 Konrad Lienert, Verfasser einer „Einführung in die Redekunst“, die es vor gut hundert Jahren zu sieben Auflagen brachte, setzte dem Buch mit dem Titel Der moderne Redner noch ohne Bedenken die folgenden Zeilen voran:
»Das war ein Mann! Sein Schwert hat er geschwungen,
Das Schwert des Wortes, männlich, kühn und scharf,
Und Jauchzen schallte, wenn dies Schwert erklungen,
Wenn es zu Boden jeden Gegner warf.«28
Da ist alles drin, was zur Verherrlichung der „Macht des Wortes“ gehört,29 und nicht nur der Führer des Schwertes ist ein Mann, sondern auch das Schwert selbst, das jeden Gegner niederschlägt, ist männlich.
Nun hat sich zur Zeit des besagten türkischen Astronomen in Europa einiges getan. Die Frauenbewegung kämpfte für die Gleichberechtigung, Politikerinnen wie Rosa Luxemburg verschafften sich trotz Anfeindungen Gehör. Aber die Normen blieben männliche Normen. Auch die kriegerische Vorstellung, dass öffentliches Reden ein Kampf sei, in dem das stärkere Argument obsiegt, passt zu einer Welt, in der die Männer für Sieg und Niederlage zuständig sind, die Frauen dagegen für den Ausgleich und das Zusammenkehren der Scherben.
Es ist zwar ein Topos der praktischen Rhetorikliteratur, dass „Frauen den Beziehungsaspekt in ihrer Rede in den Vordergrund stellen und einen partnerschaftlichen, kooperativen und integrativen Redestil pflegen.“ Männer dagegen bevorzugen angeblich einen Stil der Auseinandersetzung und der Sachlichkeit.30 Es existieren moderne Rhetorikratgeber für Frauen, die ein Redeverständnis vertreten, „das nicht auf der Unterscheidung von Sieg und Niederlage basiert, sondern das Raum für ein Nebeneinander von souveränen Subjekten lässt.“31 Doch dies hat bisher in der öffentlichen Rede weder zu einem erkennbaren weiblichen Stil noch zu einem Umdenken männlicher Redner geführt.
Der Einfluss gesellschaftlicher und kultureller Normen
Anwendung von Praktiken der eigenen Gruppe/Kultur auf andere
Verwechslung rednerischer Fähigkeiten mit persönlichen Qualitäten
Betonung ritueller Funktionen von Reden
Vorgabe „männlich“ besetzter Rede-Ideale
Für die Ziele dieses Buchs ist es zunächst wichtig festzuhalten, dass zu den traditionellen Rahmenbedingungen des öffentlichen Redens Faktoren gehören, die sich aus institutioneller, politischer und geschlechtsbezogener Macht ergeben. Der rednerische Auftritt in einem Rahmen über Jahrhunderte entwickelter Machtinstrumente ist nicht möglich, ohne dass auch die Rednerin auf diese zurückgreift. Aber es ist in vielen Fällen möglich, auf Kommunikationsweisen zu verzichten, die nur dem Machterhalt und nicht der Sache dienen, und alternative Formen der Auseinandersetzung zu finden.32 Hilfreich ist es dabei, die Funktion der einzelnen Rede nicht zu überschätzen, sondern sie als einen von vielen Kommunikationsprozessen in einem größeren Ganzen zu sehen. Nicht der Auftritt der Politikerin in der Gemeindeversammlung ist entscheidend, sondern die Gesamtheit der Arbeitsschritte, die ihm vorangegangen sind und folgen werden.