Kitabı oku: «Konstruktive Rhetorik», sayfa 3
5Reden entstehen geplant
Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch hatte keine Probleme damit, seine Kollegen und Mitarbeiter im direkten Gespräch zu beeindrucken. Bevor er aber seine Vorlesung an der Universität Zürich hielt, war er so aufgeregt, dass er um das Hörsaalgebäude laufen musste, um sich zu beruhigen.33 Loriot, der Humorist, der jede Alltagssituation souverän karikieren konnte, entwickelte vor seinen Bühnenauftritten ein so starkes Lampenfieber, dass er gegen Ende seiner Laufbahn seinen guten Freund Otto Sander bat, für alle Fälle als Ersatz bereitzustehen.34 Es half weder Sauerbruch noch Loriot, zu wissen, dass ihre Zuhörenden sie fast bedingungslos akzeptierten, wenn sie am Rednerpult oder auf der Bühne standen. Dennoch nahmen sie die Schwelle zum öffentlichen Auftritt immer wieder auf drastische Weise wahr.
Lampenfieber und Redeangst bestimmen viele Berichte über das öffentliche Reden. Wenig beachtet wird dabei die Tatsache, dass wir in den allermeisten Redesituationen frei von Lampenfieber sind: beim Reden im Gespräch von Gleich zu Gleich. „Im Gespräch mit ihm fühle ich mich wohl“, heißt es oft. Und in den meisten Fällen denkt man nicht einmal darüber nach. Klar, denn im Alltagsgespräch braucht man keine Sorge zu haben, ob das Gesagte „gut“ oder „korrekt“ formuliert ist. Die anderen werden nicht als Publikum verstanden, sondern als Gesprächspartner. Sie helfen bei Bedarf auch aus, vervollständigen einen Satz oder Gedanken und nehmen dadurch der Situation den Druck, den man allenfalls empfinden könnte. Es ist ein dialogisches Sprechen, ein Miteinander.
Öffentliches Reden aber behindert Spontaneität. Reden entstehen unter dem Vorzeichen eines zu erreichenden Redeziels und sind deshalb immer zu einem gewissen Grad vorbereitet. Vier wichtige Aspekte, in denen sich die Redeproduktion vom nichtöffentlichen Gespräch unterscheidet, sollen hier behandelt werden:
der psychische Übergang vom Unauffälligen des Alltäglichen zum Exponierten der Ausnahmesituation, der sich in Lampenfieber äußert,
die geistige Vorbereitung, die notwendig ist, damit die Rede ein Publikum verdient,
der Einfluss früherer Texte auf die eigene Sprache und Redeweise,
die Ausrichtung der Rede auf ein einziges Ziel.
Vom Nutzen des Lampenfiebers
Fast alle berühmten Schauspielerinnen, Musiker, Akrobatinnen, Clowns – die meisten Menschen, die auf irgendeine Weise vor Publikum aufgetreten sind, können vom Lampenfieber erzählen. Genauso gilt es für Rednerinnen in unterschiedlichsten Situationen. Sogar Menschen, die die Angst zu einem gewissen Grad überwunden haben, beteuern, dass ein Respekt für die Aufgabe notwendig sei. Dass sich dieser auch in Nervosität ausdrückt, gilt als normal.
Redeangst hat zwei Seiten. Zum einen bedeutet sie ein Hinfiebern auf die Konfrontation mit dem Publikum, also der Zustand vor der Rede. Zum anderen gibt es aber auch die Angst während der Rede. Die körperlichen Symptome – nervöses Zittern, kalte Hände, unkontrollierter Atem usw. – können weiter anhalten. In der Regel verschwinden sie aber in den ersten Minuten oder werden zumindest nicht mehr als bedrohlich empfunden. Die Furcht vor der Reaktion des Publikums, die Angst vor dem Versagen verschwindet nach einiger Zeit größtenteils.
Dass es ein „Fieber“ ist, wie die deutsche Sprache suggeriert35, lässt es als akute Erkrankung, als Belastung auffassen – wie es ein alter psychologischer Aufsatz drastisch schildert:
»Der Körper verspürt kalte Schauder in der Kreuzgegend. Er fühlt sich an, als ob ein Tausendfüßler sein Haar durchkämmte. Kalter Schweiß bricht aus und es fühlt sich an, als ob jemand in der Kniegegend die Muskeln durchtrennt hätte. Die Person würde am liebsten die Bühne so schnell wie möglich verlassen.«36
Claudia Spahn, die eine große Menge an Lampenfieber-Literatur verarbeitet hat, unterscheidet vier Gruppen von Merkmalen des Lampenfiebers:
körperliche: schneller und flacher Atem, trockener Mund, kalte und schweißige Hände usw.
emotionale: Angst und Panik, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Scham usw.
kognitive: Konzentrationsstörungen, angstvolle Beschäftigung mit dem Publikum, Blackout usw.
das Verhalten betreffende: unkontrollierte Körperhaltungen und -bewegungen, stereotype Verhaltensweisen, sozialer Rückzug usw.37
Solche Beobachtungen haben dazu geführt, dass der Zustand der Rednerin seit jeher mit demjenigen eines Menschen verglichen wird, der mit einer Gefahr konfrontiert ist. Dieser spannt seine Muskeln an und hält nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau – wie der Steinzeitmensch auf der Jagd nach dem Säbelzahntiger.38
Der englische Terminus stage fright – also „Bühnen-Angst“ – unterstreicht deutlich den Zusammenhang des Lampenfiebers mit der Distanz zum Publikum.39 Die Angst vor der Bühne trennt Rednerin und Publikum deutlich voneinander und betont so die Erwartungen an ein perfektes Auftreten, an einen Monolog. Dies lässt aber auch erkennen: Wer in der Lage ist, frühzeitig dialogische Elemente in den Vortrag einzubauen, hat ein wirksames Mittel gegen die Redeangst in der Hand.
Mark Twain berichtet, wie er den Monologcharakter bei seinem ersten öffentlichen Auftritt milderte, indem er eine Handvoll verlässlicher Freunde bat, sich im Publikum zu verteilen und auf lustige Stellen des Vortrags vernehmbar zu reagieren, so dass das Publikum einstimmte. Ein dialogisches Element war damit eingebaut, das den Redner mit Rückmeldungen sicherer machte.40
Dass Lampenfieber entstehen kann, liegt im Übrigen an einer banalen Tatsache des öffentlichen Redens: es ist vorbereitetes – meist auch explizit angekündigtes – Reden. Angst wird entwickelt, weil die Zeit vorhanden ist, Angst aufzubauen. Dies weist aber auch auf einen erleichternden Aspekt hin: Wer vor anderen reden soll, hat Zeit, um sich vorzubereiten.
Lampenfieber nutzen
In der Praxis geht es nicht darum, das Lampenfieber zu verlieren, sondern es zu nutzen, als Zeichen dafür, dass das Reden vor und mit dem Publikum eine dankbare Aufgabe und nicht eine lästige Pflicht wird. Claudia Spahn spricht denn auch nicht vom Bekämpfen, sondern vom Optimieren des Lampenfiebers.
Ein wichtiges Ziel, das sich mit unserem dialogischen Ansatz trifft, ist die Gestaltung einer positiven Beziehung zum Publikum.41 Für die Redepraxis bedeutet das nicht nur: „Ich habe den Zuhörenden etwas zu geben“, sondern auch: „Ich freue mich auf ihre Resonanz.“
Vorbereitet
Als Charles de Gaulle 1967 auf dem Balkon des Rathauses von Montréal stand und die Bürger von Québec gegen die Zentralregierung aufwiegelte, hatte dies alle Anzeichen eines improvisierten Statements. Mikrofon und Verstärkeranlage mussten in aller Eile installiert werden, de Gaulle schien in der aktuellen emotionalen Situation einer plötzlichen Eingebung zu folgen. In Wirklichkeit war es eine klar kalkulierte Rede, und er hatte schon lange zuvor beabsichtigt, ohne Rücksicht auf die französisch-kanadische Beziehungen die Separatisten von Québec zu unterstützen. Sein Ruf: „Vive le Québec libre!“ hatte, isoliert gesehen, den Anschein des Spontanen; in Wirklichkeit reihte er sich in eine längere Folge diplomatischer Affronts ein.42
Viele Gespräche im Alltag entstehen spontan und laufen ohne eine geplante Struktur ab. Wenn es dabei drunter und drüber geht, liegt darin oft gerade ihr Reiz. Eine Rede für die Öffentlichkeit dagegen hat in der Regel eine längere Entstehungsgeschichte. Sie geschieht oft in Zusammenarbeit mit anderen, mit Rückgriff auf andere Reden und Texte als Quellen. Im Prinzip aber handelt es sich um vorbereitete Reden – um Wortmeldungen, denen eine gewisse Zeit der Überlegung vorausgegangen ist. Diese zerfällt meistens in mehrere Arbeitsschritte. Schon in der Rhetorik des klassischen Altertums stellte die Gliederung der Arbeit in so genannte Produktionsstadien ein wichtiges Hilfsmittel dar. Es waren meist fünf, und sie werden noch heute mit ihren lateinischen Namen bezeichnet.43 Die ersten vier davon können als Vorbereitungsphasen verstanden werden:
[1] Inventio
das Auffinden des Stoffs, der Informationen, die seine Botschaft erhellen und stützen
[2] Dispositio
die Anordnung der einzelnen Aussagen so, dass die Rede einen überzeugenden Aufbau erhält
[3] Elocutio
die sprachliche Gestaltung der Rede
[4] Memoria
das gedankliche Durchgehen und Sich-Einprägen der Rede
[5] Actio
der Auftritt, mit der sprecherischen und körpersprachlichen Präsentation der Rede44
Dass man vorbereitet vor ein Publikum tritt, entspricht auch den Erwartungen an eine Redner: Als Einzelperson zu einer Gruppe zu sprechen, ist ein Privileg. Dazu gehört eine Kompetenz, die es einem weiteren Kreis lohnend macht, zuzuhören und dabei das eigene Wissen zu ergänzen oder in Frage zu stellen. Experte zu sein, bedeutet aber in dem meisten Fällen nicht einfach, aus dem erworbenen Wissen zu schöpfen, sondern recherchieren zu können. Auf keinem Gebiet ist es ratsam, einen alten Vortrag aus der Schublade zu ziehen und ihn so zu halten, wie es vor ein paar Jahren, Monaten oder auch Tagen passend war.
Recherche ist eine Schlüsselkompetenz in sehr vielen Berufen; wenn es darum geht, einen Text zu verfassen (und sei es eben auch eine gesprochene Rede), kommt man ohne sie nicht aus. Für die öffentliche Rede ist sie ein wichtiges Merkmal, das sie vom alltäglichen Gespräch unterscheidet. Unsicherheit über einen Sachverhalt gehört zur privaten Konversation. „Lass uns das mal nachschlagen/googeln/erfragen“ ist eine gängige Aufforderung, mit der man gemeinsam Informationen ergänzt, um danach weiter diskutieren zu können. In der öffentlichen Rede sind die entsprechenden Handlungen der Actio vorgeschaltet.
Jedes, auch das improvisierte Reden geschieht aus einer Kompetenz heraus, die man sich vorher erworben hat und die einen dazu legitimiert, das Wort zu ergreifen. Dies ergibt ein besonderes Merkmal des öffentlichen Redens: inhaltliche Verdichtung. Man hat sich mit recherchiertem Material beschäftigt, den Inhalt auf einen vorgegebenen Umfang reduziert, musste von anderen formulierte Aussagen in die eigene Rede übernehmen - all dies führt zu einer dichten Folge von Informationen, die durch einmaliges Anhören nicht leicht aufgenommen werden. Verständlichkeit und Attraktivität öffentlicher Rede werden durch ihre Vorbereitung beeinflusst. Der Sprachstil nähert sich, trotz des mündlichen Charakters, der geschriebenen Sprache an: Lange, komplexe Sätze, unübersichtlicher Aufbau, abstrakter Wortschatz sind Merkmale dafür. Schriftliche Unterlagen beeinflussen zudem die Art, wie der Redner klingt, und engen seinen Bewegungsspielraum ein. All dies vergrößert die Distanz zum Publikum. Dies bedeutet natürlich nicht, dass ein Zuviel an Vorbereitung schädlich wäre. Es bedeutet vielmehr, dass eine Sprache anzustreben wäre, die sich dem Stil der spontanen, einfachen Sprache des Alltags annähert. Das Hauptproblem in der praktischen Rhetorik ist deshalb das Herstellen von Verständlichkeit ( Kapitel 15—19).
Hinzu kommt die Schwierigkeit, die Grenze zwischen eigenen und fremden Aussagen deutlich zu machen. Dies illustriert der folgende Auszug aus einer Zwischenfrage in einer Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag:
[Norbert Barthle, CDU:] »Herr Kollege, es gibt heute eine Nachricht in der FTD [Financial Times Deutschland], da wird gemeldet: … In dieser Meldung werde ich zitiert mit der Aussage: … Und das ist genau die Position, die die Koalition vertritt, die die Bundeskanzlerin vertritt; denn die Bundeskanzlerin sagt klipp und klar: … «45
Die gesamte Intervention ist aus Zitaten aufgebaut – Zitaten von journalistischen Quellen, Kollegen und dem Sprecher selbst. Es erfordert die Fähigkeit, sich mit Geschriebenem auseinanderzusetzen und klar abzugrenzen, was man selbst meint und inwiefern man fremde Meinung nur referiert, um diese allenfalls später zu kritisieren.
Auf der anderen Seite nützt jedem Redner die längere Beschäftigung mit ihrem Thema, indem bewährte Äußerungen entstehen, auf die sich zurückgreifen lässt. Jeder, der sich an ein Publikum wendet, wird möglichst verhindern, dass er aus dem Stegreif reden muss. Und wenn es ihn dennoch einmal kalt erwischt, ist er froh, wenn er auf Redebausteine zurückgreifen kann, die er bereits anderswo erprobt hat oder die zu seiner täglichen Arbeit gehören.
Zur Erinnerung an Martin Luther King gehört die berühmte Rede, die er am 28. August 1963 am Ende des großen Marsches auf Washington vor dem Lincoln Memorial hielt. Auf dem Film, der das dokumentiert, wirkt er vor der riesigen Menschenmenge wie in Trance. I have a dream …, sagt er in der Mitte der Rede und hebt an zu der berühmten Passage, einer Vision von einem Amerika der Einheit und Gleichberechtigung. Aber dies ist weder eine spontane Eingebung noch eine einsame Tat. Hinter ihm auf dem Podium sitzt die Sängerin Mahalia Jackson. Er ist mitten in seinem vorbereiteten Text, als sie ihm zuruft: „Erzähl ihnen vom Traum, Martin!“46
Da schiebt King sein Manuskript beiseite, und spricht die unsterblichen Worte:
»Heute, meine Freunde, sage ich euch: Auch wenn wir uns den Schwierigkeiten des heutigen und morgigen Tags stellen, habe ich immer noch einen Traum. Es ist ein Traum, der tief im amerikanischen Traum wurzelt. Ich träume davon, dass eines Tages diese Nation aufsteht und die wahre Bedeutung ihres Bekenntnisses erleben wird: Wir erachten diese Wahrheiten als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen worden sind …«
Und dann erweitert er sein Bekenntnis mit drei Bildern, die diese Sehnsucht illustrieren:
»Ich träume davon, dass sich eines Tages, auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne einstiger Sklaven und die Söhne einstiger Sklavenhalter zusammensetzen können am Tisch der Bruderschaft.
Ich träume davon, dass eines Tages sogar der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze des Unrechts schmort, in der Hitze der Unterdrückung schmort, sich wandelt zu einer Oase der Freiheit und Gerechtigkeit.
Ich träume davon, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt, sondern nach dem Gehalt ihres Charakters.«47
So spontan King zu dieser unsterblichen Passage kam, so wenig improvisiert war sie. So wohlgesetzte Worte können nicht einer plötzlichen Eingebung entspringen. King konnte auf ein Repertoire zurückgreifen, das er im Lauf der Zeit aufgebaut hatte. Bei mehreren früheren Ansprachen hatte er ähnliche Passagen verwendet. Als Mahalia Jackson rief: „Erzähl ihnen vom Traum“, meinte sie genau das. Vielleicht wäre er auch selbst noch darauf gekommen. Aber auf jeden Fall nahm er die Anregung bereitwillig auf. Eine Mischung zwischen vorformulierten Passagen und spontaner Kreativität machten die Rede zu einem authentischen Produkt.
Vorbereitung kann einengen oder Sicherheit bringen
Eine gute Vorbereitung birgt immer die Gefahr, dass man sich zu eng an einem Konzept orientiert. Die Rede kann in Sprache und Tempo zu starr wirken. Gute Vorbereitung kann aber auch als Chance gesehen werden, so weit von ihr abzuweichen, dass die Rede lebendig wirkt – dank spontaner Ergänzungen, Tempoveränderungen, Reaktionen auf Einwände. Je besser dabei die Vorbereitung, desto leichter ist es, von ihr abzuweichen und bei Bedarf wieder zu ihr zurückzukehren.
Zielgerichtet
Eine Gruppe Jugendlicher spielt im Innenhof des Einkaufszentrums Fußball. Kunden, die an ihnen vorbeigehen müssen, fühlen sich gestört und protestieren. Der sportliche Eifer schlägt in Aggression um. Gewalt liegt in der Luft. Da schnappt sich einer der bisher unbeteiligten Passanten den Ball und geht auf die Jugendlichen zu. Er ruft die Streithähne zur Besonnenheit auf und fordert die Jugendlichen auf, ihr Spiel draußen fortzusetzen.48
Der Mann war eigentlich nur auf einem Einkaufsbummel mit seiner Familie. Das aktuelle Ereignis hat ihn zu einem Rollenwechsel bewegt. Er ist jetzt Redner. Die Szene hat sich für ihn verändert, er spricht nicht mehr mit Frau und Kindern, sondern zu einer Gruppe fremder Menschen. Der Raum hat sich geweitet. Die Zeit, die man ihm zuzuhören bereit sein wird, ist begrenzt. Gleichzeitig ist auch der Inhalt seiner Rede klar fokussiert. Er hat ein einfaches Ziel: die Situation zu beruhigen. Auch wenn seine Worte mehr enthalten – eine Anrede, einen Ausdruck des Verständnisses für beide Seiten, einen Dank – sind sie auf eine einzige Handlung ausgerichtet: auf die Aufforderung, woanders zu spielen.
Zu jeder öffentlichen Rede gehört, dass sie einem Zweck untergeordnet ist. Dieser ist meistens von vornherein festgelegt. Es kann zum Beispiel eine neutrale Information sein (z.B. bei einer Stadtführung oder einer Durchsage am Bahnhof) bzw. Belehrung (z.B. bei öffentlichen Vorträgen oder in Unterrichtssituationen). Je nach Tradition – oder nach Übereinkunft von Redner und Publikum – kann das Ziel auch ganz anderer Art sein:
Unterhaltung
Aufklärung
Anleitung
Befehl
Anklage
Verteidigung
Verkündigung
Begrüßung
Nachruf usw.
Reden in der Öffentlichkeit ist zielgerichtet. Doch je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto eher werden neben dem Hauptziel auch weitere Ziele verfolgt. Ein Sachvortrag über die Klimaveränderung kann neben dem informativen auch werbenden Charakter haben. Eine unterhaltende Erzählung kann auch eine weltanschauliche Botschaft enthalten usw. Dennoch ist die Rede jeweils einem Hauptziel untergeordnet.
Für die praktische Rhetorik ist es wichtig, auch eine kleinteiligere Handlungsstruktur zu erkennen, die das Hauptziel unterstützt. Ein längerer Vortrag zerfällt zum Beispiel in Hintergrundinformationen, Thesen und Argumente. Zwischendurch werden Hauptaussagen mit Beispielen illustriert, Fragen gestellt, Zusammenfassungen formuliert etc.49 Typisch für die öffentliche Rede ist, dass alle diese Teile in der Verantwortung des Redners liegen. Je dialogischer die Form, desto eher können sich alle Gesprächspartner an den die Hauptaussage stützenden Elementen beteiligen. In einer abwechslungsreich gestalteten Schulstunde zum Beispiel erarbeiten die Schülerinnen einleuchtende Beispiele. In einem Gespräch mit der Ärztin wird der Patient aufgefordert, die wichtigsten Punkte zusammenzufassen. In einem Verkaufsgespräch sind Fragen der Kundin oft wichtiger als die Behauptungen des Verkäufers.
Sprechhandlungen
Jede Rede zerfällt in einzelne Teilhandlungen: Ankündigen, Behaupten, Begründen, Illustrieren, Zusammenfassen usw. Sie ist aber in der Regel einem einzigen Ziel untergeordnet, das als Haupthandlung bezeichnet werden kann: Informieren, Unterhalten, Überzeugen, Auffordern usw. Wir werden unter dem Begriff Sprechhandlung oder Sprechakt darauf zurückkommen ( Kapitel 23 | Das Geheimnis der Sprechhandlung).
Deshalb ist es sinnvoll, auch den Handlungsaspekt der öffentlichen Rede nicht einseitig aus dem Blickwinkel der Rednerin zu sehen. Die Vorstellung, dass Publikum und Organisatoren an der Ausrichtung der Rede mitbeteiligt sind, nimmt viel Gewicht von den Schultern der hauptverantwortlichen Person. Wenn Rednerin und Publikum auf Augenhöhe sind, sich unter dem Zeichen der Gleichberechtigung finden, ist die Gliederung in Teilhandlungen auch eine Gliederung in Rede und Gegenrede.
Typische Merkmale öffentlicher Rede:
vorbereitet: Der Präsentation geht eine Zeit des Vorlaufs voraus, die zu einer (oft mentalen) inhaltlichen und formalen Skizze genutzt wird, oft auch zu einem vollständig formulierten Manuskript.
textbasiert: Reden beruhen sprachlich und inhaltlich auf bereits existierendem Material: auf Quellen, auf bisherigen Reden, auf eigenen und fremden Redebausteinen. Dies verstärkt den offiziellen Charakter des Sprachstils (Schriftsprache).50
zielgerichtet: Öffentliche Reden sind meist deutlich auf einen einzigen Zweck ausgerichtet.