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Kitabı oku: «Im Reiche des silbernen Löwen IV», sayfa 35

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Da war der Kampf auf Leben und Tod zu Ende. Der Scheik ul Islam kam unter den Sitzen hervorgekrochen und richtete sich auf, ganz ermattet, langsam, blutend. Er sah sich mit stierem Blick im Kreise um und rief mit heiserer Stimme:

»Es kam so, wie ich sagte: Er ist zur Hölle gegangen. Dort mag er reden, was er will, so wird es doch nichts schaden. Die Teufel glauben nicht so schnell wie die Menschen! Ich bin verwundet. Bringt mich nach meinem Zelte!«

Einige Taki eilten hinzu, um ihm zu helfen. Man zog den Multasim hervor. Er war tot. Das Messer steckte bis an den Griff in seiner nackten Brust. Da blitzte und krachte es abermals, und der Regen begann in einer solchen Weise sich zu ergießen, daß ich schleunigst nach dem Zelte Agha Sibils eilte, wo ich, der längst Erwartete, von meinem alten Bagdader Freunde und all den Seinen mit herzlicher Freude aufgenommen wurde.

Mein Erstes war, gute Plätze für Halef, Hanneh und Kara zu reservieren, welche natürlich nicht auf sich warten ließen, und dann geschah der Freundschaft und der Vergangenheit ihr Recht, mochte es draußen gießen oder strömen und hier innen tropfen oder träufeln, wie es wollte. Auch Kepek wurde erwähnt. Man hatte ihn wegen seiner unbehilflichen Körperfülle so schnell wie möglich als Fracht nach Isphahan gesandt, wo sein Herr sich für die Zukunft mit ihm niederlassen wollte. Die »Festjungfrau« war als lebenslängliche Köchin in Aussicht genommen, und Tifl hatte dabei als Pendant zu Kepek tüchtig mitzuessen.

Der Regen währte ausnahmsweise stundenlang. Als er einmal eine Pause machte, schickte Schakara für mich und Kara Pferde, für Halef und Hanneh aber eine Doppelsänfte, mit deren Hilfe wir schnell nach Hause kamen. Der Ustad folgte erst später. Wie umsichtig Schakara war, bewies sie jetzt auch wieder dadurch, daß sie unsere Pferde aus dem schweren Regen in das bereits wohlbekannte Gewölbe gerettet hatte.

Der Ustad kam mit Dschafar Mirza, eben als das zurückgekehrte Gewitter mit einer zweiten, noch längeren Entladung einsetzte. Sie hatten im Hause des Chodj-y-Dschuna ein bequemes Unterkommen gefunden und von dort aus Alles beobachtet und nach Kräften dirigiert. Sie nahmen den von dem Unwetter angerichteten Wirrwarr nicht von der tragischen, sondern von der komischen Seite, und so fiel es auch mir nicht ein, mir um irgend Etwas betrübte Gedanken zu machen. Als ich nach der Leiche des Henkers frug, erfuhr ich, daß man sie nach den Ruinen geschafft und dort dem Scheik ul Islam vor das Zelt gelegt habe. Sein Pferd war vom Hauptmanne konfisziert worden; den Kiss-y-Darr aber hatte der Ustad jetzt mitgebracht, um ihn wieder gesund zu pflegen.

Der Regen ließ auch für später nicht nach. So war nichts mehr zu machen, und wir gingen in der Hoffnung schlafen, daß er sich bis morgen ausgegossen haben werde. – Es legte sich heut wohl kein Mensch so hochbefriedigt, so stolz nieder wie Hadschi Halef und Hanneh. Ihr Sohn war unbedingt der Held des heutigen Tages gewesen, und ich hatte ihnen gesagt, daß dies nicht etwa Zufall, sondern in der vortrefflichen Begabung Kara‘s begründet sei. Das war eine Wonne für meinen Hadschi, der, als ich am andern Morgen aufstand, soeben in die Sänfte stieg, um sich nach der Tribüne tragen zu lassen, denn Ahriman Mirza und der Scheik ul Islam hatten einen Zusammentritt des Preisgerichtes und der Dschemma gefordert, weil sie gleich heut früh einen wichtigen Antrag zu stellen hätten. Bei einer solchen Beratung mußte der »Scheik der Haddedihn« natürlich gegenwärtig sein, und wenn er noch so schwach gewesen wäre! Der gestrige Tag aber war ihm außerordentlich gut bekommen, natürlich infolge der Freude über das brave Verhalten seines Sohnes.

Nach einer Stunde, als die Verhandlung vorüber war, welche der Ustad geleitet hatte, kam dieser selbst nach dem Hause herauf, um mich aufzusuchen und abzuholen. Da erfuhr ich denn, welche Wünsche Ahriman Mirza und der Scheik ul Islam vorgebracht hatten. Diesen beiden Herren schien nämlich der Gedanke, sich nach der gestrigen Blamage den ganzen heutigen Tag den Blicken einer so großen Volksmenge auszusetzen, sehr peinlich zu sein. Sie hatten sich also schon am frühesten Morgen darüber geeinigt, daß das Rennen, wenigstens für sie und ihre Zwecke, so kurz wie möglich abzumachen sei. Daher ihr Antrag. Dieser lautete: Die edlen Pferde, welche eigentlich laufen sollten, laufen nicht, werden aber als Gewinne gestellt. Wirklich rennen werden von jeder Seite nur drei. Wer in zwei Rennen siegt, gewinnt sämtliche Pferde. Keiner von diesen drei Matadoren darf zweimal laufen, und sie vorher vorzuzeigen, ist nicht nötig. Die Preispferde müssen gegenseitig von gleichem Werte sein.

Was ich nun erwartete, das war auch geschehen: Die Dschamikun hatten diesen Antrag einstimmig angenommen, und man war unten am See jetzt schon sehr fleißig dabei, die Preise zu taxieren und zu vergleichen. Diese Bedingungen bezogen sich auch auf ein voranzugehendes Kamelrennen, bei welchem die Chancen der Dschamikun freilich nicht günstig standen, weil ihre Tiere mehr in die Berge als für den Schnellauf in der Ebene paßten, während dem Aemir-i-Sillan jedenfalls die besten Eilkamele seiner Schatten und Massaban zur Verfügung standen. Dieser Mangel aber wurde, zumal unter den neuen Bedingungen, durch die beiden Leibkamele unserer Hanneh vollständig ausgeglichen.

Da wir nur Syrr verbargen, sonst aber mit unsern Matadoren nicht Verstecken spielen wollten, gab der Ustad Befehl, die Letzeren für unsere Boten bereit zu halten. Syrr jedoch wurde mit alten Decken behangen und ganz heimlich hinunter zum Chodj-y-Dschuna gebracht und in dessen Hof gestellt, den Niemand betreten durfte. Als wir dann gehen wollten, fragte Schakara, ob sie dieses gewiß seltene Rennen mit ansehen dürfe, und wir freuten uns darüber, ihr einen guten Platz zwischen uns Beiden versprechen zu können.

Was das Wetter betrifft, so war es so, wie wir es uns gar nicht besser hätten wünschen können. Es hatte zwar bis spät nach Mitternacht »wie aus Flußmulden« gegossen; alles Buschwerk hing von der Schwere des herabgestürzten Wassers tief niederwärts; die Stauden und Gräser lagen hart am Boden, und gar mancher Baum war mitsamt den Wurzeln ausgewuchtet worden; aber die Flut hatte sich vollständig in den See verlaufen; die Wege waren schnell wieder getrocknet, und die Rennbahn lag sogar noch besser da als gestern, weil die Wucht der Regenmassen von ebnender Wirkung gewesen war.

Als wir mit Dschafar Mirza, der nun wahrscheinlich seines Lebens wieder sicher sein konnte, hinunterkamen, sahen wir, wie sehr Ahriman und der Scheik ul Islam sich beeilt hatten, ihre Preise zu stellen. Sie waren beide persönlich da, um darüber zu wachen, daß ihnen nur Gleichwertiges gegenübergesetzt wurde, denn es lag ja in ihrer Absicht, uns alles Gute abzugewinnen und dann über den zurückgebliebenen Schund zu lachen und zu lästern. Dadurch hatten sie aber auch sich selbst gezwungen, nur ihr Bestes daranzuwagen, und ich war sehr neugierig darauf, wie dieses »Beste« sich wohl ausnehmen und bewähren werde.

Was zunächst nicht die Pferde und Kamele sondern die beiden genannten Personen betrifft, so machte der Scheik ul Islam heut fast denselben Eindruck, den gestern der »Schundroman« gemacht hatte, ja einen fast noch schlimmeren, weil die vielen Schnittwunden und Schmarren, welche er im Kampfe mit seinem eigenen Schützling erhalten hatte, keine gefälschten, sondern wirkliche waren. Das Messer schien ihm wiederholt entrissen und gegen ihn selbst gerichtet worden zu sein. Besonders hatte er das Gesicht sehr arg bepflastert, und an der einen Wange und dem Kinn fehlte ihm ein großes Stückchen Haut mitsamt dem Bart. Der Rest des letzteren war nun nicht mehr eine Zierde für ihn, sondern vielmehr eine Schande. Er gab sich aber die Miene, als ob ihm das im höchsten Grade gleichgültig sei. Ahriman Mirza zwar war sehr still und in sich gekehrt. Bald hatte sein Gesicht einen geradzu blöden Ausdruck; bald funkelten seine Augen in grimmiger Energie. Alles, was er tat, war unsicher und überhastet, und sehr oft horchte er ängstlich auf oder schaute wie erschrocken hinter sich, als ob er sich von etwas Unsichtbarem ärgerlich beobachtet und beeinflußt fühle.

Sie hatten über dreißig Kamele gestellt. Diese waren vortrefflich, einige davon sogar ausgezeichnet, ausnahmslos nur echte, hochrassige Schuturi Ba‘aud112. Der Umstand, daß die Dschamikun nur Bergkamele besaßen, die aber als solche von ganz demselben, vielleicht noch höherem Werte waren, wurde von ihnen bereitwillig durch die Zahl ausgeglichen: Sie stellten zehn Stück mehr dagegen. In Beziehung auf die Taki und Dinarun war dies nicht nötig. Diese brachten gegen vierzig Stück zusammen, was die Dschamikun mit ebenso vierzig erwiderten.

In Betreff der Pferde lagen die Verhältnisse umgekehrt. Die Gegner mochten in Beziehung auf ihre Matadore denken, was sie wollten; der Durchschnitt aber stellte sie tief. Sie konnten nicht einmal so tun, als ob sie das leugnen wollten. Ihr Aerger hierüber war groß; sie verschluckten ihn aber im stillen. Sie brachten mit den Dinarun und Taki zwar gegen sechzig Stück »edles Blut« zusammen, wie sie es nannten, mußten es sich aber gefallen lassen, daß wir mit nur vierzig parierten.

Nach Abschluß dieser Verhandlungen wurde das Resultat bekannt gegeben und schnell über das ganze Tal verbreitet. Nun schickten wir nach den beiden Eilkamelen, welche von einem der mitgebrachten Haddedihn und von Hanneh geritten werden sollten; sie tat das nicht anders; sie wollte auch einmal zeigen, daß man kann, wenn man will! Unser drittes war das schnellste Kamel der Dschamikun, leider aber schon ziemlich alt und dabei eigenwillig. Als die Gegner ihre drei Trümpfe brachten, sahen wir freilich, daß es nicht leicht war, gegen solche Kamele aufzukommen. Der Scheik ul Islam und der Mirza gebärdeten sich sehr siegesgewiß; der alte, bigotte Scheik der Taki ebenso. Sie lachten, als der Dschamiki mit dem seinigen kam. Und sie lachten noch lauter, als unsere Bischarihn-Hedschihn gebracht wurden und sie nun erfuhren, daß eines derselben von einem Weibe geritten werden solle.

Es wurde eine Schnur quer über die Bahn gezogen.

An ihr hatten sich die sechs Kamele in einer Reihe neben einander niederzulegen. Sie wurden bestiegen. Sobald das Zeichen gegeben wurde, hatte man die Schnur zu entfernen. Es handelte sich hier um einen Gesamtlauf, während die Pferde zu zweien rennen sollten.

Unsere Hanneh schwang sich mit einer Miene in den Sattel, als ob es sich um etwas ganz Alltägliches handle. Sie hatte nur den dünnen Medrek in der Hand, ein leichtes Stäbchen, mit welchem man dem Hedschihn zeigt, nach welcher Seite es sich zu halten habe. Die Gegner aber waren mit schweren, schmerzenden Hetzpeitschen versehen.

Da ertönte die Kärna. Die Schnur verschwand. Sechs Zurufe erschollen. Aber nur fünf Kamele gehorchten. Dasjenige des Dschamiki sprang nicht auf. Es blieb liegen. Es brüllte vor Zorn über die große Menschenmenge, vor der es sich produzieren sollte. Das paßte ihm nicht. Unsere Gegner lachten; wir aber auch. Der Dschamiki lachte schließlich ebenso mit, stieg ab und gab seinem Kamele so lange gute Worte, bis es aufstand und sich von ihm fortbringen ließ.

Inzwischen waren die drei Gegner sofort im eiligsten Laufe davongeritten, Hanneh und der Haddedihn aber erst langsam hinterher. Der Scheik ul Islam jubelte laut, denn der Abstand, den es gab, war nach seiner Ansicht bei der nur einmaligen Runde, die es gab, fast gar nicht einzubringen. Aber die Schnelligkeit unserer Hedschihn vergrößerte sich; sie vergrößerte sich auch dann noch, als sie diejenige der Vorläufer erreicht hatte; sie nahm zu, immer zu, als ob sie sich bis in das Unheimliche steigern wolle. Jetzt war der hinterste Gegner erreicht; er wurde überholt. Bald auch der zweite. Der erste war weiter voran. Er schaute sich wiederholt nach dem Verhängnisse um, dem er so gern entrinnen wollte und doch nicht konnte. Es kam; es kam! Es flog an ihm vorüber, weiter, immer weiter, den Geisterhedschahn gleich, von denen man in den Steppen des Sudan erzählt – – jenseits am See zurück, vom brausenden Jubel der staunenden Menge begleitet, herbei, herbei, um endlich bei uns zu halten.

Hanneh wartete das Niederknieen ihres unübertrefflichen Tieres gar nicht ab. Sie schwang sich von oben herunter, ging leuchtenden Auges dorthin, wo der Scheik ul Islam und der Mirza saßen, schlug mit ihrem Stabe laut auf die Bank vor ihnen und sagte:

»Ihr lachtet über das Weib; das Weib lacht nicht, aber es siegt!«

Hierauf kehrte sie an ihren Platz zurück, von Mann und Sohn mit Händedrücken empfangen. Ihr Haddedihn führte die siegreichen Tiere fort. Dann erst kamen die Gegner, einer immer später als der andere. Wir hatten von drei Nummern zwei Gewinner und also die siebzig Kamele und auch die drei Matadore gewonnen. Der Pedehr sorgte dafür, daß sie sofort in Sicherheit gebracht wurden.

Das hatten die Feinde nicht erwartet. Aber anstatt klug und still zu sein, verfielen sie in das Gegenteil und rühmten sich, mit den Pferden Rache nehmen zu wollen. Der Scheik ul Islam rief nach seinem »besten Pferd von Luristan«, gegen welches zunächst zu reiten sei. Es wurde ihm schnell gebracht, und so bekamen wir dieses vielgepriesene Wunder nun endlich einmal zu sehen.

Es war Taki-Zucht, nicht Araber, doch auch nicht Perser, von jeder Rasse ein Muskel oder ein Knochen. Aber gut, sehr gut sah der Kerl aus! Doch nicht für die Augen des Kenners, der sich vielmehr sagen mußte:

Trügerische Formen, Paraderenner, aber nicht für den Ernst!

»Den nehme ich getrost mit meiner Sahm!« sagte der Ustad. »Er verdient keinen berühmten Gegner.«

Wir hatten nach Hause geschickt und unsere »Trümpfe« kommen lassen. Sie standen in der Nähe und wurden von den Gegnern in ausgiebigster Weise behaßäugelt. Der Scheik ul Islam erklärte, daß er sein Pferd selbst reiten werde, und so stellte sich ihm der Ustad mit der Sahm als Gegenpartner vor. Beide Pferde und beide Reiter wurden ausgerufen, und es ging wie ein Rauschen von Mund zu Mund und laut um den See, wen man jetzt im Kampfe zu sehen bekommen werde. Beide Reiter warfen ihre Oberkleider ab und stiegen auf. Sie hielten neben einander. Der Hornist hob die Kärna zum Munde, um das Zeichen zu geben. Noch aber erscholl es nicht, so jagte der Scheik ul Islam schon davon. Es galt für die drei Pferderennen je eine Doppelrunde.

Man schrie laut auf über diese Unehrlichkeit; aber der Ustad rief:

»Ich protestiere nicht! Aber ich reite ehrlich! Heraus mit dem Zeichen!«

Die Kärna schmetterte. Die Stute ging regelrecht fort, erst Schritt, dann Trab, dann Galopp. Es sah aus, als reite der Ustad nur spazieren. Das »beste Pferd von Luristan« aber flog da draußen, als sei es aus einem Böller geschossen worden, denn der Scheik ul Islam hatte das Geheimnis schon gegeben. Tiefe Stille herrschte. Die Sahm lag jetzt in glattem Galopp. Ich sage mit Absicht, sie »lag«. Wie eine jener einst so hochberühmten amerikanischen Briggs mit ihrer Schonertakelage, die man nicht »gehen« sieht, wenn sie vor dem Winde »liegt«, und aber doch nie einzuholen ist! Und sie »blieb liegen!« Die Entfernung der beiden Pferde blieb die gleiche, fort und fort, und um den See. Das Rennen kam von drüben wieder herüber – – an uns vorbei. Der Scheik ul Islam, mit tiefgeröteter Gesichtshaut zwischen den weißen Pflastern. Sein Pferd troff von Schweiß, und weiße Flocken flogen ihm vom Maule. Dann der Ustad, mit unveränderter Miene, uns vertraulich zunickend. Die Sahm war trocken und noch ganz bei Atem. Sie arbeitete nicht, sondern sie »lag« noch immer.

»Er siegt!« sagte Schakara neben mir. »Er hat das Geheimnis ja noch gar nicht angewendet!«

Es war, als ob er in innerer Verbindung mit der Sprecherin sei, denn kaum hatte sie es gesagt, so warf der Ustad den Arm hoch empor, und die Sahm bekam einen Ruck, dessen Schnellkraft nicht etwa verschwand, sondern von jetzt an ununterbrochen weiterwirkte. Und nun begann der bisherige Abstand, sich zusehends zu verringern. Das »beste Pferd von Luristan« war zu früh gezwungen worden, herzugeben, was es hatte. Die Kräfte ließen nach; die Lunge versagte den Dienst. Der fliegende Galopp verwandelte sich in ein unregelmäßiges Springen. Die Sahm aber »lag« nun wieder, aber im Geheimnisse! Sie holte den Gegner ein; sie schoß an ihm vorüber. Noch eine kleine Weile, so nahm der Ustad das Geheimnis wieder ab, um sie zu schonen, denn er hatte zurückgeschaut und bemerkt, daß das Pferd des Scheikes nun nicht mehr rannte, sondern sich gegen seinen Reiter sträubte, weiter zu gehen. Er schlug mit der Peitsche zwar unbarmherzig auf das arme, so töricht ausgepumpte Tier los, aber vergeblich. Es blieb einfach stehen, so daß er ihm schließlich seinen Willen oder vielmehr Unwillen lassen mußte und langsam durch den Duar herbeigeritten kam. Als er die Tribüne erreichte und abstieg, saß der Ustad schon längst wieder an seinem Platze! Der Besiegte ließ »das beste Pferd« stehen, ging, ohne ein Wort zu sagen, zu seinem Sitz und sank ermattet auf demselben nieder. Ahriman Mirza aber sprang auf, warf ihm einige grimmige Worte in das Gesicht und verkündete hierauf laut, daß jetzt der unbesiegbare Iblis erscheinen und uns eines ganz Anderen belehren werde!

Natürlich war man allgemein gespannt, dieses Pferd zu sehen. Es wurde gebracht. Wir gingen hin. Ahriman stand bei ihm und pries es mit überschwenglichen Worten. Schakara sah ihn dabei aufmerksam an und sagte uns dann leise:

»Nehmt Euch in acht! Ich fühle eine schlimme Absicht, die er hat; nur weiß ich nicht, welche.«

Wir wußten, daß der Iblis eine Khorassan-Schecke sei. Dieses Pferd hier war eine Schecke, ja, aber auf keinen Fall aus Khorassan stammend! Freilich, man konnte uns falsch berichtet haben, und sie war dann doch der Iblis. Aber da sagte der Mirza, daß sein »Freund« sie reiten werde, und da stand es bei uns fest, daß ein Betrug oder wenigstens eine List beabsichtigt werde. Der Ustad war der Meinung, man wolle uns verleiten, unsern besten Trumpf an dieses vorgeschobene Pferd zu verschwenden, und es stellte sich dann auch heraus, daß dies richtig war. Da keiner der Matadore zweimal rennen durfte, hätte dann der echte Iblis keinen ebenbürtigen Gegner gehabt. So wenigstens hatte Ahriman gerechnet, dabei aber nicht angenommen, daß schon das erste Rennen für ihn verloren gehen könne. War er denn gedankenschwach geworden? Er sah doch unsere Rappen stehen, gegen welche diese Schecke unmöglich aufkommen konnte! Wenn sie dieses zweite Rennen verlor, wurden wir Sieger und brauchten gar nicht weiter mitzumachen! Wir fragten unsern Kara, ob er es übernehmen wolle, den angeblichen Iblis mit dem Barkh behaglich um die Ecke zu reiten, und er war mit Wonne bereit dazu.

So wurden also diese beiden Pferde und ihre Reiter ausgerufen. Wir sahen, daß der »Freund« jener Vertraute war, der mit dem Obersten der Schatten den geheimen Gang in den Ruinen untersucht hatte. Er stieg auf und schaute von seiner Schecke herab, als ob er die Absicht habe, seinen Gegner sofort in Grund und Boden zu reiten. Es kam aber anders!

Hatte nämlich der Ustad mit dem Geheimnisse gespart, so tat Kara jetzt das Gegenteil. Kaum waren nach dem gegebenen Zeichen die Pferde in Gang, so gab er es und war schon in der nächsten Minute dem »Freunde« so weit voraus, daß alle Zuschauer staunten. Und das wuchs und wuchs! Die Schecke lief gut; sie lief, was sie nur konnte; aber sie kam gegen unsern Rappen nicht vorwärts, trotz ihres guten Willens. Auch der Reiter gab sich alle Mühe, doch umsonst. Als Kara, die zweite Runde beginnend, an uns vorüberkam, hatte er das Geheimnis bereits wieder ausgelöst; die Schecke war aber noch jenseits draußen vor dem Duar, dessen ganze Ausdehnung also schon zwischen ihnen lag. Und nun tat Kara weiter nichts, als daß er diesen Abstand unausgesetzt erhielt, bis er nach der zweiten Runde das Ziel erreichte.

Zwei Touren gewonnen von Dreien! Wir waren also Sieger! Da aber erhob Ahriman Mirza von dem Ausruferstand, den er bestieg, lauten Einspruch. Das erste Rennen gelte nichts, weil der Scheik ul Islam unehrlich gewesen und vorgeritten sei. Er beschimpfte also seinen eigenen Partner und drang auf die dritte und letzte Tour. Nur wer diese gewinne, sei Sieger, sonst aber Keiner! Die Preisrichter nahmen diese Frage vor und entschieden für uns, denn man könne die Unehrlichkeit doch nicht belohnen und der Ustad habe ausdrücklich erklärt, daß er nicht protestiere. Die Gegner aber standen zum Mirza und wollten sich nicht fügen. Schon standen wir in Begriff, mit Gewaltmaßregeln zu drohen, da geschah etwas sonderbar Seltsames. Schakara verließ nämlich, ohne uns vorher hierüber zu verständigen, ihren Sitz, stieg die Stufen zum Stand hinauf und winkte Schweigen. Das Erscheinen eines Mädchens da oben verwunderte. Man war still. Da begann sie zu sprechen, kurz, klar, bestimmt. Sie forderte Ahriman Mirza auf, seinen Chandschar mit zu den Preisen zu legen, dann werde das dritte Rennen sofort stattfinden, und wer es gewinne, der habe gesiegt. Sie tat sogar noch mehr: Sie setzte gegen den Dolch die bereits gewonnenen Kamele, so daß also dem Sieger dieser letzten Tour der ganze Gewinn und dazu der Chandschar zu gehören habe.

Wir staunten! Der Mirza auch! Woher nahm dieses sonst so bescheidene, zurückgezogene Mädchen den Mut, hier in dieser Weise öffentlich aufzutreten? Uns allen in einer so wichtigen Sache ohne Erlaubnis vorzugreifen? Da drückte mir der Ustad die Hand und sagte:

»Erschrecke nicht! Du weißt, sie kommt von Marah Durimeh! Sie hat geheime Gründe! Wenn der Mirza darauf eingeht, tue ich es gern. Du hast ja den Syrr!«

Da verließ Ahriman seinen Platz. Mit weit geöffneten Augen Schakara anstarrend, schritt er langsam zu ihr hin, löste den Chandschar vom Gürtel und reichte ihn ihr hinauf. Sie nahm ihn. Nun legte er sich beide Hände vor die Augen und stand eine Weile still, doch mit zuckendem Körper. Hierauf nahm er die Hände hinweg, richtete sich kerzengerade empor, warf beide Arme in die Höhe und rief aus:

»Meinen Chandschar, meine Waffe, mein Höchstes! Nicht um ein Reich zu beherrschen, sondern für Pferde und Kamele! Aber ich muß, ich muß! Sie hat ihre Augen! Sie hat ihre Gestalt, ihre Stimme! Und sie hat auch ihre Gedanken und ihre Macht! Da bin ich nichts; da muß ich gehorchen! – – – Wohlan! Holt mir den Teufel! Aber den echten, den wahren, den wirklichen, nicht den falschen, den gelogenen! Es gilt ein Reiten, wie es wohl noch nie geritten worden ist! Denn wenn Marah Durimeh mich zwingt, in den Sattel zu steigen, um meinen Chandschar zu retten, so stellt sie mir auch jenes von der Hölle gehaßte Geschöpf, aus dessen Haar beim Ritt die Funken springen! Also den Teufel her, den Iblis! Und schnell, denn es hat Eile!«

Wen oder was meinte er mit jenem »Geschöpf, aus dessen Haar die Funken springen«? Hatte er das nur figürlich gemeint? Oder war er bereits verrückt? Vielleicht das Letztere, denn sein Gebaren glich augenblicklich ganz dem eines Irren, der auf Etwas warten muß und es doch nicht erwarten kann. Und als man das verlangte Pferd brachte, sprang er auf dasselbe zu, schnellte sich in den Sattel und rief aus:

»Das ist er, das, der schnellste aller Teufel! Und ich bin Ahriman, sein Meister und sein Herr! Wo ist der Mensch, der sich an mich und diesen Satan wagt?«

Wir gingen hin, um das Pferd in Augenschein zu nehmen, konnten uns aber nicht ganz nähern, denn die Bestie duldete das nicht. Sie biß und schlug nach Jedem, den sie erreichen konnte. War das natürliche Bosheit oder Dressur? Ja, diese Schecke war ein echtes Khorassanvollblut, starrsinnig und bis zur Glühhitze kalt, wie das Klima ihrer heimatlichen Salzwüsten! Die Ohren groß, mit hängenden Spitzen, wie die gewissen Hunderassen. Die Stirn verschwindend niedrig, doch knochig, höckerig und überbreit. Das Auge boshaft, aus dem Weißen schielend. Das knorpelige Maul mit Borsten stark besetzt. Die Brust sehr schmal, das Ideal einer Rennerlunge andeutend. Die Muskeln der Vorarme und Schenkel vortrefflich geübt und gestählt. Die Beugesehnen, Kötengelenke, Fesseln, Kronen und Hufe geradezu unvergleichlich. Schopf, Mähne und Schwanz aber häßlich dünn, ohne Glanz, mit absterbenden Haarspitzen. Das Alles zusammen ein Pferd, welches ein Fragezeichen für jeden Kenner war, sobald es ruhig stand, dann aber schon bei der kleinsten Bewegung ahnen ließ, daß höchst wahrscheinlich ganz Ueberraschendes in ihm stecke.

Ich hatte, sobald der Mirza nach seinem Teufel rief, Kara fortgeschickt, auch Syrr zu bringen. Er kam mit ihm, grad als Ahriman die Frage, wer mit ihm anzubinden wage, zum zweitenmal wiederholte. Da trat ich vor und sagte nichts, als – – »ich!« Da lachte er fast brüllend auf und rief zu seiner Khanum Gul hinüber:

»Hast du es gehört? Er – – er – – derselbe! Fast dachte ich es mir! Denn dieser Mensch scheint mir dazu geboren, stets da zu sein, wo ihn kein Teufel braucht!« Er strich mit der Reitpeitsche quer gegen mich hernieder und fuhr dann fort: »Kein Anderer käme mir so recht wie du! Ein Ausgestoßener des Abendlandes, der uns das schöne Morgenland vergällt, um sich in seiner Heimat wieder einzuschmeicheln! Du wärst der Mann, den Chandschar mir zu nehmen! Ich habe wohl gehört von deinem Rappen, mit dem du prahlst, wohin du immer kommst. Assil Ben Rih, der Hengst der Haddedihn, der dort bei euern andern Kleppern steht! Hol ihn herbei! Ich weiß, er ist doch Eure letzte Hoffnung!«

»Er?« antwortete ich. »Nein, den reite ich nicht.«

»Wen sonst? Etwas Besseres habt Ihr ja nicht!«

»Wir haben nicht nur ihn, sondern auch seinen Chodem. Den reite ich. Schau dich um!«

Da fuhr er scharf zusammen, riß seine Schecke herum und starrte Syrr an, der, von Kara gehalten, hinter ihm gestanden hatte. Man sah, wie er erschrak, als er ihn erblickte.

»Syrr! Der Syrr! Das Lieblingspferd des Schah!« entfuhr es tonlos seinen Lippen. »Oh, nun weiß ich Alles! Das ist dein Werk, Marah Durimeh, das deinige! Du, du und nur du kannst den Schah-in-Schah veranlaßt haben, den Syrr zum Chodem des Assil zu machen! Aber, sei es denn! Er geht ja keinen Schritt mit einem Fremden! Und gar den Halfter nur, nicht Trense und Kandare! Verrückt, verrückt, verrückt! Fast sollte ich mich schämen, des Teufels Ruhm mit einem Sieg zu schänden, den jedes Kind vorauszusehen hat. Doch, weil es meinem Chandschar gilt, bin ich gezwungen, diese Tour zu reiten, blamiert vom Syrr, der stehenbleiben wird!«

Er trieb den Teufel an die Schranke. Ich stieg auf, um ihm zu folgen. Syrr aber ging keinen Schritt. Wollte er heut nicht! Oder war ihm die Schecke so zuwider, daß er sich weigerte, sich in gleiche Linie mit ihr zu stellen! Als Ahriman dieses Weigern bemerkte, lachte er siegessicher auf und gebot, das Zeichen zu geben. Er hatte schon gleich im Anfange wenigstens fünfzehn Pferdelängen voraus. Die Spannung, welche ringsum herrschte, war eine ungeheure. Die Namen wurden verkündet.

Wir sahen und hörten, daß sie weitergetragen wurden, uns voraus. Dann ertönte die Kärna, und der Teufel flog sofort im Galopp auf die weite, offene Bahn hinaus.

Noch stand Syrr still. Ich trieb ihn an, doch ohne Erfolg. Fast wollte es mir Angst werden. Da streckte er den schönen Kopf aus, ließ seine schmetternde Stimme hören und – – – ja, was war denn das? Ritt ich, oder flogen alle die doch unbeweglich stehenden Menschen auf mich zu, um hinter mir zu verschwinden? Ich fühlte nichts, als nur den Wunsch, den Teufel zu besiegen, und es war, als säße ich nicht auf einem Pferde, sondern auf diesem Wunsche, dem die Erfüllung entfliehen wollte und aber doch mit immer wachsender Schnelligkeit entgegenkam. Am Ende des Sees war ich dem Iblis schon so nahe, daß ihn der Mirza zu peitschen begann. Im Duar holte ich ihn ein. An der Tribüne fluchte Ahriman schon hinter mir. Bald darauf hörte ich schon den Hufschlag des Teufels nicht mehr. Ich drehte mich nicht um. Aber als ich zum zweiten Male um den See gebogen war, sah ich den Mirza erst an der Biegung ankommen. Er hatte die Peitsche umgedreht und bearbeitete den Kopf der Schecke mit dem schweren Griffe. Der Schmerz veranlaßte sie zu einer letzten Anstrengung; sie kam mir wieder näher. Da gab mir Syrr durch sein tiefes »U – u – u – uh« zu verstehen, daß er das auch sehe, und griff derart aus, daß ich glaubte, ihn zügeln zu müssen. Wieder im Duar angekommen, ließ er schnell nach, ging in hohem parierendem Galopp am Landeplatz vorüber und kam dann, gemächlich schreitend, bei der Tribüne an.

Wie gönnte ich ihm den brausenden Jubel, dessen Bedeutung er gar wohl verstand, wie mir seine spielenden Ohren verrieten. Aber der Kuß, den ich ihm gab, sobald ich abgestiegen war, schien ihm doch lieber zu sein, denn er küßte mich wieder, auf die Wange, fuhr mir in das Haar, nahm bald meine eine, bald meine andere Hand in das Maul, kurz, zeigte mir auf alle mögliche Weise, daß er nur für mich da sei, für nichts Anderes. Und doch war er es, auf dem Aller Augen bewundernd ruhten, nicht etwa auf mir, und das war auch ganz selbstverständlich und richtig!

Und da kam nun auch Ahriman mit dem Teufel, oder vielmehr der Teufel mit Ahriman, denn er ging mit ihm durch; infolge der Hiebe mit der Peitsche. Die Zügel hingen vorn herunter; die Bügel waren leer; der Reiter lag nach vorn und klammerte sich am Halse fest. Aber dieses Durchbrennen war kein gewöhnliches. Es geschah nicht etwa in vollem Jagen und ging auch nicht stets in derselben Richtung, sondern das Pferd verfolgte die sehr bemerkbare Absicht, den Reiter aus dem Sattel und unter die stampfenden Hufe zu bringen. Es bockte und schlingerte, sprang bald nach rechts, bald nach links, rannte dann eine Strecke geradeaus, blieb stehen, um mit gefletschten Zähnen nach rückwärts zu beißen, lief wieder fort, kehrte um, drehte sich im Kreise, kurz, es wollte den Mirza herunterhaben, um sich zu rächen. Den Grund sahen wir, als es sich uns näherte. Es hatte nur noch ein gesundes Auge. Das andere hing aus der blutenden Höhle. Ahriman hatte es ihm ausgeschlagen! Er befand sich in ganz derselben Stimmung wie sein Teufel: Scham, Wut, Rache! Als er uns erreichte, stand die Schecke für einen Augenblick still, um eine neue Tücke vorzubereiten. Da richtete er sich auf und rief:

112.»Windkamele«, ihrer Schnelligkeit wegen so genannt.
Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
710 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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