Kitabı oku: «Partnerschaftliche Rollenteilung - ein Erfolgsmodell», sayfa 2

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ROCHELLE ALLEBES UND RONNIE GUNDELFINGER

»Ich konnte es mir nur mit dieser Rollenteilung vorstellen, Kinder zu haben«

Mein Besuch führt mich nach Bäch am Zürichsee, wo Rochelle Allebes (64) und Ronnie Gundelfinger (61) ihre Sommerferien verbringen. Rochelle holt mich am Bahnhof ab und fährt mich zu dem kleinen Haus am See, das sie – zusammen mit ihrem Schwager – ganzjährig gemietet haben. Jetzt, zur heißesten Jahreszeit, ist es mit seinem lauschig-schattigen Garten und dem direkten Seeanstoß eine wahre Idylle. Im Gespräch mit den beiden erfahre ich, was sich in den letzten Jahren in ihrem Leben alles ereignet und verändert hat.

Entwicklung der beruflichen Situationen Rochelle hat noch eine Weile beim Elternnotruf gearbeitet, dann aber – nach 22 Jahren – gekündigt. »Seit 2006 habe ich eine Stelle im Team des Ausbildungsinstituts für systemische Therapie und Beratung in Meilen. Seither gebe ich dort Kurse und mache Supervisionen. Und in meiner Praxis arbeite ich mit Paaren und Familien.« Auf freiberuflicher Basis ist Rochelle in verschiedenen Projekten engagiert und arbeitet insgesamt etwa 70 Prozent. Sie wird die Tätigkeit in Meilen 2019 allerdings aufgeben. »Das Vorbereiten der Kurse ist eine stressige Arbeit. Ich finde auch, dass man irgendwann zu alt und zu weit weg ist von allen neuen Entwicklungen. Die Praxis würde ich langsam abbauen.« Nachher möchte sie vermehrt in Amsterdam weilen, wo sie ursprünglich herkommt und wo sie jetzt eine Wohnung gekauft hat.

Ronnie ist nach wie vor, seit annähernd dreißig Jahren, beim kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich tätig. Als leitender Arzt ist er in diesem Umfeld quasi der »Silberrücken«, d. h. eine Person mit Erfahrung und Autorität. Sein Arbeitspensum hatte zwischenzeitlich ein fast unzumutbares Maß erreicht (bis 130 Prozent auf der Basis von 50 Wochenstunden). Jetzt hat es sich wieder bei etwa 100 Prozent eingependelt. Rund 60 Prozent seiner Arbeitszeit wendet Ronnie für das Thema Autismus auf, das zu seinen Spezialgebieten zählt. Daneben nimmt er diverse Leitungsfunktionen wahr.


Karriere trotz früherer Teilzeitarbeit Für Ronnie war die Beförderung zum leitenden Arzt ein Karriereschritt. »Es hatte auch damit zu tun, dass der Dienst gewachsen ist und dass zusätzliche Hierarchiestufen geschaffen wurden. Es gab neue leitende Stellen, und eine davon habe ich dann bekommen.« Er ist nun der Dienstälteste und hat zwei wesentlich jüngere Chefinnen. Die direkte Vorgesetzte, zehn Jahre jünger, bringt Ronnie sehr viel Wertschätzung entgegen. »Sie ist schon froh, dass sie mich hat. Ich kenne den Laden einfach gut und kann sie bei Bedarf in Sachen unterstützen, für die sie keine Zeit mehr hat.« Rochelle ist von der Frau begeistert, da sie sich für vernünftige Arbeitszeiten einsetzt und Teilzeitarbeit fördert. »Sie ist für mich ein Vorbild. Ich erwähne sie in Coachings immer als Beispiel dafür, wie man das offenbar auch machen kann.«

Beide Partner betrachten die jüngere Entwicklung als erfreuliche Karriereschritte. Rochelle betont: »Meilen ist für mich ein schöner abschließender Karriereschritt gewesen. Ich habe Erfahrung und Wissen an eine nächste Generation weitergegeben, und das ist ein sehr schöner Abschluss.«

Zukunftsperspektiven Was nach der Pensionierung kommt, ist noch ungewiss. Rochelle denkt daran, sich in einem innovativen Projekt zu engagieren. »Es gibt ein neues Modell in der Schweiz, Paare während der Scheidung zu begleiten. ›Collaborative Law and Practice‹ heißt das. Man denkt darüber nach, gemeinsam mit Anwälten und Coaches eine kleine Institution auf die Beine zu stellen. Ich könnte mir vorstellen, da für ein paar Jahre mitzumachen.«

Ronnie hat beruflich mehrere Optionen: vorzeitig aufhören, bis 65 weitermachen oder über den Pensionierungszeitpunkt hinaus weiterarbeiten. Kinderpsychiatrisches Know-how sei Mangelware, betont er, seine Arbeit deshalb nach wie vor geschätzt. Allerdings findet auch Ronnie die Option interessant, Zeit in Amsterdam zu verbringen. Dafür will er sich einen Freiraum schaffen. »Ich werde darauf achten, dass ich mich nicht zu sehr verpflichte. Ich werde vielleicht einige Tage arbeiten und dann wieder vier Wochen gar nicht. Diese Freiheit möchte ich dann schon haben.«

Zum Stellenwert der Teilzeitarbeit Im Bildungs- und Beratungsbereich, in dem Rochelle arbeitet, ist Teilzeitarbeit schon länger an der Tagesordnung. Auch Ronnie stellt einen wachsenden Anteil an Teilzeit Arbeitenden fest. Reduzierte Pensen sind heute in der Psychiatrie – selbst bei Oberärzten – akzeptiert, was mit der zunehmenden Zahl an Ärztinnen zusammenhängt. »Auf der Stufe, auf der ich damals als Oberarzt war, gibt es keinen mehr, der 100 Prozent arbeitet. Bei den Assistenzärzten ist das anders, weil sich die Ausbildungszeit verlängert, wenn man Teilzeit arbeitet. Da gibt es Leute, die noch keine Familie haben und das durchziehen möchten. Wir haben aber auch viele Assistenten und Assistentinnen, die schon Kinder haben und Teilzeit arbeiten. Es hat sich sehr geändert; wir haben ganz viele Teilzeitstellen.«

Hausarbeitsteilung Die Rollenteilung im Haushalt richtet sich nach den beiderseitigen Fähigkeiten und Vorlieben. Es steckt da nicht mehr viel Zündstoff für Konflikte drin. »Es ist heute sicherlich viel einfacher«, stellt Ronnie fest. »Es gibt weniger zu tun, es wird weniger gekocht und eingekauft. Wenn es nur Brot und Käse gibt, ist es auch gut. Die Wäsche mache immer noch ich.« Rochelle bestätigt: »Ich glaube auch, die Rollenteilung ist noch etwa gleich. Ich arbeite und koche, und Ronnie tut es auch. Auch wenn er 100 Prozent und mehr gearbeitet hat, hat sich Ronnie immer sehr aktiv am Haushalt beteiligt. Er ist extrem effizient.«

Rückblick auf die partnerschaftliche Rollenteilung Beide Partner finden das egalitäre Rollenmodell auch aus großer zeitlicher Distanz eine gute Lösung. »Wir konnten es sehr gut organisieren«, betont Rochelle. »Anfangs hatten wir an einem Tag die Woche eine Kinderfrau, dann Krippe, Tagesschule. Ich würde es nicht anders machen.« Ausschließlich Mutter und Hausfrau zu sein, wäre für Rochelle nie infrage gekommen. »Ich komme aus einer sehr traditionellen Familie. Meine Mutter war eine typische Fünfzigerjahre-Mutter, die sehr unzufrieden war. Für mich war sie ein Antivorbild. Ich konnte es mir nur mit dieser Rollenteilung vorstellen, Kinder zu haben. Sonst hätte ich auf Kinder verzichtet.«

Auch Ronnie ist in einer traditionellen Familie aufgewachsen. »Der Impuls zur Rollenteilung kam klar von Rochelle. Rückblickend ist das gut gewesen. Ich bin extrem froh, dass ich für meine Kinder Zeit hatte.« Rochelle bestätigt: »Ich verdanke Ronnie, dass wir überhaupt Kinder haben, und er verdankt mir, dass er zu ihnen auch eine Beziehung hat.«

Was ist aus den Söhnen geworden? Die Söhne Micha (27) und Jonah (24) wohnen schon länger nicht mehr zu Hause. Micha, der Arzt geworden ist und sich auf Innere Medizin spezialisiert, wird demnächst seine aus Südafrika stammende Freundin Amy heiraten. Auch sie ist Ärztin.

Micha hatte es nicht eilig, auszuziehen. »Ich habe eine Wohnung gefunden, da Freunde dort ausgezogen sind«, erzählt der Vater. »Dann habe ich Micha gesagt, er habe eine Woche Zeit, um zwei Leute für eine Wohngemeinschaft zu finden. Das hat er dann gemacht und fand es auch gut. Aber von sich aus hat es ihn nicht aus dem Haus getrieben.«

Jonah will Sekundarlehrer werden und legt an der Pädagogischen Hochschule demnächst die Bachelor-Prüfungen ab. Er ist gleich nach der Matura zu Hause ausgezogen und lebt nun in einer Wohngemeinschaft. Während der Ausbildung hat Jonah auch gearbeitet und Geld verdient. »Es war ein recht anspruchsvolles Studium«, berichtet der Vater, »und er hat jede Prüfung beim ersten Mal bestanden. Jetzt geht er für ein Jahr nach Amsterdam, um den Master anzufangen.« Jonah wird dabei in der Wohnung seiner Eltern wohnen.

Beziehungen zwischen Eltern und Kindern Rochelle und Ronnie bezeichnen die Beziehungen zu ihren Söhnen als anregend, offen und vertrauensvoll. »Grundsätzlich haben wir ein gutes Verhältnis«, berichtet der Vater. »Wir sind vor einem Jahr wieder einmal zu viert für eine Woche in die Ferien gefahren. Das fanden sie gut und sagten, dass wir das auch wiederholen könnten.« Rochelle betont, ihre Söhne seien recht unterschiedlich, entsprechend unterscheide sich auch der Kontakt zu ihnen. »Mit Micha machen wir viel zusammen, und man kann mit ihm über alles reden. Da werden wir sehr einbezogen; das war schon immer so. Jonah sehen wir weniger. Aber wenn man ihn sieht, ist er sehr präsent. Es ist klar, dass er uns sehr gern hat und wir ihn auch.«

Bedeutung der Rollenteilung für die Söhne Ob die Rollenteilung bei ihren Jungen Spuren hinterlassen hat, können Rochelle und Ronnie nicht mit Sicherheit sagen. Rochelle stellt jedoch fest, »dass ihre Freundinnen auf Augenhöhe sind. Es gehört zu ihren Kriterien, dass jemand interessant und spannend sein muss.« Sie ist überzeugt, dass ihre Söhne Frauen als gleichwertig respektieren. »Wie sie Frauen auswählen, wie sie mit ihnen umgehen, wie sie auf Sprüche über Frauen reagieren. Es passt ihnen nicht, wenn diese abschätzig sind.«

Die Rollenteilung der Eltern haben die Söhne bisher nicht groß kommentiert. »Einerseits hat es für sie etwas Selbstverständliches«, meint Ronnie,»weil es einfach so war. Gleichzeitig haben sie viele Familien um sich herum gesehen, die traditionell waren. Jonah äußert sich ziemlich kritisch über diese Paare und Familien.«

Kinderkosten Als die Kinder klein waren, beliefen sich die Kosten für familienergänzende Kinderbetreuung auf monatlich bis zu 2500 Franken. Auch später kosteten die Kinder viel Geld, wie der Vater berichtet. »Es war richtig teuer, als beide in der Privatschule waren; es gab damals noch kaum Tagesschulen. Da haben uns unsere Eltern unterstützt. Das fiel dann weg, als sie in die öffentliche Schule kamen. Das Studium ging eigentlich gut. Die Jungen haben ein wenig gearbeitet und etwas beigetragen. Größere Kosten wie Krankenkasse und Studiengebühren haben wir aber übernommen.«

Neue Betreuungspflichten Seit die Söhne erwachsen sind, fühlt sich das Paar sehr entlastet. Allerdings benötigt Ronnies Mutter nun vermehrt Betreuung. Sie lebt seit Kurzem in einem Altersheim, wo sie nur wenig Kontakt zu anderen Mitbewohnenden hat. Alle Familienmitglieder achten darauf, regelmäßig bei der alten Dame vorbeizugehen und sie, wenn nötig, zu unterstützen. Ronnie umschreibt das Engagement so: »Wir müssen sie nicht betreuen, weil sie gut versorgt wird, aber sie zu besuchen, ist sehr wichtig. Ich habe noch einen Bruder, der auch in Zürich wohnt. Er und ich gehen jeweils zweimal die Woche hin, Rochelle und die Jungs kommen auch vorbei. Im Prinzip bekommen wir es so hin, dass fast jeden Tag jemand vorbeischaut.«

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Das Paar findet, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die partnerschaftliche Rollenteilung hätten sich insgesamt verbessert. Insbesondere seien die Väter mehr interessiert, sich an der Betreuung ihrer Kinder zu beteiligen. Ronnie findet auch, das Betreuungsangebot sei stark ausgebaut worden. »Es gibt mehr Krippenplätze, es gibt gute und weniger gute Krippen. Es gibt zweisprachige Krippen, Förderprogramme, private Krippen. Es wurde auch zum Business.« Als Facharzt für Kinderpsychiatrie beurteilt Ronnie diesen Trend eher skeptisch. »Ich glaube, dass das Kind davon profitiert, wenn es mit anderen Kindern zusammen ist, aber nicht im ersten Lebensjahr. Es muss auch eine Vertrautheit aus der Alltagsversorgung geben. Die hat man nicht, wenn das Kind fünf Tage die Woche von Krippenfrauen übernommen wird.« Rochelle teilt Ronnies Vorbehalte. »Ich habe von Frauen, die in Krippen arbeiten, schon gehört, dass Mütter die Kinder so früh wie möglich bringen und auf den Mutterschaftsurlaub verzichten möchten. Sie bringen sie so lang wie möglich in die Krippe. Solche Geschichten erschrecken mich.«

Karriere um jeden Preis? Auch den Trend, dass Frauen um jeden Preis Kinder und Karriere verbinden wollen, beurteilt Rochelle skeptisch. Sie bezweifelt, dass Beruf und Familie ohne Verzicht vereinbart werden können, sofern man das Wohl der Kinder ins Zentrum stellt. »Es gibt heute einen gesellschaftlichen Druck, dass man Karriere machen und zeigen muss, dass man das auch mit Kind unter einen Hut bekommt.« Sie findet das unrealistisch. »Karriere und Kind ist too much. Es geht einfach nicht, wenn man es für die Kinder gut genug machen will.« Partnerschaftliche Rollenteilung beinhaltet nach Rochelles Meinung, »dass beide wirklich Teilzeit arbeiten und auf eine steile Karriere verzichten. Ich denke, man kann dabei trotzdem eine interessante Arbeit machen.«

Ronnie weist auf jene Familien hin, die sich ein egalitäres Rollenmodell aus finanziellen Gründen nicht leisten können. »Es gibt am anderen Ende des Spektrums diejenigen, bei denen beide arbeiten müssen, weil es für sie eine finanzielle Notwendigkeit ist.« Rochelle pflichtet ihm bei. »Sie können sich die Krippenplätze kaum leisten. Es gibt zwar welche, aber sie sind für viele Leute noch zu teuer. Das ist überhaupt nicht gelöst.«

Großeltern als »Sandwichgeneration« Rochelle stellt neuerdings fest, dass »die ältere Generation unter Druck gesetzt wird, kostenlose Betreuungsarbeit zu leisten. Das ist auch ein volkswirtschaftlicher Faktor, wenn das der neue Trend wird. Wenn man mal nein sagt, ist man heutzutage sofort eine Rabengroßmutter!« Rochelle anerkennt, dass »der Faktor Sorge nicht vernachlässigt werden sollte. Das ist ein Wert. Aber das bedeutet nicht, dass man Leute unter Druck setzen darf, Gratisarbeit zu leisten.« Ronnie doppelt nach: »Du kannst das Gleiche auch über die Altenbetreuung sagen; das ist ein vergleichbares Thema. Rein demografisch verschiebt es sich massiv, weg von der Kinder- hin zur Altenbetreuung.« – »Wir sind die neue Sandwichgeneration«, vermutet Rochelle. »Frauen in unserem Alter müssen auf die Enkel aufpassen und gleichzeitig die Eltern unterstützen. Und das in einer Phase, wo sie gerade mit der Arbeit fertig sind!« Das findet sie für viele eine Überforderung.


VERENA UND PETER VOSER

»Die Flexibilität war für mich nie ein Opfer, sondern eine Abwechslung«

Hoch über dem Zugersee, am Ende einer verwinkelten Straße, findet sich das Mehrfamilienhaus, in dem Verena und Peter Voser wohnen. Ihr Leben ist seit jeher durch ein »doppeltes Halbe-Halbe« geprägt. Zur Hälfte gehen sie einer existenzsichernden Erwerbsarbeit nach, zur anderen Hälfte ihrer künstlerischen Tätigkeit. Verena hat ihr Atelier außer Haus, Peter in der Wohnung.

Ihre Tätigkeiten sind über einen langen Zeitraum annähernd gleich geblieben. Peter ist in einem Verlag als Korrektor/Lektor tätig, dies, obwohl er das Rentenalter bereits erreicht hat. Bei der Pensionierung machte man ihm das Angebot, 25 Prozent weiterzuarbeiten. Man bemühte sich sehr um ihn und bot ihm – zu gleichen Konditionen – einen Aushilfsvertrag an. Peter genießt es, in einem kleinen Pensum weiter beschäftigt zu sein und zu erfahren, dass seine Arbeit nach wie vor geschätzt wird.

Verena arbeitete früher als schulische Heilpädagogin an einer Oberstufe. Inzwischen hat sie eine Stelle als Fachperson für Heterogenität übernommen. Ihre Aufgabe beinhaltet vor allem die Begleitung von Lernenden und Lernbegleitern. Sie trägt dazu bei, der Unterschiedlichkeit der Schüler und Schülerinnen möglichst gut gerecht zu werden. Erwerbsarbeit ist für Verena primär eine Notwendigkeit: »Ich muss Geld verdienen«, betont sie, »sonst kann ich auf dieser Welt nicht bestehen. Wenn ich es aus dieser Perspektive betrachte, ist es eine interessante und gut bezahlte Arbeit. Mein Herzblut fließt aber nicht dafür.« Nun steht Verena kurz vor der Pensionierung und freut sich auf den Freiraum, den ihr diese eröffnen wird.

Wahl der partnerschaftlichen Rollenteilung Die beiden haben sich durch gleiche Interessen kennengelernt und früh auf eine egalitäre Rollenteilung geeinigt. Peter Voser stammt aus einfachen Verhältnissen. In seiner Kindheit erfuhr er, dass auch Frauen den Unterhalt einer Familie teilweise (oder ganz) übernehmen können. Peter arbeitete seit jeher Teilzeit. »Ich habe gewusst, dass ich nicht jeden Tag in eine Firma gehen und arbeiten möchte, nur damit ich mir einen BMW leisten kann. Der Auslöser war, dass ich Kunst machen wollte. Dafür habe ich Zeit gebraucht.« Als Peter Verena kennenlernte, sagte er ihr, dass er nicht der Haupternährer sein möchte, und sie hat das sofort akzeptiert. Verena erkannte die Chancen dieser ungewohnten Konstellation. Die egalitäre Rollenteilung eröffnete ihr einen Freiraum, »der es mir ermöglicht, meine Zeit in Kunst zu investieren oder auch mal nichts zu tun oder etwas Überraschendes, das ich nicht geplant habe«. Zudem konnte sie finanziell unabhängig bleiben, was ihr wichtig war. Seit sich das Paar kennt, führen die beiden getrennte Kassen und Konten.

Verena Vosers Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit wurzelt in ihrer Kindheit. Ihre Familie hatte häufig finanzielle Probleme, was Verena in ihrem Wunsch bestärkte, einmal anders zu leben. Die Mittelschul- und Lehrerinnenausbildung, die sie hart erkämpfen musste, ermöglichte ihr den Aufbau eines eigenständigen Lebens. Die Bedingungen im Bildungsbereich waren dafür gut; schon damals galten gleiche Löhne für Mann und Frau.

Als Tochter Céline geboren war, entwickelte Verena Voser mit einer Kollegin den Plan, eine Lehrerstelle im Jobsharing zu teilen. Es gelang ihnen, die Schulbehörden zu überzeugen, und so unterrichteten die beiden Frauen sechs Jahre lang dieselbe Klasse. Verena teilte mit der Kollegin jedoch auch die Kinderbetreuung, sodass Vosers Tochter mit deren Kindern wie mit Geschwistern aufwuchs. Alle vier Elternteile engagierten sich zu gleichen Teilen in der Betreuung der Kinder, je nachdem im einen oder anderen Haus. So war es möglich, dass Verena und Peter neben Erwerbsarbeit, Haushalt und Kinderbetreuung genügend Zeit für ihr künstlerisches Schaffen fanden. Die Zeit, die sie im Atelier verbrachten, belief sich auf fünfzehn bis zwanzig Stunden pro Woche. Diese Lebensform bewährte sich sehr, erforderte aber auch viel Energie und eine Reduktion der materiellen Ansprüche.

Peter ist als Kind in verschiedenen Familien aufgewachsen und betont, er habe davon sehr profitiert. »Ich würde deshalb empfehlen, dass man die Kinder in andere Familien, in Spielgruppen oder in einen Frühkindergarten geben sollte.« Dem ist auch Verena nicht abgeneigt. Sie findet Kitas gute, »professionelle Orte«, von denen Kinder profitieren können. »Die Kinderbetreuung ist heute besser – es gibt ein größeres Angebot. Wenn man aber wenig Geld verdient, braucht man eine subventionierte Krippe. Das war bereits früher ein Problem und ist es auch heute noch.«

Aufteilung der Hausarbeit Die Hausarbeit wird auch heute noch partnerschaftlich geteilt, jedoch eher »en passant« erledigt. »Wir haben konkrete Zuständigkeiten«, erklärt Verena. »Die haben sich durch Ausprobieren und durch Erfahrungen mit Dingen, die nicht funktioniert haben, nach und nach ergeben.« Verena putzt Bad und WC, Peter Küche und Wohnzimmer; dazu jeder sein eigenes Zimmer. Konflikte über die Aufteilung der Hausarbeit und unterschiedliche Sauberkeitsstandards haben im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren. Verena kann heute akzeptieren, dass Peter für manches Überwindung braucht. Sie hat auch gelernt, die beiderseitige Andersartigkeit und die unterschiedlichen Ansprüche zu akzeptieren.

Peter fragt sich, ob die Rollenteilung weiter funktionieren wird, wenn auch Verena pensioniert ist. »Ich kann dir garantieren, dass das nicht anders wird«, meint diese. »Ich erledige den Haushalt viel zu wenig gerne, als dass ich diese 50 Prozent aufstocken würde.« Peter versteht Verenas Standpunkt. »Ich hoffe, dass sie ihre Zeit nicht dafür einsetzen wird, Dinge zu erledigen, die ich vielleicht schon seit Längerem hätte machen sollen.«

Neue Engagements für die junge Generation Was wird die Zukunft an Neuem bringen, wenn beide pensioniert sind? Peter wünscht sich, dass beide weiterhin souverän bleiben und gewisse Aktivitäten auch getrennt unternehmen. Er betont zudem, er sei nicht wirklich pensioniert, denn er betreue neben seinem Aushilfsjob jede Woche zwei Tage seinen Enkel Amelio. Verena möchte durch die Pensionierung zeitlichen Freiraum gewinnen und damit »spielen«. Einen Tag pro Woche wird auch sie den Enkel betreuen. Zu einem weitergehenden Engagement ist sie nicht bereit. »Ich werde mir sicherlich Zeit für ihn nehmen – aber in einem beschränkten Rahmen.«

Weitere Betreuungsaufgaben haben Verena und Peter nicht. Ihre Eltern sind schon lange tot. Peter hatte aber vorübergehend Verpflichtungen gegenüber einer Tante. Und Verena übernahm – vor längerer Zeit – administrative Aufgaben, als ihre Mutter noch im Pflegeheim war. »Die ganze Administration und zu schauen, dass das Geld reinkommt, um die Pflegekosten zu decken – das war ein großer Aufwand.«

Beziehung zur Tochter Céline und ihrer Familie Tochter und Schwiegersohn sind ebenfalls künstlerisch tätig. Beide sind Musiker und haben eine kleine Agentur, die viel administrativen Aufwand verursacht. Die Jungen arbeiten zusammen etwa 160 Prozent; viel davon ist unbezahlte Arbeit (Arrangements schreiben, Üben usw.). Verena und Peter vermuten, dass sie ihrer Tochter durch ihre bescheidene Lebensführung ein Vorbild waren. Die Jungen haben sich für eine unsichere Existenz entschieden, darauf hoffend, dass es gut geht. Der Babysitterdienst der Eltern ermöglicht es der Tochter, als Musikerin weiterhin öffentlich aufzutreten. Für die junge Mutter keine Selbstverständlichkeit, wie Verena weiß. »Sie haben genügend Musiker in ihrem Freundeskreis und kennen die Thematik. Viele Musiker und Musikerinnen haben keine Kinder. Andere haben Kinder, aber die Musikerinnen bleiben dann zu Hause und schauen zu ihnen – folglich sind sie nicht mehr oft unterwegs.« Die Unterstützung der Großeltern geschieht auf Vertrauensbasis und unentgeltlich. Verena erzählt, wie es dazu kam: »Sie haben gewusst, dass sie jemanden brauchen werden, der ihnen bei der Kinderbetreuung hilft. Wir haben gesagt, dass wir das machen werden – ohne eine bestimmte Zeitspanne zu definieren. Dann ist sie sehr schnell schwanger geworden.«

Die Betreuung der Großeltern ist quasi ein Geschenk an ihren Enkel. Doch das Engagement verhilft Verena und Peter auch zu unerwarteten Erfahrungen. Als Céline beispielsweise mit ihrer Band nach Lettland reiste, war Verena mit dabei und betreute vor Ort den kleinen Amelio. Dasselbe tat Peter, als sie ein anderes Engagement nach New York führte. So lernen sie Orte kennen, die sie sonst kaum besuchen würden. Verena und Peter haben eine gute Beziehung zu ihrer Tochter, was ihr Engagement erleichtert. »Sie lässt mir viel Freiraum«, betont Verena. »Ich fühle mich von ihr akzeptiert – so, wie ich bin. Gerade mit dem Kind sagt sie nie, wie wir es machen sollen.« Peter bestätigt: »Ja, sie will eine gute Stimmung. Sie sucht den Kontakt und das Gespräch. Wir haben Glück, sie ist eine gute Person.«

Rollenverständnis der Tochter Der Tochter Céline (31) war ihre Unabhängigkeit wichtig. Frühere Beziehungen – auch mit Musikern – gingen auseinander, weil der Partner sich eine traditionelle Rollenteilung wünschte. Der Schwiegersohn hingegen legt selbstverständlich Hand an im Haushalt. Es war von Anfang an klar, dass die Hausarbeit geteilt wird. Wie Peter erzählt, hat das junge Paar im Freundeskreis bereits eine Art Vorbildfunktion. »Céline und Andi leben ihren Freunden das Modell vor und stecken sie damit an. Ich habe kürzlich gehört, dass andere Musiker sie aufgrund ihres Rollenmodells als Patentante und Patenonkel für ihr zukünftiges Kind gewählt haben.«

Verena findet, ihre Tochter sei weniger militant, als sie es gewesen sei. »Bei uns stand die Rollenteilung im Zentrum, bei ihnen ist es eher die Rollengemeinschaft. Sie erledigen den Haushalt zusammen und kümmern sich gemeinsam um den Erwerb. Der Gemeinschaftsgedanke steht mehr im Zentrum als der Teilungsgedanke.«

Geld ist unentbehrlich – und doch nicht so wichtig Ohne Geld keine Existenzsicherung, das gilt auch für die Vosers. Trotzdem betont Verena, Geld sei für sie nur »ein Randthema. Wenn es nach mir gehen würde, möchte ich am liebsten ohne Geld leben. Wenn das jemandem aber wichtig ist – Karriere, ein großer Lohn, der Erwerb von Eigentum usw. –, ist das nicht negativ. Es ist legitim, wenn man solche Wünsche hegt.«

Dass viele Teilzeit Arbeitende bezüglich ihrer Pensionskassenansprüche benachteiligt sind, kümmert Peter nicht groß. »Alles andere wäre für uns ein Nachteil oder ein Vorteil, aber das Geld nicht. Wir gehen auf dem Zugerberg spazieren und trinken einen Café Crème. Wir kommen anschließend nach Hause und sind total happy. Wir brauchen keine hohe Pension.« Verena doppelt nach: »Ich weiß von Freunden, dass das Geld ein großes Thema ist. Ich kenne es auch von jenen, die mit mir den Pensionierungskurs besucht und alles durchgerechnet haben. Mich hat das nicht interessiert.«

Erfahrungen mit der Teilzeitarbeit Der Wunsch, in einem reduzierten Pensum tätig zu sein, wurde in beiden Arbeitsbereichen recht wohlwollend aufgenommen. Peter Voser spürte anfänglich zwar Vorbehalte gegenüber Männern, die reduziert arbeiteten. »Teilzeitarbeit und gar keine Arbeit war damals fast dasselbe. Sie hatten den Eindruck, dass ich nur hobbymäßig arbeite. Das ist heute nicht mehr so. Das Verständnis ist größer geworden.« Das hat auch damit zu tun, dass sich Peter seinem Arbeitgeber gegenüber immer sehr flexibel zeigte. Seine Arbeitsleistung war deshalb gleichwohl geschätzt. Auch das soziale Umfeld reagierte mit Verständnis auf die Art, wie die Vosers lebten. Diese erklären sich das Wohlwollen vor allem damit, dass sie neben der Arbeit seit jeher auch künstlerisch tätig sind.

Ein zufriedener Blick zurück Zwei Wochen vor der Pensionierung ist Verena sehr zufrieden, »dass es mir über Jahrzehnte gelungen ist, in meiner künstlerischen Arbeit unbeirrt vorwärtszukommen. Gleichzeitig konnte ich mich unabhängig durchs Leben bringen und der Tochter eine gute Ausbildung ermöglichen.« Peter betont, das sei ihnen vor allem dank viel Flexibilität und günstigen Umständen – auch am Arbeitsplatz – gelungen. »Die Flexibilität war für mich aber nie ein Opfer, sondern eine Abwechslung.« Verena ist stolz darauf, »dass wir die richtige Balance gefunden haben. Es war eine Flexibilität innerhalb von gegebenen Strukturen. Es war uns über all die Jahre möglich, in diesen Strukturen beweglich zu bleiben, und ich habe das auch genutzt.«

Beide würden die Rollenteilung wieder wählen. »Es hat sich gelohnt, und ich bin froh, dass wir dieses Modell gewählt haben«, betont Verena. »Mit meinem heutigen Wissen würde ich aber etwas anderes ausprobieren, etwas, was ich noch nicht kenne.« Die beiden sind – wie sie sagen – »gesundheitlich fit und gut aufgestellt«. Möge es ihnen vergönnt sein, die kommenden Jahre noch lange zusammen zu genießen!

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