Kitabı oku: «Partnerschaftliche Rollenteilung - ein Erfolgsmodell», sayfa 4

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JEANNETTE SCHWAGER UND RENÉ MEIER

»Was ich an dieser Lösung immer geschätzt habe, ist die Abwechslung«

Fahrt mit dem Bus vom Bahnhof Luzern nach Littau. Hier typisch Agglomeration: Gewerbe, Industrie, alte Genossenschaftshäuser, neue Mehrfamilienhäuser. An der Haltestelle »Blattenmoos« steige ich aus und erkundige mich nach der »Zimmeregg«. Ganz einfach: quer übers Schulareal und dann nach oben. Hinter den großen Mehrfamilienhäusern, in Waldnähe, befindet sich die Reihenhaussiedlung, in der Jeannette Schwager und René Meier seit bald drei Jahrzehnten wohnen.

Erwerbsarbeit Jeannette Schwager (60) und René Meier (64) sind immer noch bei den gleichen Arbeitgebern tätig wie 2004 – sie in der Verwaltung des Kantons Luzern, er bei der SUVA. Sein Job als Organisator und Informatikspezialist ist nach wie vor derselbe. »Ich arbeite immer noch 60 Prozent bei der SUVA und habe dieses Jahr mein 35. Dienstjahr. Das wird sich auch nicht mehr ändern; in etwa einem Jahr werde ich ordentlich pensioniert.« Neben seinem Haupterwerb ist René noch in der Bildungskommission des Stadtparlaments Luzern engagiert. »Der Donnerstag ist jeweils der Parlamentstag, an dem Kommissions- und Parlamentssitzungen stattfinden. Mit den Sitzungsvorbereitungen zusammen bemisst sich mein Pensum auf rund 20 Prozent.«

Jeannette hat über die letzten Jahre ihr Arbeitspensum sukzessive aufgestockt, zuerst auf 80 Prozent, dann auf 90 Prozent und schließlich auf 100 Prozent. Sie hat zudem einen Wechsel vom Bildungs- ins Finanzdepartement vorgenommen. »Zwischenzeitlich habe ich Weiterbildungen absolviert und arbeite nun seit 2001 als Bereichsleiterin im Controllingdienst.«

Entwicklungen im Beruf René arbeitet bei der SUVA in einer Stabsstelle. In den letzten Jahren erlebte er einige Veränderungen aufgrund von Organisationsentwicklungen. Obwohl er nicht mehr in derselben Abteilung arbeitet wie früher, hat er rückblickend den Eindruck, »dass diese Arbeit für mich gut war. Ich hatte das Glück, dass ich trotz meinem Teilzeitpensum immer einen Job hatte, der für mich spannend war und mich gefordert hat. Ich wurde nicht auf ein Abstellgleis gestellt.«

Jeannette hat im Laufe der Zeit eine große berufliche Entwicklung durchlaufen. »Wenn ich mir anschaue, wie ich als junge Lehrerin begonnen habe und wo ich heute stehe, habe ich das Gefühl, dass ich jetzt einen sehr spannenden Beruf habe. Ich hatte oft die Chance, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Leute zu treffen, die meine berufliche Entwicklung ermöglicht haben.« In den letzten Jahren haben sich beide ausschließlich »on the job« weitergebildet. Mit ihren Tätigkeiten sind sie aber nach wie vor zufrieden.


Akzeptanz der Teilzeitarbeit Beide Partner stellen fest, dass die Akzeptanz von Teilzeitarbeit gestiegen ist. An Jeannettes Arbeitsplatz arbeiten viele Mitarbeitende Teilzeit. »Bei Frauen wie Männern geht es um die Kombination von Familie und Beruf. Bei den Männern stelle ich fest, dass das Teilzeitpensum meist 80 Prozent beträgt, das sind junge Väter. Frauen mit Familie arbeiten eher Teilzeit unter 60 Prozent, manchmal 50 Prozent. Das wird problemlos akzeptiert.« René ergänzt, auch die SUVA habe »über die letzten Jahre eine große Entwicklung gemacht. Heute ist sehr vieles möglich, was vor zwanzig Jahren noch exotisch gewesen wäre. Die Förderung von Vereinbarkeit ist bei der SUVA ein Teil der Personalstrategie.«

Die Flexibilität sei heute sehr groß, meint René, hänge aber von den einzelnen Führungspersonen ab. »Die Unternehmung an sich lässt vieles zu. Ob es die direkten Vorgesetzten zulassen, bedarf eines Aushandlungsprozesses.«

Teilzeitarbeit in Karrierepositionen? Auf die Frage, ob Teilzeitarbeit in Kaderpositionen nach wie vor schwierig sei, meint René: »Ob es so ist, weiß ich nicht, aber es wird so angeschaut, ja.« In Jeannettes Umfeld hingegen »ist es durchaus möglich, im Kader Teilzeit zu arbeiten«. Sie nennt vier Beispiele für Teilzeit Arbeitende in anspruchsvollen Tätigkeiten. Ganz ohne Einschränkungen geht auch das anscheinend nicht. »Wenn ich von Teilzeit spreche, fällt mir auf, dass es bei Teilzeitarbeit in einer Kaderposition vermutlich nicht tiefer als 80 Prozent geht.«

Perspektiven Der Berufsalltag bei Schwager-Meiers verläuft in geordneten Bahnen. Beide sind auf der Zielgeraden ins Rentenalter. Im letzten Interview, vor elf Jahren, äußerte René noch die Idee, über die Pensionierung hinaus weiterzuarbeiten. Davon will er nichts mehr wissen. »Heute passt es für mich, mit 65 Jahren pensioniert zu werden. Im Freiwilligenbereich gibt es noch viele unausgereifte Projekte; ich werde mich bestimmt wieder irgendwo engagieren.«

Nutzung der Freizeit René hat durch sein 60-Prozent-Pensum zwei Tage in der Woche einen organisatorischen Freiraum, den er auch nutzt. »Wenn ich an einem Donnerstag keine Parlamentssitzungen habe und es schönes Wetter ist, nehme ich mein Fahrrad und mache eine Tour. Man muss auch den Mut haben, sich zu sagen, dass man nur einmal lebt und seine Zeit nutzen will. Als die intensive Betreuungsphase vorbei war, habe ich mein Pensum deshalb auch nicht erhöht.«

Auch Jeannette leistet sich ab und zu etwas Besonderes. »Als ich fünfzig Jahre alt wurde, habe ich mir eine größere Reise geschenkt. Das war damals möglich, weil ich wusste, dass zu Hause alles rundläuft. Die beiden Männer können die Hausarbeit selbst erledigen, und ich kann das Haus für längere Zeit verlassen, ohne dass ich etwas organisieren muss.«

Rollenteilung Die Rollenteilung funktioniert nach wie vor zur beiderseitigen Zufriedenheit, obwohl René den Haushalt nun weitgehend alleine erledigt. Er betrachtet dies als Ausgleich für das höhere Arbeitspensum von Jeannette. »Ich mache sicher mehr – nicht alles gleich gerne. Was ich an dieser Lösung immer geschätzt habe, ist die Abwechslung. Nebst der Berufsarbeit erledigt man mit dem Haushalt eine ganz andere Arbeit. Für mich passt das so.« Jeannette engagiert sich in Bereichen, die ihr speziell am Herzen liegen. »Die Gartenarbeit«, erklärt sie, »hilft mir, mich zu erholen.« Sie ist René speziell dankbar dafür, dass er ihr die Pflege von sozialen Kontakten abnimmt, für die sie keine Zeit habe. »Das Besuchen von Bekannten in Pflegeheimen oder von Freundinnen, die krank sind. Das sind Sachen, die René macht und nicht ich.«

Wird sich der Haushalt nach Renés Pensionierung verändern? Jeannette rechnet nicht damit. »Beide kennen die Küche und den Haushalt. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir uns nicht miteinander absprechen können und einander in die Quere kommen.« – »Es wird ein Aushandeln sein«, vermutet René, »eine Feinanpassung, wer was macht. Ich gehe davon aus, dass wir die Arbeit nach sinnvollen Kriterien, zum Beispiel Vorlieben, aufteilen werden.«

Was ist aus dem Sohn N. geworden? Sohn N., 25, hat in Genf politische Wissenschaften studiert und den Bachelor erworben. Jeannette hat hautnah erlebt, wie spannend diese Studienrichtung ist. »Während der Jahre des Studiums wie auch nachher hörte N. regelmäßig politische Sendungen auf Deutsch, Französisch oder Englisch. Er hat diese drei Jahre durchgezogen und weiß mehr über das politische Weltgeschehen als wir.« Während des Studiums wohnte N. in Wohngemeinschaften. Nun leistet er Zivildienst in einer gemeinnützigen Organisation und wohnt wieder zu Hause. Nachher wird er ein Master-Studium in den Bereichen Verwaltung, Ökonomie und Recht in Angriff nehmen. Fast scheint es, er möchte in die Fußstapfen seiner Eltern treten.

Die Eltern beschreiben die Beziehung zu ihrem Sohn als anregend und vertrauensvoll. »N. wollte früh eigenständig sein«, betont der Vater, »aber, wenn es ihm nicht gut geht oder wenn ihn etwas beschäftigt, sucht er das Gespräch. Wenn er sich über etwas ärgert oder ihn etwas beschäftigt, erzählt er das.« Die Mutter ergänzt: »Oder er ruft uns an, wenn eine Liebesbeziehung auseinandergebrochen ist.«

Das Elternpaar Schwager/Meier hat seinen Sohn früher maßgeblich selbst betreut. Beide waren anfänglich 60 Prozent erwerbstätig. Gleichzeitig vernetzte es sich mit anderen Eltern und organisierte einen Kindertausch. Jeannette freut sich, dass diese Beziehungen nach wie vor lebendig sind. »In den drei Familien, die sich damals vernetzt haben, bestehen die Freundschaften zwischen den Kindern nach wie vor. Es gibt immer wieder verschiedene Phasen der Begegnung und auch einen Austausch zwischen den Eltern.«

Hausarbeit und Rollenprägung des Sohnes N.s Beteiligung an der Hausarbeit ist nicht allzu intensiv und muss von den Eltern immer wieder eingefordert werden. »Zurzeit ist es so«, beschreibt Jeannette, »dass wir immer wieder miteinander absprechen, wer was erledigt. N. ist nicht jemand, der sich für das Erledigen der Hausarbeit anbietet, man muss ihn immer wieder auf seine Aufgaben hinweisen.« René ergänzt: »Das Einzige, was wir geschafft haben, ist, dass er seine eigene Wäsche wäscht. Wir haben einfach aufgehört, ihm die Wäsche zu waschen. Ansonsten erledigt er alles nur aufgrund von Vereinbarungen und wenn wir ihn pushen.« Offensichtlich prallen unterschiedliche Standards und Werte aufeinander. »N. sagt, dass wir bezüglich Ordnung, Reinlichkeit usw. viel zu hohe Ansprüche haben«, erzählt die Mutter. Grundsätzlich ist sie aber von N.s Haushaltstauglichkeit überzeugt. »Ich konnte beobachten, dass er in der Zweierwohngemeinschaft sowohl gekocht als auch geputzt hat.« Der Vater sieht das auch so. »N. könnte bestimmt gut alleine leben und einen Haushalt führen. Er kann kochen, putzen und Wäsche waschen, und er macht es auch, wenn es notwendig ist.«

Jeannette und René wissen nicht, wie N. ihre (frühere) Arbeitsteilung erlebt hat. Sie vermuten, er habe ihr Modell nicht groß reflektiert; es sei für ihn die Normalität gewesen. Auch im Moment scheint Rollenteilung für den Sohn kein Thema zu sein. Im Vordergrund stehen Bildungs- und Berufsfragen. Jeannette denkt aber, »dass N. durch seinen Wohngemeinschaftsmitbewohner festgestellt hat, dass er einen anderen Background bezüglich der Fähigkeiten und des Wissens hat, die wir ihm mitgegeben haben«.

Rückblick auf die Anfänge des Modells Der Entscheid zur partnerschaftlichen Rollenteilung beruhte stark auf Jeannettes Initiative. »Ich konnte mir zu jener Zeit nicht vorstellen, vollberuflich Hausfrau und Mutter zu sein. Mein Wunsch war, dass ich neben der Familie auch am Berufsleben teilnehmen konnte – das war mir immer sehr wichtig.«

René räumt ein, die egalitäre Rollenteilung sei nicht von Anfang an sein Modell gewesen. »Aber ich konnte mir vorstellen, dass ich an der Erziehungsaufgabe und allem Drum und Dran wie Hausarbeit usw. teilhabe. Bereits in den Anfängen habe ich dieses Modell mit dem Rollenwechsel interessant gefunden.«

Wiederwahl des Modells Sollte sich die Frage der Familiengründung erneut stellen, würde Jeannette »sicher wieder im Beruf bleiben. Ich sehe, dass es heute mit den Kinderkrippen und den schulergänzenden Betreuungsmöglichkeiten ganz andere Möglichkeiten gibt, als wir sie hatten. Bei uns hat es die noch nicht gegeben, und die Organisation war jeweils stressig. Ich musste mich immer rechtfertigen, wer sich um mein Kind kümmert, wenn ich an der Arbeit bin.« In der heutigen Zeit würde Jeannette »beruflich nicht mehr so stark reduzieren und mehr auf Fremdbetreuung setzen. Für mich wären 80 Prozent eine Lösung.« René betont, er würde nicht ganz auf Fremdbetreuung setzen. »Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich sagen, dass eine 40-prozentige Stellenprozentreduktion – auf ein 60-Prozent-Pensum – spannend ist. Diese Reduktion ist natürlich abhängig von der Realisierbarkeit und den beruflichen Möglichkeiten. Ich würde mindestens um 20 Prozent reduzieren, ansonsten fehlt Zeit für die Familienarbeit.«

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Zur gesellschaftlichen Akzeptanz neuer Rollenmodelle meint René: »Für meine jüngeren Kollegen, die Kinder haben, ist es ein Thema, dass sie ihr Arbeitspensum reduzieren können. Für viele ist es selbstverständlich oder erstrebenswert, in der Haus- und Familienarbeit eine Rolle zu übernehmen. Es ist zumindest ein Thema – vor 25 Jahren war es das für die meisten noch nicht.« René vermutet, dass die Diskussion um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel noch an Bedeutung gewinnen wird.

In früheren Jahren war René auch Co-Präsident des Vereins Fachstelle UND, die sich genau für dieses Thema einsetzt. Wie denkt er über die Voraussetzungen der egalitären Rollenteilung? »Ich denke, dass die Lohnfrage eine wesentliche Rahmenbedingung ist. Wenn es große Lohndifferenzen zwischen dem einen und dem anderen Einkommen gibt, ist diese Rollenteilung viel schwieriger zu organisieren, als wenn die Unterschiede relativ gering sind.« Auch die beruflichen Ambitionen beeinflussen seines Erachtens die Realisierbarkeit. »Die Karrierechancen sind größer, wenn man 100 Prozent arbeitet. Aber es ist nicht unmöglich, auch sonst Karriere zu machen. Letztlich muss der oder die direkte Vorgesetzte davon überzeugt werden, dass man mit 60 oder 80 Prozent einen guten Job macht.«

René wünscht sich auch den Ausbau des familienergänzenden Kinderbetreuungsangebots – zu angemessenen Preisen. »Neben diesen Varianten gibt es immer noch die Möglichkeit, sich mit anderen Eltern und den Großeltern zu vernetzen. Wir hatten ein größeres Netzwerk, um so etwas zu organisieren.«


HILDEGARD UND ADRIAN KAUFMANN

»Beziehungspflege ist das Zentrale in unserem Leben«

Mein Gespräch mit den Kaufmanns findet nicht in ihrer Wohnung statt, sondern in der Praxis von Adrian Kaufmann, der beim Bahnhof Zug als Psychotherapeut tätig ist. Er und seine Frau Hildegard haben über Mittag zum Arbeitslunch geladen. Die beiden sind eben sechzig geworden, wirken aber viel jünger und außerordentlich vital. Sonnengebräunt auch, denn sie sind eben von einem Aufenthalt bei ihrem Sohn in Südfrankreich zurückgekommen.

Berufliche Entwicklungen Adrian hat in den letzten fünfzehn Jahren sukzessive seine Praxis auf- und ausgebaut. Er ist jetzt so gut ausgelastet, dass er keine neuen Patienten mehr annehmen kann. Seine Arbeit gefällt ihm nach wie vor, und er kann sich gut vorstellen, übers offizielle Rentenalter hinaus tätig zu bleiben. »Grundsätzlich sehe ich es als Option, bis siebzig weiterzuarbeiten.«

Hildegard ist in einem Pensum zwischen 62 und 70 Prozent als Sekundarlehrerin tätig, daneben auch als Supervisorin und Coach. Sie unterrichtet Sprachen und Lebenskunde. Seit Langem ist sie auch Klassenlehrerin, was sie immer mehr beansprucht. Selbst mit einem Teilzeitpensum stößt sie in dieser Funktion manchmal an ihre Belastungsgrenzen. Trotzdem hat sie nach wie vor das Bedürfnis, mitzuwirken. »Ich bin nicht jemand, der nur am Spielfeldrand steht und zuschaut. Mir ist es wichtig, die Arbeit mitzugestalten. Es ist aber der letzte Klassenzug, den ich als Klassenlehrerin betreuen werde. Ich bin kontinuierlich daran, mich von dieser Rolle zu verabschieden.« Andere Aufgaben wird sie aber beibehalten. »Ich könnte mir vorstellen, die Supervisions- und Beratungsarbeit bis siebzig weiterzuführen – wenn ich so fit bleibe, wie ich mich fühle, oder wenn es noch realisierbar bleibt.«

Weiterbildung als Grundlage beruflicher Entwicklung 2007 bis 2010 hat Hildegard Kaufmann noch die Ausbildung zur Supervisorin und Coachin absolviert. »Durch diese Ausbildung wurden mir meine Fähigkeiten, die ich in der Schule zu wenig ausleben kann, bestätigt.« Soweit dies neben ihrer Erwerbstätigkeit möglich ist, arbeitet nun auch sie in einer eigenen Praxis. Auch für Adrian ist Weiterbildung ein Thema. »Ich absolviere laufend Weiterbildungen, die das, was ich bereits an Grundlagen besitze, ergänzen.« Vieles lernt er auch »on the job«. »Meine Arbeit ist sehr vielseitig und in sich eine laufende Weiterbildung. Mit jedem persönlichen Kontakt, den ich aufbauen und begleiten kann, lerne ich weiter dazu. Das ist für mich das Schöne an dieser Arbeit.«

Karriere gemacht? Betrachten die beiden ihren beruflichen Werdegang als »Karriere«? Adrian hat diesbezüglich eine eigene Definition. »Wenn ich die Gemeinschaftspraxis als meinen Arbeitsbereich betrachte, kann ich Karriere so definieren, dass ich gefragt bin. Ich bin eigentlich immer ausgebucht. Mehr kann man sich in einem solchen Feld gar nicht wünschen.« Hildegard hingegen verneint, Karriere gemacht zu haben: »Das war für mich nie erstrebenswert.«

Vorgeschichte der partnerschaftlichen Rollenteilung Warum hat sich das Paar seinerzeit für die partnerschaftliche Rollenteilung entschieden? »Für mich stand die Beziehung im Zentrum«, erklärt Adrian. »Beziehungen erfüllen das Leben. Ich habe deshalb bewusst auf vieles verzichtet, was ich als weniger wichtig empfunden habe.« Im Zentrum von Hildegards Interesse »standen die Kinderbetreuung und das Leben mit den Kindern«. Sie war in einer Familie mit traditioneller Rollenteilung aufgewachsen. Selbst so zu leben, war für sie eine »Horrorvorstellung«: »Ich hatte lange gearbeitet und wollte das auch weiterhin tun. Ich wusste auch, dass Adrian diese Praxis aufbauen möchte und dass er das Talent dazu besaß, sich als Psychotherapeut durchzusetzen.«

Hausarbeitsteilung Seit die Kinder ausgeflogen sind, lebt das Paar wieder zu zweit. Da Adrian 100 Prozent arbeitet, kann er nicht mehr so viel wie früher zum Haushalt beitragen. »Aber ich erledige den Einkauf, mache die Wäsche, bügle und staubsauge. Ich bereite das Mittagessen zu – das sind meine Jobs. Die Zubereitung des Nachtessens haben wir etwa 50:50 aufgeteilt.« Hildegard anerkennt, dass ihr Mann sehr viel macht und dass sie sich im Haushalt gut ergänzen. »Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie wir die Sachen ohne viele Absprachen erledigen können. Er beginnt, und ich mache weiter, oder umgekehrt. Es ist ein Hand-in-Hand-Arbeiten.« Nach wie vor hat Hildegard einen Wunsch. »Ich hätte sehr gerne eine Putzfrau.«

Die Kinder stehen auf eigenen Beinen Die Kinder der Kaufmanns sind vor einigen Jahren zu Hause ausgezogen und längst selbstständig. Nuria (30) hat Psychologie studiert, den Master gemacht und auch doktoriert. Aktuell arbeitet sie in der psychiatrischen Klinik Kilchberg. Sie ist mit einem Informatiker verheiratet und wünscht sich bald eine Familie. Illias (28) hat dieselbe Berufswahl getroffen wie seine Schwester und ebenfalls einen Master erworben. Er arbeitet aktuell als Psychologe an einer Institution für Suchtkranke in Montpellier. »Bei Ilias habe ich nie damit gerechnet, dass er irgendwann im Ausland leben wird«, erzählt die Mutter. »Das war ein weiterer Schritt des Loslassens.« Ihr Sohn ist mit einer Französin liiert und hat mit ihr den PACS[6] vereinbart, eine Art Heirat, die aber weniger verbindlich ist als eine Ehe.

Was den Eltern an ihren Kindern besonders auffällt, ist deren hohe Sozialkompetenz. »Sie zeigen viel Fürsorglichkeit«, erzählt die Mutter. »Nuria ist wie eine Insel in Zürich. Alle übernachten immer wieder bei ihr. Ich weiß manchmal fast nicht, wie sie neben dem hohen Arbeitspensum und der Weiterbildung noch ihren Freundeskreis pflegen kann.« Auch die Kinder und ihre Partner haben im Übrigen eine partnerschaftliche Rollenauffassung. »Es ist bei den Jungen selbstverständlich, dass man die Aufgaben teilt. Das haben sie auch schon früher in ihren Wohngemeinschaften erlebt.«

Dass die Kinder sich entschieden haben, Psychologen zu werden, war ihr freier Entscheid. Vater Adrian hat seinen Kindern von dieser Berufswahl eher abgeraten. »Die Arbeitsbedingungen von Psychotherapeuten im Schweizer Gesundheitswesen sind alles andere als rosig«, hält er fest. »Sie können sich keine goldene Nase damit verdienen, sondern es ist immer noch ein idealistischer Job.« Doch letztlich bestätigte sich das Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Beziehung zwischen Eltern und Kindern Hildegard und Adrian pflegen zu ihren Kindern eine dynamische, vertrauensvolle Beziehung. »Beruflich höre ich von Eltern, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, oder von Eltern, die sehr belastete Beziehungen haben«, erzählt Adrian. »Bei uns ist es jeweils eine Freude, wenn wir zusammenkommen. Es ist ein Geschenk.« Hildegard ergänzt: »Es interessiert sie auch, was wir machen, und sie lassen uns auch an ihrem Leben teilhaben. Das überrascht mich immer wieder.« Trotz dieser tiefen Zuneigung fordern die Kinder ihre Eltern auch heraus. »Sie halten uns den Spiegel vor und sind sehr streng mit uns. Wenn sie etwas ärgert, konfrontieren sie uns direkt und schonungslos damit.«

Zufriedenheit mit dem Rollenmodell Mit dem egalitären Familienmodell sind Hildegard und Adrian Kaufmann rückblickend sehr zufrieden. In früheren Jahren mussten sie sich finanziell ziemlich einschränken, doch durch die gute Entwicklung ihrer Kinder und die nach wie vor lebendige Paarbeziehung fühlen sie sich heute für diesen Verzicht rundum entlohnt. »Ich würde es nicht anders machen«, bilanziert Adrian. Hildegard ergänzt: »Wenn man gegenseitig an der Kinderbetreuung und der Arbeit des anderen teilnimmt, entsteht viel mehr Verständnis für das, was der andere macht. Beziehungspflege ist das Zentrale in unserem Leben.« – »Ja«, ergänzt Adrian, »und Beziehungen sind nicht einfach gegeben, sondern man muss auch immer daran arbeiten. Ich bin der Ansicht, dass wir unser Ziel erreicht haben. (Zu ihr) Ich freue mich, mit dir zusammen alt zu werden.« Hildegard schenkt ihm dafür ein strahlendes Lächeln.

Nutzung der Freizeit Hildegard und Adrian freuen sich, künftig mehr Zeit zu haben für ihre Beziehung, jene zu den Kindern, ihren großen Freundeskreis und ihre Hobbys. »Wir unternehmen im Alltag viel zusammen«, erzählt Adrian. »Wir haben den Gesang, und wir haben das Projekt, gemeinsam Spanisch zu lernen, gestartet. Ich fahre auch noch Motorrad.« Hildegard ergänzt. »Für zwei Jahre gingen wir abends Tango tanzen. Wir gehen auch öfter als früher ins Kino, ins Theater oder ins Konzert. Wir machen teurere Ferien und reisen weiter weg. Das hätten wir früher aus finanziellen Gründen nicht gemacht.«

Engagement für die (Groß-)Eltern In den letzten Jahren sind auch die eigenen Eltern in den Fokus gerückt. »Mein Vater ist 89 Jahre und meine Mutter 87 Jahre alt«, erzählt Hildegard. »Ich unternehme zusammen mit meiner Mutter Ausflüge – sogenannte Mutter-Tochter-Tage. Durch diese Ausflüge erhalte ich mehr Freiraum und lebe diesen auch sehr bewusst, weil das meine Mutter sehr genießt.« Adrian begleitet seine Mutter nun bereits seit sechzehn Jahren. »Seitdem mein Vater verstorben ist, besuche ich sie monatlich; und seit sie pflegebedürftig ist, habe ich alles Administrative für sie übernommen.«

Schwächen und Stärken des egalitären Modells Adrian sieht die Schwächen des egalitären Modells vor allem im finanziellen Bereich. »Man muss gut schauen, dass es längerfristig funktioniert. Im jugendlichen Idealismus gewichtet man das vielleicht etwas weniger, aber das Alter muss ja doch abgesichert werden.« Dass Adrian in der Anfangsphase seiner beruflichen Selbstständigkeit nicht viel in die Altersvorsorge investieren konnte, »hat jetzt zur Konsequenz, (zu ihr) dass du bis 65 arbeiten musst, weil wir damals mit unserem Modell Einbußen gehabt haben«.

»Auch unser Wohnungskauf«, fährt Adrian weiter, »war eine Gratwanderung, bis wir genügend Eigenkapital vorweisen konnten. Es entstanden dadurch Belastungen, die mich lange Zeit auch psychisch beschwerten. Das würde ich aus heutiger Sicht als Nachteil bezeichnen.«

Als Vorteil des partnerschaftlichen Rollenmodells erwähnt Adrian hingegen, »dass wir auch eine Vorbildfunktion für andere eingenommen haben. Freunde und Bekannte haben das mitbekommen und machen es uns nach – sie nehmen sogar Bezug auf unser Modell.«

Partnerschaftliche Rollenteilung und Kinderbetreuung Als die Kinder klein waren, wurden sie abwechselnd von ihren Eltern betreut, die damals je 50 bis 60 Prozent arbeiteten. Am Donnerstag übernahm eine Freundin das Hüten der Kinder. Das soziale Umfeld bot den Kindern zusätzliche Anregungen. »Wir haben eine Wohnsituation gesucht, in der die Kinder rausgehen und mit anderen Kindern zusammen sein konnten«, erklärt Adrian. Seine Frau denkt, dass sie die Kinder in der heutigen Zeit eventuell auch extern betreuen lassen würde. »Wir haben Morgen, Mittag und Abend als Familie verbracht. Diesbezüglich würde ich heute ein wenig loslassen. Ich denke, dass man sich auch Freiräume schaffen könnte.« – »Das ist die Meinung von Hildegard«, widerspricht Adrian. »Ich würde es nicht anders machen – ich würde es genau gleich machen. Eine Kinderkrippe würde ich nicht in Anspruch nehmen. Einen Mittagstisch könnte ich mir vorstellen.«

Teilzeitarbeit Hildegard war seinerzeit die einzige Frau und Mutter in ihrem Lehrerteam. »Ich war die einzige Frau, die schwanger wurde und weitergearbeitet hat.« Üblich war auf der Oberstufe, dass Frauen bei der Familiengründung ihren Beruf vorübergehend aufgaben. Inzwischen hat sich Teilzeitarbeit, wie Hildegard berichtet, auch in Sekundarschulen stark verbreitet. »Wir haben Mütter, die früher 100 Prozent gearbeitet und nun reduziert haben. Man schaut, dass man diese Frauen im Team behalten kann. Wenn die Frauen die Kapazität dazu haben, können sie ihr Pensum wieder erhöhen.«

Trotz Teilzeitpensum findet Hildegard ihre Arbeit sehr anspruchsvoll. »Der Aufwand hat sich vervielfacht, da man mit der Schulsozialarbeiterin und der Heilpädagogin Absprachen treffen muss. Das wird heute mit einer großen Selbstverständlichkeit über den Mittag abgehandelt.« Sie denkt, dass sie heute nicht mehr in der Lage wäre, mit kleinen Kindern die Funktion einer Klassenlehrerin auszuüben.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Relevanz des Modells Adrian denkt, dass die Voraussetzungen für die Wahl des egalitären Rollenmodells heute besser seien als früher. Gleichzeitig findet er, man müsste die gesellschaftlichen Bedingungen für junge Eltern verbessern. Der Konkurrenz- und Erfolgsdruck sei so groß, dass viele dadurch überfordert seien. Die Schweizer Politik müsste erheblich familienfreundlicher werden. Junge Eltern müssten aber auch ihre materiellen Ansprüche hinterfragen und sich auf die ›basic needs‹, das heißt die elementaren Bedürfnisse von Kindern besinnen. Diese sieht er nicht im Bereich von Luxus und Konsum, sondern bei Werten wie Zuneigung, Zeit und Geborgenheit.

Hildegard teilt die Einschätzung ihres Mannes. Sie denkt, »dass Kinderhaben eigentlich gar nicht so schwierig wäre, wenn man den ›basics‹ genug Raum geben würde: füreinander Zeit haben, zueinander schauen und für eine gewisse Zeit auch auf anderes verzichten«.

Gesellschaftliche Perspektiven Adrian ist ein überzeugter Befürworter des egalitären Rollenmodells. »Ich finde es das Modell der Zukunft. Auch wenn es mit dem starken Franken wieder eine Arbeitszeiterhöhung gegeben hat, wird sich die gesellschaftliche Entwicklung in Richtung von mehr Freizeit und mehr Freiraum entwickeln. Dort wird dieses Modell auch wieder mehr Platz haben. Ich glaube, dass es ein erfolgreiches Modell ist, das sehr viel Lebensqualität zu bieten hat.« Hildegard bestätigt dies und bedauert, »dass das Modell nicht gefördert und dass nicht mehr Werbung dafür gemacht wird. Es wären so viele schmerzhafte Erfahrungen gar nicht notwendig.« Das sieht auch Adrian so. »Es müsste nicht sein, dass so viele Familien mit ihrem Modell scheitern.«

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