Kitabı oku: «Partnerschaftliche Rollenteilung - ein Erfolgsmodell», sayfa 3
SUSANNE SORG-KELLER UND FLORIAN SORG
»Für uns war die Lösung mit der Rollenteilung super«
Wir treffen uns um siebzehn Uhr in Susanne Sorgs Büro im Verwaltungsgebäude am Neumühlequai 10. Anmeldung bei der Portiersfrau, die hinter dicken Scheiben sitzt. Sie gibt mir einen Batch, den ich oberhalb der Treppe in eine metallene Säule werfen muss. Nun erhalte ich freien Durchgang durch eine Drehtür und Zugang zum Lift. Im vierten Stock ist alles ruhig. Florian Sorg (62) trifft ein, ein sportlicher Mann mit grauen krausen Haaren. Ich hätte ihn nicht wiedererkannt. Susanne Sorg (61) kommt mir vertrauter vor: dasselbe offene Gesicht wie früher.
Erwerbsarbeit Das Paar erzählt vom letzten Lebensjahrzehnt. Wie es beiden vergönnt war, sich beruflich zu entwickeln – sie als Hauptabteilungsleiterin in der kantonalen Verwaltung, er als Redaktor bei der NZZ. Ihre Jobs machten ihnen Spaß, doch stellte sich im Laufe der Jahre der Wunsch ein, nochmals Neues anzupacken. Die Idee, wieder in den früheren Berufen Fuß zu fassen – Lehrer an der Landwirtschaftsschule bzw. Gymnasiallehrerin –, erwies sich aber als unrealistisch.
Als Susanne auf die Sechzig zuging, beschloss sie, sich im Herbst 2015 pensionieren zu lassen, »weil ich die Lust verspürte, noch etwas anderes zu machen. Ich könnte nicht zu Hause rumsitzen – das wäre nicht meine Art.« Als sie ein Angebot ihrer Wohngemeinde Lindau erhielt, für den Gemeinderat zu kandidieren, sagte sie zu. Im Frühjahr 2014 wurde sie gewählt. Aktuell überlappt dieses Mandat noch mit ihrer Berufsarbeit. »Teilweise muss ich nun meine Reserven mobilisieren. Insgesamt würde ich sagen, dass ich momentan 120 Prozent arbeite.« Neben dem erwähnten politischen Amt wird Susanne künftig auch als Präsidentin des Vereins Museum Schloss Kyburg tätig sein. Sie freut sich auch auf dieses Engagement.
Florian Sorg arbeitete seit 2000 bei der NZZ. Vor einigen Jahren reduzierte er dort sein Pensum im Rahmen einer Reorganisation von 100 auf 80 Prozent. Statt als Dienstredaktor arbeitete er wieder vermehrt im Journalismus mit Schwerpunkt auf der Berichterstattung aus Winterthur. Als er eine Anfrage des Kantonsspitals Winterthur erhielt, in der man ihm die Redaktion der neuen Hauszeitung anbot, griff er zu. »Seit Anfang März 2015 arbeite ich nun in einem 90-Prozent-Pensum dort und erstelle die Hauszeitung, die einmal im Monat erscheint.« Die neue Herausforderung macht Florian Freude und vermittelt neue Impulse. »Diese Woche konnte ich bei einer Herzoperation dabei sein. Das war super. Man kommt vielerorts an den Eintrittverbotsschildern vorbei und erhält Einblick in viele Bereiche.«

Haben die beiden Karriere gemacht? Susanne bezeichnet ihre berufliche Entwicklung nicht als geplante Karriere. »In der Staatskanzlei ist es nicht möglich, eine klassische Karriere zu machen. Ich habe aber erreicht, was ich maximal erreichen konnte.« Als einen Karriereschritt sieht sie ihre Engagements an diversen Hochschulen. »Ich habe regelmäßig an der ZHAW Winterthur und an der Uni Basel unterrichtet und konnte auch an der Uni Zürich als Gastdozentin einzelne Module übernehmen.« Für Florian war Karriere nie ein zentrales Ziel. »Ich denke, dass ich mit der NZZ weit gekommen bin. Dieser Job hat mir auch zugesagt und hatte ein gewisses Prestige. Die Umstellung auf den neuen Job war kein Karriereschritt – es ging weder rauf noch runter.«
Hausarbeit Florian leistet heute weniger Hausarbeit als seine Frau, was jedoch nicht zu Konflikten führt. »Ich mache jeden Tag irgendetwas wie Entsorgung, Altglas und darüber hinaus. Am Morgen räume ich jeweils auf, und am Abend ist halbe-halbe. Die vielen großen Sachen wie Wäsche waschen usw. erledigt Susanne. Umgekehrt repariere ich manchmal etwas oder ersetze einen Wasserhahn.« Susanne betont, mit der jetzigen Doppelaufgabe bleibe wenig Zeit übrig für den Haushalt. »Wir haben weniger Gäste als früher, aber für diese koche ich nach wie vor sehr gerne.« Seit Langem haben Susanne und Florian auch eine Putzfrau, und die Nachbarin bügelt für sie.
Betreuung der Großeltern Auch die Betreuung der eigenen Eltern, die in einer halben Stunde Distanz wohnen, absorbiert Zeit. Florians Vater ist letztes Jahr gestorben. »Wir hatten bereits damals und haben auch heute noch einen sehr intensiven Kontakt zu meiner Mutter. Ich gehe gerne hin – aber man benötigt einen halben Tag pro Woche, jeweils am Wochenende.« Susannes Eltern leben noch in ihrer Wohnung, benötigen jedoch ebenfalls Unterstützung. »Ich habe begonnen, mit ihnen zusammen Ferien zu verbringen. Ich bekoche sie, nehme sie in unser Ferienhaus mit und schaue, dass sie zurechtkommen.«
Entwicklung der Kinder Die Töchter von Susanne und Florian sind längst erwachsen. Beide fühlen sich in ihren Berufen im Element und reisen viel in der Welt umher. Annina (31) hat an der ETH ein Forstingenieurstudium absolviert. Nach dem Studienabschluss arbeitete sie drei Jahre im Forstamt des Kantons Bern und bereitete dort Rodungsbewilligungen vor. Anschließend verfasste sie ihre Doktorarbeit und weilte während dieser Zeit länger in Kirgistan und Kasachstan. Nun arbeitet sie in einem Ingenieurbüro, für das sie Baustellen für Lawinenverbauungen beurteilen und Bäume unterhalb von Hochspannungsleitungen kontrollieren muss. Es sei ein faszinierender Job, erzählen die Eltern, »sie ist mit Leib und Seele Forstingenieurin«.
Auch Loredana (29) hat einen naturverbundenen Beruf gewählt. Nach der Matura legte sie ein Zwischenjahr ein und verbrachte Zeit in Russland und in Kirgistan. Nach ihrem Agronomiestudium ist sie nun, wie die Mutter berichtet, als Mercator-Stipendiatin unterwegs: »Die ersten drei Monate verbrachte sie in Tansania bei einer Bio-Landwirtschaftsausbildungsstätte. Anschließend war sie für drei Monate bei der FAO in Rom, und momentan ist sie in die Ukraine verreist, wo sie im Bereich Bio-Landbau ihre drei letzten Monate absolviert.«
Eltern-Kind-Beziehung Nach dem Verhältnis zu ihren Kindern gefragt, meint Susanne: »Es ist sehr intensiv, freundschaftlich und offen.« Sie fährt mit ihren Töchtern auch in die Ferien und unternimmt mit ihnen Fahrradtouren. »Im Dezember haben Annina und ich Loredana in Tansania besucht. Wir sind zweieinhalb Wochen rumgereist, und Loredana hat uns das Land gezeigt. Das sind jeweils sehr intensive Phasen, in denen wir uns gut verstehen.« Susanne freut sich darüber, dass sie als ältere Frau von den jüngeren Frauen so gut integriert wird. Florian macht ähnliche Erfahrungen. »Ich empfinde es als angenehm, dass ich mich seitens unserer Töchter nie ausgeschlossen fühle. Das ist sehr wertvoll für mich. Wir gehen verschiedene Wege, haben aber ein sehr vertrautes Verhältnis.«
Bedeutung der elterlichen Rollenteilung Ob die Eltern-Kind-Beziehung durch die egalitäre Rollenteilung geprägt worden sei, beurteilen die Partner unterschiedlich. Susanne ist überzeugt »dass wir eine innigere Beziehung miteinander haben, als wenn wir ein anderes Modell gewählt hätten. Ich bin mir sicher, dass es eine andere Beziehung wäre, wenn ich Hausfrau gewesen wäre. Ich habe das Gefühl, dass ich für sie nicht jemand bin, der zu Hause nur eine Suppe zubereitet, sondern dass sie mit mir interessante Gespräche führen können.« Florian ist anderer Meinung. »Für uns war diese Lösung mit der Rollenteilung super. Ich bin jedoch der Ansicht, dass wir auch eine innige Beziehung hätten, wenn wir dieses Modell nicht gehabt hätten. Aber ich hätte etwas verpasst.«
Rückblick auf die Wahl der Rollenteilung Susanne erinnert sich: »Bei mir war es das Egalitäre. Ich wollte nicht benachteiligt sein, weil ich eine Frau bin. Ich wollte auch den beruflichen Teil des Lebens leben.« Es ging ihr auch um eine gleichberechtigte Partnerschaft. Sie war überzeugt, »dass es befriedigender ist, wenn man auf gleicher Augenhöhe miteinander spricht. Wenn man nicht in verschiedenen Welten lebt und das Gemeinsame erst suchen muss.« Florian wählte das Modell aus der Überlegung, nicht für den Rest seines Lebens gleichförmig leben zu wollen. »Andere Gründe waren mein Interesse an den Kindern und meine Experimentierfreude. Wir haben jedoch vor dem Entscheid überprüft, ob es wirklich beide möchten und keiner den Kürzeren zieht. Ansonsten hätten wir es nicht gemacht.«
Zufriedenheit mit der Rollenteilung Susanne wie Florian sind mit der egalitären Rollenteilung rückblickend sehr zufrieden. Sie würden dieses Modell wieder wählen, weil es Frauen nicht ans Haus bindet und den Männern die Möglichkeit gibt, einen Teil des Alltags mit den Kindern zu verbringen.
Florian erinnert sich aber auch an frühere Unsicherheiten: »Damals wusste ich nicht, dass es anschließend wieder vorwärtsgeht und man wieder einen Vollzeitjob finden kann. Ich habe mir aber gedacht, dass das schon klappen wird. Ich würde es wieder so machen, wenn es irgendwie aufgeht.«
Auch Susanne würde die Rollenteilung wieder wählen. »Wir waren beide von dieser Idee fasziniert. Es war ein Anspruch an uns, ob wir diese Herausforderung zusammen meistern können. Wenn wir beide das Bedürfnis nach einem 80-Prozent-Pensum gehabt hätten, hätten wir die Kinder in die Krippe geben müssen. Dann wäre eines der Ziele – dass wir viel Zeit mit den Kindern verbringen können – tangiert gewesen.«
Die beiden sind stolz auf das Erreichte. Selbstkritisch fügen sie an, das Aufstocken der Pensen auf 100 Prozent sei für die Töchter wohl etwas früh gekommen. Die beiden Jugendlichen waren damals nach der Schule oft auf sich selbst gestellt, was die Eltern aus heutiger Sicht als nicht ideal beurteilen. »Der Übergang war hart«, erzählt der Vater, »ich habe die Kinder plötzlich fast nicht mehr gesehen. Das ist für mich nicht gut gelaufen.« Susanne fragt sich, ob sie nicht dadurch, dass sie beide ihr Pensum erhöhten, »das System etwas überfordert« hätten.
Vorteile der partnerschaftlichen Rollenteilung Als wichtigsten Vorteil der partnerschaftlichen Rollenteilung nennt Susanne die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das beinhaltet für sie, »dass ich mich im Berufsleben wohlfühle. Deshalb habe ich es sehr geschätzt, dass ich nach meiner kurzen Pause wieder im Beruf einsteigen konnte.«
Auch Florian hat die Rollenkombination geschätzt. »Ich hatte eine sehr gute Zeit mit meinen Kindern, und das ist gut. Ich musste mich nicht mit Haut und Haaren an meinen Beruf verkaufen und hatte auch kein Burn-out.« Auch die Partnerschaft erhielt viele Impulse, wie Florian betont: »Wir hatten nebst allem anderen immer auch einen fachlichen Austausch. Es fließt in meine Lebensqualität ein, (zu ihr) dass du in einer spannenden Situation bist – obwohl dich dein Job nicht immer nur glücklich macht.« Einen weiteren Punkt erwähnt Florian noch: »Ich musste nicht alles Geld selbst verdienen. Ich muss nicht ›strampeln‹ wie jemand, der alleine für das Einkommen verantwortlich ist.«
Nachteile der partnerschaftlichen Rollenteilung Die Nachteile der partnerschaftlichen Rollenteilung sieht das Ehepaar Sorg vor allem bei den Werthaltungen, der beruflichen Entwicklung und den Finanzen. Die gesellschaftliche Akzeptanz des Rollenmodells sei durchzogen, meint Florian, sie verändere sich kaum. »Schlimm ist, wenn man nur als halber Mann betrachtet wird, weil man noch den Haushalt macht. In solchen Situationen bin ich extrem dünnhäutig.« Susanne findet es stoßend, »dass man mit Aussagen wie ›Ihr seid Exoten‹ oder ›Nein, das könnten wir nie machen‹ und ›Das möchten wir niemals‹ konfrontiert wird. Man hat manchmal das Gefühl, als ob man die anderen bedrohen würde.« Es komme allerdings auch vor, dass sie von gewissen Leuten als »Pionierin« bezeichnet werde. »Ich frage dann immer, warum nicht mehr Leute dieses Modell umsetzen. Ich treffe nur wenige junge Familien, die das versuchen.«
Einen weiteren Nachteil sieht Susanne darin, »dass man während der ersten Zeit viel weniger verdient. Wenn ich zurückdenke, hatten wir als Journalisten keinen hohen Lohn.« Gleichwohl sind sie dem Modell treu geblieben. »Es braucht die Zuversicht, dass es in dieser Lebensphase eigentlich keine Rolle spielt, wenn man etwas weniger Geld hat. Man kann die Arbeitspensen anschließend ja wieder aufstocken.«
Florian hat die Nachteile der Teilzeitarbeit erlebt. »Man hat über eine gewisse Zeit eine angezogene Handbremse. Man merkt, dass die Gleichaltrigen im Journalismus einen Schritt weiter sind. Es war mühsame Knochenarbeit, bis ich gleich viel erreicht hatte wie die anderen. Das war auch eine Folge des egalitären Rollenmodells.«
Blick in die Zukunft Susanne möchte ihre kulturpolitischen Engagements nach der Pensionierung noch eine Weile fortsetzen. »Anschließend möchte ich noch etwas machen, was mich geistig fit hält, eine Mischung aus Freizeit und sinnvollem Engagement.«
Florian hat im Sinn, bis 65 zu arbeiten. Nachher wünscht er sich mehr Zeit für seine Hobbys. Er spielt klassische Musik und arbeitet gerne im Garten. Das alleine wird ihn jedoch nicht ausfüllen. »Ich habe bereits mit Bauern vereinbart, dass – wenn sie jemanden zum Traktorfahren oder zum Zäunereparieren benötigen – ich das gerne für sie mache. Ich könnte mir auch vorstellen, zweimal in der Woche bei einem Fahrradmechaniker auszuhelfen.« Er habe in seinem Berufsleben genügend Papier gesehen, betont Florian. »Eines meiner Ziele wäre, dass ich mir morgens manchmal einen Arbeitskittel anziehen kann.«

RITA SCHOLL BORN UND JÜRG BORN
»Manchmal machen sie Witze darüber, dass bei uns alles ein wenig speziell war«
Rita Scholl Born (57) und Jürg Born (57) wohnen in einem Einfamilien- und Reihenhausquartier am Rande von Münsingen. Ihr Zuhause ist stilvoll eingerichtet, die Räume sind hell und großzügig. Im Garten zieht eine Holzskulptur meinen Blick auf sich – wie ich später erfahre, hat Jürg sie mit der Motorsäge gestaltet. Im Übrigen ist hier ein romantisches Paradies: Quer übers Gartenende zieht sich eine üppige Glyzinie, und neben der Balkontüre blüht, einem Schwarm Schmetterlinge gleich, eine riesige violett-bläuliche Clematis.
Berufliche Entwicklungen Rita hat nach wie vor ihre 50-Prozent-Stelle bei der Berner Gesundheit und arbeitet dort als Therapeutin im Bereich Sucht. Seit etwa zehn Jahren arbeitet sie – auf freiberuflicher Basis – auch in einer psychotherapeutischen Praxisgemeinschaft. Sie bietet dort Einzel- und Paartherapien an. Seit sieben Jahren leitet sie zudem Kurse und Fortbildungen im Bereich »Stressbewältigung durch Achtsamkeit«. »Es ist immer ein wenig schwierig, all diese Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen«, gesteht Rita. »Über das ganze Jahr verteilt arbeite ich zwischen 70 und 80 Prozent.«
Jürg arbeitet seit Längerem auf selbstständiger Basis. Auch sein Pensum beträgt, übers Jahr gesehen, 70 bis 80 Prozent. Zwei Drittel seiner Arbeitszeit entfallen auf die Bereiche Supervision, Coaching, Teamentwicklung. »Bei der Teamentwicklung reicht das Spektrum von Kita-Teams bis hin zum Strafmaßnahmenvollzug. Das restliche Drittel besteht aus der Erwachsenenbildung, wo ich an verschiedenen Instituten Ausbildner für Erwachsene ausbilde.«
Viel erreicht Beide sind sehr zufrieden mit dem im Beruf Erreichten. Mit einem 50-Prozent-Pensum sei man ausgeschlossen vom üblichen Karrieremachen, meint Jürg. »Wenn ich jedoch reflektiere, was ich alles machen konnte, finde ich es optimal. Ich arbeite weniger Stunden als der durchschnittliche Schweizer und verdiene mehr als der Durchschnitt. Insgesamt fühle mich privilegiert.«
Für Rita bedeutet Karriere nicht nur beruflichen Aufstieg und das Erlangen höherer Positionen. »Ich definiere Karriere dadurch, dass ich jenen Tätigkeiten nachgehen kann, die ich gern mache, in denen ich anständig bezahlt werde und in denen viel Selbstbestimmung liegt.«
Berufliche Zukunft Beide gehen auf die Sechzig zu – ein Anlass, das Rentenalter zu reflektieren. Jürg fixiert sich nicht darauf, mit 65 in Pension zu gehen. »Ab 65 kann ich mir gut vorstellen, weiterhin einzelne Mandate zu betreuen, sicher mit reduziertem Pensum.« Rita denkt daran, ihre Anstellung spätestens mit der Pensionierung aufzulösen. »Ich arbeite in diesem 50-Prozent-Pensum unter guten Bedingungen – es ist nicht so, dass ich leiden würde. Trotzdem möchte ich künftig mehr Zeit in meine anderen Aktivitäten investieren. Ich werde so lange selbstständig weiterarbeiten, wie ich Lust dazu habe und es mir Freude bereitet.«
Finanzielle Absicherung fürs Alter Die Kinder von Rita und Jürg sind in Ausbildung und generieren dadurch hohe Fixkosten. »Wir haben gemerkt«, sagt Rita, »dass mein 50-Prozent-Pensum die einzige fixe Stelle ist, die wir haben.« Darum ist dieses Einkommen nach wie vor wichtig, auch für die Alterssicherung. »Wir konnten etwas erwirtschaften«, berichtet Jürg, »aber im Vergleich zu heute werden wir im Alter gewisse Einsparungen vornehmen müssen – wir werden nicht im Luxus leben. Gerade wegen der Altersvorsorge habe ich das Gefühl, dass ich später noch Mandate betreuen werde.«
Hausarbeitsteilung »Seit die Kinder weg sind«, berichtet Rita, »kommt die Putzfrau nur noch einmal alle zwei Wochen. Es fällt in jedem Bereich deutlich weniger Arbeit an. Ich empfinde die Arbeitsteilung zwischen mir und Jürg nicht als konfliktreich.« Jürg ergänzt, die Hausarbeitsteilung habe sich im Zeitverlauf total eingependelt. »Es gibt Dinge, die ich regelmäßig mache, und Dinge, die Rita häufiger macht. Obwohl ich auch koche, bügle und einkaufe, ist für mich klar, dass Rita innerhalb des Hauses mehr leistet als ich.«
Rita putzt, wenn ihr danach zumute ist. »Wenn ich zu Hause bin, denke ich mir manchmal, dass ich den ganzen Tag mit dem Kopf gearbeitet habe und es für mich nicht stressig ist, noch kurz mit dem Staubsauger durchs Haus zu gehen.«
Entwicklung der Kinder Tochter Lea hat das Gymnasium absolviert und anschließend in Freiburg ihr Studium in Medien- und Kommunikationswissenschaft begonnen. Im letzten Jahr hat sie ihren Bachelor abgeschlossen und macht seit einem halben Jahr ein Praktikum bei der Event-Agentur Good News in Zürich. Zwischenzeitlich war sie längere Zeit im Ausland. Diese Aufenthalte dienten jeweils dem Erlernen von Sprachen. Lea wohnt in einer Wohngemeinschaft in Bern.
Tim hat ebenfalls das Gymnasium absolviert und studiert in Bern Sozialwissenschaften. Sein Plan ist es, im Sommer mit dem Bachelor abzuschließen. Die Prüfungen dazu hat er bereits absolviert, er muss aber noch eine Arbeit schreiben. Momentan ist Tim für einen Monat in Peru.
Wie der Vater berichtet, prüfen beide Kinder die Möglichkeit eines Master-Studiums. »Seit Kurzem ist es für beide eine Option. Tim muss zwischendurch noch seinen Zivildienst absolvieren. Es ist möglich, dass beide nächsten Sommer mit ihrem Master-Studium beginnen werden.« Die Mutter ergänzt: »Lea möchte Teilzeit studieren und nebenher arbeiten. Sie sagt, dass sie durch das Arbeiten merkt, weshalb sie studiert.«
Tim und Lea tragen beide dazu bei, ihr Studium zu finanzieren. »Beide wollten in eine Wohngemeinschaft«, erinnert sich Rita. »Wir haben zu ihnen gesagt, dass sie so viel Geld von uns erhalten, wie sie zu Hause kosten würden. Ich war der Ansicht, dass man von hier aus nach Bern pendeln könnte. Aber den Kindern war es wichtig, zu Hause auszuziehen, und sie wussten, dass sie dafür einen Job brauchten.« Solche Gelegenheiten haben sie auch gefunden. Dreimal in der Woche arbeitet Tim für den »Berner Landboten« und macht Kundendienst oder nimmt Inserate entgegen. Und Lea hat über Jahre hinweg im Service gearbeitet.
Beziehung zwischen Eltern und Kindern Die Beziehung zu den Kindern lebt nach Aussage der Mutter stark von spontanen Anlässen. »Es ist nicht so, dass wir fixe Treffen wie beispielsweise ein Abendessen jeden Sonntag oder ein fixes Telefonat in der Woche vereinbart hätten. Ich bin der Ansicht, dass die Kinder ihren Freiraum brauchen.« Dies ist kein Hindernis, zu beiden Kinder verbindliche, lebendige Beziehungen zu pflegen. »Es läuft sehr viel über den Austausch«, erklärt Rita, »über Anteilnahme an dem, was gerade aktuell ist.« Eltern und Kinder verbringen auch Skiferien zusammen oder unternehmen andere Aktivitäten. »Es gibt viele erlebnisorientierte Sachen wie einen Kinobesuch, Musicalbesuche oder ein Wochenende, verbunden mit Filmnächten, in Locarno.«
Auch Jürg erlebt die Beziehung zu seinen Kindern als tragfähig und bereichernd. »Vor zwei Jahren haben Tim und ich mit Golfspielen begonnen. Wir haben beide bei null angefangen und entwickeln uns nun zusammen weiter. Dadurch ergeben sich schöne Gelegenheiten, bei denen ich mit Tim über Gott und die Welt spreche.« Mit Lea hat Jürg weniger direkten, persönlichen Kontakt. »Seit sie in Zürich arbeitet, hat sie fast keine Zeit mehr. Wir telefonieren oder schreiben SMS, oder Lea schickt mir eine Mail, wenn sie ein administratives Problem lösen möchte.«
Kinder und Rollenteilung Die frühere Rollenteilung ist gemäß Rita kein großes Gesprächsthema zwischen Eltern und Kindern. »Manchmal machen sie Witze darüber, dass bei uns alles ein wenig speziell war. Sie witzeln zum Beispiel darüber, dass fast keine anderen Kinder mit diesem Rollenteilungsmodell aufgewachsen sind. Ich denke aber, dass sie es grundsätzlich gut finden, dass wir beide zu Hause gewesen und beide einer beruflichen Tätigkeit nachgegangen sind.«
Spezielle Prägungen als Folge ihres Rollenmodells erkennt Rita am ehesten im Bereich der Sozialkompetenzen: »Beide Kinder haben die Fähigkeit, mit sehr unterschiedlichen Personen umzugehen und zusammenzuleben. In der Wohngemeinschaft von Lea hat es viele Wechsel gegeben«, was ihr nach Aussage der Mutter keinerlei Mühe bereitete. Auch beim Sohn gab es Wechsel innerhalb der Wohngemeinschaft. »Das hat Tim überhaupt nicht gestresst. Er hat gesagt, dass er einen neuen Wohngemeinschaftsmitbewohner finden wird und dass er mit verschiedenen Leuten zusammenleben kann.«
Verwendung der freien Zeit Die Kinder sind ausgezogen, wodurch freie Zeit entstanden ist. Einen Teil davon hat Rita in ihre Arbeit investiert, den anderen Teil nutzt sie, »um Sport zu treiben oder spontan am Abend auszugehen und mich mit Freundinnen zu treffen. Ich genieße auch die ruhige Zeit zu Hause.« Jürg übte neben seinem Beruf viele Jahre auch amtliche Tätigkeiten aus. Diese Engagements hat er etwas abgebaut. »In der jetzigen Phase habe ich das Gefühl, dass ich mehr Zeit mit Rita verbringe. Wir unternehmen heute viel mehr zusammen – manchmal geplant und manchmal spontan. Ich nehme mir auch mehr Zeit für mich.«
Zufriedenheit mit der Rollenteilung Wie zufrieden ist das Paar mit der von ihm praktizierten Rollenteilung? »Über den ganzen Zeitraum hinweggesehen«, meint Rita, »bin ich sehr zufrieden. Es gab aber Phasen, in denen wir sehr viel leisten mussten und wenig Luft zum Atmen blieb. Trotzdem habe ich immer gewusst, dass das Traditionelle für mich nicht gut gewesen wäre.« Die Konsequenzen des traditionellen Modells kennt Rita aus ihrer Praxis. »Es begegnen mir viele Frauen, die im Alter, wenn die Kinder erwachsen und nicht mehr zu Hause sind, in eine massive Krise stürzen. Sie haben keinen Lebensinhalt mehr und wissen nichts mit sich selbst anzufangen.«
Auch Jürg findet die egalitäre Rollenteilung ein gutes Modell. »Ich würde es wieder gleich machen. Ich habe das Gefühl, dass ich durch dieses Modell eine andere Beziehung zu meinen Kindern aufbauen konnte, als ich es mit einem 120-Prozent-Job hätte machen können. Das weiß ich sehr zu schätzen.« Doch auch er erinnert sich an belastende Zeiten. »Durch das Aufstocken der Arbeitszeit – bei mir mit meiner Selbstständigkeit und bei Rita mit ihren Zusätzen – hatte ich phasenweise das Gefühl, dass alles sehr, sehr dicht wurde.«
Rita betont, sie würde das Modell wieder wählen, den Mutterschaftsurlaub aber erheblich verlängern. »Diese ganze Phase mit Stillen, wenig Schlaf und Nebenher-Arbeiten würde ich nicht nochmals wiederholen.« Jürg kann den Wunsch seiner Frau nachvollziehen, äußert aber auch Vorbehalte. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich den gleichen Zugang zu den Kindern hätte, wenn Rita nach den Geburten ein volles Jahr zu Hause verbracht hätte. Man muss aufpassen, dass der Mann den Zugang zu den Kindern nicht verliert und umgekehrt. Im ersten Jahr passiert diesbezüglich sehr viel.«
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Wahl des egalitären Rollenmodells im Zeitverlauf verbessert? Ja, denkt Rita Scholl Born, es seien zumindest mehr junge Männer mit kleinen Kindern unterwegs als früher. Gleichzeitig fällt ihr auf, dass sehr wenige Paare die partnerschaftliche Rollenteilung wählen. Im Beratungskontext begegnen ihr junge Frauen, »die vor ihrer Heirat aufgrund der Kinderfrage ›die Krise schieben‹. Sie haben von ihren Eltern nur die traditionelle Rollenteilung kennengelernt und kennen kein alternatives Modell. Das macht ihnen Angst.«
Jürg war phasenweise stark in der Väterszene tätig und in einem schweizerischen Gremium engagiert. Er bezweifelt, dass sich die gesellschaftlichen Umstände zum Vorteil des egalitären Modells gewandelt haben. »Ich bin mir nicht sicher, welche Berufsgruppen sich heute ein 50:50-Modell leisten können. Wenn man ein Eigentum besitzt, ein Auto und eine Krankenkasse hat und alle Bedürfnisse befriedigen will, die vorhanden sind, wird es eng.« Jürg bedauert, dass seitens der Unternehmen nur ein kleines Spektrum an Arbeitszeitmodellen angeboten wird. »Viele Männer möchten Teilzeit arbeiten. Untersuchungen zeigen aber, dass viele ihre Freizeit dazu nutzen möchten, um ihren Hobbys nachzugehen. Es gibt auch solche, die mehr Zeit mit den Kindern verbringen möchten, jedoch nicht zwingend in einem 50:50-Modell.«
Rita und Jürg haben ihre Kinder, als sie klein waren, weitgehend selbst betreut. Über familienergänzende Kinderbetreuung denken sie eher kritisch. »Ich habe jüngere Kolleginnen«, erzählt Rita, »die unter Kita-Stress leiden. Bevor sie morgens zur Arbeit kommen, müssen sie die Kinder zur Kita bringen, und am Abend müssen sie aus der Sitzung raus, um die Kinder rechtzeitig abzuholen. Entweder erledigt dies die Frau oder der Mann. Es braucht viel Aufwand, damit alles gut läuft.« Auch Jürg sieht durch seine berufliche Tätigkeit in viele Kitas hinein. »Es bräuchte noch mehr davon, und die Leute dort machen ihre Arbeit gut«, sagt er anerkennend, ergänzt dann aber: »Ich höre jedoch immer wieder vom Stress der Eltern. Das ist für die Kinder nicht förderlich.«
