Kitabı oku: «Das Buch der Gaben», sayfa 12

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Lesen und Wünschen

Im Eingangsbereich des Einkaufszentrums liegt die von uns so genannte Fressmeile. Mehrere kleine Restaurants, Imbissstände und ein Hamburgerladen. Als wir zum Ausgang schlenderten, sah ich plötzlich meinen Vater in einem dieser Selbstbedienungsläden sitzen. Was machte denn mein Vater hier? Eigentlich musste er doch arbeiten!

Ich konnte nicht glauben, dass er da saß, und während ich wie angewurzelt dastand, waren die anderen schon bis zur Drehtür weiter gegangen. Ich registrierte zwar, dass Janine mich rief und dann alle wieder zu mir zurückliefen, aber ich konnte einfach nicht reagieren. Schließlich war Tommy bei mir und haute mir auf die Schulter.

„Hey, was ist? Hast du dich verliebt?“

Als ich nicht antwortete, folgten die anderen meinem Blick, und fast im selben Moment rief Sanne: „Vati!“

Ich hatte mich nicht getäuscht. Es war wirklich unser Vater. Allein an einem Ecktisch im hintersten Winkel des Lokals, vor sich ein Glas Bier. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und starrte gegen die Wand. Er konnte uns so nicht sehen, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass er auch gar nicht gewollt hätte, dass wir ihn entdeckten. Er saß einfach nur da und sah unsagbar niedergeschlagen aus. Heute war Montag. Es war Mittag, und er war nicht bei der Arbeit.

„Papa!“, rief Sanne und wollte ins Restaurant stürzen. Ich konnte sie gerade noch festhalten.

„Sei still!“, sagte ich leise, aber eindringlich. Sanne sah mich vollkommen verblüfft an.

„Was hast du denn? Er hat doch nichts angestellt, oder?“

Ich wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Ich wusste nur, dass ich unseren Vater noch nie so gesehen hatte. Irgendetwas hielt mich zurück.

„Vielleicht hat er gerade Mittagspause“, sagte Janine.

„Niemals!“, murmelte ich. „Er nimmt immer was zum Essen mit. Außerdem ist seine Firma ganz woanders.“

„Und Bier sollte man auch nicht gerade trinken, wenn man danach noch arbeiten will“, meinte Tommy nachdenklich. „Vielleicht hat er ein Problem.“

„Was für ein Problem denn?“, fragte Sanne mit großen Augen.

„Lasst uns erstmal ein Stück beiseite gehen.“ Ich hatte mitbekommen, dass uns die Leute schon komisch anschauten, wie wir da so vor dem Lokal standen und den Eingang blockierten. „Wir stehen hier im Weg, und wenn er hochguckt, sieht er uns bestimmt.“

Wir gingen ein paar Meter zurück und setzten uns auf eine der Bänke, die hier überall für die Leute aufgestellt waren, die vom Bummeln mal eine Pause brauchten. Ich war völlig hin- und hergerissen von dem Gedanken, einfach rüberzulaufen und Vater zu fragen, was denn los war und der Angst, es dann herauszubekommen.

Sanne hatte Tränen in den Augen.

„Vielleicht ... vielleicht ... “, schluchzte sie, „will er sich von Mama trennen!“

Mir wurde heiß. An diese Möglichkeit hätte ich nicht im Traum gedacht.

„Ganz bestimmt nicht!“, sagte ich so energisch wie möglich und legte meinen Arm um Sannes Schultern.

„Aber ... er hatte doch dauernd schlechte Laune, und gestern war er schon lange im Bett, als wir nach Hause kamen!“

Ich musste ihr Recht geben. Unsere Mutter hatte Vaters Laune immer heruntergespielt, und durch die ganze Aufregung mit Tommy und unseren Abenteuern hatte ich gar keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Wie hatte Mutter gestern noch gesagt? Ihr wisst ja, wie er in letzter Zeit ist ...

Ich fühlte mich auf einmal völlig hilflos. Waren unsere Eltern unglücklich? Und warum? Warum schwänzte unser Vater die Arbeit? Wollten sie sich trennen? Was würde dann aus uns?

Mir schwirrten auf einmal so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich nicht mehr wusste, was ich jetzt tun sollte. Tommy sagte die ganze Zeit über gar nichts, saß einfach nur da und wirkte nachdenklich. Und Janine blickte immer nur rüber zum Restaurant. Doch auf einmal stand sie auf und stellte sich vor uns hin.

„Geht rein und fragt ihn!“

„Das kann ich nicht“, sagte Sanne leise, und ich dachte dasselbe.

„Aber ... “, wollte Janine weiter drängen, doch sie merkte an unseren Blicken, dass sie uns nicht umstimmen konnte.

Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Ich wandte mich an Tommy. Er schien nur darauf gewartet zu haben, denn unsere Blicke trafen sich, und wir verstanden uns wortlos.

„Könntest du ... ?“, fragte ich ihn leise.

Janine verstand im selben Moment. „Du meinst ... du willst seine Gedanken lesen? Aber wenn etwas ganz Schlimmes passiert ist? Ich meine ... ich meine ... “ Janine blickte uns ganz unglücklich an.

Tommy sah von einem zum anderen.

„Ich mache es nur, wenn ihr es wirklich möchtet.“ Und dann kam er mit einem Vorschlag, der es uns leichter machte.

„Wenn es etwas ist, das uns wirklich nichts angeht, hör ich sofort wieder auf. Und ihr allein entscheidet, wieviel ich euch erzählen soll.“

Ich nahm den Arm von Sannes Schultern und sah ihr fest in die Augen.

„Na, was meinst du?“ Noch bevor sie etwas sagte, kannte ich ihre Antwort.

„Ich kann es nicht haben, wenn Vati traurig ist.“

„Ich weiß, wie das ist“, murmelte Janine. „Wenn bei uns zu Hause einer traurig ist, dann sind wir es gleich alle.“

„Mach es!“, sagte ich zu Tommy.

„Also gut. Aber ich muss ihn dabei ansehen.“

„In die Augen?“, fragte ich erschrocken. „Dann wird er dich erkennen.“

„Nein, es reicht, wenn ich ihn nur irgendwie sehen kann. Am besten, ich gehe rein und kaufe mir was zu trinken. Dann hab ich Zeit genug, und es fällt nicht auf. Außerdem hat er mich bis jetzt nur einmal kurz gesehen. Vorgestern bei euch im Wohnzimmer. Ich pass schon auf.“

Tommy sah uns noch einmal aufmunternd an, und ehe ich ihn vielleicht doch noch zurückhalten konnte, war er schon die wenigen Meter zum Restaurant gelaufen und verschwand aus unserem Blickfeld.

Bange Minuten des Wartens verstrichen, in denen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf schossen. Was war, wenn Vati und Mutti sich trennten? Bei wem würden wir wohnen? Würde Vati ausziehen? Oder Mutti? Nein, das konnte nicht sein! Vati und Mutti gehörten doch zusammen. Bei der Vorstellung bekam ich ein furchtbar flaues Gefühl im Bauch. Und Sanne ging es sicher genauso.

Als Tommy wieder rauskam, bemerkte ich, wie verkrampft ich dagesessen hatte. Als er uns mit ernstem Gesicht entgegenkam, hielt ich es beinahe nicht mehr aus, endlich zu wissen, was geschehen war. In dem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass ich Gedankenlesen könnte. Aber als er dann vor uns stand, stahl sich ein Lächeln in seine Mundwinkel, und Sanne und ich wussten sofort, dass es nicht ganz so schlimm stehen konnte. Wir bedrängten ihn mit Fragen und redeten so ungeduldig durcheinander, dass er dazwischenfahren musste.

„Halt, halt! Nun wartet doch mal! Ich erzähl euch gleich alles, aber lasst uns erstmal um die Ecke gehen. Euer Vater weiß nicht recht, ob er noch bleiben soll. Er hat Angst, dass eure Mutter ihn entdeckt. Ihm ist gerade eingefallen, dass sie ja hier einkaufen gehen könnte.“

„Was?“, rief Sanne. „Er hat Angst vor Mama? Aber warum denn?“

„Weil man ihn entlassen hat. Er hat keine Arbeit mehr.“

Sprachlos starrten wir Tommy an. Mir fiel ein unvorstellbar großer Stein vom Herzen. Sie wollten sich nicht trennen! Das war erst einmal das Wichtigste. Aber gleichzeitig konnte ich mir einfach nicht vorstellen, warum man Angst davor haben konnte zu erzählen, dass man keine Arbeit mehr hatte.

Tommy sah, wie es hinter meiner Stirn arbeitete und zog mich von der Bank hoch.

„Los, kommt mit! Er kann jeden Moment rauskommen!“

Wir vermieden es, am Restaurant vorbeizugehen, bogen in den nächsten Gang ein und fuhren dann mit der Rolltreppe eine Etage höher. Verstört folgte ich den anderen. Ich verstand es nicht. Es gab doch noch andere Arbeit!

Oben waren nur Geschäfte für Damenmoden, da konnten wir ziemlich sicher sein, dass unser Vater nicht zufällig vorbeikam. Wir verdrückten uns in eine Ecke und warteten gespannt darauf, was Tommy erzählen würde. Er spannte uns nicht lange auf die Folter.

„Also, seine Gedanken waren ganz schön durcheinander. Er ist vor einem Monat rausgeflogen.“

„Was?“, rief Sanne. „Vor einem Monat schon? Das kann nicht sein! Er ist doch jeden Morgen um sieben zur Arbeit gegangen. Heute auch!“

„Er ist aus dem Haus gegangen. Aber nicht zur Arbeit“, sagte Tommy ernst.

„Aber warum denn nur?“, fragte ich verständnislos. „Ich kenne drei aus meiner Klasse, deren Väter keine Arbeit haben. Das ist doch nicht schlimm.“

„Vielleicht ist es so wie wenn du eine Fünf geschrieben hast. Du willst es zwar sagen, traust dich aber nicht. Und dann sind auf einmal so viele Tage vergangen, dass es irgendwie nicht mehr geht“, meinte Janine.

„Da liegst du gar nicht mal so falsch“, sagte Tommy. „Euer Vater hatte das schon kommen sehen. Er hat wohl einen neuen Chef, der ihn nicht leiden kann. Der wollte euren Vater loswerden. Also hat er sich schon hier und da beworben. Und als man ihn wirklich rausgeworfen hat, dachte er, einer von den anderen Jobs würde klappen. Aber dort hat man ihn dann auch nicht genommen. Er wäre zu alt.“

„Zu alt?“ Ich war vollkommen baff. „Mein Vater ist erst achtundvierzig!“

„Ich weiß ja auch nicht“, sagte Tommy hilflos. „Aber das hat er gedacht. Und dann ist das passiert, was Janine vorhin gesagt hat. Er war erst zu stolz, es eurer Mutter zu sagen. Außerdem fühlt er sich jetzt nutzlos und ... “ Tommy zögerte und suchte nach Worten, „ ... eben wie weggeworfen.“

„Deswegen war er immer so furchtbar schlecht gelaunt“, murmelte Sanne. „Was machen wir denn jetzt?“

„Wir könnten doch zusammen mit ihm zu eurer Mama gehen, dann fällt es ihm nicht so schwer“, meinte Janine.

Ich sah sie dankbar an. „Das finde ich total nett von dir, Janine. Aber dann müssten wir ihm ja verraten, woher wir das wissen, und das können wir ja wohl schlecht, oder?“ Ich wurde jetzt richtig wütend. „Am besten gehen wir zu diesem blöden Chef und sagen ihm, er soll Vati wieder einstellen.“

Tommy lächelte. „Vergiss es! Was ich über den in den Gedanken eures Vaters gelesen habe ... das muss ein ganz übler Typ sein. Nein, wenn ihr ihm helfen wollt, müsst ihr mit ihm reden. Sonst wird es nur noch schlimmer.“

„Aber dann kriegt er raus, dass wir Gedankenlesen können“, sagte Sanne hilflos.

Auf einmal stieß Janine einen kleinen Freudenschrei aus. Sie griff in ihre Hosentasche, kramte darin herum, und dann hielt sie uns triumphierend die verbliebenen Wunschkugeln hin.

„Und was ist damit? Wir wünschen ihm einfach seine Arbeit zurück!“

„Au ja!“, rief Sanne freudestrahlend. „Und er soll noch mehr Geld verdienen als vorher!“

„Und nie mehr gekündigt werden können!“, stimmte ich begeistert zu. Aber als ich Tommys Gesicht sah, schwand meine Begeisterung wieder dahin.

„So leicht geht das nicht“, sagte er kopfschüttelnd. „Wir können nicht einfach so drauflos wünschen. Denkt an vorhin! Bloß keine falschen Wünsche mehr.“

„Aber das kann doch kein falscher Wunsch sein“, meinte Sanne mit Tränen in den Augen, „wenn Vati wieder Arbeit hat.“

„Nein, das glaube ich auch nicht“, beruhigte Tommy sie. „Aber es reicht nicht, wenn er wieder Arbeit hat. Nachher schmeißt ihn dieser Chef wieder raus oder er ärgert ihn dann dauernd. Ich fürchte, da wird mehr als ein Wunsch nötig sein.“

Ich sah die traurigen Augen meiner Schwester und konnte das nicht einsehen.

„Hör mal, Tommy, selbst wenn wir alle Kugeln verbrauchen, das können doch keine falschen Wünsche sein! Lass uns doch einen lieben Chef wünschen! Oder eine andere Arbeit! Wir können es doch probieren, oder nicht?“

Bitte, Tommy!“, drängte jetzt auch Janine.

Für lange Sekunden arbeitete es in Tommys Kopf, dann endlich hellte sich seine Miene auf, und er lachte uns an.

„Ihr habt Recht! Was soll daran falsch sein, etwas Gutes für seinen Vater zu tun. Aber ... “ und er hob die Hände, als er unsere begeisterten Gesichter sah, „lasst uns trotzdem mit den Wünschen aufpassen. Steck die Kugeln lieber wieder in deine Tasche, Janine. Ehe du dir aus Versehen schon was wünschst.“

Janine stopfte die Wunschkugeln so hastig zurück, als wären sie heiß geworden. Tommy war noch nicht fertig.

„Außerdem glaube ich, dass wir in die Firma müssen.“

„Warum denn das?“

„Weil ich irgendwie das Gefühl habe, dass es nur dort funktionieren wird. Oder wisst ihr, wie wir den Chef ändern sollen, ohne ihn zu kennen? Oder welche Arbeit euer Vater genau hatte?“

„Meinst du wirklich?“ Sanne blickte ängstlich von einem zum anderen. „Aber ich trau mich nicht in die Firma zu diesem gemeinen Chef!“

Tommy lachte. „Da mach dir mal keine Sorgen! Erstens sind wir zu viert, und dann hast du ja schließlich deine Kugeln! Also, was meint ihr?“

Wir brauchten nichts zu sagen. Wir sahen uns an und waren uns einig.

„Aber ich weiß nicht genau, wo die Firma ist“, sagte ich etwas hilflos.

„Weißt du, wie sie heißt?“, fragte Tommy.

Das wusste ich, denn den Namen hatte mein Vater immer lustig gefunden. „Krauthahn und Sohn.“

Tommy grinste. „Na, mit dem Namen wird es nicht viele geben. Lasst uns einfach ins Telefonbuch schauen.“ Er sah mit schiefgelegtem Kopf auf meine Armbanduhr. „Kurz nach halb eins. Dann kommen wir gerade richtig, wenn die Mittagspause zu Ende ist.“

Sanne legte ihre Hand auf meinen Arm und schaute mich fragend an.

„Meinst du, dass das richtig ist?“

Ich nickte heftig. Ich war mir vollkommen sicher. Ohne ein weiteres Wort machten wir uns auf den Weg zur nächsten Telefonzelle und suchten die Adresse heraus. Die ganze Zeit über musste ich an meinen Vater denken. Ich hatte ihn noch nie so traurig gesehen und schwor mir, dass wir das ändern würden. Aber wie wir das dann taten, das hätte ich mir nie träumen lassen.

*

Es war nicht schwer, die richtige Adresse zu finden. Es gab nur fünf Einträge mit dem Namen Krauthahn, und von Krauthahn & Sohn nur einen einzigen. Es dauerte nicht mal eine halbe Stunde und wir standen vor der Einfahrt und lasen das Firmenschild: Krauthahn Gesellschaft für Gewürzimporte mit beschränkter Haftung.

„Wieso sind die beschränkt?“, fragte Janine.

Das wusste ich auch nicht, aber wozu hatten wir Tommy.

„Das bedeutet, dass die Firma nicht für alles haften muss, was sie angestellt hat. Eben nur beschränkt. Der Chef kann mit dem Geld abhauen, wenn er will. Jedenfalls, wenn er ein Gauner ist.“

„Warum hat man das denn erlaubt?“, fragte ich erstaunt.

„Das weiß ich auch nicht“, gab Tommy zu. Dann schaute er mich fragend an. „Hast du nicht gesagt, die Firma heißt Krauthahn und Sohn?“

„Ja. Stand auch so im Telefonbuch.“

„Na, dann hatte der Sohn vielleicht keine Lust mehr.“

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Sanne ängstlich. „Sollen wir einfach so reingehen? Die schmeißen uns doch bestimmt gleich wieder raus!“

Tommy lächelte verschmitzt.

„Habt ihr eure Wunschkugeln?“

Ich musste lachen, als Sanne und Janine wie Zwillinge gleichzeitig in ihre Taschen fassten und uns die kleinen glänzenden Kugeln vor die Nase hielten.

„Aber seid vorsichtig! Wünscht euch nur etwas, wenn es gar nicht mehr anders geht. Wenn man uns zum Beispiel nicht zum Chef lassen will.“

„Ich pass schon auf“, sagte Sanne mit fester Stimme und Janine nickte bestätigend.

„Na, denn man los!“, sagte ich energisch und drückte den Klingelknopf. Ich muss zugeben, dass ich ein ganz schön flaues Gefühl im Bauch hatte. Ich musste ja schließlich sagen, dass ich der Sohn von Herrn Seefeld war und dass man meinen Vater sofort wieder einstellen sollte.

„Eins noch“, sagte Tommy. „Wartet erst ab, was ich in den Gedanken lese, ehe ihr irgendetwas macht. Ich gebe euch ein Zeichen oder ich sage Bescheid, okay?“

Wir nickten ergeben. Ich konnte ja sowieso nichts machen. Hätte ich doch bloß selber eine Wunschkugel gehabt! Plötzlich ertönte eine blecherne Sekretärinnenstimme aus der Gegensprechanlage.

„Ja? Sie wünschen?“

Tommy nickte mir aufmunternd zu, und so holte ich tief Luft und versuchte, erwachsener zu sprechen.

„Hier ist Josef Seefeld. Ich möchte zu Herrn Krauthahn.“

Eine Weile knisterte es nur in dem kleinen Lautsprecher. Wahrscheinlich überlegte die Sekretärin, was sie mit mir anfangen sollte. Ich hatte die Hand an der Tür, bereit, sie aufzustoßen, wenn der Summer ertönte. Aber daraus wurde nichts. Die gute Dame wollte uns nicht reinlassen.

„Dein Vater arbeitet hier nicht mehr. Ich wüsste also keinen Grund, warum ich dich reinlassen sollte.“

Ich nahm allen Mut zusammen und sagte mit fester Stimme: „Ich möchte Herrn Krauthahn sprechen, damit er meinen Vater wieder einstellt.“

Janine sagte leise: „Das wird die nicht interessieren“, und die Bestätigung folgte auf dem Fuß.

„Herr Krauthahn ist nicht da. Tut mir Leid.“

Sanne drängte mich beiseite und hielt ihren Mund dicht vor den Lautsprecher.

„Mein Papa ist traurig, und Ihr Chef ist schuld daran!“

Eine Weile gab die Gegensprechanlage noch ein leises Rauschen von sich, dann machte es klick, und nichts rührte sich mehr.

„Tolle Firma“, meinte Tommy. „Eigentlich überhaupt nicht schade, dass euer Vater hier nicht mehr arbeitet. Vielleicht sollten wir woanders was für ihn suchen.“

„Kommt gar nicht in Frage“, sagte ich entschieden. „Er hat immer gut von Herrn Krauthahn gesprochen.“

„Der ist nicht mehr sein Chef!“, erinnerte Janine.

„Dann wünschen wir ihn uns eben wieder zurück!“ Sanne war richtig wütend.

„Halt, halt! So geht das nicht!“ Tommy hob die Hand. „Vielleicht ist der alte Chef in Rente gegangen. Den können wir nicht einfach wieder jung wünschen. Bitte passt auf, was ihr sagt. Denkt an eure Kugeln!“

Er sah mich an und grinste.

„Ich würde sagen, wir gehen jetzt einfach rein!“

„Wie denn?“, rief Sanne. „Die lässt uns nie rein!“

„Na, Joe hat doch einen Schlüssel dabei!“

Mann, die Holografie! Ich war so angespannt gewesen, dass ich sie für den Moment ganz vergessen hatte. Ich fingerte sie aus meiner Jeans und spürte ihre geheimnisvolle Kühle. Dann sah ich in die Runde, und alle nickten. Janine blickte zweifelnd auf die Tür.

„Die werden uns sofort wieder rausschmeißen.“

„Werden sie nicht“, sagte Tommy lächelnd. „Am besten, ihr nehmt jetzt eure Wunschkugeln in die Hand.“

Ihm fiel noch was ein.

„Aber nicht beide auf einmal dasselbe wünschen! Wechselt euch besser ab. Sanne, du fängst an. Aber warte auf mein Zeichen! Ich will erstmal herausfinden, was die mit eurem Vater gemacht haben. Alles klar?“

Wir nickten entschlossen.

„Na, denn los!“

Gespannt sah ich auf meine Holografie. Noch wirkte sie leblos. Ich warf sie mit Schwung in die Luft und rief: „Ich will hier rein!“

Im Bruchteil einer Sekunde verharrte die Kugel in der Luft, und wie wir es nun schon oft gesehen hatten, verwandelte sich ihr Aussehen. Wieder leuchtete sie fahlgrün auf, wurde beinahe durchsichtig und fing an, sich zu drehen. Langsam durchdrang sie die schwere Eingangstür.

Ich vertraute diesem Wunderding inzwischen völlig, ging geradewegs mit zwei festen Schritten auf die Tür zu ... und hindurch!

Ich hatte nicht einmal die Augen geschlossen, und als ich auf der anderen Seite in der Eingangshalle herauskam, blickte ich mich schnell um. Es war niemand zu sehen. Rechts befand sich eine Tür mit der Aufschrift Garderobe, und links ging eine Wendeltreppe in den ersten Stock hinauf. Die Holografie lag mitten in der Halle. Schnell ging ich hin und hob sie auf. Ich hörte die anderen hinter mir und drehte mich um. Einer nach dem anderen kam durch, als bestände die Tür aus Luft.

Sanne zögerte nicht eine Sekunde, sondern ging zielstrebig an mir vorbei, den Raum erkunden. Sie war verdammt mutig. Und, na klar, auch verdammt wütend. Ich hoffte nur, dass sie sich nicht verwünschte!

Tommy legte den Finger an die Lippen, und wir folgten meiner Schwester. Am anderen Ende der Eingangshalle zweigte ein Gang ab. An der ersten Tür auf der linken Seite blieb Sanne stehen und drehte sich triumphierend um. Im selben Moment sahen wir das kleine Schild, das neben dem Türrahmen eingelassen war: Sekretariat.

Während ich noch überlegte, wie wir am besten vorgehen sollten, drückte Sanne schon die Klinke runter und stürmte durch die Tür. Tommy und Janine drängelten sich an mir vorbei. Als ich dann als Letzter das Vorzimmer des Chefs betrat, kam ich gerade recht, um eine ziemlich abgemagerte Sekretärin dabei zu beobachten, wie ihr der Unterkiefer runterklappte. Gleichzeitig schoss dieser aufgetakelten Dame vor Wut und Überraschung die Zornesröte ins Gesicht. Die Frau erinnerte mich an irgendeine Lehrerin aus einem alten Film. Schnell schaute ich mich um, ob vielleicht noch jemand im Raum war, aber sie war allein.

„Wie zum Teufel seid ihr reingekommen? Was glaubt ihr denn, wo ihr hier seid? Und wer von euch ist der Sohn von Herrn Seefeld? Ich werde sofort deinen Vater anrufen!“

Ich erblickte ein Namenskärtchen auf dem Empfangstresen: Sybille Erdmann. Dann sah ich, wie verkrampft Sanne ihre Wunschkugeln umklammert hielt und bekam einen Schreck. Wer weiß, was sie sich in ihrer Aufregung wünschte! Besser, ich kam ihr zuvor.

Ich bin Joe Seefeld. Wir möchten nur zu Herrn Krauthahn. Dann gehen wir sofort wieder.“

„Ich hab euch doch schon gesagt, er ist nicht zu sprechen. Außerdem ist er sowieso nicht da.“

„Ich weiß“, sagte Tommy. „Er kommt erst um drei.“

Etwas verblüfft flog Frau Erdmanns Blick von mir zu Tommy. Wir hatten bemerkt, wie er das Buch der Gaben aus dem Hosenbund gezogen hatte und es nun fest in der Hand hielt. Durch seine Finger schimmerte ein rötlicher Schein. Ich hielt die Luft an.

„Woher weißt du das? Ich verwalte alle seine Termine.“

„Ja, das tun Sie“, nickte Tommy. „Soviel ich weiß, hat er so gut wie keinen einzigen Termin in dieser Woche. Er kommt nur jeden Tag um drei herein, um nach den Geldeingängen zu sehen. Faul und überflüssig! Das haben Sie doch gerade gedacht, stimmt's?“

Frau Erdmann wurde rot. In Ihren Augen las ich völlige Verwirrung. Ich schielte zur Seite und sah, dass Sanne sich entspannte. Ich hoffte, dass sie die Frau nicht zum Teufel wünschte! Wer wusste denn, was dann passieren würde?

Tommy kam jetzt in Fahrt. Wir wechselten kurze Blicke, und er grinste schelmisch.

„Sie fanden den alten Chef besser, stimmt's? Und mehr Gehalt hat er Ihnen auch gezahlt! Sagen Sie uns doch einfach, was hier passiert ist, seit der junge Schnösel den Laden übernommen hat!“

Frau Erdmann konnte nur noch stottern.

„Das ... das ... das geht euch doch überhaupt nichts an! Und wie kannst du meinen Chef einfach Schnösel nennen? Das ist unverschämt!“

„Genau das Gleiche haben Sie doch eben gerade gedacht, habe ich Recht? Herr Seefeld hat durch Ihren Schnösel seine Arbeit verloren und findet jetzt einfach keine neue mehr. Und Sie haben Angst, dass er Sie auch rauswirft und sind deswegen so unfreundlich zu uns.“

Die Frau bekam kein Wort mehr heraus und schaute hilflos von einem zum anderen. Ihre Lippen bebten, und ihre Gestalt sackte sichtlich in sich zusammen. Wir sahen, dass das Buch der Gaben in Tommys Hand dunkelrot glühte. Tommy konzentrierte sich jetzt vollkommen auf die Gedanken von Frau Erdmann. Doch dann kam alles anders. Sanne ging vor zum Empfangstresen und begann leise zu reden.

„Mein Vater hat sich nicht getraut, jemandem davon zu erzählen. Wir dachten, er arbeitet immer noch hier. Aber er sitzt traurig in Restaurants und trinkt Bier. Bitte, liebe Frau Erdmann, können Sie nicht versuchen, dass Herr Krauthahn ihn wieder einstellt?“

Ich konnte sehen, wie es hinter der Stirn der Sekretärin arbeitete. Ihr abweisendes Gesicht hatte sich gewandelt. Jetzt blickte sie eher nachdenklich und fast schon verständnisvoll. Sie schwieg eine Weile und schien über Sannes Worte nachzudenken. Ich blickte zu Tommy, und er machte eine abwartende Geste. Er wusste ja schließlich, was in Frau Erdmanns Kopf vorging.

Dann fasste die Frau einen Entschluss, kam hinter dem Tresen hervor und zeigte auf eine Sitzgruppe für Besucher.

„Kommt, setzt euch. Ich erzähl euch alles. Aber es wird euch nicht weiterhelfen.“

Wir setzten uns in die bequemen Ledersessel. Tommy steckte das Buch der Gaben zurück in den Hosenbund, und sofort erlosch das Glimmen. Durch das große Panoramafenster konnte ich auf das Werksgelände sehen. Gegenüber gab es eine riesige Halle mit mehreren Durchlässen, an die Lastwagen heranfahren und die Gewürze verladen konnten. Sogar hier drin roch es nach exotischen Düften.

Es sprudelte nur so aus Frau Erdmann heraus. Wir erfuhren, dass die Firma früher wirklich Krauthahn und Sohn hieß, dass der Senior in Rente gegangen war und nun dessen Sohn alleine die Firma leitete. Und der war ein stinkefauler Schnösel, wie Frau Erdmann immer wieder wütend hervorbrachte. Seit zwei Jahren führte der junge Dachs jetzt die Firma, und alles, was er im Kopf hatte, waren sein nagelneues Porsche-Cabrio und die blonde Angeber-Tussi, mit der er von einer Party zur anderen fuhr. Und die natürlich immer teure Klamotten brauchte und nicht mal aus dem Porsche ausstieg, wenn Herr Krauthahn in seiner Firma auftauchte, nur um nach dem Kontostand zu sehen, wie Frau Erdmann es ausdrückte.

„Nun wisst ihr also, warum man euren Vater entlassen hat“, schloss die Sekretärin ihren Vortrag. „Wir haben immer weniger Geld, weil unser Herr Schnösel alles nur für sich ausgibt. Euer Vater war nicht der erste, der gehen musste. Dabei war er unser bester Verkaufsleiter. Seitdem geht es noch mehr bergab.“

Wir schwiegen alle betroffen und mussten das erstmal verarbeiten. Doch dann gab mir Tommy einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und lachte.

„Ich glaube, wir können Herrn Krauthahn-Schnösel ein wenig umstimmen, was meint ihr?“

Mann, na klar! Deswegen waren wir ja hier! Janine hielt Frau Erdmann ihre Faust hin, die die Wunschkugeln umschlossen hielt. Ich dachte, hoffentlich verrät sie sich nicht.

„Ja, dem werden wir's zeigen!“, rief sie entschlossen.

Frau Erdmann schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Der hört auf niemanden. Und auf Kinder schon gar nicht. Ich glaube, ihr solltet euch nicht allzu viele Hoffnungen machen. Leider hat auch sein Vater keinen Einfluss mehr auf ihn.“

Sie blickte zu der Uhr hinüber, die über ihrem Schreibtisch an der Wand hing.

„Ihr werdet euch noch eine Weile gedulden müssen, denn bis drei sind es noch zwei Stunden. Er kommt immer nach seinem Mittagsschläfchen.“

„Keine Sorge“, sagte Tommy. „Wir warten.“

„Ach, wenn es doch schon drei wäre!“, seufzte Janine.

Fast im selben Augenblick hörte ich einen aufheulenden Motor und quietschende Reifen. Unsere Köpfe fuhren herum. Durch das große Fenster sahen wir, wie ein tiefschwarzes Porsche-Cabrio in den Hof raste und mit einer Vollbremsung dicht vor dem Bürogebäude zum Stehen kam. Der Schnösel war gekommen! Und neben ihm eine grellblonde Tussi, die aussah wie Barbie und doof quiekte, als sie durch das Bremsen nach vorne flog. Angeber-Schnösel sprang mit den Füßen auf den Fahrersitz und von dort mit einem Hechtsprung über die Tür auf den Boden. Blondie klappte den Schminkspiegel runter und fing an, ihre so schon knallroten Lippen nachzufärben.

„Das gibt’s doch nicht ... das kann nicht sein!“, flüsterte Frau Erdmann. Ich verstand nicht recht, was sie meinte, sie kannte doch diesen Typ und seine Art. Doch dann rief Janine: „Oh nein!“

Sie streckte uns ihre Hand entgegen. Ein Häuflein feiner weißer Asche lag zwischen den vier Kugeln. Vier Kugeln! Wir wussten sofort, was passiert sein musste und fuhren herum zu Frau Erdmann. Die war aufgesprungen, stand mit weit aufgerissenen Augen da und starrte die Wanduhr an. Es war genau drei Uhr! Verflixt, Janine hatte sich verwünscht!

Wir wechselten schnelle Blicke und beruhigten Janine mit Handzeichen, dass sie sich keine Vorwürfe machen sollte. Was geschehen war, war geschehen. Die ganze Zeit über murmelte die gute Frau Erdmann vor sich hin. Sie verstand die Welt nicht mehr! Gerade eben war es doch erst kurz vor eins gewesen, und nun war es drei. Klar, dass sie da durcheinander kam!

Wir standen auch auf, weil Schnösel schon um die Ecke verschwunden war und sicher gleich hereinkommen würde. Und das schien jetzt auch der Sekretärin aufzugehen, denn hastig wandte sie den Blick von der Uhr und blickte nervös zur Tür.

„Ich glaube, es ist besser, wenn ihr jetzt geht“, sagte sie. Aber erstens wollten wir das ja gar nicht, und zweitens gab es aus diesem Raum nur einen Weg hinaus, und durch diese Tür kam jetzt Herr Krauthahn junior gestürmt. Nach zwei, drei angeberisch federnden Schritten blieb er überrascht stehen, strich sich mit einer Hand die dünne Haartolle zurück und musterte uns mit säuerlicher Miene. Dann nahm er seine Sonnenbrille ab und tappte wütend mit einem seiner Lackschuhe auf den Boden.

„Was soll denn dieser Kindergarten hier? Sie haben wohl nicht genug Arbeit, Frau Erdmann. Ich glaube, wir sollten uns mal unterhalten!“

Während Frau Erdmann verängstigt hinter ihrem Tresen verschwand, hatte Tommy sich an uns vorbeigeschoben. Er fasste das Buch mit beiden Händen und ich hielt den Atem an.

„Hallo, Herr Krauthahn!“, sagte Tommy ruhig. „Nun holen Sie sich schon Ihren Scheck und fahren mit Ihrer Gabi ins Casino! Das wollten Sie doch gerade, oder? Ach nein, Sie müssen ja vorher noch den Termin bei der Bank absagen! Den bei diesem Herrn Sokowski, der Ihnen den Kredit nicht verlängern will. Hab ich Recht?“

Ich hörte ein mühsam unterdrücktes Kichern neben mir. Sanne konnte ihre Schadenfreude nicht verbergen. Es war einfach köstlich, was sich im Gesicht des lieben Herrn Krauthahn abspielte. Er schaute Tommy an wie einen Geist. Seine Augenlider zwinkerten in einer Tour, und sein Mund stand weit offen. Es dauerte eine Weile, bis er verarbeitet hatte, was Tommy da von sich gegeben hatte. Dann fuhr sein Kopf herum zu Frau Erdmann.

„Warum zum Teufel haben Sie diese Rotzlöffel reingelassen?“

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