Kitabı oku: «Oberhausen:Eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet Bd.1»
Oberhausen
Eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet
Studienausgabe
Herausgegeben von Magnus Dellwig und Peter Langer
unter Mitarbeit von Otto Dickau, Klaus Oberschewen und Burkhard Zeppenfeld
Band 1: Oberhausen in vorindustrieller Zeit
Verlag Karl Maria Laufen
Die Herausgeber und der Verlag bedanken sich bei den Sponsoren für die großzügige Unterstützung. Nur so konnte die Studienausgabe der Oberhausener Stadtgeschichte realisiert werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Verlag Karl Maria Laufen
Oberhausen 2014
Alle Rechte vorbehalten
Autoren und Herausgeber haben sich bemüht, alle Bildrechte zu klären. Sollte dies im Einzelfall nicht oder nicht zutreffend gelungen sein, wird um Nachricht an den Verlag gebeten.
Bildredaktion: Ingo Dämgen
Register: Saskia Eßer
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN 978-3-87468-328-9
ISBN des Gesamtwerkes: 978-3-87468-316-6
Überblick über das Gesamtwerk
Band 1: Oberhausen in vorindustrieller Zeit
Band 2: Oberhausen im Industriezeitalter
Band 3: Oberhausen in Krieg, Demokratie und Diktatur
Band 4: Oberhausen in Wirtschaftswunder und Strukturwandel
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Überblick über das Gesamtwerk
Grußwort
Vorwort der Herausgeber
■ JÜRGEN HEINRICHS
Die Ur- und Frühgeschichte des Stadtgebietes Oberhausen
Ein Überblick über Fundstücke und Siedlungsspuren von der Steinzeit bis zum Mittelalter
■ HELMUT RÖNZ
Osterfeld
Von den Anfängen der Besiedlung bis zum Durchbruch der Industrialisierung um 1870
■ OTTO DICKAU
Sterkrade
Nicht nur Kraut und Rüben
■ KLAUS BIELECKI
Buschhausen
Ein Blick in die Vergangenheit
■ KARL LANGE
Schmachtendorf und Könighardt
Von den Anfängen bis zur Industrialisierung
■ MONIKA ELM
Holten
Von den Anfängen bis zum Einzug der Industrie 1928
■ ANDREAS KAMP
Alt-Oberhausen bis 1840
Vorgeschichte einer Stadt ohne Kern
■ MARIANNE VIER
Alstaden
Ein tausendjähriger Stadtteil an der Ruhr
Danksagung
Abkürzungen
Begriffserläuterungen
Anmerkungen
Register
Autorinnen und Autoren
Abbildungsnachweis
Klappentext
Grußwort
2012 wurde Oberhausen 150 Jahre alt. Das war und ist ein guter Grund sich zu erinnern. Immer wieder haben mich im Laufe der Jahre Oberhausenerinnen und Oberhausener angesprochen, ob es nicht mal wieder Zeit würde für ein neues Oberhausen-Geschichtsbuch.
Immerhin ist das letzte 1965 erschienen, das ist fast ein halbes Jahrhundert her. Den Anstoß, von der Idee zur konkreten Umsetzung zu kommen, gab die Verabschiedung von Dr. Peter Langer als Leiter der Heinrich-Böll-Gesamtschule Mitte 2009. Damals habe ich ihn, den Vorsitzenden der Historischen Gesellschaft Oberhausen (HGO), gebeten, in seiner hinzugewonnenen Freizeit sich um ein neues Stadtgeschichtsbuch für Oberhausen zu kümmern.
Er hat die Aufgabe angenommen und sie gemeinsam mit seinem Mitherausgeber Dr. Magnus Dellwig sowie den Autorinnen und Autoren, dem Redaktions- und dem Herausgeberteam zum Erfolg geführt.
Pünktlich zum Jubiläumsjahr 2012 lag ein neues und umfassendes Werk über die Stadtgeschichte vor. Es gliedert sich in vier Bände:
■ Band 1 beschreibt die vorindustrielle Zeit bis zum 19. Jahrhundert. Er stellt die Stadtteile in den Mittelpunkt für eine Zeit, zu der es Oberhausen noch nicht gab.
■ Band 2 setzt 1758 an. Er schildert die Industrialisierung und die Stadtbildung von der Gründung der St. Antony-Hütte bis ins frühe 20. Jahrhundert.
■ Band 3 befasst sich mit dem Zeitraum von 1914 bis 1945 und stellt dabei die politische Geschichte in den Mittelpunkt.
■ Band 4 ist zeitlich gesehen der aktuellste Band. Er behandelt die Zeitgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei macht ihn die Vielseitigkeit der thematischen Zugänge zur Stadtgeschichte besonders lesenswert.
Beeindruckende 35 Autorinnen, Autoren und Interviewpartner haben die Stadthistorie aufgearbeitet und auf mehr als 1.800 Seiten dargestellt. Das ist bislang einmalig in der Geschichte der Städte im Ruhrgebiet. So ist ein überaus spannendes Bild von der Entwicklung Oberhausens entstanden, das eine große Verbreitung und Leserschaft verdient.
Mein ganz besonderer Dank gilt den zahlreichen Autorinnen und Autoren, die in ihrer Freizeit mit großem Zeitaufwand und noch größerem Enthusiasmus dieses umfassende Oberhausener Geschichtsbuch geplant, geschrieben und herausgegeben haben.
Die Erstveröffentlichung im September 2012 fand bei der geschichtsinteressierten Bürgerschaft derart großes Interesse, dass die neue Stadtgeschichte schon zu Weihnachten 2012 vergriffen war.
Den Herausgebern ist es daraufhin gelungen, finanzielle Förderer und den Oberhausener Verlag Karl Maria Laufen für eine Neuveröffentlichung als Studienausgabe zu gewinnen. Diese verfolgt den hohen Anspruch, allen Interessierten in Stadt und Wissenschaft das Werk zu attraktiven Konditionen erneut zugänglich zu machen. Ebenfalls ist beabsichtigt, Folgebände zu Themen von gesamtstädtischer Bedeutung zu veröffentlichen. Dafür danke ich allen Beteiligten im Namen der Stadt Oberhausen, ihrer Bürgerinnen und Bürger ausdrücklich.
Glück auf und viel stadtgeschichtliches Lesevergnügen!
Klaus Wehling
Oberbürgermeister
Vorwort der Herausgeber
Liebe Leserin, lieber Leser,
Oberhausen feiert in diesem Jahr die 150-jährige Wiederkehr der Gründung im Jahre 1862. Aus einer Ansiedlung von 709 Gebäuden, darunter 466 privat Wohnhäusern, in denen 1864 bereits 7.204 Menschen lebten (so der Bürgermeister Schwartz in seinem ersten Verwaltungsbericht), ist eine Großstadt entstanden, die auf bewegte Zeiten zurückblicken kann. Diese sollen in den hierzu erstellten vier Bänden unter den individuellen Blickwinkeln vieler Mitarbeiter dargestellt werden. Oberhausen entstand in der heutigen Form erst 1929 und ist damit – gemessen an den beiden unmittelbar angrenzenden Städten Essen und Duisburg – eine vergleichsweise „junge“ Groß-Stadt. Sie erlangte diesen Status durch die Angliederung von umliegenden Städten und Gemeinden, die eins gemeinsam haben: Sie können auf eine historisch viel längere Tradition zurückblicken als (Alt-) Oberhausen, verfügten aber nicht über die wirtschaftliche Vitalität, um langfristig und eigenständig „überleben“ zu können. Die „Alstadener“, „Osterfelder“, „Sterkrader“, „Buschhausener“ oder „Holtener“ widersprechen dieser Annahme nach wie vor mit dem Hinweis, man habe es ja nicht ausprobieren dürfen.
Wie Oberhausen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben dürfte, das erfahren Sie in diesem ersten Band des vierbändigen Werkes Oberhausen – eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet. Jürgen Heinrichs beschreibt eine weitgehend unbekannte Epoche der Stadtgeschichte, die sich als faszinierend darstellt. Durch die Vorstellung von alten und jüngst gemachten Bodenfunden kann er – gemeinsam mit den Freunden der Archäologie im Raum Oberhausen (FARO e. V.) – zeigen, dass die „junge“ Stadt eigentlich „steinalt“ ist. Neuere Funde lassen aber erwarten, dass die Ur- und Frühgeschichte des Oberhausener Stadtgrundes an vielen Stellen zu überarbeiten ist.
Die Alstadener und ihre Geschichte werden von Marianne Vier vorgestellt – wer sonst könnte „ihren“ Stadtteil mit so viel Charme und Hintergrundwissen so gekonnt und umfassend präsentieren? Der Beitrag von Andreas Kamp über die Historie (Alt-) Oberhausens macht deutlich, dass dieser Raum weitaus geschichtsträchtiger ist als bislang angenommen. Ein administrativ verfügter Zusammenschluss schuf aus historisch gewachsenen Orten ein künstliches Konstrukt, das noch ohne eigentliches Zentrum an einem Bahnhof entstand.
Anders dagegen die Situation bei Osterfeld, Sterkrade und Holten. Diese Gemeinden sind Gemeinwesen, die ihre Entstehung auf sogenannte Dorfkerne zurückführen können. In anschaulicher Form zeigt Helmut Rönz die Entwicklung des ▶ Kirchspiels Osterfeld von dem ersten Auftreten menschlicher Spuren in der mittleren Steinzeit, über ein vor allem um die Kirche zu Osterfeld sich gruppierendes mittelalterliches Höfekonglomerat bis hin zur Entstehung der St. Antony-Hütte, die über viele Jahre hinweg als ein Wirtschaftsfaktor für Osterfeld beschrieben wird. Eine ähnliche Entwicklung konnte Otto Dickau für Sterkrade nachweisen: Entstanden aus einer fränkischen Siedlung bildete sich am Marienbach das Zentrum der späteren Stadt. Hier hatten Nonnen ein Kloster gegründet, das sich durch Schenkungen zu einem lokalen Macht- und Wirtschaftsfaktor am Kreuzungspunkt zweier regional bedeutsamer Handelsstraßen entwickeln konnte. Buschhausen war, ein zwischen Sterkrade und Hamborn gelegene Landschaftsstreifen, der von der Abtei Hamborn abhängig und bis in die Gegenwart hinein von der Landwirtschaft bestimmt war. 1909 ging die Gemeinde in dem Bürgermeistereiverband Sterkrade auf.
Ein ähnliches Schicksal war auch dem Stadtteil Schmachtendorf bestimmt, wo, so Karl Lange, die ältesten Bauernhöfe Oberhausens (Süselbecks Hof und Barmscheids Hof) lagen. Größere Bedeutung erlangte der Ort aber erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, als Heideflächen auf Anweisung der Landesherren durch ehemalige Soldaten kultiviert werden sollten. Eindrucksvoll beschreibt der Autor die Auseinandersetzungen der „Zugereisten“ mit den „Ansässigen“, den Wandel des Ortes, der mit der Ansiedlung der Gutehoffnungshütte und der Abteufung von Schächten einhergeht.
Den Aufstieg von einer fernab jedweder Straßenanbindung errichteten Siedlung, die im Spannungsfeld lokaler Adelsgruppen und des Kölner Erzbischofs lag, zu einer mit allen Rechten ausgestatteten Stadt, den letztlich misslungenen Versuchen der Bürgermeister, diesen Ort wirtschaftlich zu stabilisieren, und den Niedergang in der frühen Neuzeit beschreibt Monika Elm.
Als Herausgeber möchten wir noch auf Folgendes hinweisen: Am Ende der vier Bände finden Sie jeweils eine Reihe von Begriffserläuterungen. Auf die dargestellten Begriffe wird im Text mit einem grauen Dreieck (▶) aufmerksam gemacht. Sodann möchten wir darauf hinweisen, dass die Autorinnen und Autoren für die mitunter wertenden Aussagen in ihren Beiträgen allein verantwortlich sind.
Die schriftliche Darstellung historischer Prozesse wird nie den Geschmack aller treffen. Es wird stets andere Meinungen geben. Das ist gut und notwendig, wenn neue Sehweisen vorgestellt und diskutiert werden. Die hier versammelten Autorinnen und Autoren wünschen sich eine sachliche und offene Auseinandersetzung, denn sie haben nach Zeit und Umständen das Möglichste geleistet.
Konstruktive Kritik ist immer erwünscht und wird unter stadtarchiv@oberhausen.de entgegengenommen. Anonym verfasste Kommentare werden allerdings nicht beantwortet. Die Mitglieder der Redaktion und alle Autorinnen/Autoren wünschen den Leserinnen und Lesern eine interessante und erkenntnisreiche Lektüre.
Oberhausen, November 2014
Magnus Dellwig
Peter Langer
Otto Dickau
Jürgen Heinrichs
Die Ur- und Frühgeschichte des Stadtgebietes Oberhausen
Ein Überblick über Fundstücke und Siedelungsspuren von der Steinzeit bis zum Mittelalter
Wenn man die Begriffe Oberhausen und Archäologie in Zusammenhang bringt, denkt man zunächst an Industriearchäologie und hier insbesondere an die St. Anthony-Hütte, die Wiege der Ruhrindustrie. Dass Oberhausen aber mehr zu bieten hat als Industriearchäologie und viel älter ist als die Stadt Oberhausen mit ihrer 150-jährigen Geschichte, soll dieses Kapitel anhand einiger ausgewählter archäologischer Funde, insbesondere von der Ur- und Frühgeschichte bis zum Mittelalter, darstellen.1
Steinzeit
Eine Besiedlung des Oberhausener Raumes ist bereits für die Steinzeit belegt. So wurde in Oberhausen u. a. ein Schädel von einem jugendlichen, aber ausgewachsenen Individuum gefunden. Da keine weiteren Skelettreste beobachtet werden konnten, handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Schädeldeponierung, die in der Mittelsteinzeit keine Seltenheit war. Dass der Oberhausener Raum bereits früh besiedelt war, zeigt insbesondere der Fund der Vogelheimer Klinge auf Essener Gebiet südlich der Emscher (zwischen 280.000 und 250.000 Jahren alt), der als sicherer Nachweis des frühen saaleeiszeitlichen Menschen im Ruhrgebiet gilt.
Die wenigen mittelsteinzeitlichen Funde in Oberhausen beschränken sich bisher auf das Emschergebiet. So wurden z. B. auf einer Emscherdüne bei Lirich Anfang des 20. Jahrhunderts einige Mikrolithe (steinzeitliche Kleinstgeräte, meist aus gut spaltbarem Feuerstein, Obsidian oder Quarz, die als Harpunen, Sägen und Bohrer oder als Pfeilspitzen verwendet wurden) aufgefunden, die im Allgemeinen als Leitform der Mittelsteinzeit gelten. Somit könnte es sich hier um einen typischen Wohnplatz der damaligen Zeit handeln.
Waren die Menschen in der Frühzeit der Besiedlungsgeschichte noch Jäger und Sammler, so begannen sie in der Jungsteinzeit als Hirten sesshaft zu werden. Dies schlug sich auch in Funden entsprechender Werkzeuge und Geräte (u. a. Steinbeile, Äxte, Klingen) in Oberhausen nieder. Hierbei bilden Steinbeile die größte Gruppe steinzeitlicher Geräte aus Oberhausen. Fast alle können den Flint-Ovalbeilen westeuropäischer Prägung zugeordnet werden. Je nach Querschnitt, Nackenausbildung und Seitenriss werden mehrere Untergruppen unterschieden. So wurde z. B. das oben abgebildete spitznackige Flint-Ovalbeil in Schmachtendorf gefunden, das im Ruhrgebiet gehäuft nachweisbar ist. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt eine im Holtener Bruch gefundene Geweihaxt, die eindeutige Bearbeitungsspuren zeigt. Die abgebildete Scheibenkeule mit flachspitzovalem Querschnitt und leicht exzentrischem Schaftloch zählt zu den selteneren Fundstücken und wird der bandkeramischen Kultur des Niederrheins zugeordnet.
Abb. 1: Schädel aus der Mittelsteinzeit
Abb. 2: Steinbeile und Scheibenkeulen
Abb. 3: Steinbeile und Scheibenkeulen

Abb. 4: Streitaxt aus dem Holtener Bruch
Das Endneolithikum (Übergang von der Stein- zur Bronzezeit) wird im Raum Oberhausen durch die nordwestdeutsch-niederländische Becherkultur, eine lokale Ausprägung der Schnurkeramik- und Glockenbecherkultur, dominiert. Auffälligster Fund dieser Zeit ist eine Streitaxt aus dem Holtener Bruch, eine sogenannte A-Axt. Auffällig und charakteristisch ist bei diesem Typ die plastische Naht von der Schneide bis zur Nackenplatte. Zur weiteren Hinterlassenschaft der Becherkultur zählen ferner einige Flintklingen, Feuersteindolche und eine zweiflügelige Pfeilspitze.
Die Fundstellen liegen fast immer in der Nähe eines Baches und lassen erkennen, dass der Mensch seine Siedlungsstätte vorzugsweise in der Nähe eines Gewässers anlegte. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Emscher – gemessen an ihrer Bedeutung in der Alt- und Mittelsteinzeit – mit nur sehr wenigen Funden zurücktritt. Es wird deutlich, dass sich die Funde aus der Jungsteinzeit nördlich der Emscher verdichten. Fast aus jedem Bachtal des Sterkrader Raumes sind Funde bekannt. Eine Fundkonzentration findet sich insbesondere im Bereich Schmachtendorf (Handbachtal) und im ehemaligen Holtener Bruch. Weitgehend fundleer bleibt dagegen das Gebiet der heutigen Oberhausener Innenstadt einschließlich Alstaden, das Gebiet des Rhein-Herne-Kanals und der heutigen Emscher sowie das nordöstliche Sterkrade (Sterkrader Venn) und der Hiesfelder Wald. Die genaue Ursache dieser ungleichen Fundverteilung über das Stadtgebiet wird noch Gegenstand weiterer archäologischer Untersuchungen in der Zukunft sein.
Als die Menschen der jüngeren Steinzeit gelernt hatten, Ackerbau zu betreiben, und dazu übergingen feste Häuser zu errichten, verließen sie die Oberhausener Gegend, um fruchtbarere Gebiete aufzusuchen. Der überwiegend vorhandene Sandboden schenkte wenige Erträge, welche die mühevolle Feldarbeit mit den primitiven Geräten lohnten. Dies zeigt sich insbesondere in der Fundarmut der nachfolgenden Epochen. Insbesondere aus der frühen und mittleren Bronzezeit fehlt bislang jeder Beleg in Oberhausen und erst mit der Urnenfelderzeit gibt es wieder einen ersten Hinweis auf eine Besiedlung des Gebietes.
Die Urnenfelderzeit (1.300 bis 800/750 v. Chr.)
Die Urnenfelderkultur ist die am weitesten verbreitete mitteleuropäische Kultur der Späten Bronzezeit. Sie dauerte von etwa 1.300 bis 800 v. Chr. Da der Bestattungsritus – Leichenverbrennung auf einem Scheiterhaufen und die Beisetzung des Leichenbrandes in Urnen – auch in anderen Kulturen geübt wurde, ist die Urnenfelderkultur durch weitere Kriterien, wie typische Bronze- und Keramikformen, definiert. Die Urnenfelderkultur folgt der Hügelgräberkultur der Mittleren Bronzezeit. In vielen Teilen ihres Verbreitungsgebietes wird die Urnenfelderkultur mit Beginn der Eisenzeit durch die Hallstattkultur abgelöst.
Aus dieser Epoche sind nur sehr wenige Funde aus Oberhausen bekannt. Der bedeutendste Fund ist eine bronzene Lanzenspitze aus dem Holtener Bruch, die mit ihrem weidenblattförmigen Blatt auf die Form der norddeutschen Lanzenspitzen hindeutet.
Des Weiteren wurden auf dem Gelände eines fränkischen Gräberfeldes in Sterkrade (Weseler Straße/Ecke Oskarstraße) auch bronzezeitliche Scherbenfunde gemacht, darunter eine mit tiefen eingeschnittenen Linien und Einstichen verzierte Scherbe. Sie wird der sogenannten Kerbschnittware zugerechnet, die für den Niederrhein in der jüngeren Urnenfelderzeit kennzeichnend ist. Die Lage der Fundstelle auf einem sandigen Höhenrücken fügt sich gut in das damalige Siedlungsschema ein und beweist die lange Besiedlung dieses Gebietes.
Im Südwesten des Stadtkerns von Bottrop liegt ein ausgedehntes Brandgräberfeld der jüngeren Bronze- und älteren vorrömischen Eisenzeit (etwa 1.000 bis 300 v. Chr.), das sogar bis nach Osterfeld reicht. Es wurden insgesamt 362 Gräber entdeckt, von denen etwa ein Drittel Knochengräber und zwei Drittel Urnengräber mit zum Teil schönen Verzierungen, Deckeln, Beigefäßen und Bronzebeigaben (Nadeln, Messer, Armringfragmente) waren. Das Gräberfeld hat eine Ausdehnung von rund 2.800 Meter Länge und 800 Meter Breite und wurde durch verschiedene Ausgrabungen in den Jahren 1973 bis 1992 untersucht. Die Funde befinden sich im Museum Quadrat in Bottrop und werden teilweise der Urnenfelderzeit, aber auch der nachfolgenden Hallstattzeit zugeordnet.
Hallstattzeit (800/750 bis 450 v. Chr.)
Die Hallstattkultur steht üblicherweise für die Periode der älteren Eisenzeit. Am Salzberg bei Hallstatt wurde 1846 von Johann Georg Ramsauer ein ausgedehntes Gräberfeld entdeckt und teilweise ausgegraben. Das Gräberfeld liegt in einem Hochtal über dem Hallstätter See. In dem Gebiet findet man Siedlungsspuren, die bis in die Jungsteinzeit vor 5.000 Jahren zurück reichen; die Hauptphase der Besiedlung lag aber in der späten Eisenzeit. Danach scheint Hallein zu dieser Zeit die führende Position im Salzbergbau eingenommen zu haben. Das Gräberfeld von Hallein umfasst über tausend Gräber. 55 Prozent davon sind Körpergräber, 45 Prozent Brandgräber. Bei 26 Prozent der Gräber handelt es sich um Waffengräber, die meistens am äußeren Rand des Gräberfeldes angelegt wurden, während sich die waffenlosen Gräber in der Mitte befinden. In Frauengräbern fand man Fibeln, Gürtel und Schmuck, in Männergräbern Nadeln und Waffen.
In Oberhausen-Osterfeld („Am Heidenkirchhof“) wurden in der Zeit von 1923 bis 1925 insgesamt 25 Urnen und Urnenreste verschiedenen Typus entdeckt. Bereits im 19. Jahrhundert wurden nach Aussage von Zeitzeugen beim Sandabbau in dieser Gegend einige Urnenfunde gemacht, die aber zur damaligen Zeit keine Beachtung fanden. Die Angabe, dass zur damaligen Zeit mehrere hundert Urnen gefunden worden seien, erhalten in Anbetracht der in der Nachbarschaft entdeckten Gräberfelder, Duisburg-Wedau mit etwa 5.000 Gräbern, Bottrop-Südring mit mehr als 300 Gräbern, eine gewisse Glaubwürdigkeit. Somit konnten 1923/25 nur noch Reste dieses möglicherweise großen Gräberfeldes ausgewertet und dokumentiert werden. Da die gefundenen Urnen wie aufgereiht im Boden lagen, handelt es sich vornehmlich um sogenannte Flachgräber. Nur bei zwei Gräbern konnte eine eindeutige „Überhügelung“ der flach eingegrabenen Urne nachgewiesen werden. So wurden z. B. die eimerförmigen Urnen, ursprünglich beide mit Deckelschale, bei den Ausgrabungen entdeckt und befinden sich derzeit im Stadtarchiv Oberhausen.
Daneben wurden im Jahre 1931 bei Erweiterungsarbeiten auf dem Westfriedhof in Lirich (südlich der alten Emscher) eine hallstattzeitliche Grube und ein Spitzgraben entdeckt, die wohl viele Fundstücke (u. a. rotgebrannte Herdsteine, Wetzsteine, Spinnwirtel und Scherben) enthielten. Des Weiteren ist auf dem Kickenberg in Osterfeld ein Hügelgrab mit einem Durchmesser von sechs Metern erwähnt, das eine dicke Brandschicht und Reste einer Urne vom Typ Rauhtopf enthielt.
In diesem Zusammenhang ist interessant, dass sich die bekannten hallstattzeitlichen Fundstellen, Osterfeld und Lirich, auf einem Dünenrücken bzw. am Hauptterrassenabhang des Emschertales befinden und in der Nähe damals bekannter Handelswege lagen. Hier ist für Oberhausen insbesondere an den Hellweg und die Emscherfurt zu denken, wie sie aus späterer Zeit dokumentiert sind.
Latènezeit (450 bis 50 v. Chr.)
Die Latènekultur entwickelte sich unter mediterranem Einfluss zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. aus der Hallstattkultur zu einer eigenständigen Kunst- und Kulturform. Diese war etwa zwischen 450 v. Chr. und 50 v. Chr. in Frankreich, der nordalpinen Schweiz, Süddeutschland bis zu den Mittelgebirgen, Österreich, der Tschechischen Republik und Teilen Ungarns verbreitet. Träger der Latènekultur sind seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. hauptsächlich die Kelten. Zu den Besonderheiten der Kultur gehört Schmuck aus Glas wie Glasarmringe, Fingerringe und Ringperlen. Bisher sind auf dem Stadtgebiet Oberhausen keine Funde aus dieser Zeitepoche bekannt. Dennoch wird nicht von einem Besiedlungsabbruch ausgegangen. Dies beweist ein Fund aus dem Jahre 2009 in Duisburg-Bergheim (Julius-Leber-Straße), wo vier Graburnen aus der vorrömischen Eisenzeit (700 bis 100 v. Chr.) gefunden wurden.
Römisch-Germanische Zeit (50 v. Chr. bis 200 n. Chr.)
Mit der römischen Expansion an den Rhein sind erstmals Stammesnamen für den Raum Oberhausen überliefert. Zur Zeit Caesars werden am rechten unteren Niederrhein die germanischen Sugambrer (auch: Sigambrer, Sygambrer) genannt, nördlich und südlich davon siedeln in augusteischer Zeit Usipeter bzw. Tenkterer.
Die Sugambrer wurden vollständig oder nur zum Teil unter Tiberius im Jahre 7 v. Chr. in linksrheinische Gebiete umgesiedelt. Der so entvölkerte rechtsrheinische Streifen diente als Sicherheitszone und wurde angeblich als Acker- und Weideland von den römischen Truppen genutzt. Seit dem Jahr 9 n. Chr., als mit der Varus-Niederlage die Aufgabe weiterer römischer Eroberungspläne in Germanien eingeleitet wurde, versuchten verschiedene germanische Stämme, sich zunächst erfolglos in Besitz des siedlungsleeren Gebietes am Niederrhein zu bringen, darunter Chamaven, Friesen, Ampsivarier und Tubanten. Infolge des Bataveraufstandes im Jahr 70 n. Chr. hat Rom seine Ansprüche auf das Limesvorland fallengelassen und es gelang den in der Nachbarschaft sitzenden Tenkterern und Usipetern die erfolgreiche Besiedlung dieses rechtsrheinischen Streifens. Schließlich zogen die Brukterer gegen Ende des Jahrhunderts ebenfalls an den Niederrhein.
Nach einer anderen Quelle siedelten zur Zeit der Varusschlacht die Marser zwischen Ruhr und Lippe. Sie kämpften als Verbündete der Cherusker gegen die römischen Legionen des Varus. Im Jahr 14 n. Chr. schlug Germanicus in einer Strafexpedition die nichtsahnenden Marser, als sie zusammen mit ihren Verbündeten, den Brukterern, ein kultisches Fest feierten. Ein Jahr darauf trat Germanicus erneut siegreich gegen die germanischen Marser an, denen er diesmal einen während der Varusschlacht erbeuteten Legionsadler abnehmen konnte. Auch im Zusammenhang mit der Wiedergewinnung des zweiten erbeuteten Legionsadlers im Jahr 41 n. Chr. nennt der Historiker Cassius Dio den Stamm der Marser.
Einige römische Funde auf Oberhausener Gebiet lassen auf einen Handel zwischen Germanen und Römern im Grenzgebiet am Rhein schließen. Es wurden u. a. Amphorenreste, Keramikteile, Bronzefibeln und auch einige Münzen entdeckt.
So wurden auf dem Gelände des Westfriedhofs in Lirich Amphorenfragmente der Form Dressel 20 aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr gefunden, die das Transportgut Olivenöl aus Südspanien enthielten. An gleicher Stelle wurden auch zwei mit Fingernageltupfen verzierte Wandungsscherben eines von Hand aufgebauten einheimischen Gefäßes gefunden, die aber nicht näher bestimmt werden konnten.
Interessant ist auch ein auf dem Westfriedhof 1931 gefundenes Brandgrab, das neben zwei Bronzefibeln (Frühformen der zweigliedrigen Armbrustfibeln der Form Dragendorff 37, um 180 n. Chr.) eine Terra sigilata-Schale und einen reliefverzierten Becher mit Jagddarstellungen enthielt.
Zwei germanische Brandschüttungsgräber aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., die ebenfalls auf dem Gelände des Westfriedhofs Lirich gefunden wurden, mit Resten von Holzkohle, Scherben und Knochen, beweisen die Anwesenheit von Germanen im Grenzgebiet zum Römischen Reich (Ausgrabung 1932). Trotz der wenigen erfassten Funde und der unzureichenden Dokumentation lässt sich für den Bereich des Westfriedhofs in Lirich ein Gesamtkomplex von Siedlung und dazugehörigem Gräberfeld erschließen, der mindestens vom Ende des 1. Jahrhunderts bis zum Ende des 2. Jahrhunderts genutzt wurde.
Abb. 5: Amphorenfragmente und Wandungsscherben aus Lirich
Eine weitere römerzeitliche Fundstelle auf dem Stadtgebiet von Oberhausen liegt im Bereich des Rhein-Herne Kanals bei Kanalkilometer 10,0. In einer Tiefe von etwa zehn Metern wurde eine Abfallgrube freigelegt, die den Unterteil einer Amphore, einen Spinnwirtel sowie Reste von situalförmigen Gefäßen mit abgesetztem Standfuß der Form Uslar I enthielt. Derartige Gefäße sind im rheinisch-westfälischen Raum eine häufig anzutreffende Form, die hauptsächlich aus dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. stammt. Im Bachtal an der Kirchstraße/Ecke Vikariestraße wurden bei Ausschachtungsarbeiten u. a. eine römische Gürtelschnalle und eine kleine römische Plastik (Frauenkopf) gefunden.
Wenige römische Münzfunde in Oberhausen, die allesamt Einzel- bzw. Streufunde sind, ergänzen das kaiserzeitliche Fundspektrum und bestätigen eine erhöhte Siedlungsaktivität im bzw. ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. So wurden in der Dieningstraße ein Sesterz (Motiv vorne: Diva Faustina (Faustina maior, Gemahlin des Antonius Pius, gest. 141 n. Chr.) und ein As (Motiv vorne: Marcus Aurelius, 161 – 180 n. Chr.; belorbeerter Kopf) sowie am Werksgasthaus der Gutehoffnungshütte ein Dupondius des Hadrian (117 – 138 n. Chr.) entdeckt. Leider sind alle drei Münzen heute nicht mehr auffindbar.
Am Heidenkirchhof wurde außerdem noch eine Bronzemünze (Sesterz) des Kaisers Antoninus (138 – 161 n. Chr.) gefunden. Die Beschriftung der Vorderseite lautet: Antoninus Augustus Germ(aniae) Sarm(aticae) vic(tor) – Antoninus, Besieger der Germanen und Sarmaten.
Fränkische Zeit (ab 200 n. Chr.)
Seit etwa 200 n. Chr. begannen sich einige der kleinen westgermanischen Stämme entlang der römischen Grenze, etwa die Usipiter, Tenkterer, Sugambrer und Brukterer, zu einem größeren Stammesverband zusammenzuschließen, der sich selbst als Franken („die Mutigen, Kühnen“; wohl erst später „die Freien“) bezeichnete.
Die Franken wurden erstmals in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts als „Franci“ in römischen Quellen erwähnt, anlässlich eines ihrer vielen Raubzüge über die Grenze in die römische Provinz Gallien hinein. Die Franken waren Bauern und damit ein sesshaftes Volk. Bauern nehmen aber als Scholle nur solche Äcker unter den Pflug, die ihre Existenz für die Zukunft sichern. Dies waren die fruchtbaren Gebiete an Flüssen und Bächen. Für ihr Vieh, insbesondere ihre Schaf- und Schweineherden, sicherten sie sich zusätzlich weitere und meist weniger ergiebige Böden, wie Heideflächen, Brüche und Wälder als „Hude” oder Weidegebiete. Denn neben dem Ackerbau war die Viehzucht die Grundlage ihres bäuerlichen Seins. Die noch während der Frankenzeit vorhandenen riesigen Waldbestände zwischen Ruhr und Lippe sind aber im Laufe der Zeiten aufgrund stetig steigender Bevölkerungszahlen immer mehr der Axt zum Opfer gefallen. In unserer Heimat sind von diesen Wäldern nur noch einige geringe Reste erhalten geblieben, nämlich der Dunkelschlag, der Hiesfelder Wald und die Hühnerheide.
Viele heimische Ortsnamen legen noch heute davon Zeugnis ab, dass unser Gebiet ehemals Waldgebiet war. Denn was bedeuten die Namen Holten, Barmingholten, Buschhausen anderes als Wald, ebenso wie die Orts- und Flurnamen mit „-loh”, wie Marxloh oder Lohberg, oder auch Sterkrade von der Rodung her.
Die häufigen Kriegszüge der Franken zwischen der zweiten Hälfte des 3. und dem frühen 5. Jahrhundert n. Chr. ins römische Reich blieben nicht ohne Folgen auf die grenznahe Besiedlung im Ruhr- und Emschermündungsgebiet, was durch die starke Abnahme von Funden in dieser Zeit belegt ist. In Oberhausen fehlen spätkaiserzeitliche und frühvölkerwanderungszeitliche Funde gänzlich, obwohl ein Siedlungsabbruch in Hinblick auf den besser erforschten Duisburger Raum eher unwahrscheinlich ist.
Erst ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. kann im Oberhausen-Sterkrader Raum (u. a. im Alsbachtal) durch mehrere archäologische Befunde eine fränkische Besiedlung bezeugt werden. Deren Wichtigster ist ein fränkisches Gräberfeld aus der ▶ Merowingerzeit (2. Hälfte des 6. Jahrhunderts), das 1921 bei Bauarbeiten im Bereich Weseler Straße/Oskarstraße/Georgstraße zufällig gefunden und 1936 durch Ausgrabungen erschlossen wurde. Es wurden insgesamt 13 Gräber aufgedeckt, wobei zehn Gräber näher untersucht wurden. Zwei dieser Gräber konnten wegen der Waffenbeigaben eindeutig als Männergräber und fünf wegen der Perlen- und Schmuckbeigaben sowie Spinnwirtel als Frauengräber bestimmt werden. Zu den schönsten Schmuckfunden zählen Bügel-, S- und Almandinscheibenfibeln; bei den Waffenfunden sind insbesondere die Lanzenspitzen und Knopfschildbuckel hervorzuheben. Neben diesen Metallfunden wurden auch eine Reihe von Tongefäßen, insbesondere die typisch fränkischen Knicktöpfe, mit charakteristischer Rillen- und Rädchenverzierung entdeckt. Insgesamt wird die Größe dieses Sippenfriedhofes auf etwa 50 Gräber geschätzt, der spätestens von der Mitte des 6. Jahrhunderts bis zur ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts genutzt wurde. Die dazugehörige Siedlung hat sich möglicherweise im Bereich der heutigen Westhoffstraße in Sterkrade auf dem Gelände des ehemaligen Schulte-Westhoff-Hofes befunden. Weitere archäologische Untersuchungen in der Zukunft müssen zeigen, ob diese Vermutung richtig ist.
Auf dem Oberhausener Stadtgebiet sind zwei weitere Stellen mit Funden aus der Frankenzeit bekannt. Auf dem Gelände des Barmscheidshofs in Schmachtendorf wurden 1937 in den Überresten einer abgetragenen Sanddüne Bruchstücke fränkischer Tongefäße gefunden. Der Barmscheidshof wurde erstmalig im Jahre 1139 urkundlich erwähnt und gehörte zum Eigentum des Klosters Hamborn. Auch beim Abtragen eines kleinen Hügels in Osterfeld (Brockhofsfeld) wurden mehrere merowingisch-fränkische Gefäße geborgen, die auf das Jahr 500 n. Chr. datiert wurden. Die Gefäße wurden bis auf wenige Scherben vernichtet.
Etwa 900 Meter vom fränkischen Gräberfeld in Sterkrade entfernt gefundene Goldmünzen aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts unterstreichen die frühmittelalterlichen Anfänge Oberhausen-Sterkrades (Bremenerstraße/Reinerstraße). Zusätzlich wurden am Heidenkirchhof in Osterfeld und am Tackenberg zwei weitere spätrömische Münzen entdeckt.
Mittelalter (ab 800 n. Chr.)
Zu den wichtigsten historischen und archäologischen Fundstellen des Mittelalters in Oberhausen gehören die Burg Vondern, das Kastell Holten und das Kloster Sterkrade. Auf dem Gelände bzw. in der Umgebung dieser Gebäude wurden eine Reihe von Ausgrabungen (meistens Notgrabungen aufgrund von Bauaktivitäten) durchgeführt. Hierbei wurde eine Reihe von archäologischen Funden (u. a. Keramik, Metallfunde, Gläser) gemacht.
Zunächst ist auf die Burg Vondern einzugehen. Auf dem Gelände bzw. in der Umgebung der Burg Vondern wurde, insbesondere ab 1986, eine Reihe von Ausgrabungen durchgeführt. Hierbei wurden eine Reihe von archäologischen Funden (u. a. Keramik, Metallfunde, Leder, Gläser) gemacht. Der älteste Fund, ein Kugeltopf, stammt aus dem 11./12. Jahrhundert und beweist die frühe Besiedlung dieses Gebietes.
In einem Plan aus dem Jahre 1822 gibt es dazu auch noch einen Hinweis auf einen Vorgängerbau, eine sogenannte Motte. Archäologisch konnte die Lage, Existenz und Beschaffenheit der Motte bisher nicht nachgewiesen werden. Der Verein „Freunde der Archäologie Raum Oberhausen (FARO) e. V.“ hat dies nun mit Hilfe der Ruhr-Universität Bochum mit der Methodik der Geomagnetik im Jahre 2011 nachgeholt. Verifiziert wurde das Ergebnis der Geomagnetik durch bodenkundliche Untersuchungen. Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse kann fast sicher davon ausgegangen werden, dass die Motte als Vorgängerbau eindeutig identifiziert wurde. Im Zusammenhang mit den bereits erwähnten archäologischen Funden (u. a. Kugeltopf) wird von einer Besiedlung und Befestigung des Geländes spätestens ab dem 11. Jahrhundert ausgegangen.
Kastell und Stadt Holten: Auf dem Gebiet von Holten wurden im Laufe der Zeit auch eine Reihe von Funden ab dem Mittelalter gemacht und auch Ausgrabungen durchgeführt. Hierbei wurden eine Reihe von archäologischen Funden (u. a. Keramik, Münzen, Gläser) gemacht. Interessant waren z. B. Ausgrabungen aus dem Jahre 1930 auf dem Gelände des Kastells Holten, bei denen eine meterdicke Kulturschicht freigelegt wurde. Die gefundenen Steinreste, Keramikscherben, Eisen- und Gewichtssteine sowie Tierknochen weisen auf eine Zeitstellung der Anlage ab dem 10. Jahrhundert hin und bestätigten die Vermutungen über das hohe Alter der Burg.
Ein aktuelles Projekt des Vereins FARO e. V. aus dem Jahre 2011 umfasste eine Baustellenbeobachtung auf Grund eines Gebäudeabrisses in der Krumme Straße, ein Grundstück im Herzen des mittelalterlichen Holten. Aufgrund von Verzögerungen im weiteren Baustellenfortschritt war es Mitgliedern des Vereins FARO e. V. möglich, eine ausgiebige Bestandsaufnahme (Profilaufnahme, Befund- und Fundsicherung) durchzuführen. Beim Anlegen eines Profilschnittes wurde z. B. eine alte Wegestruktur gefunden, die aufgrund des vorhandenen Fundmaterials auf das 17. Jahrhundert datiert werden konnte. Selbst der große Stadtbrand von 1631 konnte anhand einer vorhandenen Brandschicht archäologisch eindeutig nachgewiesen werden. Die aufgefundene Fundpalette beinhaltete viele Keramikfunde, Glas, Holz, Knochenreste und sogar Leder und kann größtenteils auf das 15. bis 17. Jahrhundert datiert werden. Diese Funde beweisen einen gewissen Wohlstand der Holtener Bürger im späten Mittelalter.

Abb. 6: Schmuckfibeln
Schließlich sind einige mittelalterliche Funde aus dem Kloster Sterkrade zu erwähnen. Bei Ausgrabungen aufgrund von Bauaktivitäten der Jahre 1984 und 1989 auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Sterkrade (gegründet 1254) wurden einige interessante Befunde und Funde gemacht. So wurden einige Brunnen und eine alte Teichbefestigung aufgefunden und dokumentiert. Bei diesen Notgrabungen wurden auch die ältesten Keramikfunde aus dem 9./10. Jahrhundert gemacht, die je im Ortskern von Sterkrade gefunden werden konnten.

Abb. 7: Kugeltopf aus dem 11./12. Jahrhundert

Abb. 8: Verschiedene Keramikfunde

Abb. 9: Lederreste

Abb. 10: Münzen aus dem 19. Jahrhundert

Abb. 11: Bartmannkrüge

Abb. 12: Siegburger Steinzeug, 15./16. Jh. (mit Zentimeterskala)
Helmut Rönz
Osterfeld
Von den Anfängen der Besiedlung bis zum Durchbruch der Industrialisierung um 1870
Lage und erste Siedlungsspuren
Nicht nur politisch ist der Oberhausener Stadtteil Osterfeld jener Grenzgänger zwischen den beiden Landesteilen von Nordrhein-Westfalen, als der er sich noch heute gerne in Szene zu setzen vermag. Nennt Osterfeld sich doch nach wie vor auf so manchen Internetseiten „Osterfeld/Westfalen“, obwohl es bereits 1929 durch die Zusammenlegung mit Oberhausen an das Rheinland kam. Die westfälischen Beharrungskräfte des Stadtteils von Oberhausen sind nach wie vor stark, und auch geographisch liegt Osterfeld in der Tat in einem Grenzraum, nämlich im Emschertal, im äußersten Südwesten des Emscherlandes und dort am Übergang der Westfälischen Tieflandbucht in das westlich anschließende Niederrheinische Tiefland. Im Nordwesten begrenzen die Königshardter Sandplatten die Talzone bei Osterfeld, im Nordosten ist es der Recklinghäuser Landrücken und im Südosten die Hellwegsbörden des Westerhellwegs, die bis an den Ruhrfluss reichen. Insofern ist Osterfeld hinsichtlich der Geographie Bindeglied zwischen Westfalen und dem Rheinland.1
Erste Siedlungsspuren lassen sich innerhalb der ▶ Gemarkung Osterfeld in die Mittelsteinzeit datieren. 1911 fand man beim Bau einer Brücke über den Rhein-Herne-Kanal den so genannten Oberhausener Schädel. Weitere menschliche Überreste aus dem gleichen Zeitalter fand man zudem in der näheren Umgebung des Kanals. Auch jungsteinzeitliche Funde hat Osterfeld in geringerer Zahl vorzuweisen. So fand man auf dem Vonderberg eine Axt aus der Jungsteinzeit.2 Ein hallstattzeitliches Gräberfeld des 7. bis 4. Jahrhunderts vor Christus von regionaler Bedeutung3 erstreckte sich über den Bereich Klosterhardt. Dort wurden bisher Reste von 25 Urnen ausgegraben.4 Ein Hügelgrab, der so genannte Kickenberg, mit Urne und Brandfunden stammt ebenfalls aus vorrömischer Zeit.5 Auf dem Osterfelder Stadtgebiet sind indes nur wenige römerzeitliche Funde gemacht worden; lediglich eine Münze aus der Zeit des Kaisers Antonius (138 – 161 nach Christus) wurde am Tackenberg gefunden, außerdem Scherben und eine römische Amphore am Rhein-Herne-Kanal.6
Vielfältiger sind die Funde aus fränkischer Zeit. So fand man 1929 auf dem Osterfelder Stadtgebiet (südlich des Bahnhofs Osterfeld-Süd) fränkisch-merowingische Siedlungsreste sowie Keramik aus ▶ merowingischer Zeit. Die Siedlungsfunde datieren in das 4., 5. und 6. Jahrhundert nach Christus.7 So ist von einer stetigen Besiedlung des Raumes seit der Steinzeit auszugehen, Siedlungskontinuitäten lassen sich aus den steinzeitlichen, römischen und fränkischen Funden jedoch nicht ableiten; ob es eine ständige und lückenlose Besiedlung des Raumes gab, muss nicht zuletzt aufgrund der Lücken in der archäologischen Überlieferung offen bleiben. Und auch die schriftlichen Überlieferungen geben zu der Annahme einer Kontinuität einer örtlichen Besiedlung seit der Römerzeit oder gar zuvor keinen Anlass – nicht zuletzt, weil die erste Erwähnung des Ortes erst einige Jahrhunderte später im Hochmittelalter erfolgte.8
Siedlung und Siedlungsstrukturen bis 1816: Namensnennungen und Bezeichnungen
Bevor Osterfeld selbst namentliche Erwähnung findet, wird ein Hof am Rande des heutigen Gemeindegebietes, nämlich in Vonderort, genannt. Diese erste Erwähnung eben jener Hofsiedlung in der Osterfelder Gemarkung datiert in das 10. Jahrhundert. Das ▶ Heberegister des Klosters Werden verzeichnet eine Herrenhufe in Armbugila, womit der in Vonderort gelegene Oberhof Arenbögel gemeint war.9 Dieser Hof lag wie bereits erwähnt an der Peripherie der Gemarkung und war demnach auch nicht siedlungsbildend für den Ort. Osterfeld selbst wurde 1047 (Osteruelde) erstmals erwähnt und war bis ins 19. Jahrhundert eine Höfesiedlung nördlich der Emscher und westlich von Vonderort.10 Dies zeigen nicht nur die wirtschaftlichen Strukturen bis zur Industrialisierung, die später noch dargestellt werden, sondern auch die allein auf ▶ Kötterwirtschaft und landwirtschaftliche Nutzung hinweisenden wenigen überlieferten Flurnamen, wie etwa molenacker (137911), langkamp (173412) oder wertvelde (147613). Darüber hinaus kamen in den Quellen noch die Flurnamen heide (151614), nyevelt (152315), Kusenberge (156416), Varenhorst (161717), Vennisches Kamp (164518) und Ruhrkamp (170319) vor. Weitere Erwähnungen des Ortes folgten nach der Ersterwähnung dann um 1050 (Ostarfeld)20, im 11./12. Jahrhundert, laut Datierung des Niederrheinischen Urkundenbuchs um 1085, als Osteruelde21, schließlich im 12. Jahrhundert wiederum in den Werdener ▶ Urbaren als Osterfelde22, beziehungsweise Ostenfelde23, als Osteruelda24 und Ostervelda.25 Im Verlauf des 13. Jahrhunderts erfolgte eine Stabilisierung des Namens, beziehungsweise der Namensschreibweise. So heißt der Ort 1220 in der kleinen Essener ▶ Vogteirolle Oesterfelde26, ebenso um die gleiche Zeit in der Großen Essener Vogteirolle.27 In fast allen folgenden Nennungen bis gegen Ende des 14. Jahrhunderts lautete der Name schließlich Osterfelde beziehungsweise Osterfeld.28
Der Ort war bis zur Industrialisierung immer durch einen Dorfcharakter gekennzeichnet und die Siedlung wurde in den Quellen, in denen der Ort charakterisiert wird, mit wenigen Ausnahmen stets als Dorf bezeichnet. So heißt es im 11./12. Jahrhundert neutral „in Osteruelde“29; 1426 wird der Ort als „Dorf“ bezeichnet30, ebenso 1657 (Dorfschaft)31 und schließlich 1782, als es heißt: „Auch wird Bottrop besonders und Besonders Osterfeld als ein Dorff genommen, dieses sind aber würcklich keine Dörfer, weil nur aus negst anlieggenden
Abb. 1: Gemeindekarte von Osterfeld 1825

Abb. 2: Grundriss von Osterfeld 1821
Baurschaften, die ihre Besonderen nahmen haben, bestehen.“32 Vor allem die letztere Quelle ist insofern bemerkenswert, als dass sie nicht nur eine Bezeichnung der Siedlung vorhält, sondern darüber hinaus auch eine Beschreibung des Ortes, der eher einer ▶ Bauerschaft, einem Höfekonglomerat glich als einem Dorf mit gewachsenen gemeindlichen Strukturen. Auch die Bewohner des Ortes werden in den Quellen bis Ende des Alten Reiches (1803) entsprechend der Stellung der Siedlung mal als Nachbarn (157133, 162434), Hußlude (152335), Eingesessene und Weidgenossen (162436) oder underthanen (165737) bezeichnet. Im späten Mittelalter kamen die Begriffe „parrochiani“ (Pfarrgenossen, 142638) und „cerecensuales“ (▶ Wachspflichtige, Mitte des 13. Jahrhunderts39) vor.
Eine besondere Erwähnung, die nicht nur für die kirchliche Geschichte des Ortes von Bedeutung ist, stammt aus dem Jahr 1382.40 In diesem Jahr ist erstmals von einem ▶ Kirchspiel Osterfeld die Rede, zu dem neben dem Ort selbst auch die Bauerschaft Vonderort sowie Lehmkuhle und Bottrop gehörten.41 1660 wird jedoch im Vestischen Lagerbuch Osterfeld neben Lehmkuhle, Fuhlenbrock und Welheim zum Kirchspiel Bottrop gezählt;42 1782 firmiert das Kirchspiel hingegen unter dem Namen Bottrop-Osterfeld.43 1803 ist in den Quellen schließlich eine Unterteilung zwischen Dorf und Kirchspiel zu erschließen: Demnach gehörten zum Dorf Osterfeld die Bauerschaften Vondern, Batenbrock, Lehmkuhle, zum Kirchspiel Osterfeld hingegen nur Osterfeld und Vondern, während Lehmkuhle und Batenbrock zu Bottrop zählten.44 Mit der kommunalen Neugliederung durch Preußen im Jahr 1816 waren schließlich Gemeinde und Kirchspiel Osterfeld eins und zählten zur Bürgermeisterei Bottrop (1844 Amt Bottrop45).

Abb. 3: Grundriss von Klosterhardt (St. Antony-Hütte) 1821
Die Siedlungsentwicklung bis zum Beginn der Industrialisierung
Das mittelalterliche Höfekonglomerat gruppierte sich vor allem um die Kirche zu Osterfeld, die Pfarrkirche für das bereits erwähnte größere Kirchspiel war. Ob sie auch siedlungsbildend wirkte, muss offen bleiben, ist jedoch anzunehmen. Der ▶ Liber Theoderici aeditui berichtet (1160) von einer Eigenkirche, die Anfang des 11. Jahrhunderts Graf Balderich von Hamaland dem Kölner Erzbischof Heribert geschenkt haben soll und die dieser der Abtei Deutz zur Ausstattung gab.46 Das ▶ Pankratius-Patrozinium lässt ebenfalls auf eine frühe Kirchengründung schließen. Die Kirche lag im Zentrum einer Straßensiedlung, die sich an eine Straßenkreuzung der Vestischen Landstraße und der Straße von der Lirich-Lipperner Heide – dem Raum der späteren Stadt Oberhausen – nach Klosterhardt anschloss.47 An den beiden Straßen lagen zahlreiche Kötterhöfe, das Pastorat und Einzelhöfe. Die größeren Adelssitze und Güter lagen hingegen außerhalb dieser Siedlung: Vondern im Süden an der Emscher und Arenbögel, Knippenburg und Hove in Vonderort. Osterfeld war bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ein Straßendorf, eine Bauerschaft, bestehend aus Einzelhöfen ohne überregionale Verkehrsanbindung.48 Die bekanntesten und zu festen Häusern, beziehungsweise Burgen ausgebauten Häuser waren Burg Vondern und Haus Hove, die an dieser Stelle kurz vorgestellt werden:
Die Anfänge der Burg Vondern sind unbekannt. Sie liegt südlich des heutigen Verschiebebahnhofs Osterfeld-Süd an der Arminstraße. 1162 wird erstmals eine Familie von Vondern genannt, 1266 übertrug die Abtei Essen einem Gerhard von Vondern die Güter zu Vondern.49 Die Burg, auch Steinhuis und Haus genannt (144150), war Dienstmannlehen der Grafen von der Mark. So wird 1397 Dietrich von Vondern durch Graf Dietrich von der Mark mit dem als Dienstmannsgut bezeichneten Haus in Osterfeld belehnt.51 In der Urkunde von 1397 versprach der Graf, die Burg Vondern in ein Erblehen zu verwandeln. Bereits 1400 starb die direkte Linie der Herren von Vondern aus. Zunächst teilten sich die Töchter das Erbe, 1405 ging das Haus vollständig an Wessel von Loe. 1511 vergab der Herzog von Kleve Haus und Hof Vondern als ▶ Lehen an seinen Amtmann Wessel von Loe.52 Die Burg wechselte noch mehrmals den Besitzer: 1592 ging sie an die von Brempt, 1722 an den Grafen von Nesselrode-Landskron, 1753 an den Münsterschen Domherrn Clemens Graf von Merveldt, 1824 an den Grafen Droste zu Vischering von Nesselrode-Reichenstein. 1947 übernahm schließlich die Stadt Oberhausen Vondern.53 Unter den von Loe kam es zu ersten Erweiterungen des Hauses zu einer Wasserburg. Wohl um 1520 erfolgte die Errichtung der gotischen Torburg, in der Folge der Bau der südlichen Wehrmauer mit Schießscharten und spätgotischen Zierformen. Das Haupthaus wurde im 17. Jahrhundert im barocken Stil errichtet. 1977/82 restaurierte die Stadt Oberhausen die kurz vor dem Verfall stehende Burg grundlegend.54 Heute wird die Burg als Museum und Veranstaltungsort genutzt.
Die Anfänge von Haus Hove sind ebenfalls unbekannt. Es liegt im 1929 an Bottrop abgetretenen Stadtteil Vonderort, Haus-Hove-Straße, nördlich des Güterbahnhofs Osterfeld-Süd. 1393 wird Dietrich von Vondern genannt von Hove erwähnt, ebenso 1397, als dieser von dem Grafen von der Mark mit Vondern belehnt wurde.55 Vermutlich wurde die Burg Ende des 14. Jahrhunderts errichtet, denn mit deren Ersterwähnung fällt auch die erstmalige Nennung des Namenszusatzes von Hove mit von Vondern zusammen.56 Die Burg wechselte nur selten die Besitzer: 1691 heiratete Vincenz von Quadt in den Hof ein, 1709 ging er an die von Geyr und 1726 an den Grafen von Nesselrode-Landskron auf Burg Vondern. Bereits 1738 trat der Graf das Haus an den Grafen von Merveldt zu Haus Lembeck ab. Im gleichen Jahr starb die Familie von Hove im Mannesstamm aus. 1842 kaufte Graf Droste Vischering von Nesselrode-Reichenstein Haus Hove zurück. Der letzte Besitzerwechsel erfolgte 1888, als der Hof an die seit 1873 dort lebende Pächterfamilie Steinhaus ging.57 Teile des um 2005 wieder errichteten Torbaus sowie das Fundament des Herrenhauses stammen vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Die ehemals von der Kornbecke gespeiste doppelte Gräfte ist größtenteils verlandet.58 Haus und Hof Hove sind bis heute als landwirtschaftlicher Betrieb in privater Nutzung.

Abb. 4: Ausschnitt aus der Le-Coq-Karte von 1805
Beide Häuser lagen, wie bereits erwähnt, an der Peripherie des Ortes und trugen zur Ortsentwicklung nichts bei. Über die Ausdehnung Osterfelds vor 1800 ist wenig bekannt. Die Häuser- und Einwohnerzahlen lassen auf eine dünne Besiedlung schließen. So zählte das ▶ Kirchspiel Osterfeld 1717 nur 300 Kommunikanten59, 1755 waren es 394.60 Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg die Anzahl der Kommunikanten auf über 400 und erreichte 1797 schließlich 450.61
Die ▶ Le Coq-Karte von 1805 zeigt für Osterfeld lediglich eine Straßenrandbebauung entlang des Straßenkreuzes sowie Einzelhöfe in Vonderort, während sich nördlich der Siedlung vornehmlich Acker-, Wald- und Brachland befand.62 Dieses Siedlungsbild geht auch aus der Urkarte von 1822 hervor.63
Eine Ausnahme bildete ab 1760 die St. Antony-Hütte in Klosterhardt, die allerdings nicht siedlungsbildend war, sondern ein Beispiel ländlichen Eisengewerbes der Frühindustrialisierung. Die geringe städtebildende Wirkung der Hütte lag vor allem an drei Faktoren: Erstens bildete sie sich aufgrund der nachrangigen Bedeutung und des mangelnden wirtschaftliches Erfolges nicht zu einem überregionalen industriellen Kerngebiet aus, zweitens lagen mit Sterkrade und Osterfeld zwei Siedlungszentren in unmittelbarer Nähe zur Hütte. Insbesondere der Ortskern von Osterfeld fungierte als kultisch-kulturelles und über das ▶ Kirchspiel als politisches Zentrum auch für Klosterhardt, so dass weder Bedarf noch Möglichkeit bestand, einen weiteren Siedlungsmittelpunkt nördlich des Rothebusch zu errichten. Und drittens produzierte sie nicht kontinuierlich, wurde mehrmals umgebaut, abgebrochen, stillgelegt oder umgenutzt und beschäftigte im Schnitt nie mehr als 100 Arbeiter, meist weniger.64
Erst im Zuge der Industrialisierung etwa ab 1870 wuchs Osterfeld rasch über den alten Ortskern um St. Pankratius hinaus, neue Straßen und Kolonien wurden errichtet und es siedelten sich Handel und Kleingewerbe an. Auch die öffentliche Infrastruktur wuchs. Noch bis 1800 sah dies anders aus: Osterfeld lag bis zur Industrialisierung abseits der überregionalen Straßenverbindungen Westeuropas. Lediglich eine Straße von Oberhausen nach Bottrop durchquerte 1805 den Ort. Außerdem verlief eine Abzweigung dieser Straße über die Emscherbrücke (Waghalsbrücke) nach Oberhausen, Mülheim und Essen. Eine andere Abzweigung verband Osterfeld über Klosterhardt mit der Hauptstraße (Vestische Landstraße) von Sterkrade über Bottrop nach Gladbeck, beziehungsweise nach Recklinghausen.65 Die Landstraße durch Osterfeld fand erstmals 1721 Erwähnung.66 Eine weitere Straße sollte ab 1804 von Osterfeld nach Oberhausen errichtet werden,67 bereits 1795 waren Ausbesserungen am Weg nach Oberhausen vorgenommen worden.68 Der Beginn des Wegebaus nach Oberhausen war abgestimmt mit größeren Wegebauarbeiten im ▶ Vest Recklinghausen, die auch die Anbindung Osterfelds umfassten,69 jedoch keine größere Bedeutung für die Entwicklung Osterfelds hatten. 1810 folgte der Ausbau der Sterkrader Straße von Mülheim über Sterkrade nach Wesel.70 In den 1830er Jahren erhält die Gemeinde Wegegeld auf der Straße von Essen nach Oberhausen, jedoch schon 1838 übernimmt der preußische Staat die Kosten für Bau und Unterhalt von Brücken und Straßen von Dorsten über Osterfeld nach Oberhausen.71 Somit führten Mitte des 19. Jahrhunderts also zwei Hauptstraßen durch Osterfeld, eine von Mülheim nach Dorsten, eine zweite nach Essen. Neben den Hauptstraßen führten noch einige Dorf- und Treibwege durch die Osterfelder Gemarkung. So der 1700 erwähnte Fuhr- und Treibweg „bis auff die fortkamps straße der becken langs“72, der „byfangsche Weg“ (1734 erwähnt), ein Weg im Garten über der obersten Kornmühle73 sowie der Weg vom Vonderischen Berg bis an die Waghals-Brücke (1781).74 1828 wird als erste Straße des Ortes die Hauptstraße von der Emscher bis zur Marktstraße gepflastert;75 1839 werden Hausnummern eingeführt. Gezählt wird vom Koppenburgs Mühlenbach aus, jener Bach, der die Ortschaft in die Bauerschaften Osterfeld (westlich des Bachs) und Vonderort aufteilte.76 Die Verbindung mit den südlich der Emscher gelegenen Ortschaften war durch drei bereits 1761 erwähnte Brücken gewährleistet: Die Waghalsbrücke, eine Holzbrücke an der Vondermühle sowie die Oberhausener Landstraßenbrücke.77
Die Wasserwegewirtschaft spielte in der vorindustriellen Phase kaum eine Rolle. Erste Emscherregulierungen für die Frachtschifffahrt erfolgten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.78 Die Eisenbahn zog mit der Industrialisierung Osterfelds nach 1870 ein. Eine ausgereifte Infrastruktur im Dienstleistungsbereich war bis zur Industrialisierung kaum vorhanden. Die Post hatte bis 1832, beziehungsweise 1876 keine eigene Stelle. Der Fürst von Thurn und Taxis übernahm 1795 den gesamten Postverkehr im Vest Recklinghausen und somit auch jenen für Osterfeld.79 Erst 1832 wurde eine eigene Poststrecke von Osterfeld über Bottrop nach Kirchhellen in Betrieb genommen,80 1876 eine Postagentur dortselbst eingeweiht.81 Auch öffentliche kommunale Gebäude suchte man vergeblich. Die Kirchspielleute trafen sich 1520 im Steinhaus in Osterfeld, um sich zu versammeln.82 Das Gut Vondern war das Osterfelder Dienstmanngut der Grafen von der Mark.83 Erst 1894/96 erfolgte der Bau eines Amtshauses.84
Herrschaft und Kommune bis zum Beginn der Industrialisierung
Osterfeld gehörte im ▶ Alten Reich (bis 1803) zum Vest Recklinghausen. Das ▶ Vest wurde im Norden und Süden durch die Flüsse Lippe und Emscher, beziehungsweise durch das Fürstbistum Münster, die Grafschaft Mark sowie das Reichsstift Essen umgrenzt. Westlich des Vestes grenzte das Herzogtum Kleve an, im Osten die Reichsstadt Dortmund. Eine ▶ Landwehr schützte das Vest im Osten, Heide und Waldgebiete umgrenzten den Raum im Westen. Landesherr über das Vest war der Erzbischof von Köln. Die rechtliche Grundlage für die Landesherrschaft stützte sich auf das 1228 erstmals erwähnte ▶ Gogericht Recklinghausen, über das der Erzbischof spätestens seit dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts die Gerichtsherrschaft ausübte. Das Vest war in ein Ober- und ein Niedervest aufgeteilt, mit jeweils einer Stadt als Verwaltungszentrum. Zum Obervest zählten die Stadt und das ▶ Kirchspiel Recklinghausen sowie die Kirchspiele Ahsen, Datteln, Flaesheim, Hamm, Henrichenburg, Herten, Horneburg, Oer, Suderwich, Waltrop und Westerholt. Zum Niedervest gehörten Stadt und Kirchspiel Dorsten sowie die Kirchspiele Bottrop, Buer, Gladbeck, Horst, Kirchhellen, Marl, Osterfeld und Polsum. Im Niedervest behauptete der Erzbischof seine Landesherrschaft gegen Kleve und Münster vor allem durch die Stadterhebung Dorstens 1251.85 Der kölnische Statthalter saß auf Schloss Westerholt, die ▶ Oberkellnerei war auf der Horneburg in Datteln angesiedelt.86 Zwischen 1424 und 1446 wurde das Vest Recklinghausen und damit auch das Kirchspiel Osterfeld insgesamt sechsmal verpfändet, 1424 an Gerhard von Kleve, 1430 an Heinrich von Backem, 1438 an Ritter Goswin Stecke, 1442 an Vinzenz von Moers, 1444 an Dietrich von Eicke und 1446 an Johann von Gemen.87 Die Herren von Gemen, beziehungsweise ihre Nachfolger, die Grafen von Holstein-Schaumburg (ab 1492), hatten die Pfandschaft bis 1576 inne.88.
Im Zuge der Neuordnung der Territorien am Rhein durch den ▶ Reichsdeputationshauptschluss und vor dem Hintergrund der Auflösung des Kurfürstentums Köln ging das Vest 1803 an das Herzogtum Arenberg, das für seine linksrheinischen Verluste in Westfalen Entschädigung fand. Nunmehr gehörten Dorf und Kirchspiel Osterfeld zum ▶ Arrondissement Recklinghausen.89 Doch diese Zugehörigkeit war nur vorläufig und sollte nicht lange währen. Schon 1811 ging das gesamte Vest an das Großherzogtum Berg, jenem napoleonischen Musterstaat, der selbst nicht mehr lange existieren sollte. Dort zählte Osterfeld zur Mairie Bottrop im Kanton Dorsten, welches wiederum zum Arrondissement Essen im Departement Rhein zählte.90
Mit dem Ende der französischen Besatzung und dem Wiener Kongress 1815 kam das gesamte alte Vest Recklinghausen schließlich an das Königreich Preußen, welches nur ungern die katholisch geprägten Territorien im Westen übernahm. Bereits 1816 führten die Westprovinzen die preußischen Gebietsgliederungen ein. Bottrop wurde zu einer Bürgermeisterei im Landkreis Recklinghausen, Regierungsbezirk Münster, der wiederum zur Provinz Westfalen zählte.91 Unter den vestischen ▶ Kirchspielen und Dörfern gehörte Osterfeld vor 1803 zu den ärmeren und kleineren Bauerschaften. So rangierte es (mit und ohne Bottrop) bei den Steuerleistungen stets unter den geringer veranschlagten, ebenso bei den Sondersteuern und Einquartierungszahlungen. 1630 zahlte das Kirchspiel Osterfeld 32 Reichstaler Abgaben und lag an sechster Stelle unter den Kirchspielen. Recklinghausen zahlte beispielsweise 338 Reichstaler. Insgesamt führte das Vest 2.046 Reichstaler ab,92 was nur einen Bruchteil der Summe ausmachte, die beispielsweise aus dem Linzer Zoll an das Kurfürstentum Köln abgeführt wurde. 1712 zahlte Osterfeld an ▶ Schatz bei einer Zahl von 24 Schatzpflichtigen nur 22 Reichstaler, Kirchhellen zahlte hingegen 40, Datteln 45, Gladbeck gar 103 und Bottrop mit 109 Reichstalern mehr als doppelt so viel wie Osterfeld.93 Innerhalb des Kirchspiels war Osterfeld jedoch die Bauerschaft, die die meisten Abgaben leisten musste.94 Trotzdem war Osterfeld eine von Armut geprägte Bauerschaft, die dem Kurfürst nur wenig einbrachte. 1583 lebten in Osterfeld nur 20 Schatzpflichtige, davon zahlten fünf jeweils mehr als drei Reichstaler, fünf weitere zwischen einem und zwei und die übrigen weniger als einen Reichstaler.95 1712 bezahlten nach der Schatzung im ▶ Vest Osterfeld an Schatz nur 28 Reichstaler und 22,5 ▶ Albus (beziehungsweise 32,33 Reichstaler). Dieser Betrag war von nur 22 beziehungsweise 24 Schatzpflichtigen zu entrichten.96 1624 war das Kirchspiel Osterfeld infolge der Armut nicht in der Lage, die Verpflegung einiger Kavalleriekompanien im Vest durch Schatzung aufzubringen, weshalb das Kirchspiel sogar Land an das Haus Vondern verkaufen musste.97 Ein Versuch des Kölner Kurfürsten von 1716, bei Osterfeld zur Einahmensteigerung einen Landzoll zu errichten, scheiterte am erbitterten Widerstand des Grafen von der Mark.98 Erst für 1803 ist ein Zolleinnehmer in Osterfeld nachweisbar99 – allerdings spielten auch die Zollgebühren dort keine größere Rolle.
Die Gerichtsbarkeit entwickelte sich in enger Verbindung zur territorialen Zugehörigkeit. Bereits 1226 erfolgte die ▶ Hochgerichtsbarkeit für Osterfeld von Recklinghausen aus. Spätestens seit dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts besaß der Erzbischof von Köln das Hochgericht mit Sitz des Richters in Recklinghausen.100 Besondere Gerichtsrechte, die er gegen Köln im 14. und 15. Jahrhundert für sich ausweiten wollte, machte auch der Herzog von Kleve über das Haus Vondern in Osterfeld geltend,101 was jedoch misslang. Ein Schiedsspruch des Pfalzgrafen Ludwig bei Rhein von 1426 sprach die hohe Gerichtsbarkeit in Kirchhellen, Bottrop, Gladbeck und Osterfeld endgültig dem Erzbischof zu, während Kleve in Osterfeld nur das Burggericht bekam. Die Quellen bezeugen lediglich grundherrliche Rechte des Grafen von der Mark, beziehungsweise des Herzogs von Kleve, die über das Haus Vondern, einem klevischen Ministerial- und späterem Rittergut, angebunden waren.102 Die niedere Gerichtsbarkeit wurde ebenfalls durch Köln von Recklinghausen aus ausgeübt. So versah zum Beispiel 1410 ein Recklinghäuser ▶ Frone für den Richter in Osterfelder Erbbelangen die niedere Gerichtsbarkeit.103 1595 wurde das ▶ Kirchspiel Osterfeld als Teil des Niedervestes aus dem Sprengel des Recklinghäuser Stadtgerichts herausgelöst und dem Dorstener Stadtgericht zugewiesen.104
In Osterfeld teilten sich spätestens seit dem 13. Jahrhundert mehrere Grundherren den Besitz. Die größten Grundherren waren das Kloster Werden, das Frauenstift Essen, das Haus Hove sowie das Haus Vondern. Außerdem stieg die Kirche zu Osterfeld durch Schenkungen bis 1660 zu einem der größeren Grundherren auf. Die erste Erwähnung eines Grundherrn im Raum Osterfeld fällt in das 10. Jahrhundert. Das Heberegister des Klosters Werden verzeichnet eine Herrenhufe in Armbugila, womit – wie bereits erwähnt – der in Vonderort gelegene Oberhof Arenbögel gemeint ist.105 Im Werdener ▶ Urbar des 11. Jahrhunderts werden ▶ Gerechtsame de Armbugili aufgeführt.106
Der erste Beleg für Grundbesitz des Stifts Essen in Osterfeld findet sich in einer Urkunde des 11./12. Jahrhunderts, als Kaiser Heinrich IV. die von der Äbtissin Suanihild an das Kloster Essen gemachte Schenkung ihrer Erbgüter bestätigte. Dazu gehörte auch Besitz in Osterfeld.107 Die Erträge des Grundbesitzes mussten dem Borbecker Hof, der als Oberhof fungierte, geliefert werden.108 1487 errichtete das Stift eine Kate (Steinhaus) nahe der Kirche, die dem Verwalter der Ländereien dienen sollte.109
Der Graf von der Mark war ebenfalls spätestens seit dem 14. Jahrhundert in Osterfeld begütert; 1381 erklärte Graf Engelbert von der Mark, dass er das Haus zu Vondern nach dem Tod des Lehensinhabers neu belehnen möchte.110 1397 belehnte Dietrich von der Mark den Dyrich von Vonderen mit Hof und Haus Vondern und versprach, den Hof zu einem Erblehen der Familie zu machen.111 Mit Dietrich starb 1400 der letzte der von Vondern. Das Gut ging zunächst an die von Overhuis und 1405 an die von Loe.112 Unter den von Loe vollzog sich ab 1449 die Loslösung von Kleve und der Übergang zu einem erblichen Rittergut, wobei drei Achtel des Hofs Vondern noch den von der Hoeven gehörte.113 Weitere Belehnungen und Zukäufe in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts (1422/38 Arenbögelhof, 1424 Mühle am Koppenbach), darunter auch nochmals von den Klevern wie 1449 das „Rhadeland“ sowie Mühle und Fischerei „op der Emscher“114 folgten. 1454 gab Wilhelm von Limburg-Styrum das „Steenhuß upper Emscher“ im ▶ Kirchspiel Osterfeld zugunsten des Ritters Johann von der Loe von der Lehnschaft frei.115 1490 verkauft Johann von der Hoeve, der Mitbesitzer von Vondern, die „Aa unde dath Rebsbroeck“ im Kirchspiel Osterfeld116, und 1523 wird schließlich bezeugt, dass die Osterfelder Heide bis zur kölnischen Grenze zum Haus Vondern gehört habe.117 So wurde das Haus Vondern, beziehungsweise die Familie von Loe innerhalb weniger Jahrzehnte zum größten Grundherrn in Osterfeld.118
1660 gehörten nach dem Vestischen Lagerbuch 20 von 41 genannten Höfen, beziehungsweise Kötter in Osterfeld zum Haus Vondern. Aber auch andere Grundbesitzer waren nach wie vor im Ort stark mit Besitz vertreten: Jeweils vier Höfe gehörten der Familie von Bönen und der Kirche zu Osterfeld. Je drei Höfe waren Essendischer und Lipperheider Besitz. Zwei Höfe zählten zum Kloster Sterkrade und je ein Hof zur Kirche in Bottrop und zum Kurfürstentum Köln. Nur ein Hof wurde frei bewirtschaftet.119 1782 zählten von insgesamt 95 Höfen 33 zu Vondern, 21 zur Kirche, beziehungsweise zum Pastorat (dazu drei zur Vikarie St. Katharina), neun zum Haus Hove, fünf zu Essen, vier zum Kloster Sterkrade, je drei zum Haus Berge und zur Familie Liskes und je einer zu insgesamt 15 verschiedenen Grundbesitzern. Auf 55 Höfen in Osterfeld saßen unschatzbare ▶ Kötter.120
Bis in preußische Zeit bildete sich in Osterfeld weder eine Rats- noch eine Bürgermeisterverfassung aus. Lediglich 1405 wird ein Ratmann der Kirche zu Osterfeld121 in den Quellen erwähnt und 1406 Raetluede der Kirche.122 1440 ist ein Kirchmeister zuständig, 1482 werden zwei Kirchmeister erwähnt.123 1776 ist ein Oberkirchenmeister in Osterfeld bezeugt. Er wird vom Haus Vondern bestellt.124
Zivilgemeindliche Strukturen der Selbstverwaltung entstanden in Osterfeld erst mit dem Ende des ▶ Ancien Regime. 1815 entsendet Osterfeld vier Verordnete zur Amtsversammlung nach Bottrop.125 Außerdem gehören zum Gemeinwesen der Schulrat mit zwei Mitgliedern und zwei Stellvertretern sowie der Armenrat mit fünf Mitgliedern.126 Mit dem stetigen Wachstum von Ort und kommunalen Aufgaben in preußischer Zeit wächst auch die Zahl der kommunalen Bediensteten. So wird 1822 ein Bauernbote eingestellt für die Verbotung der Hand- und Fußdienste; ab 1844 ein Amtsbote.127 1832 stellte das ▶ Kirchspiel Osterfeld dann einen Boten für die Verbotung der Hand- und Fußdienste an. Bislang wurde dieser Dienst von zwei Eingesessenen – u. a. dem 1822 eingestellten Bauernboten – verrichtet, die dafür von allen Kommunallasten befreit waren.128 Eine ausgereifte Kommunalvertretung mit Rat und Vorstand sollte erst 1844 etabliert werden. Auch das Wehrwesen war nur wenig ausgebildet in Osterfeld. Lediglich 1761 werden dort Schützen erwähnt, die mit den Bottroper Schützen zusammengefasst waren.129 Als dann 1824 in Osterfeld der Vogel von Schützen abgeschossen wurde, war das schon nicht mehr dem Wehrwesen, sondern der Folklore zuzuordnen. Dies beweist nicht zuletzt auch folgender Hinweis aus den Quellen:
„1830 wird das Schützenfest blos von Junggesellen, welche sich zuweilen dazu vereinigen, durchgeführt. Die Schützen sind nicht konstituiert und ohne Statuten. Das Schützenfest erfolgt ohne festes Datum und dauert nur einen Tag.“130
Gesundheits- und Armenwesen
Doch nicht nur die Gemeindeverfassung war bis zum Beginn der Industrialisierung in Osterfeld nur verhalten ausgeprägt, auch das Gesundheits- und Armenwesen entsprach dem einer kleinen Bauerschaft. Hospitäler und Krankenhäuser wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet. Der erste in Osterfelder Quellen erwähnte Arzt war ein Chyrurgus, also ein gelernter Wundarzt aus Osterfeld, der zwischen 1773 und 1778 regelmäßig die Nonnen des Klosters Sterkrade behandelt hatte.131 Für 1808 und 1816 sind keine Ärzte in Osterfeld bezeugt, erst 1868, zu Beginn des industriellen Aufbruchs an der Emscher, lässt sich schließlich ein Arzt, der erste des Ortes, nieder.132 Bereits 1808 wurde hingegen eine Hebamme im ▶ Kirchspiel Osterfeld angestellt. Den Hebammenunterricht erteilte zu dieser Zeit der Landphysikus.133 1816 ist weiterhin nur eine Hebamme in Osterfeld tätig;134 erst nach 1860 sollte auch die Anzahl der Geburtshelferinnen zunehmen. Die Medikamentenversorgung erfolgte ebenfalls nicht über heimische Apotheken. Nur in Bottrop existierte bereits eine Apotheke, die auch die Osterfelder Bevölkerung mit versorgte. Diese gründete 1881 eine Filiale in Osterfeld.135
Für das Armenwesen war die Kirche zuständig. Die Unterstützung der Armen lief in Osterfeld über kirchliche Stiftungen und einen Armenfonds. 1559 erfolgte eine Armenstiftung im Rahmen einer Messstiftung über 20 rheinische Goldgulden durch Henrich von Hove an die Kirche in Osterfeld. Mit dem Geld sollte Weizenbrot gekauft werden.136 Dies ist die erste belegte Messstiftung in Osterfeld. Es folgten weitere. Seit 1613 erfolgte jährlich eine Stiftung von drei Talern Rente an die Armen des ▶ Kirchspiels Osterfeld, zu zahlen an Pfingsten und Mariä Lichtmess.137 Weitere Geldstiftungen gingen 1632, 1648 und 1655 vonstatten.138 Ende des 18. Jahrhunderts zahlte das Haus Westerholt als größerer Geldgeber für das Armenwesen in Osterfeld jährlich 30 Reichstaler an Armengeldern ein.139
Für 1753 wird erstmals ein Armenfonds der Kirche zu Osterfeld erwähnt.140 Der von einem Armenprovisor gemeinsam mit dem Kirchmeister141 verwaltete Fonds finanzierte Messen und Begräbnisse der Armen142 sowie die Kirche zu Osterfeld143. Dieser gemeinsame Kirchen- und Armenfonds existierte bis um 1800. Die Rechnungen wurden dem ▶ Patronatsherrn auf Haus Vondern vorgelegt, der auch den Kirchmeister einsetzte.144 Die Zahl der hilfsbedürftigen Armen war in Osterfeld gegen Ende des Alten Reiches jedoch begrenzt. So zählten 1777 nur zwei Familien aus Osterfeld zu den Armen des Vests Recklinghausen.145 Eine neue Bedeutung erhielt die Armenversorgung erst im Zuge der Industrialisierung.
Kirche, Reformation und Kultur
Die Kirche St. Pankratius war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein der Mittelpunkt des Ortes. Sie war vermutlich auch siedlungsbildend und ihre Glieder und Amtsträger bestimmten das Geschehen in Osterfeld. Bis 1621 gehörte die Pfarre zum ▶ Archidiakonat Xanten, Dekanat Duisburg im Erzbistum Köln. Danach kam es an das ▶ Dekanat Vest Recklinghausen (Vestisches Kommissariat). Nach dem Ende des Alten Reiches und mit der päpstlichen Bulle „De Salute Animarum“ von 1821, die die Diözesen in Preußen neu ordnete, kam das Vest und damit auch die Pfarre Osterfeld an das Bistum Münster.
Die Anfänge von Pfarre und Pfarrkirche liegen im Dunkeln, anhand des ▶ Patroziniums, welches jedoch erst für 1703 erstmals bezeugt ist,146 ist von einem frühen Kirchbau auszugehen. Jedenfalls berichtete der ▶ Liber Theoderici aeditui um 1160 von einer Eigenkirche, die Anfang des 11. Jahrhunderts Graf Balderich an den Kölner Erzbischof Heribert verschenkt haben soll. Dieser gab sie zur Ausstattung an die Deutzer Benediktinerabei weiter.147 Patronatsherr war die Abtei bis 1226. In diesem Jahr verlor sie das Recht an den Grafen von Limburg.148 Seit 1640 übten die Herren des Hauses Vondern das ▶ Patronatsrecht aus.149 1793 ging das Patronatsrecht schließlich für kurze Zeit an den Erzbischof von Köln.150 Mit dem Übergang des Vests an die Arenberger gingen zunächst auch diese Rechte vorbehaltlich älterer Rechte an das neue Herrscherhaus. 1804 gab denn auch der Herzog von Arenberg bekannt, dass die Patronatsrechte des ehemaligen Kurfürsten von Köln im Vest nunmehr bei ihm liegen würden. Wenn sie bei einem anderen Patron lägen, reiche die landesherrliche Bestätigung.151 Doch schon 1804 hatte der Graf zu Nesselrode-Reichenstein als Eigentümer des Hauses Vondern wieder das ▶ Patronatsrecht über die Kirche in Osterfeld inne.152 Dies behielt er formell bis zum Verkauf der Burg Vondern an die Stadt Oberhausen 1947.
Zehntherr war zunächst die Abtei Deutz. Um 1160 wurde eine bereits zurückliegende Schenkung des ▶ Zehnten von Osterfeld durch den Grafen Balderich an den Erzbischof von Köln erwähnt. Dieser soll – wie bereits beschrieben – die Schenkung zu Beginn des 11. Jahrhunderts als Ausstattung an das Kloster Deutz weitergegeben haben. Der Census brachte jährlich zwei ▶ sol. ein.153 Bereits 1252 übertrug Gerhard von Arberg dem Deutschordenshaus in Welheim den Zehnten zu Osterfeld.154 Nur 130 Jahre später, 1382, übertrug ihn Graf Engelbert von der Mark der Hinrike van der Knippenborg.155 Die ständigen Verkäufe von Zehnten zu Osterfeld gingen munter fort. 1603 verkauften Diederich von Loe und Helena von Heyden den Eheleuten Friedrich von Brempt und Margarethe von Wylach den Zehnten zu Osterfeld.156 1782 sind die Einsassen von Osterfeld schließlich wieder dem Haus Vondern zehntpflichtig.157 Neben dem Zehnten zahlte ab 1794 die St. Antony-Hütte einen Eisensteinzehnten von 20 Talern an die kurkölnische Oberkellnerei Horneburg.158 1808 waren es 36 Taler und 20 ▶ Albus, die die Hütte abführen musste.159 Hoch waren die Zehntzahlungen also nie gewesen.

Abb. 5: Die St. Pankratius-Kirche in Osterfeld
Auch die Anfänge des Kirchenbaus liegen im Dunkeln. Von einer vermutlich romanischen Kirche in Osterfeld blieb bis Anfang des 16. Jahrhunderts nur der Turm übrig. 1516 erfolgte der Ausbau des Chors der Kirche160 in spätgotischem Stil. Um 1540 erfuhr die Kirche eine zweite Erweiterung, indem ein schmales zweijochiges Seitenschiff hinzugefügt und die Kirche von Grund auf renoviert wurde.161 Zwischen 1601 und 1603 wurden zwei Glocken für die Kirche gegossen, so dass der Turmbau auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zu datieren ist.162 1826/29 wurde der Innenraum umfassend saniert, 1843/44 das Äußere der Kirche.163 Erst mit dem Einsetzen der Industrialisierung erfolgte ein umfassender Neubau und eine Neuordnung der Osterfelder Kirchenlandschaft. Die Kirche beherbergte einen Altar, der der Mutter Gottes geweiht und wohl einer der beiden Seitenaltäre war. Dieser ist 1379 erstmals bezeugt, außerdem nochmals 1400 und 1405.164 Auch 1738 und 1755 wird er genannt.165 Der zweite Seitenaltar war der heiligen Katharina geweiht und wird 1491 erstmals erwähnt, als eine Stiftung für die Vikarie des Altars stattfand. Die ▶ Kollation stand abwechselnd dem Grafen von Limburg und dem Herrn von Knippenburg zu. Sie ging allerdings durch Schenkung der Herren von Knippenburg 1578 an den durch das Haus Vondern eingesetzten Kirchmeister über.166 1710 bis 1712 erbaute die Pfarre schließlich ein eigenes Vikariehaus167 mit Unterstützung des Hauses Vondern. Dieses gab 1711 nicht nur Holz für das Vikariehaus, sondern auch Land zugunsten des Vikars, der dafür regelmäßig die Frühmesse lesen musste.168 Der Abriss des Hauses erfolgte bereits 1822, ein Neubau im Rahmen des Schulneubaus schon ein Jahr später 1823.169 Zu dieser Zeit lebte der Vikar, beziehungsweise Frühmesser in Osterfeld vom Frühmesser-Klingelbeuteleinkommen.170
Doch zur Pfarre Osterfeld gehörte nicht nur eine Kirche mit Altären und Vikarie, sondern mit St. Cyriakus in Bottrop zeitweise auch eine Filiale. Bereits um 1150/60 erfolgte der Bau einer Capella in Bottrop, die spätestens seit dem 14. Jahrhundert als Filiale von Osterfeld nachzuweisen ist.171 Doch schon im 15. Jahrhundert erhielt Bottrop ein eigenes Pfarrhaus mit einem residierenden ▶ Vizekurat172. Dies und die Kirchenerweiterung im gleichen Jahrhundert führten zu einer größeren Selbstständigkeit, auch wenn bis weit ins 19. Jahrhundert Bottrop von Osterfeld abhängig blieb. So wurden 1477 zum ▶ Kirchspiel Osterfeld neben dem Dorf Osterfeld die Bauerschaft Vonderort sowie Lehmkuhle und Bottrop gezählt. Noch 1803 zählte Vonderort zur Pfarre Osterfeld, und die Umgrenzung hatte über das Jahr 1821 hinaus Bestand. Das ▶ Patronatsrecht in Bottrop teilten sich das Haus Vondern und der Pfarrer von Osterfeld. Erst 1793 ging es an den Erzbischof von Köln über.173 Weitere Filialkirchen kamen erst im 20. Jahrhundert hinzu. Auch Klöster existierten bis gegen Ende des 19. Jahrhundert im Bereich der Pfarre Osterfeld nicht. Lediglich ein ▶ Regulartertiar der Franziskaner errichtete 1708 eine Eremitage mit Kapelle auf dem Ruhrkamp in Osterfeld.174 1726 bis 1752 lebten jeweils zwei Eremiten in dieser Eremitage.175 Auch Wallfahrten und Prozessionen sind vor 1800 kaum belegt. 1755 wird von einer Pankratiusprozession berichtet;176 erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte ein verstärktes Wallfahrtswesen ein.
Jüdisches Gemeindeleben ist für Osterfeld in vorindustrieller Zeit nicht nachweisbar. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gab es auch keine evangelischen Einwohner in Osterfeld. Die Familie des Gottlob Jacoby, der von der Fürstäbtissin von Essen Maria Kunigunde 1803 mit der Leitung der St. Antony-Hütte beauftragt wurde, war die erste in Osterfeld ansässige protestantische Familie.177
Schule und Bildung
Die schulische Erziehung in Osterfeld oblag wie auch in anderen Kommunen bis zum Ende des Alten Reiches der Kirche. So erfolgte 1654, dem Jahr, in dem zuerst ein schulischer Unterricht in Osterfeld belegt ist, dieser durch den Küster.178 Dieser Unterricht wurde zumeist über Stiftungen und Spenden finanziert, nicht zuletzt durch die Pfarre. So stiftete z. B. 1655 der Pfarrer von Osterfeld 25 Taler für den Unterricht armer Kinder.179 Auch 1713 erfolgte eine Stiftung von 25 Talern an die Schule. Die Zinsen sollten dem Schulmeister zugutekommen.180 Ein Jahr zuvor schon wurde der Unterricht ausgeweitet beziehungsweise das Personal um eine Person aufgestockt, denn es wurde 1712 im Ort eine einklassige ▶ Schulvikarie eingerichtet.181 Bis 1793 besetzte so neben dem Küster auch der Vikar zu Osterfeld zugleich eine Lehrerstelle.182 In diesem Jahr legte die Pfarre schließlich ▶ Primissariat und Lehrerstelle in Osterfeld dauerhaft zusammen.183 Dem Inhaber des Primissariats wurde durch den Kurfürsten von Köln auferlegt, neben den üblichen Verpflichtungen außerhalb der Erntezeit die Pfarrschule zu halten.184 Eine Differenzierung des Unterrichts und die Errichtung eigener Schulgebäude erfolgten erst in preußischer Zeit. Höhere Schulen wurden auch erst im Zuge des Bevölkerungszuwachses durch die Industrialisierung eingerichtet. So war bis 1800 nur ein Studierender aus Osterfeld an einer Universität im Rheinland immatrikuliert – und zwar 1651 in Köln.185

Abb. 6: St. Antony-Hütte
Wirtschaft und Soziales
Osterfeld war eine Bauerschaft. Dementsprechend bildete die Landwirtschaft die Grundlage der Wirtschaft des Raumes vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, insbesondere der Getreideanbau (Roggen, Hafer, Weizen). Aber auch die Fischerei in der Emscher und in den Fischteichen am Elpbach sowie die Viehwirtschaft (Rinder-, Schweine- und Schafzucht) waren bedeutend.186 Dabei waren die Böden des ▶ Kirchspiels von überwiegend geringerer Güte, was vor allem an drei Faktoren lag: Erstens wurde der Wert der Böden an manchen Stellen stark durch den vorhandenen Raseneisenstein gemindert. Zweitens eigneten sich die sumpfigen Bruchlandschaften nur selten und nachrangig für den Getreideanbau, und drittens waren die Höhenlagen des Kirchspiels durch eine ebenfalls wenig fruchtbare Heidelandschaft geprägt. In den Heidebereichen wurde somit, wenn überhaupt eine Nutzung möglich war, Wiesenwirtschaft betrieben, während der Anbau von Klee und Raps nur auf den wenigen besseren Böden gelang. Getreide, hier vor allem Roggen und Weizen, weniger Gerste, wurde vornehmlich in den wenigen fruchtbareren Bereichen der Heide angebaut, dort, wo Mergelschichten Ackerwirtschaft begünstigten.187 Insbesondere die mergelhaltigen Böden förderten den Anbau der so genannten Roggenwurzel, die lange Zeit eines der Haupterzeugnisse in Osterfeld war, und dort sowohl Vieh als auch Mensch als Nahrung diente.188
Grundsätzlich ist ein Nord-Südgefälle der Bodenqualität zu verzeichnen, so dass die ertragreichste Wiesen- und Ackerwirtschaft in der Nähe der Emscher stattfand. An der Emscher war auch die effektivste Milch- und Viehwirtschaft möglich. Die Holzwirtschaft (vor allem Kiefernholz) hatte im Norden des ▶ Kirchspiels, im Rothebusch und am Kickenberg, aber auch in anderen Waldgebieten (Byfang, Vonderberg) Bedeutung.189 Allerdings war die von Gewässern durchzogene Landschaft im Norden der Emscher für die Mühlenwirtschaft gut geeignet, die bis weit in das 19. Jahrhundert in Osterfeld bedeutend war. Getreidemühlen sind dort seit Anfang des 15. Jahrhunderts bezeugt, 1426 waren zwei Kornmühlen an der Emscher sowie am Mühlenbach bei der Koppenburg in Betrieb. Weitere Mühlen kamen hinzu, so eine Ölmühle 1822 und die Papiermühle am Elpenbach 1820. Noch 1885 waren in Osterfeld drei Mühlen in Betrieb.190
Bereits um 1830 profitierte das noch landwirtschaftlich orientierte Osterfeld von der einsetzenden Industrialisierung in Sterkrade, Oberhausen und vor allem Mülheim. Besonders der gewerbliche Handel vollzog sich über die vestischen Straßen, so dass der Zwischenhandel mit Nahrungsmitteln (Butter, Eier, Gemüse, Heu, Kartoffeln, Getreide aber auch Obst) der Wirtschaft in Osterfeld zu einem Aufschwung verhalf. Hinzu kam, dass zahlreiche Arbeiter aus Osterfeld in den umliegenden Hüttenbetrieben Arbeit fanden und durch vergleichsweise hohe Tagelöhne zur Verbesserung der wirtschaftlichen wie sozialen Situation der Bevölkerung sowie der anderen Branchen, besonders der Landwirtschaft, beitrugen.191 So berichtete etwa der Bottroper Bürgermeister bereits 1830 von einem ungewöhnlichen Wohlstand und einem gewerblichen Verkehr in Osterfeld, der in wenigen Gemeinden seinesgleichen habe, und nannte als Gründe u. a. die Eisenhütten in Sterkrade, Oberhausen und Osterfeld.192
Die Berufs- und Gewerbetabellen 1816 bis 1840 zeigen ebenfalls für das frühe 19. Jahrhundert noch deutlich das Überwiegen der Landwirtschaft (einschließlich Knechten, Mägden und Tagelöhnern).193 1850 wurden mehr als 40 Prozent der Fläche der Gemeinde als Acker- oder Weideland genutzt; weitere 20 Prozent als Holzungsland. Die Fischereiwirtschaft war in Osterfeld bis weit in das 19. Jahrhundert verbreitet, denn sowohl an der Emscher als auch nahe der St. Antony-Hütte wurden Fischereibezirke verpachtet, beziehungsweise genutzt. Jedoch sank die Bedeutung der Fischereiwirtschaft bereits im Verlauf des 18. Jahrhunderts mit der Errichtung der St. Antony-Hütte.194
Im regionalen Handel traten Osterfelder Kaufleute bis Anfang des 19. Jahrhunderts nicht auf. 1816 nennen die Gewerbetabellen nur vier Händler aus Osterfeld. Osterfeld war kein Marktort, so dass davon auszugehen ist, dass der regionale Handel bis Ende des 18. Jahrhunderts für die Osterfelder Wirtschaft eine geringe Rolle spielte. Erst mit der erwähnten Industrialisierung in den umliegenden Kommunen kam es zu einem Aufschwung im Handel, so dass die Anzahl der Händler und Kaufleute bis um 1830 auf zwölf stieg. Allein neun davon waren ▶ Viktualienhändler. Mit dem Verlust des Viehmarktes an Bottrop 1826 ging jedoch ein Bedeutungsverlust von Osterfeld als Nahmarkt einher, der bis zur Industrialisierung des Ortes anhielt.
Der gewerbliche Sektor war bis Mitte des 18. Jahrhunderts kaum oder gar nicht vertreten. Ein erster gewerblicher Aufschwung setzte mit der Errichtung der St. Antony-Hütte ein. Auch wenn die Arbeiterzahl bis 1816 maximal 50 bis 100 betrug, die Hütte häufiger von Stilllegung betroffen war und der Konkurrenzdruck durch die Hütten in Sterkrade und Neu-Essen zunahm, hatte die Hütte für den Ort große wirtschaftliche Bedeutung, da sie den Einwohnern durch Zulieferer- und Fuhrdienste zusätzliche Einnahmequellen eröffnete. Vor allem die Bauern konnten mit der Suche und Lieferung von Raseneisenstein ihre kargen Einkünfte aufbessern.195 Die ▶ Köhlereien, die die Hütte mit Holzkohle belieferten, waren weniger in Osterfeld, sondern vor allem in Essen, Sterkrade und Bottrop zu finden. Auch die Kohlenfuhren erfolgten nicht nur durch Fuhrleute aus Osterfeld, sondern speziell aus Bottrop.196 Allerdings wurden Sandfuhren häufig von Osterfelder Fuhrleuten vorgenommen. Der Sand diente als Formsand für die Gießerei.197 In der Hochphase der St. Antony-Hütte 1830 bis 1835 war sie zunächst der zentrale Wirtschaftsfaktor für Osterfeld. Insbesondere größere Waffen-, beziehungsweise Munitionslieferungen an Preußen führten zu einer soliden Geschäftslage. Diese Position verlor die Hütte bereits nach 1835 an das Walzwerk in Oberhausen, welche der Osterfelder Bevölkerung als zunehmend wichtiger Arbeitgeber diente. Eine ganz neue Entwicklung sollte der Ort erst mit der Industrialisierung ab etwa 1870 nehmen.
Otto Dickau
Sterkrade
Nicht nur Kraut und Rüben
Über Jahrhunderte hinweg war Sterkrade zunächst eine vom Kloster Werden abhängige Gemeinde, die im hohen Mittelalter vom Herzogtum Kleve verwaltet wurde. Sie gehört damit in den Kreis all jener Dörfer, ▶ Kirchspiele oder Samtgemeinden, die eher zufällig entstanden sind und deren Ursprung deshalb nur in seltenen Fällen chronologisch eindeutig fixiert werden kann. Solche Siedlungsgemeinschaften erreichten durchweg nur eine bescheidene Größe mit höchstens 100 bis 200 Bewohnern, häufig sogar deutlich weniger. Ihre Abhängigkeit vom Grund- bzw. Landesherrn war deutlich ausgeprägt, die bescheidenen Verwaltungs-, Rechts- oder Verfassungsstrukturen leiteten sich von den Vorgaben des Landesherrn ab. Im bescheidenen Rahmen war auch ein Wirtschaftskreislauf vorhanden, der allerdings auf das Dorf selbst und dessen unmittelbares Umfeld beschränkt blieb; ähnlich angelegt waren auch Handwerk und Gewerbe. Ein intensiverer, vielleicht sogar über die Gemeindegrenzen hinaus gehender Austausch von Waren und Informationen wird nur zu kirchlichen Hochfesten stattgefunden haben, wenn man sich im Umfeld der Kirche traf.
Sterkrade hat – so erscheint es einem Betrachter nicht nur auf den ersten Blick – im Stadtgebiet Oberhausens immer eine Sonderstellung eingenommen: Hier findet regelmäßig an zwei Wochentagen ein von vielen Leuten aus der näheren und weiteren Umgebung gut besuchter Wochenmarkt statt, hier wird regelmäßig um das Fronleichnamsfest herum die größte Straßenkirmes am Niederrhein gefeiert. Im sechsten Jahrhundert sind hier bereits erste Spuren einer Besiedlung nachgewiesen, zu einem Zeitpunkt, als das heutige (Alt-) Oberhausener Stadtgebiet nur aus Sand- und Heideflächen bestanden haben dürfte.
Sterkrade ist ein Stadtteil im Norden Oberhausens, der von dem südlichen Teil und von dem diesem den Namen gebenden Schloss Oberhausen zunächst einmal durch eine natürliche Barriere getrennt wird: die Emscher – ein Fluss, der sich in unzähligen Windungen durch die karge Heidelandschaft schlängelte. Übergänge gab es damals nur wenige. Wollte man sie nutzen, so war z. B. am Schloss Oberhausen ein Zoll fällig. Seit 1914 wurde die Trennung auch baulich zementiert: Mit der Einweihung des Rhein Herne Kanals schien die Grenzziehung zwischen Sterkrade und Oberhausen besiegelt. Diesen Eindruck vermögen auch die über die Emscher und den Kanal führenden Brücken nicht zu verwischen.
Sterkrade ist etwas Besonderes: In diesem Stadtteil gibt es die meisten Grünflächen. Die bis 1929 selbständige Stadt ist – gemeinsam mit der einst zum ▶ Vest Recklinghausen gehörenden Stadt Osterfeld – 1929 im Zuge einer neuerlichen Kommunalreform zwangsweise mit Oberhausen zu einer neuen Großstadt vereinigt worden. Dabei konnte bzw. kann man in Sterkrade, ebenso wie in Osterfeld, auf eine lange historische Tradition zurückblicken. Die Zwangsehe mit dem jüngeren Nachbarn hatte Folgen: Die Sterkrader Ortsmitte bildet jetzt – zumindest im Kartenbild – für Oberhausen annähernd den Mittelpunkt.
Sterkrade galt lange Zeit als die letzte Bastion des Rheinlands gegenüber Westfalen. Auch heute steht immer noch die Frage im Raum: Leben hier Rheinländer – ohne Karnevalszug übrigens, sind hier Westfalen zu Hause oder hat Sterkrade von Allem Etwas? Wenn man in Sterkrade nicht zum Rheinland gehört, wohin tendiert man dann? Die Frage wird leicht zu beantworten sein: Von der Zugehörigkeit zum Rheinland, trotz des Fehlens eines Karnevalumzugs, zeugt auch heute noch ein am Sterkrader Rathaus angebrachter Wappenschild, auf dem als einziges, weithin sichtbares Element ein Fluss zu erkennen ist.
Das mittelalterliche Sterkrade in der Literatur
Sterkrade kann als eine über Jahrhunderte hinweg kontinuierlich gewachsene Kommune betrachtet werden. Eigentlich hätte demnach erwartet werden dürfen, dass diese seit 1913 zur Stadt erhobene Gemeinschaft auch durch geschichtswissenschaftliche Hinterlassenschaften auf sich aufmerksam gemacht hätte. Ein Blick in die Findbücher des Landesarchivs Düsseldorf zeigt, dass hier eine Vielzahl von Quellen vorhanden ist, aus denen die Geschichte Sterkrades ablesbar wird. Auch die Bestände der Stadtarchive Essen, Duisburg und Oberhausen oder die vielfach unerschlossenen und unzugänglichen kirchlichen Archive dieses Stadtteils verfügen über viele laufende Meter an Dokumenten, die intensive Einblicke in die zurückliegenden Jahrhunderte bieten. Trotz der überbordenden Menge an Quellen und damit auch einer immensen Menge an Fragen ist es erstaunlich, dass die Zahl der über diesen Stadtteil verfassten Arbeiten immer überschaubar geblieben ist.
Dass es einen Ort namens Sterkrade bereits im Mittelalter und in den vorausgegangenen Epochen gab, erscheint angesichts der diesen Stadtteil prägenden Nachkriegs- und Großstadtarchitektur fast unglaublich. Dies mag daran liegen, dass sich kaum noch Überbleibsel, wie Artefakte aus Ton, Stein, Bronze oder Eisen, aus der vorindustriellen Epoche finden lassen. Und dennoch ist dieser Zeitabschnitt an diesem Ort präsent, er liegt nur unter Schutt, Geröll oder dem Straßenpflaster verborgen. Kratzt man aber an der Oberfläche oder nutzt die Gelegenheit, bei Bauarbeiten genauer hinzuschauen, so wird man durchaus Relikte aus den Jahren vor 2012 entdecken können.
So wurden bei den Bauarbeiten am Kleinen Marktes in den 1990er Jahren zufällig Reste von Wasserläufen, Holzabfälle, Keramik und Leder entdeckt, die aus dem 13. Jahrhundert stammen und eindeutig in das Umfeld des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters gehören. Aufgelesene Reste von Roggen und Hafer zeigen an, dass es Kornfelder auf der Sterkrader Mittelterrasse gegeben hat. Körner des weißen Gänsefußes z. B., von dem bekannt ist, dass die Pflanze in Gärten gezogen wurde, weisen darauf hin, dass man sie in der Vergangenheit als Gemüse zu nutzen verstand. Unmittelbar am ehemaligen Wasserlauf – im Bereich des heutigen sogenannten Kleinen Markts – wurden Hinweise entdeckt, dass hier Erlen gestanden haben, d. h. vor der Gründung des Klosters im 13. Jahrhundert wird man in der (heutigen) Sterkrader City wohl ursprünglich Schafweiden vorgefunden haben.1 Was hier nicht gefunden wurde, sind importierte Obstsorten wie Feige, Weintrauben und anderes mehr. Daraus leitet sich die Aussage ab, dass es in und um Sterkrade, anders als beispielsweise in Wesel, Büderich oder Krefeld-Oppum, nur Böden von minderer Güte gegeben hat.2
In der Neuzeit ist die ausgedehnte Bewaldung immer noch ein spezielles Charakteristikum dieses nördlichen Oberhausener Stadtteils. Auch die nähere Umgebung ist durchzogen von vielen mit Wald bestandenen Flächen. Hier ist aber im Laufe der Jahre ein Wandel eingetreten: Für das späte Mittelalter konnten einige wenige Spuren von Eiche, Buche, Hainbuche, Haselnuss und Holunder nachgewiesen werden. Am häufigsten waren Erlenreste nachweisbar, die längs der Fluss- und Bachufer einen Wald gebildet haben.3
Nach Süden grenzt die Emscher Sterkrade gegen Oberhausen ab. Diese natürliche Barriere wurde noch 1914 durch den Rhein Herne Kanal verstärkt und somit die Grenze zwischen beiden Stadtteilen gleichsam zementiert. Es verwundert also nicht, wenn Sterkrader, die zum Einkaufen nach Oberhausen fahren, stets betonen, sie „fahren in die Stadt“. Auch nach Osten, also gegen Osterfeld, grenzte sich die Gemeinde Sterkrade ab. An dem 1888 errichteten Rathaus prangt unübersehbar ein Wappenschild, auf dem als einziges, weithin sichtbares Element ein schräger Wellenbalken zu erkennen ist. Dieses Wappen ist eine Neuanfertigung: König Friedrich Wilhelm III. verlieh dieses Wappen 1817 zunächst nur der Provinz Großherzogtum Niederrhein. Fünf Jahre später wurde es auf die gesamte Rheinprovinz übertragen und 1881 in dieser Funktion durch Wilhelm I. bestätigt. Der schräge, silberne Wellenbalken symbolisiert den Rhein, der sich durch die grüne Landschaft schlängelt. Seit 1953 ist diese gemeine Figur Bestandteil des Wappens von Nordrhein Westfalen. In der derzeitigen (Sterkrader) Form verkündet es dem am Rathaus Vorüberziehenden auch: „Vorsicht, Sie betreten jetzt westfälischen Boden.“ bzw. „Sie haben das Rheinland erreicht.“
Der Zeitabschnitt „Mittelalter“ ist aber in Sterkrade vornehmlich dann ein fester Bestandteil der Kultur vor Ort, wenn die Gläubigen mit der Prozession durch die Straßen ziehen oder die Besucher auf der Sterkrader Fronleichnamskirmes eine Pause einlegen. Anlässlich dieses Volksfestes wird gerne auf die „jahrhundertealte“ Historie dieses Events verwiesen, wobei man in Sterkrade allerdings erst jüngst hinnehmen musste, dass die Ursprünge und Entwicklungen dieses überregionalen Großereignisses gar nicht so weit, wie immer gern und oft angenommen, zurückreichen, sondern wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu suchen sind. Was freilich nicht heißen soll, dass das Fronleichnamsfest nicht bereits im Mittelalter begangen wurde. Damals wie heute war/ist dieses Datum ein wichtiger Festtag im kirchlichen Kalender, zu dem der Besuch des Gottesdienstes dazu gehörte. Nachher trafen sich die Kirchgänger, die zum Teil von entfernt liegenden Höfen kamen, an der Kirche, tauschten Nachrichten aus, kauften auf dem Markt ein oder feierten. Womit die „jahrhundertalte“ Tradition gerettet wäre.
Die Gründe für das geringe Interesse an der Sterkrader Geschichte im allgemeinen und an mittelelalterlichen Themenstellungen im Besonderen dürften vor allem darin zu suchen sein, dass die Region „Ruhrgebiet“ – trotz des Kulturhauptstadtjahrs 2010 – von den Mediävisten nicht gerade als Zentrallandschaft der mittelalterlichen Reichsgeschichte angesehen wird4. Die Schwerpunkte der Forschung konzentrieren sich auf einige wenige Orte dieses Raumes, wie etwa die Abtei Werden, das Stift und die Stadt Essen, die Reichsstädte Duisburg und Dortmund oder auf die das Revier durchschneidende Handelsstraße, den Hellweg. Alle anderen Orte, die z. B. nicht im Reiseverzeichnis der mittelalterlichen Herrscher verzeichnet waren, in denen sich keine bedeutenden klösterlichen Gemeinschaften etabliert hatten oder Städte und Orte, die sich nicht durch ihre besondere Entwicklungsgeschichten von den anderen Gemeinden ringsum abhoben, fallen durch das Raster bzw. werden von den Forschern jedweder Couleur nur am Rande wahrgenommen.
Es gibt auch andere, handfestere Gründe: Wahrscheinlich wird das geringe Interesse an diesem Zeitabschnitt auch damit zu begründen sein, dass die explosionsartige Entwicklung des Raumes zwischen Rhein, Ruhr und Lippe im 19. und 20 Jahrhundert alle anderen Epochen an den Rand drängte: Herausragende Kennzeichen dieser Region waren nun einmal die Fördergerüste, die Hochöfen und die qualmenden Schornsteine, hinter denen alle anderen historischen Relikte in den Hintergrund traten. Die die Epoche der Industrialisierung begleitenden signifikanten Bauwerke, von Architekten und Kunstwissenschaftlern immer wieder gern zu „Kathedralen der Industriekultur“ hochstilisiert, überlagern komplett die voraufgegangene mittelalterliche und frühneuzeitliche Epoche, decken sie – nicht nur im übertragenen Sinn – wie mit einer dicken Betonschicht zu, wurden wie christliche Kirchen an jenen Stellen, wo einst Götzentempel gestanden hatten, errichtet und lenken so den Blick weg von den wenigen Relikten jener Epoche, in der die Basis für die spätere Industrialisierung erst gelegt wurde.
Aber nicht nur die „große“ Geschichte trug dazu bei, dass die Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Sterkrade eher als ein Freizeitvergnügen angesehen wird. Auch die meisten der in diesem Raum lebenden Menschen nehmen diese Epoche kaum wahr: Der Blick zurück beginnt bei der Industrialisierung und endet bei dem Abschnitt „Nationalsozialismus“, vielleicht gestattet man sich noch Hinweise auf die „Nachkriegszeit“. Wenn das Zauberwort „Mittelalter“ jedoch fällt, so löst das beim Zuhörer – Umberto Eco sei Dank – automatisch den Reflex aus: „Ja, genau. Da gab es doch Burgen und Ritter.“ Sterkrade hatte aber weder das Eine noch das Andere – also gab es das Mittelalter in Sterkrade nicht.
Wie sehr sich die im Ruhrgebiet beheimatete mittelalterliche Forschung um diesen Zeitabschnitt sorgte, zeigen die vielen Revitalisierungsversuche, die z. B. die Ausstellungsmacher im Jahr 1990 veranlassten, einer dieser Epoche gewidmeten Retrospektive im Ruhrlandmuseum den bezeichnenden Titel „Vergessene Zeiten“ zu verpassen.5 Gelegentlich macht sogar der abgegriffene Slogan von dem „dunklen Zeitalter Mittelalter“ die Runde, das den Blick auf die schöne, klare und durch die zahlreichen Funde so angenehme Epoche der Antike verstellt. Dabei gibt es in der Geschichtsschreibung keine uninteressanten Themen, keine abseits liegenden Epochen und auch keine uninteressanten Orte. Jeder Zeitabschnitt hat seinen eigenen Charakter und jede Studie verfügt über einen nur ihr eigenen Wert, was sich dem Leser in der Regel nicht auf den ersten Blick erschließt. Eins muss aber leider festgestellt werden: Das Mittelalter hat in Sterkrade zwar stattgefunden, sein Niederschlag in historischen oder lokalgeschichtlichen Publikationen ist allerdings vergleichsweise bescheiden.
Einer der ersten, der sich mit dem Mittelalter und der Gemeinde Sterkrade beschäftigte, war der Lehrer Friedrich Gehne, dessen Forschungsergebnisse fast durchgehend nur als Manuskripte oder als Loseblattsammlungen erhalten sind. In ihnen fasste er seine Eindrücke zusammen, die er aus Studien an Quellen gewonnen hatte. So ist es nicht erstaunlich, wenn der überwiegende Teil aller nachfolgenden Arbeiten zum Thema Sterkrade immer wieder seine Ergebnisse zitiert. Dabei macht es Gehne dem Leser nicht gerade leicht, die positivistischen Überblicke und seine publizierten Ergebnisse nachzuvollziehen. Vielfach verzichtet er darauf, die von ihm genutzten Quellen anzugeben, verweist auf eigene, nur handschriftlich abgefasste Manuskripte und überlässt es dem Leser, die vorgelegten Aussagen zu akzeptieren oder lässt ihn nach nochmaliger umfangreicher Quellenarbeit vielleicht zu demselben Ergebnis kommen.
Eine ausführlich angelegte Studie über das Kloster in Sterkrade ist das von Robert Scholten verfasste dünne Bändchen, in dem er neben einem kurzen historischen Abriss und einer Auflistung der Namen der Nonnen vor allem eine ausführliche Beschreibung des Klosterbesitzes anhand der Urkunden vornimmt.6
Heinrich Schmitz, ebenfalls Lehrer, unternahm 1911 im Auftrag des Verkehrsvereins Sterkrade erstmalig den Versuch, die Geschichte der Gemeinde und der späteren Bürgermeisterei von ihren Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts aufzuschreiben.7
Auf wesentlich breiterer Quellenbasis gründete ein anderer Forscher seine Studien zu dem mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Sterkrade. In 69 Schulheften, viele voluminös erweitert durch eingelegte Seiten, hielt Johannes Robertz, zuletzt Direktor des Freiherr vom Stein Gymnasiums, in akribischer Form die Inhalte und Fundorte jeder einzelnen Quelle fest, der er habhaft werden konnte. Publiziert wurden seine Ergebnisse, die sich immer wieder mit dem Thema „Abtei in Sterkrade“ befassen, in dem 1937 erschienenen Heimatbuch sowie in einer für die Ruhr- und Emscherzeitung verfassten Artikelserie. Seine handschriftlichen Exzerpte und Manuskripte liegen inzwischen in maschinenlesbarer Form vor und dienen so als direkter Einstieg in die Vergangenheit dieses Ortsteils.
Mit den von Johannes Robertz angelegten Quellensammlungen und den von ihm verfassten Publikationen schien das Thema „Sterkrade“ erledigt, erforscht, abgehakt. Angesichts der von ihm nachgelassenen Menge an Exzerpten, Kopien, Manuskripten und Entwürfen von Vorträgen ist dieser Schluss durchaus nachvollziehbar. Verständlich wäre auch der Gedanke, dass es – angesichts der von Robertz vorgelegten Materialfülle – nichts Neues mehr in Sterkrade zu entdecken gäbe. Erst 1977 erschien eine neue Arbeit von Heinz Janousek, in der der Verfasser, allerdings mit Rückgriff auf die von Robertz vorgelegte Quellensammlung, die Geschichte des Klosters am Marienbach und die Historie der Pfarrei St. Clemens beschrieb.8
1984 erschien der von Günter von Roden im Auftrag der Germania Sacra herausgegebene Band über die Klöster Saarn, Duissern und Sterkrade.9 Wie schon vor ihm H. Janousek rekurrierte der Verfasser bei dem Abschnitt „Sterkrade“ immer wieder auf die von Robertz angefertigten Exzerpte. Heftige Kritik an dem vorgelegten Band übte Kurt Niederau, der insbesondere bei dem Namensmaterial und zu den Kommentaren über die Zisterzienserinnen und die von ihnen beschäftigten Mitarbeiter immense Defizite konstatierte und erste Ansätze unternahm, um die genealogischen Lücken zu schließen.10 Auch andere Ergebnisse von Rodens, wie z. B. seine apodiktische Aussage: „Über das Vorhandensein einer Klosterbibliothek ist nichts bekannt“11, wären zu überprüfen.
Am ausführlichsten behandelt wird die Geschichte der Sterkrader Abtei von Wilhelm Mattler in seiner 1994 erschienenen Studie zur Zisterzienserinnen – Abtei Sterkrade und der Propsteikirche St. Clemens.12 Der Autor steht in der Tradition der von Johannes Robertz gepflegten Herangehensweise an dieses nicht einfache Thema und bietet auf einer breit angelegten Quellenbasis den intensivsten Überblick über die Geschichte der Kirche und der Abtei, die 1809 säkularisiert wurde. Ausführlich widmet er sich dabei der Frage, woher das dem Kloster anhaftende ▶ Patronatsrecht stammt. Auch wenn manchem Fachmann diese Annäherung als nicht zeitgemäß erschien, so hat W. Mattler durch seine intensive Beschäftigung mit dem Thema neue Perspektiven für die Historie des Klosters eröffnet.
Klöster waren in ihrer Wirtschaftsführung vornehmlich auf Spenden, Schenkungen der Gläubigen angewiesen, erst nach einer Anlaufzeit konnten sie auf eigenes Vermögen zurückgreifen. Dieser Frage, d. h. der Suche nach dem Vermögen, dem Besitzstand und der Entwicklung dieser Abtei widmete sich Stephan Flechsig in seiner 1997 erschienenen Dissertation.13 Er zeigte, dass es den Sterkrader Nonnen gelang, eine für diesen Raum immens umfangreiche Grundherrschaft aufzubauen, der sich über den Raum zwischen Duisburg und Bochum bzw. von Dorsten bis Mülheim erstreckte. Über 600 Jahre hinweg konnte das Kloster seinen Stammbesitz von mehr als 100 Höfen und Kotten behaupten. Zu einem Einbruch in der Wirtschaftsführung kam es seit dem Ende des 16. Jahrhunderts, als die Klosterfrauen verstärkt gerichtliche Auseinandersetzungen wegen rückständiger Pachtzahlungen anstrengten oder die mit der Kontrolle der klösterlichen Haushaltsmittel beauftragten Sekretäre nicht immer um eine klosterfreundliche und nachvollziehbare Buchführung bemüht waren. Die über den Ort immer wieder hereinbrechenden Soldaten haben ihr Übriges geleistet, sodass für das Kloster schon vor der Säkularisation ein deutlicher Abwärtstrend zu erkennen war, von dem es sich nicht mehr erholen sollte.
In bislang ungewohnter Weise setzte sich in den Jahren zwischen 2003 und 2006 eine Arbeitsgruppe mit dem Thema „Die Sterkrader und ihre Abtei“ auseinander. Ungeklärt war über viele Jahre hinweg die Frage, wo denn nun das Kloster und der es umgebende Grund zu suchen wären: Ein Mediziner, ein Architekt, zwei Lehrerinnen, ein Hüttenmann und ein hochrangiger Beamter eines Düsseldorfer Ministeriums vergruben sich zusammen mit dem städtischen Bereich „Kartographie“ in mittelalterliche und frühneuzeitliche Quellen. In langwierigen Diskussionen konnten sie schließlich nachweisen, dass das Gelände zwischen Steinbrink-, Kloster- und Holtener Straße einst als Klosterbesitz anzunehmen war. Eine vielbesuchte Ausstellung im Technischen Rathaus an der Bahnhofstraße – also in Blickweite des ehemaligen Klosters – rundete die jahrelange Forschung ab.
Die zuletzt erschienene Studie zum Kloster Sterkrade ist eine von Andreas Mölich 2008 vorgelegte Diplomarbeit über „Reformatio und Reclusio“.14 Beschrieben wird der wirtschaftliche Aufstieg des Klosters Sterkrade im 15. Jahrhundert, der aber zur Folge hatte, dass die Klosterdisziplin in gleichem Maße nachließ. Die um die Mitte des 15. Jahrhunderts einsetzenden Versuche, die Nonnen auf die Ordensregeln einzuschwören, waren zunächst von Erfolg gekrönt, der aber nur von kurzer Dauer war.
Gemeinsam ist allen vorgestellten Studien, dass das Thema Mittelalter und Sterkrade ausschließlich am Beispiel der Abtei dargestellt wird. Es existiert keine Studie über diesen Ort, in der nicht die griffige und allerorten benutzte Formel „Sterkrade + Mittelalter = Kloster am Marienbach“ in den Mittelpunkt gerückt wird. Es scheint einfach nicht ohne die Sterkrader Nonnen zu gehen, die ja von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Jahr 1809 in diesem Dorf nachweislich, aber nicht mehr für jedermann sichtbar und auf die ihnen eigene Art Geschichte geschrieben haben. Am deutlichsten hat z. B. die Äbtissin Anna Catharina von Nunum gen. Dücker (1674 – 1715) dadurch ungewollt ein bleibendes Zeugnis hinterlassen, indem die Gemeindeverwaltung sich am 24. Juni 1913 schließlich dazu durchgerungen hat, das Dückersche Familienwappen als Stadtwappen zu verwenden. Oder die bekannte Episode über den apostolischen Nuntius namens Fabio Chigi, der 1649 auf seinem Weg von Münster nach Aachen bei den Nonnen am Marienbach vorstellig wurde und um ein Nachtquartier bat. Die Äbtissin Anna Maria von der Capellen wies das Ansinnen dieses Mannes jedoch zurück. In seinen späteren Erinnerungen notierte der italienische Nuntius, der am 7. April 1655 zum Papst gewählt wurde und als Alexander VII. in die Geschichte einging, dass ihm in Sterkrade unhöfliche Nonnen begegnet seien.15
Die Beispiele, aus denen ersichtlich wird, dass das Sterkrader Kloster durchaus Geschichte geschrieben hat bzw. in seinen Mauern historische Prozesse in Gang gesetzt wurden, die wiederum dazu beitrugen, dass das Leben in diesem Ort sich fortentwickelte, ließen sich gewiss vielfach steigern. Es ist richtig, und die gesamte Klostergeschichte hindurch belegt diese Aussage: Die Entwicklung hin zur späteren Stadt hätte ohne das Kloster nicht stattgefunden, die in der historischen Forschung geübte Fokussierung auf die Nonnen und ihr Kloster reicht allein jedoch nicht aus, um Sterkrade und Mittelalter hinreichend zu beschreiben. Eine solche Arbeit, in der unter moderner Fragestellung die gesamte Entwicklung des Stadtteils Sterkrade dargestellt wird, fehlt im Augenblick noch. Auch der vorliegende Beitrag wird diese Lücke nicht schließen können.
Aufgehoben und Geborgen
Bei der Annäherung an die Vergangenheit können Historiker normalerweise auf geschichtswissenschaftliche Hinterlassenschaften zurückgreifen. Das geht schnell, kann dank des Internets fast vom Sessel aus und von Jedermann mittels weniger Tastenkombinationen erledigt werden. Am Ende steht dann eine Geschichte, die das wiederholt, was andere Forscher vorher bereits erkannt und publiziert haben. Forschung will aber mehr: Sie will Wissen schaffen. Dies geht aber nur durch die Arbeit an solchen Quellen, die noch nicht oder nur zaghaft auf ihren Informationsgehalt hin überprüft wurden. Je weiter sich Forscher jedoch vom Mittelalter entfernen und sich längs der Zeitachse auf Abschnitte zubewegen, in denen schriftliche Zeugnisse die Ausnahme darstellen, umso schwieriger wird es, die Historie eines Ortes auch nur ansatzweise chronologisch exakt einzuordnen. In der Regel sind aber die ältesten Zeugnisse, die Hinweise auf die Vergangenheit eines Ortes geben können, nicht unmittelbar zugänglich und liegen auch nicht in klinisch reiner oder gut lesbarer Form vor. Die frühesten Originale, denen die historisch Interessierten auch in Sterkrade nachjagen, liegen nun aber im Boden vergraben und sind erst nach mühsamer und langwieriger Arbeit zugänglich. Nach ihrer Klassifizierung sind es dann aber Unterlagen, die – zusammen mit Urkunden, Registern usw. – dann augenfällig Auskunft geben über die Vergangenheit.
Die ersten Hinweise auf eine Besiedlung des Sterkrader Raums fanden sich 1911, als in einem Garten an der Bremenstraße mehrfach Goldmünzen entdeckt wurden. Drei Münzen wurden dem Rheinischen Landesmuseum übergeben16, zwei Kopien, sogenannte Galvanoplasten, befinden sich im Besitz der Stadt Oberhausen.
1921 berichtete der Studienrat Heinrich Schmitz über Funde, die in einem Garten an der Weselstraße gemacht wurden.17 In einer Tiefe von einem Meter wurden mehrere ▶ merowingerzeitliche Bestattungen festgestellt.18 Die eigentlichen Grabungen erfolgten aber erst im Jahr 1936. Bei der Spurensuche auf der zwischen Alsbach und Reinersbach gelegenen Sterkrader Mittelterrasse konnte gezeigt werden, dass es sich um ein Gelände handelte, welches „schon in der Vorzeit besiedelt war“.19 Suchschnitte ließen zudem erkennen, dass der festgestellte „Braunerdeboden auf ursprünglichen Waldbestand schließen“20 ließ, in dem offene Siedlungsflächen vorhanden waren. Anhand der Bestattungsformen, d. h. Brandgräber neben Körpergräbern, wird die als Friedhof charakterisierte Fläche in die Zeit zwischen dem sechsten und dem achten Jahrhundert zu datieren sein.21 Das nachgewiesene Gräberfeld wird zu der „Altsiedlung Sterkrade, wohl zu einem Hof oder später wüst gefallener Siedlung“22 gehören. Nach Rudolf Stampfuß könnte es sich hierbei um den nahe des Alsbachs gelegenen Schultenhof handeln.23 Unklar ist jedoch nach wie vor, warum aus dem Siedlungsgebiet im Umfeld des Alsbaches sich nicht wie in anderen Fällen eine Siedlung entwickeln konnte. Der Mittelpunkt der späteren Stadt liegt doch einige Kilometer entfernt vom Ausgrabungsort. Gleichfalls unbeantwortet ist die Frage, welche Entwicklung für das Areal am sogenannten Marienbach bis zum frühen Mittealter angenommen werden darf.
Urbare
Eine Suche nach den Ursprüngen von Orten im Raum zwischen Lippe und Ruhr, deren Anfänge im Mittelalter vermutet werden, setzt am sinnvollsten an solchen Orten an, die bereits auf eine lange Tradition zurückblicken können. Für den Sterkrader Raum sind dies die beiden Klöster Essen und Werden. Lange bevor es in dieser Region Städte gab, waren hier von Mönchen und Nonnen Orte gegründet worden, um sich aus dem Alltag zurückzuziehen, innezuhalten und für sich ganz persönlich über eine Gruppe Gleichgesinnter seinen Weg zu Gott zu finden. Die von den Klostergründern geschriebenen oder verkündeten Worte übten auf viele Zeitgenossen eine Faszination aus, die heute nur noch schwer vorstellbar wird. Vielleicht ist der Begriff „alternative Lebensform“ geeignet, den Zugang zu schaffen. Für die damaligen Menschen bedeutet jedoch die Hinwendung zu den Klöstern gleichzeitig einen vollständigen Abschied von der Welt, einen definitiven Rückzug hinter Mauern, die nur auf den ersten Blick undurchlässig waren. Gott zu dienen, war eine Sache, eine andere aber die Sorge um das eigene Kloster und damit auch um die eigene Person.
Die Suche nach Hinweisen auf Sterkrade im Mittelalter nimmt ihren Anfang im Benediktinerkloster im Ruhrtal. Es wurde um 800 vom hl. Liudger gegründet und erlangte durch seine Übertragung an König Ludwig III. (876 – 887) den Status eines Reichsklosters. Nicht zuletzt durch diesen Schritt erhielt das Kloster Werden eine besondere Stellung nicht nur in der unmittelbaren Region selbst, sondern auch im gesamten heiligen römischen Reich deutscher Nation.24 Durch zahlreiche Schenkungen, insbesondere von Ländereien in der näheren und weiteren Umgebung des Klosters, aber auch durch Kultgegenstände und die Gewährung imperialer Vergünstigungen und päpstlicher Gnadenerweise, durch ausgedehnte Kontakte zu klösterlichen Gemeinschaften im damals bekannten „europäischen“ Raum konnte sich hier an der Ruhr ein Zentrum der geistlichen und weltlichen Macht entwickeln.
Der Zuwachs an materiellen Dingen aller Art musste jedoch gepflegt und überwacht werden, eine Kontrolle der teilweise weit vom Kloster entfernt liegenden Immobilien musste organisiert und immer aktuell gehalten werden. Das Kloster selbst musste unterhalten werden, Aus- und Umbauten an der Bibliothek und den Gebäuden waren notwendig, wollte man nicht Gefahr laufen, von fremden Truppen oder neidischen Nachbaren überrannt und geplündert zu werden, den Status eines Zentrums der Gelehrsamkeit oder die Gunst des Herrschers zu verlieren.
Ein weiterer, eher handfester Grund für die umfangreiche Absicherung des Besitzstands ergibt sich aus den einleitenden Sätzen vieler Urkunden aus der mittelalterlichen Epoche. An dieser Stelle verweisen die Schreiber immer wieder darauf, dass Unterlagen notwendig sind, ohne sie würde alles im Chaos versinken: Das Gedächtnis eines Menschen sei nicht dafür geschaffen, um sich länger zurückliegende Ereignisse zu merken – kurz, es sei eben labilis und somit nicht in der Lage, Informationen über längere Zeiträume hinweg fehlerfrei zu speichern und sie bei Bedarf ebenso exakt wiederzugeben. Diese Erfahrung prägte auch den Verwaltungsalltag in den Klöstern: Auf der einen Seite sammelten die Mönche zur Beweissicherung alle Unterlagen originaliter in ihrem Archiv, auf der anderen Seite aber trugen sie die Vereinbarungen zusätzlich in separat aufbewahrte Bücher ein und fertigten Übersichten an, aus den z. B. zu ersehen war, welche Einkünfte das Kloster zu erwarten hatte, wann und welche Abgaben gezahlt wurden usw.
Der für derartige Verzeichnisse verwendete Terminus technicus ▶ „Urbar“ geht auf das althochdeutsche Nomen „Urberan“ zurück und bezeichnet jenen Ertrag, der einem Grundherrn laut Pachtvertrag zusteht.25 Es sind also nicht nur simple Listen, die den Besitz des Grundherrn wiedergeben. Es sind vielmehr gebundene, voluminöse Sammelbände, in denen die ordnungsgemäße Abwicklung des klösterlichen Wirtschaftskreislaufs minutiös und über viele Jahrhunderte hinweg aufgezeichnet wurde. Aus ihnen wird weiterhin ersichtlich, auf welche Weise das wichtigste Element der mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte, d. h. die diesen Abschnitt des Mittelalters prägende Entstehung von Grundherrschaft funktionierte. Für die in dieser Region nachweisbaren Besitzungen des Klosters sind derartige Verzeichnisse damals wie heute eine unverzichtbare Quelle, decken sie doch die Jahre zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert ab und zählen Besitzungen auf, die Zeugnis ablegen von dem Reichtum und damit auch von der Bedeutung dieses Reichsklosters.
In dem ältesten Exemplar, dem Urbar A, dessen Entstehungszeit auf etwa 890 datiert wird, worin sich aber auch Zusätze aus späterer Zeit finden, sind die ersten schriftlichen Hinweise auf Sterkrade überliefert. Die Notizen – geordnet nach ihrer Entstehungszeit – lauten:
Unter der Rubrik „Traditionen in Arenbögel und Umgebung“ findet sich der erste Hinweise auf den Sterkrader Raum, verfasst von einer Hand des 10. Jahrhunderts: Tradidit Engilrad unum mansum in Sterkonrotha et XV scaras, quindecim etiam scaras eadem Engilrad in Mallingforst donavit.26 – Engilrad übergab eine Hufe in Sterkonrotha und 15 Markenanteile, weiterhin schenkte dieselbe Engilrad auch 15 Anteil in Mallingforst.
■ Im Urbar B steht unter der Rubrik „Gerechtsame in Mallingforst“, verfasst von einer Hand des 11. Jahrhunderts und Ergänzungen des 12. Jahrhunderts folgender Vermerk: Haec scarae de Mallingfort. […] De Sterkrotha XXX27 – Die Markenanteile von Mallingforst […] von Sterkrotha 30.
■ Das Urbar E enthält unter der Rubrik „Fronhofsamt Arenbögel-Hillen“ einen um 1150 entstandenen und in Bezug auf die Sterkrader Kirche den wohl bekanntesten und immer wieder zitierten Eintrag: Franco Clericus. […] Hof Arenbögel im ▶ Kirchspiel Osterfeld: De Villicatione in Armbugele. […] 14. In Starkenrothe Franco clericus 10 mlr siliginis, 3 mo hordei, 8 d pro herscilling, 3 pro opere, ob. pro vino, ob. pro pullo in assumptione dni.28 Dieser Vermerk beantwortet anschaulich die Frage nach dem Sinn von mittelalterlichen Notizbüchern. Gegliedert ist er in folgende Abschnitte: Zunächst Angabe des Ortes, in diesem Fall Starkenrothe, anschließend der Name desjenigen, der die Abgaben zu sammeln hatte: Franco, erweitert um den Zusatz: clericus. Es folgen die Hinweise auf die zu erwartenden Abgaben. Dabei hat der Schreiber die Bezeichnungen für die Mengenabgaben verkürzt wiedergegeben. Sie waren ihm und allen Angehörigen der klösterlichen Schreibstube hinlänglich bekannt, da er sie jeden Tag verwendete. Übersetzt heißt dies, dass der clericus Franco zehn Malter Roggen, drei Scheffel Gerste, acht Denare Heerschilling, drei Denare für das Werk/für den Bau, einen Pfennig für Wein und einen Pfennig für ein Huhn zu überbringen hatte. Genannt wird auch der Tag, an dem die Abgabe stattzufinden hatte: Am Himmelfahrtstag. Für den Fronbezirk Sterkrade wird als Sammelstelle die villicatio in Arenbugele genannt, d. h. der im ▶ Kirchspiel Osterfeld gelegene Fronhof Arenbögel. Stellvertreter des Klosters Werden war der mehrfach genannte clericus Franco. Ungefähr seit der Mitte des dritten Jahrhunderts werden all jene Personen, die durch Wahl oder Weihe einen Anteil an kirchlichen Ämtern sowie geistlicher Vollmacht erhalten hatten, unter dem Begriff clericus zusammengefasst.29
■ Franco hatte ferner noch acht Denare Heerschilling zu erheben und an das Kloster abzuführen. Äbte konnten persönlich nicht zum Kriegsdienst berufen werden, wohl aber hatten sie bzw. die von ihnen verwalteten Klöster einen Anteil für die Unterhaltung der königlichen Kriegsleute zu entrichten.30 Am Ende des dritten Jahrhunderts sind im ▶ Merowingerreich Silbermünzen im Umlauf, die durch Stempelaufdruck als dinarii bezeichnet werden. Unter Ludwig d. Frommen wird der Reichsdenar eingeführt, der sich in Deutschland seit dem zehnten Jahrhundert zum „Pfennig“ weiterentwickelte.31 Damit ist Francos Aufgabenpensum aber noch nicht erledigt: Die Klosterverwaltung fordert noch drei Denare pro opere, d. h. vielleicht für den Gottesdienst, ein Bauwerk – der Begriff lässt Raum für Interpretationen.
■ In einem anderen, um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstandenen Abschnitt des Urbars E werden die für das Kloster Werden bestimmten Stiftungen aufgelistet. Auch hier findet sich ein Eintrag, der allerdings einen völlig anderen Inhalt aufweist: Starkinrotha. Landrad et Erlibrat et Radbrat tradiderunt ad sanctum Liudgerum pro anima matris eorum Wigburge predium suum in Starkinrotha.32 Übersetzt heißt dies: Starkinrotha. Landrad und Erlibrat und Radbrat haben dem heiligen Ludgerus für das Seelenheil ihrer Mutter Wigburge ihr Grundstück [oder:] ihren Grundbesitz in Starkinrotha übergeben.
■ In dieselbe Zeit gehört auch folgender Eintrag, der ebenfalls unter der Rubrik „Verzeichnis der Stiftungen“ zu finden ist: Tradidit Oda ad sanctum Liudgerum pro anima filii sui Radbaldi terram in Starkenrotha solventem 30 d.33 Übersetzt heißt dies: Oda hat dem heiligen Ludgerus für das Seelenheil ihres Sohnes Radbaldi Land in Starkenrotha übergeben, das 30 Denare leistet.
■ Der letzte Hinweis auf Sterkrade ist dem ▶ Heberegister der kleineren Klosterämter entnommen, dessen Entstehung in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert wird. Danach erhält die Kirche St. Johannes des Täufers folgende Gaben: In festo sancti Martinii in Starcrode duos s. et duos pullos34. Übersetzt heißt dies: Am Tag des heiligen Martin in Starcrode zwei Schillinge und zwei Hühner.
Diese sechs Einträge, die sich auf die spätere Stadt Sterkrade beziehen und deren Entstehung in den Zeitraum zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert zu datieren ist, offenbart eine beträchtliche Menge an Informationen: Diese Gemeinde, die in der frühen Neuzeit zum Standort eines der größten Industrieunternehmen aufsteigen sollte, erscheint in dem vorgen.
Zeitraum nicht unter ihremheute geläufigen Namen, sondern hat immer wieder ihre Schreibweise gewechselt. Einige weitere Beispiele, die aus den unterschiedlichsten Quellen und Zeiträumen stammen, machen diesen Trend deutlich.
Tabelle1: Varianten des Namens „Sterkrade“
| Namensform | Datierung |
| Sterckrode | 1183 Januar 01 |
| Sterckraede | 1255 Januar 05 |
| Starkerothe | 1264 November 18 |
| Starkenrode | 1281 Februar 02 |
| Stircerade | 1382 Juli 28 |
| Starkerode | 1397 September 22 |
| Starckrade | 1419 Dezember 08 |
| Starckraide | 1451 April 03 |
| Starkerode | 1472 März 07 1504 Januar 25 |
| Starckradt | 1543 Juni 29 |
| Starckeradt | 1585 Januar 01 |
| Sterckradt | 1667 Oktober 29 |
| Sterckrad | 1693 November 19 |
| Sterckrade | 1722 Januar 25 1803 Januar 01 |
| Sterkrade | 1804 Januar 01 1807 Januar 01 |
| Sterckrade | 1809 Juli 27 |
| Stärkrad | 1821 März 1335 |
Verantwortlich für die vermeintlichen Verschreibungen oder Varianten sind jene, die die Buchstaben, Zahlen und Worte auf das Pergament auftrugen. Sie haben diese Formen oder Ausdrucksweisen aber nicht neu „erfunden“, es geschah nicht einmal absichtlich. Die Schreiber in der klösterlichen Schreibstube, die mit den Lokalitäten um ihr Kloster Werden bestens vertraut waren, notierten nur die Abgaben, die ihnen jene Beauftragten der Abtei aus ihren Verwaltungsbezirken überbrachten, und vermerkten den Namen der Produktionsstätte in der Form, wie die Überbringer ihn aussprachen bzw. in der Form, wie sie ihn verstanden.
Die Deutung des Namens dieser ländlichen Siedlung, die in unterschiedlicher Weise von den Schreibern vermerkt wurde, erschien über lange Zeit hinweg einfach zu sein. Heinrich Schmitz notierte dazu:
„Die Ortsnamen ‚Sterkrade, Buschhausen‘ erzählen von dem Waldgebiet, in dem die Orte angelegt wurden. […] Der zweite Teil des Wortes ‚Sterkrade‘ bedeutet ‚Rohdung‘. Die Urkunden weisen den Namen in vielfacher Form auf, deren älteste wohl jene in einem Rentenbuche der Abtei werden sein dürfte. Sie lautet ‚Starkinrotha‘, was soviel wie ‚große Rohdung‘ bedeutet.“36
Dieser Interpretation wurde über lange Zeit hinweg nicht widersprochen, passte sie doch zu den hier vorhandenen geographischen Gegebenheiten. Bestimmt wurde das die ländliche Gemeinde Sterkrade umgebende Land von der Walsum-Sterkrader Großmark:
„Weit ausgedehnte Urwälder bedeckten große Strecken Landes, stundenlang erstreckten sich Heiden über sandige Höhen und die Niederungen waren schier unwegsam durch große Sümpfe, Moore und Seen. […] Noch Jahrhunderte später, als die Macht der Römer längst am Rhein gebrochen war, bestand unser Bürgermeistereigebiet noch zum größten Teil aus Wald, Heide und Sumpf.“37
Betrachtet man jene Flächen, über die sich Sterkrade in diesem vorbeschriebenen Landschaftsbild erstreckte, so klingt die Interpretation von Heinrich Schmitz als „große Rohdung“ durchaus plausibel.
Doch diese Auslegung blieb nicht unwidersprochen. Friedrich Gehne und Johannes Robertz – die Reihenfolge ist nicht von ursächlicher Bedeutung bei der Frage: Wer hat denn zuerst die rechte/korrektere Lösung gefunden? – rückten von dieser Interpretation ab und schlugen eine Deutung vor, die heute in der Fachwelt allgemein akzeptiert wird. Danach gehört der Name Sterkrade zu dem germanischen Ortsnamentypus: Personenname und Grundwort. Diese Variante sei auf die politische Wirkung der Franken seit der ▶ Merowingerzeit zurückzuführen. Die im ersten Teil des Begriffs auftretende Lautabfolge „Stark-“ ist als der Name eines historisch nicht mehr fassbaren Grundherren zu interpretieren, nach dem der Ort benannt wurde. Der verbleibende Wortteil „-rotha“ liefere den Hinweis, dass der Ort im Zuge einer Rodung entstanden sei.38
Ein anderes Ergebnis, das den Aufzeichnungen der Werdener Mönche zu entnehmen ist, klingt banal: Im 10. Jahrhundert wohnten und arbeiteten an dieser Stelle immer noch Menschen. Allerdings sahen die Lebensumstände jetzt ein wenig anders aus: In der Zeit der Rodung, bzw. als hier Menschen in Brandgräbern bestattet wurden, standen sie unter dem Befehl des Starko, der sie zu Rodungsarbeiten einteilte. Nunmehr ist hier das Wort des Werdener Abtes Gesetz, in dessen Abhängigkeit sie sich befinden.
Die Menschen, die sich im Sterkrader Raum bewegten, gehörten zum Kloster Werden, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Sie waren zwar nicht frei, sondern klebten gleichsam an der Scholle und gehörten damit in persona dem Kloster mit all ihrem Besitz. Auf der einen Seite sicher eine heute nur schwer vorstellbare Lebensform: Man konnte sich nicht so bewegen, wie man es einem in den Sinn kam. Vom Gehöft sich fortzubewegen, ohne die Erlaubnis des Grundherren eingeholt zu haben, kam einem Verbrechen gleich. Auf der anderen Seite gab es doch den einen oder anderen Vorteil: Man war relativ sicher, solange man sich an die Abmachungen hielt. Mönchsgemeinschaft und Klostervorsteher hatten mit ihren Abhängigen Verträge geschlossen, die letzteren eine sichere Existenz garantierten. Gleichzeitig hatte die Abtei sie unter ihren Schutz gestellt, d. h. die temporären Aufsitzer waren den direkten Zugriffen anderer Grundherren zunächst einmal entzogen und somit relativ sicher. Sollte ein benachbarter Hofbesitzer Begehrlichkeiten bei dem Nachbarn wecken, so war der Eigentümer von Grund und Boden gefragt – in diesem Fall die Abtei Werden. Diese würde natürlich nicht einfach dem Wunsch desjenigen entsprechen, der sich z. B. aus Arrondierungsgründen der klösterlichen Ländereien bemächtigt hatte. Dem Abt einer Reichsabtei waren andere Druckmittel bei der Durchsetzung seiner berechtigten und jederzeit beweisbaren Ansprüche an die Hand gegeben als einem abhängigen Hintersassen. Für diesen löste sich jedoch das vordergründig als sicher oder verlässlich zu bezeichnende Vertragsverhältnis in dem Augenblick in Luft auf, wenn das Kloster sich zum Verkauf oder Tausch des verpachteten Grund und Bodens entschied – einschließlich der hierauf lebenden Menschen.
Diesen Vorteilen standen aber auch Pflichten gegenüber: Die Pächter waren gehalten, zu bestimmten Terminen dem Grundherrn Abgaben in Form von Naturalien oder Geldern abzuliefern, Leistungen in Form von körperlicher Arbeit oder durch Spanndienste auf den Ländereien und in den Wäldern des Klosters Werden zu erbringen. Diese Feststellung erscheint auf den ersten Blick antiquiert und hat einer modernen Auffassung von Arbeit Platz gemacht. Wobei aber übersehen wird, dass das mittelalterliche Reglement von Arbeit auch in der Jetztzeit noch rudimentär vorhanden ist.
Diese vertragliche Bindung war aber kein Spezifikum der Abtei Werden. Die hier auf lokaler Ebene praktizierte Form der Grundherrschaft bzw. ▶ Villikation galt auch auf überregionaler Ebene: Es war das die gesamte mittelalterliche Gesellschaft prägende Organisationsmodell:39 Ein adeliger, kirchlicher oder klösterlicher Grundherr stand an der Spitze eines wirtschaftlichen Komplexes, der aus Herrenhöfen und den davon wiederum abhängigen Bauernhöfen, Gütern oder ▶ Katen gebildet wurde. Das Zentrum einer Villikation bildete der Fron- oder Salhof, zu dem Äcker, Wiesen, Weiden, Gärten, Wälder, Wasserläufe, Mühlen, Weinberge und anderes mehr gehörten. Bei kleineren Herrschaften lebte der Grundherr auf seinem ▶ Fronhof und bewirtschaftete ihn von eigener Hand. Größere Grundherrschaften, zu den im hiesigen Raum gerade das Kloster Werden zu zählen war, konnten oder wollten ihre teilweise weit verstreut liegenden und damit nahezu unüberschaubar gewordenen Besitzungen nicht mehr in Eigenregie verwalten. Sie hatte das Kloster an Verwalter ausgetan, die für die komplette Organisation und das reibungslose Funktionieren der ihnen anvertrauten Besitzungen garantierten. Diese hatten die in den Urkunden getroffenen Vereinbarungen zu überwachen, wie z. B. die Unterhaltung der Gebäude, der Gerätschaften zu kontrollieren, oder sie wachten darüber, dass der Besitz nicht aufgeteilt wurde, dass im Todesfall des Vertragsnehmers die beste Kuh oder das beste Gewand abgeliefert wurden, dass die Bauern mit ihren Abgaben nicht in Verzug gerieten, sondern sie vollständig und pünktlich ablieferten usw. Darüber hinaus war ein solcher Verwalter auch für die Einhaltung von Rechtsnormen verantwortlich: Er übernahm bei kleineren Streitfällen die Rolle des Richters.
Das verpachtete Land mit dem dazugehörigen Hof, in den Rechnungsbüchern und Verträgen auch als Hufe (mansus) bezeichnet, war in der Regel so dimensioniert, dass ein Haushaltungsvorstand in guten Zeiten seine Familie davon problemlos ernähren konnte. Die zu erwirtschaftenden Abgaben bestanden anfangs durchweg aus Naturalien, die auf den Feldern erwirtschaftet wurden bzw. aus Diensten für den Verpächter; erst mit dem fortschreitenden Mittelalter treten Geldzahlungen an ihre Stelle.
Bemerkenswert an dem ersten Eintrag, in dem der Name Sterkrade in den Werdener ▶ Urbaren erscheint, ist aber zunächst einmal, dass die hierin beschriebene juristische Handlung nicht von der Abtei ausgeht, die hier als Grundherr auftritt und aus dem eigenen Besitz Ländereien in Pacht vergibt. Für die spätere Stadt Sterkrade ist die in diesem Eintrag enthaltene Information aber auch deshalb wichtig, da hier zum ersten Mal der ursprüngliche Name genannt wird: Sterkonrotha, eine Bezeichnung, die in dieser oder ähnlicher Lautabfolge über Jahrhunderte hinweg nachweisbar bleibt.
Es ist ja noch nicht die Moderne, sondern immer noch das 10. Jahrhundert, als Engilrad mitten im „dunklen Mittelalter“ von sich aus die Initiative ergreift und sich an das Kloster wendet, um mit diesem einen Vertrag abzuschließen. Sie – nicht ihr juristischer, männlicher Vertreter – schenkte dem Kloster Werden nicht nur eine Hufe und weitere Markenanteile, sondern fügte noch Anteile in Mallingforst hinzu. Das mächtige Kloster an der Ruhr, das ja den Status einer Reichsabtei innehatte, wird zum Empfänger einer Schenkung gemacht. Es handelt nicht selbst, sondern ist in eine passive Rolle gedrängt. An dem in dem Eintrag genannten Schenkungsvolumen lässt sich aber auch ablesen, dass es sich bei Engilrad in keinem Fall um eine Unfreie gehandelt haben kann. Die dieser letztgenannten Personengruppe angehörenden Menschen verfügten über keinen Besitz, den sie zu verschenken hatten. Engilrad muss eine Frau gewesen sein, die einer Schicht zuzurechnen sein dürfte, die sich außerhalb der Gruppe der Unfreien bewegen konnte. Sie war nicht an den Grund und Boden, auf dem sie lebte, gebunden. Engilrad wird einer Gruppe zuzurechnen sein, die mit dem Attribut „herausgehoben aus der damaligen Gesellschaftsordnung“ zu versehen ist. Sie hat nicht selbst Hand anlegen müssen auf den Äckern oder auf ihrem Hof; charakteristisch wird für sie gewesen sein, dass sie „arbeiten ließ“.
Diese Schenkung macht aber auch deutlich, dass der Abtei eine Frau entgegentritt, die über einen gewissen Bildungshorizont verfügte. Diese Form der Übereignung von Besitz an das Kloster gründet sich auf die in der Antike bereits nachweisbare Form der Stiftungen zum Gedenken an verstorbene Familienmitglieder bzw. die aktive Sorge für das eigene Seelenheil. Diese Form des Erinnerns, die mittelalterliche Memoria, fußt auf dem Gedanken des Do, ut des, d. h. Ich gebe, damit du gibst. Es war Engilrad offensichtlich bewusst, dass eine gute Tat zu Lebzeiten Konsequenzen für das Leben nach dem Tode haben wird. Dies erreichte man, indem man sich der Mitwirkung von Mönchen versicherte: Diese führten ein gottgefälliges Leben und ihre Fürbitten hatten natürlich weitaus mehr Gewicht als die Bitten der „normalen“ Menschen. Deshalb stifteten die Menschen ihr Geld oder ihren Besitz und empfingen als Gegenleistung die Gebete der im Kloster Lebenden. Dieses Wissen über die eigene Vergänglichkeit und über die Möglichkeit der Vorsorge setzt aber eine gewisse Form von Bildung oder Wissen voraus. Wie und wo sie sich dieses Wissen angeeignet hat, das verraten die Quellen an dieser Stelle nicht. Sicher ist aber, dass sie ihre Kenntnisse nicht hier vor Ort, auf ihrem Hof erworben hat. Es könnten Beziehungen zu gleichrangigen Personenkreisen bestanden haben, die außerhalb des Sterkrader Raumes agierten. Vielleicht stammte sie auch aus einer der im Umfeld ansässigen Familien, die über Grundbesitz verfügten und ihn zu nutzen wussten. Sie gehörte somit einer Schicht an, die um die helfende Kraft von Gebeten der Mönche und Priester wusste und bereit bzw. in der Lage war, sich einen Anspruch auf das ewige Leben zu sichern, indem sie ihren materiellen Besitz bzw. Teile desselben dafür hergab. Sie verfügte wahrscheinlich über ein ausreichendes Vermögen, das es ihr möglich machte, dem Kloster Werden eine solche Schenkung zukommen zu lassen.
Diese vorbeschriebene Geisteshaltung zeigt sich in gleicher Form und Intensität auch bei der von den Brüdern Landrard, Erlibat und Radbrad für das Gedächtnis ihrer verstorbenen Mutter Wigburg vollzogenen Stiftung. Um das Seelenheil zu erreichen, nehmen gleichfalls die Brüder die Hilfe der Werdener Mönchsgemeinschaft in Anspruch. Sie schließen mit ihnen einen Vertrag, vollziehen wie schon Engilrad ebenfalls eine Schenkung und sichern sich damit deren Unterstützung in Form von Gebeten.
Bedeutsam ist weiterhin der hier verwendete Begriff der scarae – ein Terminus, der die Anteile an einer Mark, an Grund und Boden bezeichnet. Welche Mark damit letztendlich gemeint war, die Sterkrader oder/und die Walsumer Mark, das verrät der Eintrag nicht. Es ist ihm aber zu entnehmen, dass das fragliche Markengebiet bereits aufgeteilt war.
Aus den Einträgen der Werdener ▶ Urbare läßt sich für Sterkrade ein dreistufiges Gesellschaftsmodell entwickeln: Auf der einen Seite steht der bereits vielfach erwähnte clericus Franco in seiner Rolle als Vertreter des Grundherren und als möglicher Seelsorger für die kleine Gemeinde. Von ihm abhängig sind die Hintersassen, deren Abgaben er sammelt und dem Kloster Werden zukommen lässt. Neben diesen beiden Gruppen stehen Personen wie Engilrad, Landrad, Uoda usw., die aus Überzeugung, durch ihr Wissen und unter Rückgriff auf eigenen Besitz in der Lage sind bzw. sich den Luxus leisten können, aktiv für das eigene Seelenheil Vorsorge zu treffen, indem sie dem Kloster Zuwendungen machen und dafür Anspruch auf die Hilfe der Mönche in Form von Gebeten erlangen.
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