Kitabı oku: «Das Mal der Burgherrin», sayfa 3
Kapitel 5
Auch Jakob konnte kaum Schlaf finden. Aus Angst, dass er verschlafen könnte, sah er dauernd aus dem Fenster, um am Stand des Mondes abzuschätzen, wie spät es war. Schließlich stand er leise auf. Er zog einen Mantel über und wickelte sein Bündel, welches aus den Essensresten, dem Trinkhorn und den Pfeilen bestand, in zwei warme Decken und schnürte sich das Ganze auf den Rücken. Dann holte er seine Armbrust, die er neben seiner Lagerstatt versteckt hielt, und hängte sie sich an einem Band über die Schulter.
Jakob verließ auf Zehenspitzen das Gesindehaus. Er konnte die Burg nicht durch das Haupttor verlassen, weil ihn die Wachen sonst bemerkt hätten. Deshalb schlich er hinter den Ställen, wo zum Glück noch alles ruhig war, zu einer kleinen Pforte zwischen den Palisaden, die im Belagerungsfall als Fluchtweg dienen konnte. Es ging von dort aus steil bergab und er schlitterte fast hinunter. Um auf den Weg zum Wald zu gelangen, musste er sich in östliche Richtung seitlich an der Bergnase entlang hoch bewegen, bis er nach dem Burggraben wieder auf den Bergrücken klettern konnte.
Er blieb im Schatten eines Busches stehen und blickte vorsichtig hoch. Der Weg lag in Blickrichtung der Wachen. Diese liefen von Zeit zu Zeit über den gewaltigen Wehrgang, um sicherzustellen, dass sich keine ungebetenen Gäste näherten. Als er gerade los wollte, entdeckte er einen der Männer und musste in seiner Position verharren. Der Wachposten ging langsam bis zum äußersten Ende der Anlage und spähte über den Übungsplatz in Richtung Wald. Er blieb eine Weile stehen, bis er seinen Gang fortsetzte.
Als Jakob sich gerade erheben wollte, drehte sich der Wachmann noch einmal um. Jakob hielt die Luft an und blieb wie erstarrt stehen, doch der Wachmann sah ihn nicht und wandte sich wieder um. Jakob wartete einen Moment, dann rannte er schnell los.
Nach kurzer Zeit erreichte er den Wald. Er kletterte durchs Unterholz, wo er nur langsam vorankam. Dornen stachen ihm durch die Kleidung ins Fleisch. Er riss sich seine Hosen leicht auf. Die Strecke bis zu den Felsen kam ihm in der Dunkelheit sehr lange vor. Hoffentlich hatte er sich nicht verlaufen. Er musste sich näher am Weg halten. Zum Glück schien der Mond, sodass er die Wege daran erkennen konnte, dass er ein dumpfes Licht sah, wenn er zum Himmel aufblickte.
Als er den Weg gefunden hatte, beschloss er auf diesem zu bleiben. Es dauerte nicht mehr lange, bis er den großen Felsen erreichte. Vorsichtig, damit er nicht abrutschte, kletterte er hinauf. Oben angekommen legte er eine Decke auf den Boden und machte es sich darauf bequem. Mit der zweiten Decke, die er mit Blättern tarnte, deckte er sich selbst zu. Pfeil und Bogen legte er in Position. So musste er nun warten, bis die Jagdgesellschaft eintraf. Falls er einschlafen würde, würde er sicher von dem Bellen der Hunde und den Rufen der Jäger rechtzeitig geweckt werden.
Zur gleichen Zeit, als Jakob noch durch den Wald irrte, wurde Simon von Walther geweckt.
„Wach auf Simon! Guten Morgen!“
Er rüttelte Simon an den Schultern. Dieser kam nur langsam zu sich.
„Was ist denn los Walther, müssen wir wirklich schon aufstehen?“
„Komm schon, du weißt doch, warum wir so früh raus müssen und mach nicht einen solchen Lärm. Es muss keiner mitkriegen, was wir vorhaben!“
Simon schlüpfte aus dem Bett und zog schnell seine Jagdkleidung über. Er packte den Sauzahn, den er, wie Walther ihm geraten hatte, unter seiner Schlafstatt versteckt hatte. Die beiden gingen über den Hof zu den Pferdeställen und sattelten zwei Pferde. Simon nahm sich seinen schwarzen Hengst und Walther nahm mit einer älteren gemächlichen Stute vorlieb, die er öfters zum Ausreiten benutzte. Die Stute würde ihn gewiss nicht abwerfen und ließ sich bei der Jagd sicher gut im Wald verstecken.
Sie warteten, bis die Wache sich auf den Weg zum Bergfried machte, um die ganze Gegend zu überblicken. Dann führten sie die Pferde zum Burgtor, öffneten es vorsichtig und brachten die Tiere zu dem großen Busch auf dem Übungsplatz, banden sie an und befestigten ihre Waffen an den Satteltaschen.
„Lasst uns zum Morgenmahl gehen, damit niemand etwas merkt.“
„Ich bin gespannt, ob ich es wirklich schaffen kann, ein Tier mit dem Sauzahn zu erledigen! Das war wirklich ein guter Plan, Walther. Ich hätte dir so etwas gar nicht zu getraut. Danke, dass du mich mitnimmst, obwohl ich in letzter Zeit nicht gerade nett zu dir war.“
„Ist schon gut, Simon! Außer dir wäre wohl niemand so verrückt, mir zu folgen!“
Walther lachte innerlich schallend, wenn Simon nur wüsste, wie das Ganze enden würde!
Er stützte sich auf seinen Gehstock und so gingen die beiden zurück in die Burg und begaben sich zum Rittersaal. Langsam erwachte der Burghof. Ritter, Jäger und Grafen ließen sich blicken, Knechte, Mägde und Pagen eilten herum und trafen Vorbereitungen für die kleine Morgenmahlzeit und die Jagd.
Im Rittersaal waren Walther und Simon die Ersten.
„Lass uns schnell etwas essen und dann verschwinden. Wir nehmen uns noch Proviant mit.“
Graf Philipp erschien ebenfalls.
„Guten Morgen Simon, du bist wohl schon ganz in Jagdstimmung und ich dachte schon, du würdest verschlafen.“
„Guten Morgen, Vater, ich muss noch ein paar Vorbereitungen treffen, Walther hilft mir dabei. Wir müssen leider schon aufbrechen, bestell Mutter liebe Grüße von mir.“
Simon und Walther erhoben sich; bevor Philipp noch etwas entgegnen konnte, trat Graf Augustin zu ihm und verwickelte ihn in ein Gespräch. So konnte er den beiden nur erstaunt nachsehen. Was die wohl jetzt noch erledigen mussten? Es waren doch schon alle Vorbereitungen getroffen.
Die beiden Vettern indes gingen wieder durch das Tor und winkten der Wache munter zu. Niemand konnte sie noch aufhalten. Sie nahmen ihre Pferde und ritten gemächlich den Weg zum Wald und folgten der Jagdroute. Da sie von Anfang an den breiten Weg benutzten, hatten sie nicht solche Probleme wie Jakob. Sie kamen gut voran und umrundeten schließlich den großen Felsen. Kurz darauf erreichten sie das Gebüsch, wo sie warten würden.
„Ich steige hier ab. Du führst die Pferde über den Hang dort drüben und bindest sie an. Dann kommst du wieder zu mir, es wird nicht mehr lange dauern, bis die Jäger kommen“, sagte Walther.
„Ich werde mich beeilen“, entgegnete Simon und brachte die beiden Pferde weg. Walther spähte zum Felsen hinüber, er kniff die Augen zusammen, doch er konnte nichts erkennen. Hoffentlich war Jakob da. Nervös kaute Walther auf seiner Unterlippe. Es dauerte eine Weile, bis Simon zurückkam.
Dieser kauerte sich gespannt neben Walther.
„Ich hoffe, es geht gleich los und es klappt, damit sich der ganze Aufwand auch gelohnt hat. Ich bin auf Vaters Blick gespannt, wenn er sieht, wie mutig ich bin!“
Gemeinsam warteten sie auf die Jäger.
Währenddessen hatte sich im Burghof die Jagdgesellschaft versammelt. Die Ritter, Grafen und Knappen saßen mit Pfeil und Armbrust bewaffnet auf ihren Pferden, die Taschen voll Proviant. Die Jäger trugen Lanzen und standen mit ihren Hunden bereit. Margareta sah durch die Reihen der Männer und versuchte Simon ausfindig zu machen, doch sie sah ihn nirgends. Sie wollte ihm noch Glück wünschen. Auch Philipp hielt nach ihm Ausschau. Wo mochte Simon nur bleiben? Sie konnten nicht länger warten, gleich würde es dämmern.
„Lasst uns losziehen bis zur Schneise!“, befahl Philipp und der Zug aus Edelmännern, Jägern und Hunden setzte sich in Bewegung. Die Hunde waren noch angeleint und zerrten ihre Herren aufgeregt hinter sich her. Sie versuchten, mit der Nase dicht am Boden die Witterung der Tiere aufzunehmen. Von Zeit zu Zeit war ein aufgeregtes Winseln zu hören. Die Reiter trabten mit ein wenig Abstand hinter den Jägern her. Als sie den Wald erreichten, dauerte es nicht mehr lange, bis sie zu der Schneise kamen, wo sie sich um Philipp versammelten.
Bruder Hubertus, der neben dem Grafen stand, sprach seinen Segen für die Jagd aus.
Dann ergriff Philipp das Wort: „Grafen, Ritter, Knappen und Jäger! Hiermit eröffne ich die Jagd! Möge derjenige mit den meisten Treffern gewinnen! Jäger los und Weidmannsheil!“
„Weidmannsdank!“, antworteten die Männer und bliesen in die Jagdhörner. Im gleichen Moment begann es zu dämmern und die Schützen machten sich auf den Weg zu ihren Positionen entlang des Fernwechsels.
Die Treiber und Hundeführer gingen langsam mit den laut bellenden Hunden los. Es dauerte nicht lange, bis die Hunde die ersten Tiere aufspürten. Von Kleintieren wie Hasen und Kaninchen wurden sie gleich wieder weggezerrt. Die Edelleute waren hinter Schwarzwild her. Ein Auerhahn wäre auch annehmbar.
Die Hunde nahmen die Fährte einer Wildschweinrotte auf und trieben die Tiere aus ihrem Einstand im Unterholz. Die Rotte, die aus fast zwanzig Tieren bestand, machte sich wütend auf den Weg durch den Wald. Die laut bellenden Hunde und lärmenden Jäger trieben die Wildschweine immer weiter. Ein Hund verbiss sich sogar im Fell eines Keilers und dieser rannte mit dem Hund im Schlepptau mit großer Geschwindigkeit weg. Die Schützen warteten bereits. Es war an der Zeit, dass man die Hunde bremste, damit sie nicht von den Pfeilen der Schützen getroffen wurden. Aus diesem Grund hatten früher die Grafen von Homburg mit einem Sauzahn gejagt, doch da dies sehr riskant für die Jäger war und so mancher einem wilden Keiler zum Opfer gefallen war, hatte man sich dazu entschlossen, lieber mit der Armbrust zu jagen.
Derweil lag Jakob in seine Decken gehüllt auf dem Felsen. Es fror ihn und die Knochen taten ihm weh. Er hatte von dem Brot und dem Braten gegessen und einen Schluck aus seinem Trinkhorn genommen. Da es nun hell war, konnte er bis zu den Büschen sehen, wo Walther und Simon warteten. Er hatte Simons Rücken genau im Visier. Von Zeit zu Zeit nahm er seinen Bogen und zielte auf Simon. Wenn nur schon alles vorbei wäre und er endlich seine unbequeme Stellung aufgeben könnte. Er hatte mehrere Äste so drapiert, dass ihn von der Jagdgesellschaft niemand sehen konnte, sogar dann nicht, wenn er sich ein wenig aufrichten würde, um besser mit zielen zu können. Sein Arm begann zu kribbeln, er machte sich Sorgen, dass die drei Pfeile, die er dabei hatte, nicht reichen würden. Hoffentlich ging kein Schuss daneben. Er musste seinem Herrn unbedingt diesen Gefallen tun, denn was würde aus ihm werden, wenn Walther ins Kloster müsste? An Walthers Seite, mit ihm als zukünftigem Grafen von Homburg, müsste er sich nie mehr um seine Zukunft Sorgen machen. Er wäre engster Vertrauter eines Grafen und könnte tun und lassen, was er wollte.
Jakob drehte den Kopf. Er hörte die Jäger näher kommen und bezog Position mit eingelegtem und gespanntem Pfeil und nahm Simon ins Visier.
Walther und Simon hielten sich ebenfalls bereit und duckten sich in den Büschen, damit die Jäger sie nicht sahen. Nun kamen die ersten Wildschweine um den Felsen geschossen. Hunde und Jäger hetzten hinter ihnen her. Sie stürzten ins Tal und Simon nahm den Sauzahn in die rechte Hand hob ihn hoch und stürmte los. Vor dem Teich wurde die Flucht der Tiere, die noch übrig waren, jäh gebremst.
„Schnell, Simon versuch eins zu treffen! Beeil dich!“, feuerte Walther seinen Vetter an und bewegte sich selbst gleichzeitig weiter nach links Richtung Hang, wo er hinkend im Unterholz verschwand. Simon hetzte mit angespanntem Blick auf einen Keiler zu und ließ den Sauzahn auf das Tier nieder krachen, als gerade die ersten Ritter um den Berg kamen, um die letzten Tiere zu erlegen. Doch da traf Simon ein Pfeil und durchbohrte die linke Seite seines Rückens. Simon zuckte zusammen und sank mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden.
Es dauerte einen Moment, bis die Männer die Situation richtig erfassten und sahen, dass einer der ihren niedergeschossen worden war und mit einem Pfeil im Rücken auf der Erde lag.
Graf Augustin zügelte sein Pferd und stieg ab. Er beugte sich zu dem Mann hinunter und drehte ihn zur Seite. Mit Entsetzen erkannte er den Sohn des Grafen. Er berührte seinen Hals, um zu fühlen, ob sein Herz noch schlug.
„Oh Gott, Simon ist tot! Der Sohn des Grafen wurde von einem Jagdpfeil getroffen!“
Die Neuigkeit ging wie ein Lauffeuer durch die Reihen der Männer, die bestürzt innehielten und keinen Gedanken mehr an das Wild verschwendeten.
Graf Philipp näherte sich bestürzt der Stelle, an der sein Sohn lag. Er konnte einfach nicht glauben, was er da sah. Sein einziger Sohn lag am Boden mit einem Pfeil im Rücken! Sein Blut tränkte den Waldboden und alles Leben war aus ihm gewichen. Philipp wurde ganz blass; er sah von einem Augenblick zum anderen um Jahre gealtert aus.
„Brecht die Jagd ab!“, befahl Philipp niedergeschlagen. Er stieg vom Pferd und beugte sich zu Simon hinunter. Er zog den Pfeil aus seinem Rücken und drehte ihn herum. Eine Träne lief ihm über die Wange und er schloss die Augen seines Sohnes. Philipp sah sich um und entdeckte wenige Meter weiter den Keiler mit dem Sauzahn und konnte eins und eins zusammenzählen. Mithilfe Augustins lud er Simon auf sein Pferd. Er steckte den Pfeil in die Satteltasche und nahm die Zügel des Pferdes, um seinen Sohn nach Hause zu geleiten. Die Edelleute stiegen ebenfalls von ihren Pferden ab und schlossen sich mit ernsten und traurigen Mienen dem Grafen an. Den Jägern gab man den Befehl mithilfe des Fuhrmanns die bereits erlegten Tiere einzusammeln und zur Burg zu bringen.
Als der Zug der Edelleute mit Philipp an der Spitze in der Burg ankam, hielten die zurückgebliebenen erstaunt inne. Margareta, die gerade mit Sophie und Agatha auf dem Weg zum Rittersaal war, sah erstaunt hinüber. Was machten die Jäger schon hier? Warum ritten sie nicht und warum sagte keiner ein Wort? Von einer bösen Vorahnung erfasst rannte Margareta über den Burghof und sah, dass einer der Männer über Philipps Pferd lag. Sie trat näher und erkannte entsetzt die Kleidung ihres Sohnes.
„Was ist passiert? Ist er etwa tot?“, fragte sie fassungslos. Sie sah nur Philipps sprachlosen Blick und sein kreideweißes Antlitz und stürzte sich auf Simon. Sie schlang ihre Arme um ihren Sohn und begann laut zu schluchzen.
„Was ist nur passiert?“
Philipp trat zu Margareta und zog sie von dem Leichnam weg. Er drückte sie an sich.
„Es war wohl ein Unfall. Simon wurde bei der Jagd von einem Pfeil in den Rücken getroffen.“
Die Edelleute verharrten in betretenem Schweigen.
Kapitel 6
Es war ein grauer, trister und kalter Novembertag, als sich der Trauerzug langsam den Berg hoch zum Kloster Wörschweiler bewegte. Er wurde vom Abt des Klosters angeführt, der die Trauergesellschaft zusammen mit seinen Mönchen am Fuße des Klosterberges in Empfang genommen hatte. Hinter ihm folgte der Chor der Mönche, der Psalme und Responsorien erklingen ließ. Sie führten Prozessionskreuze und Fahnen mit sich und schwenkten Weihrauchgefäße und Rauchpfannen. Dann folgten die Sargträger, welche zu sechst die Totenbahre mit dem Sohn des Grafen trugen. Philipp und Margareta führten die Trauergäste an, die zahlreich zur Beerdigung ihres Sohnes erschienen waren.
Margareta ging wie in Trance auf Philipp gestützt und nahm die Welt durch ihren Schleier aus Tränen kaum war. Als vor wenigen Tagen Philipp mit ihrem toten Sohn nach Hause kam, war für sie eine Welt zusammengebrochen. Ihr einziges Kind, der Erbe der Burg – tot! Sie konnte es immer noch nicht fassen.
Nach dem Unfall hatte man Simons Leichnam in seine Kammer gebracht und aufs Bett gelegt. Grete und Johanna zogen ihm die schmutzige Jagduniform aus, wuschen ihn und legten ihm ein Leinenhemd an.
Bruder Hubertus betete für die Seele des Toten. Da dieser ohne Letzte Ölung und ohne den Segen des Herrn gegangen war, waren besonders viele Gebete notwendig, damit seine Seele in das Himmelreich aufsteigen konnte.
Philipp ließ einen Boten zum Kloster Wörschweiler schicken, damit man Abt Stephanus verständigte, denn er wollte, dass dieser seinen Sohn in der Klosterkirche beerdigte.
Da Gräfin Margareta von ihrer Trauer wie gelähmt war, regelten Haushofmeister Ulrich und Johanna alles Weitere.
Man meldete den Vorfall dem Schultheiß, der noch am gleichen Tage auf die Burg kam. Philipp schilderte ihm den Vorgang und reichte ihm den Pfeil, den Simon getroffen hatte. Mithilfe der Liste von Bruder Hubertus ermittelten sie, dass der Pfeil, welcher mit einem schwarzen Ring gekennzeichnet war, von Ritter Gerald, einem Gefolgsmann des Grafen Egbert stammte. Die Grafen konnten bezeugen, dass Gerald bei denen war, die auf die letzten Tiere kurz vorm Teich geschossen hatten. Gerald wurde vor den Schultheiß zitiert.
„Ritter Gerald, Euer Pfeil hat den jungen Herrn getroffen, ist das richtig?“
„Ja, Schultheiß, es scheint so.“
„Als Ihr geschossen habt, habt Ihr da nicht gesehen, dass ein Mann in Schussrichtung gestanden hat?“
„Nein, ich habe nur auf die Wildschweine geachtet und habe gar niemanden gesehen. Es ist mir ein Rätsel, wie ich Simon treffen konnte.“
„Aber du musst doch irgendetwas bemerkt haben?“, meldete sich der Graf.
„Nein, ich habe geschossen und plötzlich lag Simon da. Ich weiß gar nicht, ob es auch genau die Richtung war, in die ich gezielt habe.“
„Willst du etwa abstreiten, dass dein Pfeil Simon getroffen hat?“
„Nein, ich kann es nur nicht begreifen!“
Man befragte die anderen, doch niemand hatte genau gesehen, wie es sich zu getragen hatte.
Graf Philipp ließ nach Walther rufen.
„Wo bist du so früh mit Simon vor der Jagd hin und wo wart ihr, als es losging? Ich habe euch gar nicht mehr gesehen.“
„Simon hatte sich in den Kopf gesetzt, dass er unbedingt ein Wildschwein mit dem Sauzahn erledigen wollte, weil er bei seiner ersten Jagd als Held dastehen wollte. Ich habe versucht ihn davon zu überzeugen, dass das viel zu gefährlich sei, aber es war unmöglich. Er hat sich einfach nicht davon abhalten lassen und deshalb sind wir schon vor euch aufgebrochen und haben am Weiher gewartet.“
„Warum hast du mich nicht verständigt? Ich hätte ihn gezwungen es nicht zu tun!“, brauste Philipp auf.
„Ich wollte ihn nicht verärgern, weil wir gerade erst Freunde geworden waren“, erklärte Walther und senkte den Kopf.
„Aber warum bist du überhaupt mit ihm gegangen?“
„Ich dachte, wenn ich dabei wäre, könnte ich ein wenig auf ihn achtgeben.“
„Mit deinem Bein?“
„Manchmal vergesse ich, dass es nicht mehr so geht wie früher.“
„Warum warst du dann nicht neben Simon, als er getroffen wurde? Man hat von dir nichts gesehen.“
„Als ich gemerkt habe, dass ich Simon nicht zur Vernunft bringen kann, habe ich mich zurückgezogen, um rechtzeitig aus der Laufrichtung des Wildes zukommen.“
„Du hättest ihm wenigstens Deckung geben können!“
Philipp, der immer auf Simons Heldenmut stolz gewesen war, glaubte nun zu wissen, wie sich alles ereignet hatte. Er besprach sich mit dem Schultheiß. Auch wenn Ritter Gerald nicht vorsätzlich gehandelt hatte, sollte er trotzdem eine Strafe für die Tötung des Grafensohnes bekommen. Der Schultheiß verurteilte Ritter Gerald zu einer Bußzahlung von zwanzig Schilling.
Gerald musste schlucken. Da musste ihm wohl Graf Egbert unter die Arme greifen, damit er diese Summe aufbringen konnte.
Philipp beendete das Verhör und zog sich zurück. Hätte Walther ihm doch nur Bescheid gesagt! Wenn er gewusst hätte, dass am Weiher jemand wartet, hätte er die Jäger davon abgehalten, dort unten zu schießen! Aber jetzt war alles zu spät und er konnte Walther nicht dafür bestrafen.
In der Nacht wurde die Totenwache gehalten und am nächsten Morgen traf Abt Stephanus ein. Er sprach Philipp und Margareta sein Beileid aus und bedauerte den Vorfall sehr. Der Abt sah nach dem Toten und segnete ihn aus, dann begab er sich auf den Rückweg, um die Beisetzung im Kloster vorzubereiten. Der Tote sollte, wie schon andere Grafen von Homburg, im Querhaus der Klosterkirche bestattet werden. Der Totengräber hatte bereits begonnen eine Öffnung vorzubereiten. Ein Steinmetz wurde beauftragt, die Grabplatte herzustellen, die das Grab später abdecken sollte.
Der Trauerzug, begleitet von den Gesängen des Chores und den Segnungen des Abtes, passierte das Klostertor und die Glocken begannen zu läuten, als sie in die Klosterkirche Einzug hielten. Der Leichnam wurde im Kirchenschiff aufgebahrt und der Sakristan zündete vier große Kerzen an. Der Abt hielt die Totenmesse und Simon wurde zu dem offenen Grab getragen und unter Besprenkeln mit Weihwasser und Beräuchern mit Weihrauch in seine letzte Ruhestätte gelegt. Der Abt bedeckte den Toten mit etwas Erde. Wieder wurde eine Messe gelesen.
Margareta verließen alle Kräfte. Sie sackte zusammen und Philipp konnte sie gerade noch auffangen. Margareta hatte seit dem letzten Morgen, an dem sie vom Tode ihres Sohnes erfahren hatte, fast nichts mehr gegessen. Johanna und Grete führten die Burgherrin zu einem Wagen. Die Gesellschaft verabschiedete sich vom Kloster und brach auf Richtung Homburg. Dort brachte man Margareta in die Kemenate, während sich die Trauernden zur Totenfeier in den Rittersaal begaben.
Im großen Saal nahmen die Gäste Platz. Außer den Grafen, die zur Jagd gekommen waren, kamen auch noch andere, um von Simon Abschied zu nehmen, auch viele Leute aus dem Dorf waren gekommen und nahmen an den niederen Tischen Platz.
Karl aus Zweibrücken war mit seiner Gattin angereist. Er wandte sich an Philipp: „Es tut mir so leid, was mit Simon geschehen ist. Vor nur wenigen Tagen waren wir hier und haben mit ihm gelacht und Pläne für seine Zeit in Zweibrücken geschmiedet und jetzt ist alles vorbei!“
„Ich kann es auch kaum glauben und Margareta geht es gar nicht gut. Ich hoffe, dass sie sich bald wieder fängt“, entgegnete Philipp.
Karls Frau Marlene erhob sich: „Ich werde mal nach Margareta sehen. Sie tut mir so leid.“
Als Marlene gegangen war, kam Walther herein und setzte sich an die Tafel des Grafen. Er machte ein ernstes und trauriges Gesicht.
Abt Stephanus, der ebenfalls mit zur Homburg gekommen war und nicht weit entfernt von ihm saß, begrüßte ihn und fragte: „Na, Walther, wirst du im Frühjahr endlich zu uns kommen?“
Noch bevor Walther antworten konnte, schaltete sich Philipp ein: „Abt Stephanus, verzeiht uns bitte, dass wir unsere Pläne noch einmal überdenken müssen. In der jetzigen Lage werden wir Walther wohl auf der Burg brauchen, wo unser einziger Sohn und Erbe verstorben ist. Walther ist immerhin der Sohn meines Bruders.“
„Ich verstehe“, entgegnete der Abt, „doch ihr müsst auch an uns denken. Wir haben schon fest mit den Merburger Ländereien gerechnet. Eigentlich können wir nicht ohne Entschädigung darauf verzichten.“
Philipp runzelte die Stirn. Mit einer solchen Habgier und Unverfrorenheit der Klosterbrüder hatte er nicht gerechnet. Doch der Verlust seines Sohnes hatte seinen Kampfesgeist gebrochen, sodass er nur resignierend erklärte: „Ihr sollt die Merburger Ländereien trotzdem bekommen, aber dafür schuldet ihr uns einen Gefallen und haltet immer einen Platz für Walther frei.“
„Wir wissen Eure Großzügigkeit sehr zu schätzen, werter Graf“, erwiderte Stephanus und senkte ehrerbietend den Kopf.
Walther, der das Gespräch mit angehört hatte, atmete erleichtert auf. Der Plan war aufgegangen! Als ihn der Graf mit dem Schultheiß verhört hatte, dachte er schon, dass Philipp so wütend auf ihn wäre, dass er ihn von der Burg jagen würde, weil er Simon begleitet hatte. Doch nun sah doch alles ganz anders aus! Umso mehr musste er sich zusammennehmen und den Schein wahren. Was seine Freude ein wenig trübte, war die Tatsache, dass das Land seines Vaters trotzdem ans Kloster fiele, doch ein großer Teil der ursprünglichen Merburger Besitztümer gehörten ohnehin schon zur Homburg, was den Verlust wieder schmälerte.
Indes Walther sich über seine neue Zukunft heimlich freute, war Marlene bei Margareta angekommen. Diese lag in ihrem Bett und blickte abwesend an die Decke. Marlene ließ sich neben dem Bett der Gräfin auf einem Schemel nieder und umschloss ihre Hand.
„Margareta, es tut mir so leid, was würde ich nur dafür geben, um dir deinen Schmerz ein wenig zu erleichtern!“
Marlene begann leise zu schluchzen und verbarg ihr Gesicht in der Bettdecke.
„Keine Mutter sollte je ihr Kind verlieren!“
Margareta strich Marlene leicht über den Kopf und die beiden Frauen verharrten in ihrer Trauer, bis Grete eintrat und einen Krug mit frischem Wasser hereinbrachte.
„Herrin, wenn ich irgendetwas für Euch tun kann, sagt mir Bescheid. Ich bin immer für Euch da.“
„Ist schon gut Grete, du kannst gehen“, murmelte Margareta schwach. Grete verließ leise das Zimmer. Ihre Herrin tat ihr unendlich leid. Sie war zwar erst seit wenigen Jahren auf der Burg, doch sie hatte die Grafenfamilie lieb gewonnen. Sie waren nicht so überheblich, wie andere hohe Herren, die sie kennengelernt hatte. Außerdem waren sie zu ihrem Gesinde immer gerecht und stellten keine unmöglichen Forderungen. Vielleicht würde Margareta doch noch einmal schwanger werden. Noch war sie nicht zu alt dafür.
Am Abend traf sich Walther mit Jakob auf seinem Zimmer.
„Siehst du Jakob, unser Plan ist aufgegangen! Der lästige Simon ist aus dem Weg geschafft und Philipp hat dem Abt gesagt, dass ich doch nicht ins Kloster komme. Der gierige Hund hat gleich darauf bestanden, dass er die Merburger Ländereien trotzdem bekommt und Philipp hat ihm, ohne etwas entgegen zusetzen, nachgegeben. Aber was kümmert mich das, es bleibt noch genug!“
„Lasst uns das bei einem Becher Wein feiern, Herr! Doch vergesst nicht, vorsichtig zu sein! Niemand darf je auf den Gedanken kommen, dass wir etwas mit dem Unfall zu tun hatten. Ich bin nur froh, dass uns niemand gesehen hat und dass sich der Schultheiß so leicht täuschen ließ.“
Jakob schenkte zwei Becher Wein aus und die beiden prosteten sich zu.
„Ich glaube, Philipp wird mich als Erben hinnehmen. Nur Margareta müssen wir jetzt noch auf unsere Seite kriegen. Ich glaube, bei ihr wird es schwieriger, aber das werden wir auch noch hin bekommen! Prost Jakob! Auf unseren gelungenen Plan!“
Wieder prosteten sich die beiden zu. So ging es eine Weile weiter, bis Jakob betrunken ins Gesindehaus torkelte und Walther sich auf sein Bett fallen ließ und einschlief.