Kitabı oku: «Jean Genet und der revolutionäre Diskurs in seinem historischen Kontext», sayfa 2

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1.1.2 Aussagenspezifische Bezugssysteme: Foucaults ‚champ de possibilités stratégiques‘ und Bourdieus ‚espace des possibles‘ im Vergleich

Zunächst 1984 in einem Text zum literarischen Feld thematisiert1 und dann in einem kultursoziologischen Vortrag 1986 an der Princeton University wiederaufgegriffen,2 beschreibt Bourdieu den für die Analyse kultureller Produktionsfelder entscheidenden Raum der Möglichkeiten, den „espace des possibles“, der als Produkt der eigenen Geschichte des Feldes das „univers des problèmes, des références, des repères intellectuels (souvent constitués par des noms de personnages phares), des concepts en -ismes, bref, tout un système de coordonnées“3 festlegt. Bourdieu leitet jenes das jeweilige Feld konstituierende gemeinsame Bezugssystem mit den aus ihm resultierenden Frage- und Problemstellungen diachron her und beschreibt es darüber hinaus als ein netzartiges Konstrukt, das die Produzenten einer Epoche und eines Kulturraums zueinander in Beziehung setzt. Dieser gemeinsame Korrelationsraum wird von Bourdieu als gemeinsames System intellektueller Koordination, als „système de références communes, de repères communs“4 bezeichnet, wonach die einzelnen Positions- oder Stellungnahmen als Entscheidungen zwischen den im Feld gegebenen Möglichkeiten, nämlich als „les choix entre les possibles“5, figurieren. Wenn auch Bourdieu hier Stellungnahmen bzw. Diskurse in ihrer Subjektbezogenheit determiniert und damit Foucaults Diskursanalyse diametral gegenüberzustehen scheint, so leitet er doch das mithin intertextuell fundierte Koordinationssystem basierend auf den Interdependenzbeziehungen zwischen den Werken, welches der Bereich der Stellungnahmen darstellt, unter Rekurs auf Foucault her. Dabei bezieht sich Bourdieu auf eine Erklärung Foucaults für den Cercle d’épistémologie von 1968, in der er die theoretischen Grundannahmen seiner Diskursanalyse zu erhellen sucht.6 In abgeänderter Form wird diese von Bourdieu kommentierte Textpassage zum strategischen Möglichkeitsfeld ein Jahr später von Foucault in L’archéologie du savoir wiederaufgenommen.7 Als Kriterien zur Bestimmung einer diskursiven Einheit nennt Foucault das „système des points de choix qu’il [le discours, S.I.] laisse libre à partir d’un champ d’objets donnés, à partir d’une gamme énonciative déterminée, à partir d’un jeu de concepts définis dans leur contenu et dans leur usage“8. Dieses Verteilungsprinzip so genannter zur Auswahl stehender Entscheidungspunkte bezeichnet Foucault als „champ de possibilités stratégiques“9, als Feld strategischer Möglichkeiten, bzw. als „loi de formation et de dispersion de toutes les options possibles.“10 Es systematisiert die Streuung gegebener Diskursgegenstände, Diskurstypen und der diskursimmanenten Konzepte, anhand derer spezifische diskursive Einheiten messbar werden. Foucault betrachtet das Feld strategischer Möglichkeiten folglich als eine Komponente, welche die Neugruppierung von Aussagemengen zu diskursiven Formationen ermöglicht. Im Gegensatz jedoch zu Bourdieus Verständnis eines Raums der Möglichkeiten repräsentieren die im Feld der strategischen Möglichkeiten erfassten Entscheidungspunkte keine zur Auswahl stehenden Ideen oder Meinungen, wie Foucault in seinem Artikel anhand evolutionstheoretischer Positionierungen verdeutlicht: „On aurait donc tort sans doute de chercher dans ces faits d’opinion des principes d’individualisation d’un discours.“11 Foucaults Bestimmungskriterien dienen nicht so sehr der Interpretation eines kultur- und epochenspezifischen Aussageninhaltes, als vielmehr dem Erfassen diskursstrukturierender Charakteristika jenseits vorab bestimmter diskursiver Einheiten. Als Formations- und Streuungsgesetz aller möglichen Optionen setzt es weniger auf Einheitlichkeit und Konsens als auf Dispersion:

Ne seraient-ce pas les différentes possibilités qu’il [le discours, S.I.] ouvre de ranimer des thèmes déjà existants, de susciter des stratégies opposées, de faire place à des intérêts inconciliables, de permettre, avec un jeu de concepts déterminés, de jouer des parties différentes? Plutôt que de rechercher la permanence des thèmes, des images et des opinions à travers le temps, plutôt que de retracer la dialectique de leurs conflits pour individualiser des ensembles énonciatifs, ne pourrait-on pas repérer plutôt la dispersion des points de choix, et définir en deçà de toute option, de toute préférence thématique un champ de possibilités stratégiques?12

Das Feld der strategischen Möglichkeiten gehört folglich neben dem Objekt der Aussage, der Form und dem Typ der Verkettung von Aussagen und dem System der Streuung von Begriffen zu den insgesamt vier Konstanten einer diskursiven Formation.13 Diese legt so genannte „Populationen von Aussagen“14 unabhängig von sichtbaren Einheiten frei bzw. regruppiert sie und konstruiert somit ein neues Beziehungssystem vormals unsichtbarer Relationen. Die auf einem System geregelter Unterschiede und Streuungen konstituierte diskursive Formation postuliert auf rein diskursimmanenter Ebene jene von Bourdieu als „système des écarts“15 beschriebene Singularität unterschiedlicher feldspezifischer Positionen bzw. Stellungnahmen und ihre Beziehung zueinander.

Trotz dieser Ähnlichkeiten in Hinblick auf die Relationalität von Aussagen bzw. Stellungnahmen beleuchten beide Theorien eine unterschiedliche Auffassung von diskursiven Korrelationsräumen, denen sie sich aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Dies zeigt sich unter anderem an Bourdieus Kritik an Foucaults diskursstrukturellem Erklärungsprinzip. Während Bourdieu Foucaults „Feld der strategischen Möglichkeiten“ analog zu seinem eigenen Verständnis eines „Raumes von Möglichkeiten“ in Form eines epochen- und kulturspezifischen intellektuellen Bezugssystems deutet, distanziert er sich jedoch ansonsten prinzipiell von dessen Grundsätzen.16 Anders als Bourdieu behauptet, ist das „Feld der strategischen Möglichkeiten“ bei Foucault jedoch noch keine épistème an sich, sondern eine Beschreibungs- und Identifikationskomponente einer diskursiven Formation:

Et lorsque, dans un groupe d’énoncés, on peut repérer et décrire un référentiel, un type d’écart énonciatif, un réseau théorique, un champ de possibilités stratégiques, alors on peut être sûr qu’ils appartiennent à ce qu’on pourrait appeler une formation discursive.17

Foucault beschreibt vielmehr „ce système à quatre niveaux, qui régit une formation discursive et doit rendre compte non de ses éléments communs mais du jeu de ses écarts, de ses interstices, de ses distances – en quelque sorte de ses blancs, plutôt que de ses surfaces pleines“18, basierend auf der oben beschriebenen Streuung von Diskursgegenständen, Diskurstypen und Diskurskonzepten, als jene Positivität, die er in L’archéologie du savoir dann als historisches Apriori konzeptualisiert.19 Die Systematisierung bestimmter Aussagenmengen zu diskursiven Formationen formt einen begrenzten Kommunikationsraum, einen

espace relativement restreint, puisqu’il est loin d’avoir l’ampleur d’une science prise dans tout son devenir historique, […] mais espace plus étendu cependant que le jeu des influences qui a pu s’exercer d’un auteur à l’autre, ou que le domaine des polémiques explicites.20

Die Kommunikation erfolgt Foucault zufolge über die Positivität der Aussagen, welche durch das Konzept des historischen Apriori beschreibbar wird. Die von Bourdieu evozierte épistème schlägt sich in ebendiesem von Foucault beschriebenen Positivitätsparadigma von Aussagen nieder, dem gegenüber die Aussagenproduzenten keinerlei Bewusstseinsvermögen haben, wie Foucault im Folgenden verdeutlicht:

Les œuvres différentes, les livres dispersés, toute cette masse de textes qui appartiennent à une même formation discursive, – et tant d’auteurs qui se connaissent et s’ignorent, se critiquent, s’invalident les uns les autres, se pillent, se retrouvent, sans le savoir et entrecroisent obstinément leurs discours singuliers en une trame dont ils ne sont point maîtres, dont ils n’aperçoivent pas le tout et dont ils mesurent mal la largeur – toutes ces figures et ces individualités diverses ne communiquent pas seulement par l’enchaînement logique des propositions qu’ils avancent, ni par la récurrence des thèmes, ni par l’entêtement d’une signification transmise, oubliée, redécouverte; ils communiquent par la forme de positivité de leurs discours. Ou plus exactement cette forme de positivité (et les conditions d’exercice de la fonction énonciative) définit un champ où peuvent éventuellement se déployer des identités formelles, des continuités thématiques, des translations de concepts, des jeux polémiques. Ainsi la positivité joue-t-elle le rôle de ce qu’on pourrait appeler un a priori historique.21

Das Feld strategischer Möglichkeiten dient der eigentlichen Analyse von Aussagen und der Konstituierbarkeit von Diskursen, wohingegen das historische Apriori auf die Realitätsbedingung von Aussagenpräsenzen abzuheben versucht. Innerhalb des Kommunikationsraums bleibt das historische Apriori für die in ihm befindlichen Aussagenproduzenten eine unreflektierbare Variable.

Bourdieu deutet Foucaults „champ de possibilités stratégiques“ insofern seinem eigenen Ansatz entsprechend, als darin kein Werk „en dehors des relations d’interdépendance qui l’unissent à d’autres œuvres“22 existiere, kritisiert aber an Foucaults Ansatz die absolut autonome Struktur jener von ihm als Möglichkeitsfeld gedeuteten épistème.23 Durch Foucaults Annahme der Autonomie und Transzendenz des Systems würden nämlich „les oppositions et les antagonismes qui s’enracinent dans les relations entre les producteurs et les utilisateurs des œuvres considérées“24 in den Ideenhimmel verlagert. Die von Foucault diagnostizierte Autoreferentialität des diskursiven Systems verwehre die Berücksichtigung möglicher Veränderungen, „à moins de lui accorder une propension immanente à se transformer, comme chez Hegel, par une forme mystérieuse de Selbstbewegung.“25 Bourdieu hingegen versteht den Raum der Möglichkeiten als ein für die Akteure eines Feldes verschiedene Problemstellungen und intellektuelle Orientierungspunkte bereithaltendes System, dessen Dynamik nicht alleine im Bereich der Stellungnahmen liegt, sondern der Positionierung der einzelnen Akteure zukommt. Bourdieu verknüpft folglich in seiner Feldtheorie verschiedene theoretische Methoden miteinander, wie er selbst erklärt:

C’est ainsi que l’on peut conserver tous les acquis et toutes les exigences des approches internalistes et externalistes, formalistes et sociologistes en mettant en relation l’espace des œuvres […] conçu comme un champ de prises de position qui ne peuvent être comprises que relationnellement, à la façon d’un système de phonèmes, c’est-à-dire comme système d’écarts différentiels, et l’espace des écoles ou des auteurs conçu comme système de positions différentielles dans le champ de production. […] Ainsi se trouvent d’emblée résolus plusieurs problèmes fondamentaux et en premier lieu le problème du changement.26

Triebfeder der Veränderung ist bei Bourdieu das Subjekt als Produzent von Diskursen, womit er sich bewusst von Foucault abgrenzt und sowohl der Pluralität und Konkurrenz von Ordnungsstrukturen zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt, als auch der historisch bestimmten prozessualen Transformation derselben Rechnung trägt.27 Tatsächlich betrachtet Bourdieu die Akteure als aufeinander einwirkende Kräfte im Feld, wodurch sich eine konfliktive Grundsituation zwischen jenen die Feldstruktur stützenden einerseits und jenen sie destabilisierenden Elementen andererseits abzeichnet. Das durch den Raum der Möglichkeiten festgelegte Universum der Probleme, der Bezugnahmen, der intellektuellen Orientierungspunkte verbindet die Akteure einer Epoche, wobei Bourdieu jene epochenmarkierende Kategorie in einem frühen Text von 1966 vermittels des Konzeptes des kulturellen Unbewussten noch anders definiert.28 Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt konstatiert er den Rekurs auf einen Kodex von Gemeinsamkeiten in Problemen, Tagesfragen, Denkstilen und Wahrnehmungsformen innerhalb eines Feldes in einer bestimmten Epoche, jedoch überwiegt hier die implizite kulturelle Basis einer stillschweigend vorausgesetzten Axiomatik der Verständigung und des Fühlens, welche die Grundlage der „intégration logique d’une société et d’une époque“29 instituiert. Bourdieu unterscheidet zwischen den stillschweigend vorausgesetzten und den ausdrücklich postulierten Credos, welche den Bodensatz epochenspezifischer Stellungnahmen konstituieren. In der Entwicklung seiner theoretischen Axiome invertiert er dann die Prädominanz beider die Epoche charakterisierenden Komponenten: Nicht mehr das kulturelle Unbewusste als Verinnerlichung geistiger Schemata, sondern die gemeinsame Problematik in Form der Gesamtheit der Stellungnahmen unifizieren eine Epoche: „Ce qui fait l’unité d’une époque, c’est moins une culture commune que la problématique commune qui n’est autre chose que l’ensemble des prises de position attachées à l’ensemble des positions marquées dans le champ.“30 Mit anderen Worten: Die Einheit einer Epoche wird durch den gemeinsamen Raum der Möglichkeiten konstituiert. Die in diesem Zitat postulierte Präponderanz der gemeinsamen Problematik gegenüber der Kultur zeigt, dass Bourdieu sich stärker auf die diskursiv manifeste Zirkulation des gemeinsamen Kodex einer Epoche, Gesellschaft oder Generation konzentriert als auf jene Bewusstseinskategorie, die man mit Assmann als identitätssichernde, mentale Disposition bezeichnen könnte, nämlich der

in gemeinsamer Sprache, gemeinsamem Wissen und gemeinsamer Erinnerung kodierte und artikulierte kulturelle Sinn, d.h. der Vorrat gemeinsamer Werte, Erfahrungen, Erwartungen und Deutungen, der die ‚symbolische Sinnwelt‘ bzw. das ‚Weltbild‘ einer Gesellschaft bildet.31

Bourdieu hierarchisiert hier den expliziten und den impliziten Referenzhorizont einer Epoche.

Die gemeinsame, im Interdependenzsystem des Feldes der Stellungnahmen manifeste und explizit fassbare Problematik einer Epoche unterliegt in Bourdieus Vorstellung einem konstanten Wandel, da sich der Raum der Stellungnahmen durch das Hinzutreten eines Akteurs modifiziert:

Concrètement, cela signifie que […] son existence ‚pose, comme on dit, des problèmes‘ aux occupants des autres positions, que les thèses qu’il affirme deviennent un enjeu de luttes, qu’elles fournissent l’un des termes des grandes oppositions autour desquelles s’organise la lutte et qui servent à penser cette lutte.32

Durch die strukturell angelegte Möglichkeit des Wandels existiert der Raum der Stellungnahmen selbst im Modus der Potentialität.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Bourdieu bei der Definition seines feldspezifischen Möglichkeitsraums als „univers des problèmes, des références, des repères intellectuels“33 an Foucaults diskursstrukturierendem Formations- und Verteilungsgesetz möglicher zur Wahl stehender Punkte („points de choix“34) orientiert, dabei jedoch Foucaults Konzept des Feldes der strategischen Möglichkeiten mit der diesem übergeordneten Vorstellung einer diskurs­ordnenden épistème vermischt. Die durch die Gesamtheit aller Stellungnahmen indizierten Konfliktbereiche eines Feldes determinieren die Zugehörigkeit zu einer Epoche, wobei sich das Feld der Stellungnahmen als netzartiger Korrelationsraum und Bezugssystem präsentiert. Wenn auch grundsätzlich vergleichbar mit Foucaults Vorstellung der Positivität von Aussagen innerhalb einer diskursiven Formation, wird bei Bourdieu allerdings nicht die Bedingung von Aussagen in Form eines historischen Apriori fokussiert, sondern vermittels der Aktivität und Dynamik der zugehörigen Akteure bzw. Autoren und deren feldspezifischer sowie gesellschaftlicher Positionierung. Kombiniert man das diskursanalytische Konzept Foucaults mit dem feldtheoretischen Bourdieus, kann man sagen, dass sich innerhalb des Feldes der Stellungnahmen diskursive Formationen eruieren lassen. Der sich dadurch konstituierende sowohl implizite als auch explizite Kommunikations- und Korrelationsraum determiniert die gemeinsame Zugehörigkeit der Akteure zu einer bestimmten Epoche. Die Stellungnahmen entfalten in ihrer Positivität eine Einheit durch die Zeit hindurch, welche mit Foucault als historisches Apriori bezeichnet werden kann. Obgleich sich die Gruppierung der Stellungnahmen bei beiden Theoretikern unterscheidet, soll in der nachfolgenden Analyse das Prinzip der feldspezifischen Eingrenzung und der diskursiven Formation miteinander verflochten werden. Berücksichtigt werden muss dabei die unterschiedliche Auffassung der Möglichkeitsdynamiken bestimmter Aussagenpositionen im Korrelationssystem, die sich in der praktischen Anwendung jedoch als durchaus vereinbar erweisen. Denn während Foucault unabhängig von den durch Subjekte, Werke, Disziplinen, etc. gegebenen Einheiten aus einem Gesamtdiskurs entsprechend der Korrelation gemeinsamer Diskursgegenstände, -typen und -konzepte diskursive Formationen herausarbeitet, nimmt Bourdieu eine feldspezifische Eingrenzung von Stellungnahmen vor, die homolog zu den zugehörigen Akteuren deutbar wird. Der Raum der Möglichkeiten wird bei Bourdieu daher durch die einzelnen Akteure selbst erweitert und steht daher im Modus der Potentialität, wohingegen bei Foucault der Aussagenpositivität durch ihr charakteristisches Merkmal als Ereignis ein Möglichkeitspotential zukommt. Was bei Bourdieu sozialpragmatisch als subjektbezogene Möglichkeit reguliert ist, muss bei Foucault transzendent als objektive Möglichkeit beschrieben werden.35 Foucaults Fokussierung (positiv) realisierter Aussagen impliziert gleichsam die Negativpositionen, nämlich jene nicht realisierten Aussagen, welche einen Bereich des Unsagbaren beschreiben. Die Trennung zwischen dem zu einem gegebenen Zeitpunkt Sagbaren und Unsagbaren lässt sich alleine durch die regulierende Instanz des Archivs in seiner Funktion als „loi de ce qui peut être dit“36, als „système qui régit l’apparition des énoncés comme événements singuliers“37, kurzum als System der Aussagbarkeit erklären. Als „repository of the historical a priori of a given period which conditions the practices of exclusion and inclusion that are ingredient in all social exchange“38, so Flynn, kommt dem Archiv eine rein strategische oder strukturelle Funktion zu. Es aktiviert keine Aussagenmöglichkeiten, sondern ermöglicht aus einer zeitlich von der diskursiven Realisierung abgehobenen Perspektive die Beschreibung von nicht mehr der Aktualität zugehörigen Diskursen. Dynamiken werden folglich nicht geschaffen, sondern anhand der Beschreibung von diskursiv realisierten Brüchen und Zäsuren sichtbar gemacht. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie sich die beiden theoretischen Ansätze in der themenspezifischen praktischen Anwendung zusammenfügen und für die Analyse nutzbringend auswerten lassen.

1.1.3 Prämissen der methodischen Anwendung: Die feldspezifische Positionierung von Jean Genet und die Bedeutung des revolutionären Diskurses

Die beiden unterschiedlichen Konzepte des Möglichkeitsfeldes finden bei Foucault und Bourdieu in der Vorstellung eines aussagenspezifischen Korrelationsraums eine Schnittmenge, die den Ausgangspunkt für die sich anschließende Analyse formen soll. Die textuelle Grundlage bildet ein Korpus politischer, teils journalistischer, teils literarischer, Schriften Jean Genets, sodass sich die Untersuchung um eine Autorenpersönlichkeit innerhalb der gesellschaftspolitisch ereignisreichen Jahrzehnte der 1960er und 1970er Jahre zentriert.

Anhand seiner zwischen 1968 und 1983 entstandenen Texte soll ein historisch determiniertes Aussagensystem herausgearbeitet werden, das auf der Basis textueller Interdependenzbeziehungen in Erscheinung tritt. Trotz dieser Autorenzentrierung, welche den diskursanalytischen Prämissen entgegenläuft und daher einen flexiblen Umgang erfordert, können Foucaults Bestimmungskriterien nutzbar gemacht werden: Gemeinsame Diskursobjekte, -konzepte und -typen repräsentieren wichtige Marker einer diskursiven Einheit. Die historische Situierung von Genets Stellungnahmen erfolgt durch das Erfassen von Interdependenzverhältnissen sowohl auf der personalen, als auch auf der textuellen Ebene. Die interpersonalen Relationen ergeben sich aus dem zeithistorischen und biographischen Kontext und determinieren auch die textuellen Referenzen. So werden in einem ersten Schritt beispielsweise ausgewählte, in konkreten, zeitpolitischen Situationen entstandene Schriften Genets mit vor demselben historischen Hintergrund verfassten Texten Michel Foucaults und Jean-Paul Sartres einerseits sowie solchen Allen Ginsbergs und William S. Burroughs’ andererseits kontrastiert. Der so abgesteckte Kommunikationsraum zwischen den Autoren soll in Analogie zu Bourdieus Konzept feldspezifisch strukturiert werden. Genets politische Positionsnahmen werden daher in einem ersten Teil im intellektuellen Feld in Frankreich und in einem zweiten Teil im gegenkulturellen Feld in den USA situiert. Insbesondere jener Aspekt aus Bourdieus Feldanalyse, wonach stets der Einzelpersönlichkeit ein feldspezifischer Distinktionswert zuerkannt und der Bereich der Stellungnahmen in Homologie zu den Einzelpositionen betrachtet wird, erweist sich in Hinblick auf die so komplexe und schillernde Autorenpersönlichkeit eines Jean Genet als gewinnbringend. Wie die Analyse aufzeigt, kennzeichnet sich seine Positionierung in beiden Feldern tatsächlich durch eine ostentative und strategische Desertion.

Genet betritt die politische Bühne Frankreichs erstmals während der studentischen Unruhen im Mai 1968, erwehrt sich jedoch von Beginn an einer öffentlichen Funktionalisierung seiner Persönlichkeit für bestimmte politische Zielsetzungen. Obgleich er sich im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen bewusst von seinem literarischen Werk distanziert, beansprucht er auch weiterhin die Denomination als Poet für sich, die ihm gegenüber Sartre und Foucault als Differenzierungsmodell dient. So berichtet Edmund White in seiner monumentalen Biographie, dass Genet die Publikation eines zeitkritischen Artikels mit den Worten verweigert:

I don’t want to publish anything about France. I don’t want to be an intellectual. If I publish something about France, I’ll strike a pose as intellectual. I am a poet. For me to defend the Panthers and the Palestinians fits in with my function as a poet. If I write about the French question I enter the political field in France – I don’t want that.1

Genets Sonderweg spiegelt sich entsprechend in seinen zwischen 1968 und 1983 publizierten, aber auch unveröffentlichten Texten und Werken wider, die von diesem essentiellen Spannungsverhältnis zwischen einem rein poetischen Anspruch und der politischen Intentionalität zeugen, wodurch die ohnehin komplizierte Verortung seines Werks erschwert wird. Innerhalb der Untersuchung seiner Position im intellektuellen Feld wird die offensive Abkehr von etablierten intellektuellen Modellen problematisiert, welche in seinem Verhältnis zu Sartre und Foucault erkennbar wird. So betont Sylvain Dreyer beispielsweise die bewusst auf Dissens angelegte Verteidigung der palästinensischen Zielsetzungen und das in ihr zum Ausdruck gebrachte problematische Verhältnis zu Sartres Persönlichkeit sowie zu seinem Konzept des Engagements: „La question palestinienne semble attirer l’écrivain d’abord par sa puissance de dissensus. Il est permis de penser qu’elle constitue notamment l’occasion de rompre avec son mentor Sartre, en soldant une relation complexe et ambivalente […].“2 Darüber hinaus muss auch dem Bedeutungswandel der gesellschaftlichen Funktion des Intellektuellen insgesamt Rechnung getragen werden. Die sich ab Mitte der 1960er Jahre abzeichnende Krise des französischen Universitätswesens manifestiert sich in einem allgemeinem Infragestellen etablierter Autoritäten, darunter der Lehrenden und der universitären Intellektuellen, erklärt aber die Eskalation der studentischen Protestbewegung im Mai 1968 nicht hinreichend.3 Das spontane Aufbegehren stellt den Kulminationspunkt eines unterschiedliche weltpolitische Geschehnisse umfassenden gesellschaftlichen Umbruchs dar. Die in ihrer Vehemenz überraschenden Proteste drängen die französischen Intellektuellen nicht nur zu einer Positionierung, sondern auch zu einer Beleuchtung ihrer eigenen Rolle und Funktion innerhalb der Protestbewegung. Die Intervention der Intellektuellen lässt sich daher mit Ory/Sirinelli über den soziokulturellen Wandel der französischen Gesellschaft deuten, der sich wiederum auf diskursiver Ebene in den Stellungnahmen einzelner Intellektueller niederschlägt.4 So beschreiben Ory/Sirinelli die veränderte Haltung der Intellektuellen am Beispiel Sartres,5 der 1970 die ‚Auflösung‘ des Intellektuellen als Verteidiger universeller Werte und die Hinwendung zum ‚konkreten Universellen‘, d.h. einer Überwindung des intellektuellen Separatismus, postuliert.6 Der Wandel des intellektuellen Feldes zeichnet sich aber auch insbesondere durch das Auftreten Michel Foucaults ab, der mit seinem Konzept des spezifischen Intellektuellen dem in der Figur Jean-Paul Sartres verkörperten moralischen Universalitätsanspruch das Prinzip des intellektuellen Expertentums entgegenstellt. Es lassen sich folglich unterschiedliche intellektuelle Handlungsentwürfe identifizieren, welche als feldspezifische Orientierungspunkte fungieren. Die Gegenüberstellung von Genet, Sartre und Foucault lässt sich auch durch die Solidarisierung dieser drei Akteure in gemeinsamen Projekten und Aktionen rechtfertigen. Ihre Interventionen beispielsweise im Rahmen unterschiedlicher Strafprozesse gegen politische Dissidenten beruhen auf der epochenspezifisch determinierten Kritik an der Rechtsstaatlichkeit und lassen sich wiederum zu einer diskursiven Formation gruppieren. Sie bedienen vor dem Hintergrund der Übertragung von strafrechtlichen Problemstellungen in den öffentlichen Diskussionsraum den fundamentalen Topos des intellektuellen Engagements, der in Frankreich bis zu Voltaires öffentlichen Stellungnahmen zu bestimmten Prozessen, wie etwa der Affäre Jean Calas im 18. Jahrhundert, zurückreicht und auch vor allem in der Dreyfus-Affäre als Geburtsstunde des Intellektuellen verankert ist.7

Jean Genets Verortung im gegenkulturellen Feld in den USA, das aus dem Anspruch erwächst, ein alternatives Wertesystem zu begründen, lässt sich als ambivalent beschreiben. Auf politischer Ebene kann seine Haltung durch eine grundsätzlich dissoziative Position charakterisiert werden, insofern er die politische Axiomatik seines öffentlichen Engagements für die Black Panthers negiert und eine Typisierung als Revolutionär zurückweist. Indem er aber seine poetische Entpflichtung unter Bezugnahme auf den Existenzentwurf des Vagabunden begründet, bedient er damit zugleich einen gegenkulturellen Topos, der seine Bezugsgrößen in den amerikanischen Autoren der Beat Generation hat. Wie jene wird Genet als Vordenker und Akteur der Gegenkultur wahrgenommen. Im Unterschied zu seinem dissensuellen Verhältnis zu den französischen Intellektuellen verbindet Genet und die amerikanischen Autoren Allen Ginsberg und William S. Burroughs das literarische Schaffen, wie auch Véronique Lane hervorhebt: „De tous les leaders de mouvements révolutionnaires qu’il [Genet, S.I.] ait connus (Fraction armée rouge, Black Panthers, Palestiniens), Burroughs et Ginsberg sont en effet, les seuls ‚littéraires‘.“8 Dieser kreative Berührungspunkt determiniert auch die gemeinsame Berichterstattung über den demokratischen Parteitag in Chicago im August 1968, welche prototypisch die besondere Problematik der poetischen Codierung innerhalb der dem Wesen nach der objektiven Sachlichkeit verschriebenen journalistischen Texte bei Genet abbildet. Im textuellen Bezugssystem zwischen Genet, Ginsberg und Burroughs kristallisiert sich maßgeblich eine antiamerikanische und antiwestliche Kritik heraus, die als diskursive Formation repräsentativ für das gegenkulturelle Feld ist, insofern sich dieses nämlich in Opposition zur normativen Kultur der amerikanischen Gesellschaft definiert. Gemeinsamer Diskursgegenstand ist dabei vor allem der Vietnamkrieg, der als Ausdruck der amerikanischen Gesellschaft verstanden wird und als Vehikel dient, um deren Ablehnung zu manifestieren.

Genets feldspezifische Positionierung wird folglich sowohl im Kontext der historischen Entwicklungen, als auch im Verhältnis zu anderen politisch aktiven Persönlichkeiten vorgenommen. Deren vor dem Hintergrund der weltweiten Proteste – gegen beispielsweise den Vietnamkrieg, den Imperialismus, den Kapitalismus, soziale Missstände und freiheitsunterdrückende Machtinstitutionen – hervorgebrachte Stellungnahmen bilden ein gemeinsames epochenspezifisches, textuelles Referenzsystem. Was hier als revolutionärer Diskurs bezeichnet werden soll, lässt sich folglich über die zeithistorisch bedingten Problemstellungen eines spezifischen Feldes der Stellungnahmen definieren und differenziert sich in unterschiedliche Teildiskurse mit charakteristischen Diskursgegenständen aus, wie etwa die Kritik an der Rechtsstaatlichkeit, die antiamerikanische Kritik oder die Diskussion einzelner Interventionsformen. Es muss jedoch betont werden, dass dieser revolutionäre Diskurs nicht mit einem Revolutionspostulat gleichgesetzt werden darf.

Hinsichtlich der Analyse der Texte soll grundsätzlich keine Abkoppelung vom jeweiligen Autor stattfinden. Einzelne Positionsnahmen können interreferentiell als positiv oder negativ rekurrierbare Problemstellungen fungieren. Berücksichtigt werden muss dabei auch die Transformierbarkeit des revolutionären Diskurses, der beispielsweise zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Genets Artikel über die Rote Armee Fraktion 1977 aus rezeptionskritischer Perspektive manifest wird. Es soll daran gezeigt werden, wie die für die in den frühen 1970er Jahren typische Argumentationsstruktur einer Kritik an den machtstaatlichen Institutionen unter Bezugnahme auf das Gewaltkonzept in den Bereich des Unsagbaren absinkt und somit eine gesellschaftliche Umkehr indiziert wird. Somit wird die Dynamik des diskursiven Wandels sowohl durch Bourdieus Prinzip einer subjektbezogenen Möglichkeit beschrieben, insofern sich der feldspezifisch abgegrenzte Kommunikationsraum als Möglichkeitsfeld durch die Stellungnahmen einzelner Akteure durchgliedert und transformiert, als auch durch Foucaults Konzept der objektiven Möglichkeit, welches die historischen Brüche und Diskontinuitäten epistemologisch aufzeigt.

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