Kitabı oku: «Lords of the Left-Hand Path», sayfa 8
Pythagoras und der linkshändige Pfad
Es heißt, dass die Lehren des griechischen Philosophen Pythagoras (ca. 582 - 507 v.u. Z.) aus einem breiten Spektrum von Quellen schöpfen – sowohl Ägypten, Chaldäa (Babylon) als auch Hyperborea (der äußerste Norden).13 Dennoch kann nahezu alles, was Pythagoras als Hauptlehre zugeschrieben wird, aus der hellenischen Geisteswelt oder deren indoeuropäischen Entsprechungen abgeleitet werden. Auch wenn Pythagoras tatsächlich weit gereist sein und in den entlegensten Zentren esoterischen Wissens gelernt haben mag, erscheint es sehr wahrscheinlich, dass er das, was er dort erfahren hat, nach einer spezifisch hellenischen Methodik zusammengefasst hat. Die meisten der pythagoreischen Grundannahmen über Ursprung und Bestimmung der menschlichen Seele sind von den orphischen Mysterien abgeleitet. Pythagoras und seine Schüler transformierten die Verfahrensweise des Initiationsprozesses von einer äußerlichen, erfahrungsbezogenen zu einer inneren, philosophischen Methodologie. Platon sollte diese hellenische philosophische Tradition noch verfeinern.
Pythagoras machte aus der Philosophie eine „ganzheitliche Wissenschaft“ mit einem allgemeinen Existenzverständnis. Er verkündete, dass die Zahl die „Wurzel“ oder das Prinzip (gr. archê) aller Dinge sei. Doch standen Zahlen in seiner Philosophie eher für Qualitäten statt für Quantitäten,14 weshalb seine scheinbar quantitative Forschung als eine qualitative verstanden wurde. Die Mathematik enthüllte eine verborgene Wirklichkeit, die hinter dem Schleier der Erscheinungen lag. Für Pythagoras bedeutete das Verstehen der Verbindungen und Harmonien zwischen Zahlen das Verständnis der Harmonien unter den Dingen an sich.
Die Merkmale des linkshändigen Pfades sind im Pythagoreismus eher implizit als explizit. Pythagoras war primär an der Erkenntnis der Grundlagen universaler Harmonie interessiert: daran, wie alle Dinge sich so herrlich zusammenfügen, sowie an der Entdeckung der „Sphärenmusik“.
Platon und der linkshändige Pfad
Obwohl Platon selbst nie für sich in Anspruch genommen hätte, ein eigenes philosophisches System erdacht zu haben, da er alles wahre Wissen auf eine „Rückerinnerung“ (gr. anamnesis) an Inhalte, die in der Seele angelegt sind zurückführte, kann man von ihm sagen, dass er die größte und wirkmächtigste Ausgestaltung und Systematisierung der idealistischen Philosophie vorgelegt hat. Platon bediente sich souverän einer breiten Vielfalt von Quellen, insbesondere der hellenischen Mysterien und des Pythagoreismus, doch er tat dies mit einer nie zuvor da gewesenen Klarheit und Sachlichkeit.
Es wäre nicht richtig, Platons Idealismus als den Ursprung der Philosophie zu betrachten. Er ist das Ergebnis eines jahrtausendelangen Prozesses überlieferter Spekulationen und intellektueller Forschungen, der mit dem Morgendämmern der indoeuropäischen Kultur ihren Anfang nahmen. Unter allen Sprachen der Welt kennen nur die indoeuropäische und die von ihr abgeleiteten Sprachen die wahre Bedeutung des Verbs „sein“ im Sinne von „existieren“. Ursprünglich gab es mindestens zwei indoeuropäische Verben, um das „Sein“ zu beschreiben: Eines davon bedeutete „sein“ im Sinne einer Prädikation, zum Beispiel in einer beschreibenden Aussage wie „der Stuhl ist rot“. Mit dem anderen Verb war „sein“ im Sinne von Existenz gemeint, wie in dem berühmten Ausspruch: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ In der indoeuropäischen Ursprache waren das die Verben *bheu- (für die Prädikation) und *wes- (existieren).15 Im Altenglischen drückte sich diese Unterscheidung entsprechend in den Verben beon und wesan aus. Mit dem – durch das Einströmen mittelöstlichen, von den Kirchen propagierten Gedankengutes herbeigeführten – Untergang der eingeborenen indoeuropäischen Denkweise fielen die beiden Verben zu einem zusammen. Dieser sprachliche Prozess wird „Suppletion“ genannt, und darum ist die Bedeutung des Verbs „to be“ im Englischen so uneinheitlich: weil es von einem Gemisch unterschiedlicher Wortstämme abgeleitet ist.
Was hat dies alles mit Platon oder dem linkshändigen Pfad zu tun? Das ist nicht schwer zu erkennen: Platons Philosophie ist ein Versuch, Sein (im Sinne der Existenz) zu definieren und ein Lehrsystem zu entwickeln, damit andere wissen, was existiert – was in ihnen selbst und im Kosmos wirklich ist.
Obwohl alle Werke Platons im Wesentlichen auf die seelische Entwicklung ausgerichtet sind, geben viele auch praktische Anleitungen. Aus einem modernen Blickwinkel betrachtet, wäre das vorrangigste Verdienst von Platons praktischer Philosophie politischer, nicht religiöser Natur, weil die Philosophenkönige, die sein System gleichsam repräsentieren, ihre Kenntnisse charakteristischerweise erst auf eine praktische, gesellschaftspolitische Weise anwenden. Was diesen Punkt seiner Philosophie betrifft, greift Platon auf einige sehr elementare indoeuropäische Denkansätze und Strukturen zurück. Wie auf dem altertümlichen Fundament seiner Kultur wurde die irdische gesellschaftspolitische Ordnung als ein Spiegelbild der entsprechenden Strukturen in der Götterwelt betrachtet. In Politeia legt Platon seinen Wunsch dar, eine politische Struktur (wieder)einzusetzen, die auf indoeuropäischen Prinzipien basiert:
Abb. 3.2. Platonisches System der gesellschaftlichen Funktionen
Doch Platon ging es nicht darum, zu archaischen Gesellschaftsmodellen um ihrer selbst willen zurückzukehren, sondern vielmehr darum, die philosophische Grundlage, die Form und die Prinzipien, auf denen diese Strukturen beruhten, zu begreifen und neu zu verstehen. Wie T.S. Eliot es in Teil V seines Gedichtes „Little Gidding“ ausdrückte:
We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be to arrive where we started
And know the place for the first time.16
[Wir sollten nicht von der Forschung lassen,
Und das Ziel all unser Forschungen
Wird kommen, wo wir begonnen haben,
Und wir werden erstmals den Ort verstehen.]
Platons neue Schule nahe Athen, die Akademie, sollte ein Ort sein, an dem ausgewählte Schüler so weit wie möglich der rechte Glauben, das rationale Denken und letztendlich die Fähigkeit vermittelt werden sollte, die ursprünglichen Formen (gr. eidos) und Prinzipien rational zu erkennen und damit zu verstehen, welche die Quellen aller Dinge oder Phänomene auf der Welt sind. Um dies zu erreichen, erdachte Platon ein Ausbildungssystem, das von einem besonderen Verständnis der Seele (Psychologie) ausging, sowie Theorien darüber enthielt, wie diese Seele (oder die Seelen) zu ihrem Wissen gelangen. In vielerlei Hinsicht ist Platons Philosophie eine Ausarbeitung (und in einigen Fällen eine Simplifizierung) der traditionellen Psychologie der indoeuropäischen Völker.17 Abbildung 3.3 zeigt die platonische Skala der Erkenntnis.

Abb. 3.3. Platonische Skala der Erkenntnis
In diesem Schema kann sich der Schüler oder Initiand aus dem Reich völlig subjektiver Vermutungen – der Objekte, die nur Schatten sind und nicht real – in das Reich des rechten Glaubens bewegen, das auf etablierten Traditionen und „gesundem Menschenverstand“ gründet. Dieses ist für die meisten Menschen die höchste Erkenntnisebene, und sie zu erreichen, ist eine beachtliche Leistung. Darüber hinaus gibt es jedoch noch eine rationale Denkweise (dianoia) oder logisches, auf Mathematik aufbauendes Denken. Hier wird der Einfluss der pythagoreischen Schule auf die platonische Synthese besonders deutlich. Sowohl die quantitativen als auch die qualitativen Aspekte können hier untersucht werden. Doch dieses „dianetische“ Denken ist nicht der Gipfel der Erkenntnis. Vielleicht halten die modernen, etablierten „Akademiker“ (eine unglückliche etymologische Entwicklung, die Platon so mit Sicherheit nicht begrüßt hätte!) es für besonders wünschenswert, das Wissen zu quantifizieren – etwas zu „wissen“ wird damit gleichgesetzt, es mit Zahlen zu versehen. Dies ist ein Aspekt der Dianoia, doch ist es lediglich ein Mittel, das einem höheren Ziel dient. Dieses höhere Ziel ist in den heutigen „Akademien“ nahezu in Vergessenheit geraten. Logische Schulung ist in Wirklichkeit eine Vorbereitung der Noesis (Wahrnehmung, Erkenntnis), durch die der Eingeweihte in der Lage ist, die wirklichen Prinzipien im Bereich der Ideen zu verstehen. An diesem Punkt wird der Eingeweihte einem Philosophenkönig (oder einer -königin!) gleich.
Platons System, wie es die Neuplatoniker kodifiziert hatten, liegt den meisten gängigen westlichen Einweihungs- und Okkultsystemen zugrunde, doch da die Quelle oft absichtlich verschleiert wurde, sind die eigentlichen Wurzeln manchmal schwer aufzudecken. Man mag noch fragen, welcher Natur die Verbindung zwischen dem Platonismus und dem philosophisch verstandenen linkshändigen Pfad ist. Die ursprünglichen Wurzeln dieser Lehre liegen in den Mysterien. Die einfache Antwort: Platon lehrte ein auf der Vernunft basierendes System, mit dem der Status einer lebenden „Gottheit“ erlangt werden sollte: des Philosophenkönigs. Dieser ist im Grunde das Äquivalent zum Jivanmukti in der indischen Philosophie.
Platon kam zu einer rationalen und noetischen Methode, den gottgleichen Zustand zu erlangen, der zuvor in den Mysterien nur durch dramatische Initiationserlebnisse, Reinigungsrituale und physische Askese erreicht wurde. Der Idealismus und die noetischen Methoden des Platonismus sollten in der Geschichte der westlichen Initiationssysteme die Grundstruktur bilden, die durch alle Arten initiatorischer, philosophischer und magischer Techniken der Antike erweitert und ergänzt wird. Diese Synthese wird (vom zweiten Jahrhundert u. Z. an) den Neuplatonismus hervorbringen und sich in vielen verschiedenen Einweihungsschulen, wie beispielsweise dem der Kabbala,18 dem Sufismus19 und ebenso dem christlichen Mystizismus niederschlagen.20
Die meisten dieser Schulen – wenn nicht alle – entwickelten den platonischen Idealismus in Richtung eines Mystizismus des rechtshändigen Pfades. Ihr Ziel ist nicht, den Intellekt des Individuums auf eine gottgleiche Ebene oder auf die des Guten (Agathôn) zu erheben, sondern die völlige Auflösung des Individuums im Wesen des Einen.
Die eigentlichen Ziele Platons wurden von Michael Aquino vom Temple of Set vielleicht am tiefsinnigsten wiederbelebt (siehe Kap. 10), der sie in einen magischen Kontext versetzt und seine Anlehnung an Platon offen bekennt.
Die epikureische und die stoische Schule
Der Epikureismus und die Stoa sind zwei philosophische Denkrichtungen, die ihre Ursprünge zwar im Griechenland des vierten Jahrhunderts v.u. Z. haben, deren Einflüsse aber bis in unsere Gegenwart reichen, da in ihnen allgemeingültige Kategorien zum Ausdruck kommen.
Epikur (341 - 270 v.u. Z.) gründete eine Denkschule, die überwiegend auf den Atomtheorien basiert, die Demokrit ein Jahrhundert zuvor postulierte. Nach dem griechischen Atomismus besteht alles – das, was wir als Seele oder Geist bezeichnen, eingeschlossen – aus Atomen: Partikeln, die so klein sind, dass sie sich nicht teilen lassen. Für den Epikureer löst sich die menschliche Seele, wie auch der Körper, nach dem Tode in eine undifferenzierte Natur auf. Alles ist materiell. Doch kann die verfeinerte Substanz der Seele oder des Intellekts einem Menschen bei der Erlangung des glückseligen Zustandes, der Ataraxia genannt wird, behilflich sein: „Unbeirrbarkeit“ oder „Gelassenheit“. Da Freude oder Schmerz einzig über die Sinne Zugang zu Geist oder Seele finden können, muss der Epikureer die Qualität seiner sinnlichen Erfahrungen kontrollieren können, um Ataraxia zu erreichen. Er oder sie vermeidet Schmerz und maximiert die Freuden. Das äußere Leben muss mit der idealen Qualität der Erfahrungen in Einklang gebracht werden.21
Der Stoiker strebt ebenfalls Ataraxia an, doch er beschreitet dazu andere Wege. „Stoa“ wird eine Schule von Philosophen genannt, die sich im vierten Jahrhundert v.u. Z. regelmäßig in der Stoa (Säulenhalle) auf dem Marktplatz in Athen getroffen haben. Der Stoiker behauptet, dass die Seele getrennt vom Körper existiere. Die Seele oder Psyche kontrolliert die Sinnesreize, daher wird Ataraxia nicht durch Kontrolle der äußeren Reize erreicht, sondern durch den Geist und die Art und Weise, wie er auf diese Reize reagiert. Der Stoiker richtet sein oder ihr inneres Leben nach einem idealen Seinszustand aus. Äußere Ereignisse werden irrelevant – oder sie werden dazu gemacht. Die Stoiker gehen davon aus, dass die Seele bereits vor der Entstehung des Körpers existiert hat und auch nach dessen Vergehen weiter existieren und „Belohnungen und Strafen“ erfahren wird. In dieser Hinsicht stimmen die Stoiker weitgehend mit anderen Mysterienschulen wie auch mit der platonischen Philosophie überein. Der Stoiker benötigt ein überpersönliches Ideal oder Prinzip, dem er seinen Dienst und seine Loyalität unterstellen kann, damit seine Philosophie sich entfaltet.
Beide philosophische Richtungen waren sowohl im hellenistischen Griechenland als auch im republikanischen und kaiserzeitlichen Rom populär. In den Tagen des Imperiums wurde die Stoa geradezu zur „Staatsphilosophie“. Zwei ihrer bekanntesten Exponenten waren der republikanische Staatsmann Cicero (106 - 43 v.u. Z.) und der Kaiser Marc Aurel (121 - 180 u. Z.).22
Aus unserer Perspektive betrachtet, liefern diese beiden antiken Denkschulen entscheidende Ansätze zum Verständnis des linkshändigen Pfades. Die Epikureer vertreten die Auffassung einer materialistischen, fleischlichen Kosmologie, wie sie auch für die Denkweise des „immanenten Zweiges“ des linkshändigen Pfades von wesentlicher Bedeutung ist, während die Stoiker den platonischen und neuplatonischen Idealismus bis hin zur Vergöttlichung der Toten weiterentwickelt haben.
Der linkshändige Pfad im Norden
Der germanische linkshändige Pfad
Während wichtige Wurzeln des westlichen linkshändigen Pfades sich im Mittelmeerraum aus einer philosophischen, nonkonformen Haltung heraus entwickelten, finden wir die Wurzeln des linkshändigen Pfades in den nördlichen Gefilden im Grunde der etablierten Kultur. Während Zeus/Jupiter, der indoeuropäische Gott von Gesetzes und Ordnung, im Süden herrschte, hatte Odin/Wodan, der Gott der Magie und des Todes, im Norden seine Macht inne. Die Gottheit desselben indoeuropäischen Ursprungs wird bei den Iren „Lugh“ (gesprochen „luh“) und bei den Walisern „Lleu“ (gesprochen „lai“) genannt. „Lugh/Lleu“ bedeutet wörtlich übersetzt „Licht“ – und der gebräuchliche walisische Name Llewellyn bedeutet „Lichtbringer“ (vgl. lat. „Lucifer“).
Wenn wir uns auf die Suche nach der dunklen Seite der nordischen Mythen machen, kommen wir an Odin nicht vorbei. Der Name „Odin“ bedeutet „Herr der Inspiration“.23 Die altnordische Form ist „Óðinn“. Der Schlüssel zu diesem Namen liegt in dem altnordischen Wort óðr, das „dichterische Inspiration“ bedeutet und von der urgermanischen Wurzel wōð- abgeleitet ist, was „Wut“ und „Inspiration“ gleichermaßen bedeutet. Der altnordische Name „Óðinn“ ist identisch mit dem altenglischen „Woden“ (es ist eine sprachliche Regel im Altnordischen, vor bestimmten Vokalen den Anfangsbuchstaben „W“ wegzulassen). Dies ist ein ausgesprochen „psychischer“ Gott, da sein Name und seine Funktion sich auf essentiell seelenbezogene oder psychologische Kräfte und Fähigkeiten beziehen. Häufig wird er als ein düsterer Gott der Intrigen und mysteriösen Ränke beschrieben.
Odins maßgebliche Rolle bei der Gestaltung der Welt und der Entstehung der Menschheit ist in der nordischen Mythologie klar umrissen. Mit seinen beiden Brüdern Vili (Wille) und Vé (Heiligtum) zusammen (die eigentlich Seinsstufen seiner selbst sind) vollbringt Odin das erste Opfer mit der Tötung des Riesen Ymir, aus dessen Körperteilen sie den materiellen Kosmos formen. Um universelles Wissen zu erlangen, gibt (opfert) sich Odin „sich selbst“ und empfängt die Runen, Symbole gegliederten universellen Wissens.24 Diese Runen teilt er mit bestimmten Menschen. Ferner opfert Odin eines seiner Augen – das darauf in Mimirs Brunnen (dem Brunnen der Erinnerung) versinkt –, um die seherische Gabe zu erlangen, die der Brunnen jenen zuteil werden lässt, die aus ihm trinken.25 Er (und mit ihm jeder seiner beiden anderen Aspekte) beschenkt die Menschen mit dreifachen spirituellen Qualitäten, die sie von da an mit den Göttern teilen.26 Was das Teilen des göttlichen Bewusstseins und der Runen mit den Menschen betrifft, ähnelt Odin sehr dem Prometheus der hellenischen Mythologie. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass Odin mit seinem Handeln nicht gegen ein herrschendes Gesetz verstößt.
In Gestalt von Rig („König“) zeugt er mit drei verschiedenen Menschenfrauen die drei gesellschaftlichen Klassen: Bauern, Krieger und Könige.27 So ist er nicht nur für die seelischen Strukturen der Menschen verantwortlich, sondern ebenso für die gesellschaftlichen Strukturen – beide spiegeln die göttliche Ordnung wider. Aus diesem Grunde wird Odin auch Alfaðir oder Alföðr (Allvater) genannt. In der Gestalt des Bölverkr (Übeltäter) beschafft er den Göttern und den Menschen durch eine List den Skaldenmet der Inspiration.
Selbst in vorchristlicher Zeit hatte Odin bereits etwas „Düsteres“ an sich oder einen gefährlichen Ruf. Dies hat vielerlei Gründe, doch der Hauptgrund für seinen Ruf scheint, dass er in Dinge vertieft ist, die für Menschen nur schwer begreiflich sind und die sie deshalb fürchten und vor denen sie zurückschrecken. Dennoch gilt Odin als höchster Gott der germanischen Welt vom angelsächsischen England bis nach Deutschland und von Island bis Schweden. Zu seinem düsteren Ruf trägt auch bei, dass er in seinem Streben nach Wissen und Macht die zwei – ethisch betrachtet – größten Verbrechen beging: Um die Weltordnung zu errrichten, tötete er einen Verwandten (dieses Verbrechen hat er mit dem griechisch-römischen Zeus-Jupiter gemeinsam), und um den Skaldenmet zurückzuerlangen, bricht er einen Eid. Diese und andere Taten lassen Odin den meisten Menschen unzuverlässig erscheinen.
In der alten germanischen Überlieferung ist Odin beides: der Herr des Lichtes und der Fürst der Dunkelheit. Er ist der Gott der Elite und des Adels, daher der Gott des Königtums und der Herrschaft. Er ist der Vater der Magie und der Kraft, zu erschaffen und zu zerstören. Er ist der Gott der Dichtkunst: der Gott der Formulierungskunst und der Kodifizierung des Wissens. Sowohl seine magische Kraft als auch seine „gnostischen“ Formeln verkörpern sich in den Runen („Mysterien“). Schließlich ist er noch der Gott der Toten, der über den Tod gebietet, wie seine Herrschaft über alle Transformationsprozesse zeigt. Es sollte noch angemerkt werden, dass der keltische Lugh/Lleu nahezu all diese essentiellen Eigenschaften mit seinem germanischen Pendant teilt.28
Die Geschichte der Bekehrung der germanischen Stämme zum Christentum ist für das bessere Verständnis der späteren Entwicklungen in der germanischen Welt und unter den Nachkommen dieser Stämme in Richtung des linkshändigen Pfades bedeutsam.
Unter den germanischen Völkern, die als erste zum Christentum konvertierten, waren einige gotische Stämme, die der theologischen Schule des Arianismus anhingen. Der Arianismus ist nach Arius von Alexandria, einem Priester aus dem vierten Jahrhundert, benannt. Arius war der Meinung, dass der Sohn vom Vater erschaffen wurde und daher nicht mit ihm identisch sei. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Goten ihr eigenes, spezifisch germanisches Christentum entwickelt hatten, denn alle germanischen Stämme, die zum neuen Glauben übertraten, konvertierten gleichermaßen zu dieser „gotischen Kirche“. Die Goten trennten ihre Religion und ihr Volk von der römischen Kirche und den römischen Bürgern ab. Diese Art nationaler Selbstbestimmung ist jedoch dem universalistischen, imperialistischen römischen (katholischen) Geist ein Gräuel. Die gotische Form des Christentums ist durch den Willen gekennzeichnet, biblische Texte in der allgemein gebräuchlichen Sprache zugänglich zu machen (der gotische Bischof Wulfila übersetzte die Bibel um 350 u. Z.), weiterhin durch die Einbeziehung des Volkes in die Liturgie (die römischen Christen verachteten die gotische Praxis, traditionelle Volkslieder mit religiösen Texten umzuschreiben), durch den Glauben daran, dass der Mensch grundsätzlich frei von der Erbsünde geboren wird und Erlösung durch eigene gute Taten erlangt, und dadurch, dass Jesus ein Mensch war, der einen gottgleichen Status erreicht hat und anderen als Beispiel voranging, auf dass sie ihm folgen mögen. Wenn man diese Lehren mit dem römisch-orthodoxen System vergleicht, das weiter unten behandelt wird, sind die Unterschiede offensichtlich. In einer freien Welt – wie sie die germanischen Völker gewohnt waren – wären solche Unterschiede als Normalzustand betrachtet worden, doch der göttliche Plan der römisch-katholischen (= universalen) Kirche fordert: „Ein Gott, eine Kirche, ein Papst!“
Der historische Durchbruch des Universalismus erfolgte im Jahre 496 mit der Konversion des fränkischen („französischen“) Königs Chlodwig (Ludwig/Louis/Clovis) zum römischen Christentum. Chlodwig konvertierte, um von Rom militärische Unterstützung für seine Eroberungspläne in Südfrankreich zu bekommen, das bis dahin von den arianischen Westgoten dominiert wurde. Von da an war der Frankenkönig wichtigster militärischer Erfüllungsgehilfe des Papstes. Die Goten, und mit ihnen anscheinend auch ihr Glaube, wurden schließlich beseitigt, wobei es ein paar geheime Gruppierungen gibt, die behaupten, die gotische Tradition bis heute weiterzuführen. Die esoterischen Aspekte der gotischen Tradition habe ich in meinem Buch The Mysteries of the Goths (2007) aufgezeichnet.
Die Geschichte von der Bekehrung der Deutschen ist gemeinhin blutig. Nach der militärischen Eroberung durch fränkische Könige, die im Auftrag des römischen Papstes handelten, wurden die meisten Bekehrungen unter Todesandrohungen durchgeführt.
Um 597 u. Z. wurde eine römische Mission nach England gesandt, das zu der Zeit ein Bündnis von sieben unabhängigen Königreichen war. Æthelbert, der König von Kent, konvertierte unter dem Einfluss seiner Frau zum römischen Christentum und begann, wenn auch oft nur halbherzig, sowohl militärisch als auch ideologisch gegen die anderen Königreiche Krieg zu führen. Um die Mitte des achten Jahrhunderts war England dann schließlich – zumindest dem Namen nach – christianisiert.
In Skandinavien finden wir verschiedene Szenarien der Bekehrung zum Christentum. Dänemark wurde auf Betreiben der monarchischen Kräfte hin bekehrt, die dadurch ihre Kontrolle über das Land verstärken konnten. Norwegen, damals ein loses Bündnis freier Grundbesitzer, rückte ins Visier von Eroberern wie Olaf Tryggvason, der das ganze Land unter monarchische Kontrolle brachte. Während dieser Vorstöße verließen viele Freie die Region und siedelten auf der zuvor unbewohnten Insel Island. Im Jahre 1000 konvertierte Island friedlich durch ein Parlamentsvotum zum Christentum. Als letzte Region wurde das schwedische Uppland von christlichen Königen erobert, wo 1100 der letzte große Heidentempel von Uppsala niedergebrannt wurde. Doch auch, nachdem die Bekehrung offiziell vollzogen war, hielten sich die vorchristlichen Traditionen noch lange. Hunderte von Jahren existierte in Europa ein ähnlicher religiöser Synkretismus, wie er heute in der Karibik zu finden ist.
Aus der Perspektive des linkshändigen Pfades gesehen, erfuhr die außerordentlich wichtige Gestalt Wotans eine radikale, jedoch voraussehbare, Spaltung seines Persönlichkeitsbildes. Wie all die anderen Götter wurde er nun als Inbegriff des Bösen dargestellt. In manchen Teilen Deutschlands war es verboten, seinen Namen auszusprechen. Aus diesem Grunde wurde der einst nach ihm benannte Wochentag in „Mittwoch“ umbenannt, während Thor (der in Deutschland Donar hieß) den nach ihm benannten Donnerstag behielt. Der ursprüngliche Name des Mittwochs hat in einigen deutschen Dialekten als Wodenestag oder Godensdach überlebt.29 Doch auch nach der Bekehrung behielt Wotan seine Schutzherrschaft über die herrschende Elite. Alle angelsächsischen Könige beriefen sich weiterhin auf ihre Abstammung von Woden,30 und in der englischen Sprache behält er auch seinen Wochentag, Wednesday (Wodenstag).
In der spirituellen Praxis oder der Magie der altertümlichen germanischen Völker verwandelt sich der wotanistische Magier mittels Runenformeln in ein gottgleiches Wesen, entsprechend den charakteristischen Merkmalen des Gottes Wotan. In diesem transformierten Zustand setzt er – wieder, indem er die heiligen Runen anwendet, die sein Schutzgott Wotan erstmals empfing – seinen Willen über das Weltgefüge. In der ältesten Periode nannten sich diese Magier Heruler. Diese Stammesbezeichnung scheint zum Synonym für jene Runenmeister geworden zu sein, die durch ihre Fähigkeiten zu einem den Göttern ähnlichen Status „aufgestiegen“ sind.31
Wotans Vorbild eines beharrlich brütenden, unermüdlichen Suchers nach Wissen und Macht weist archetypisch bereits auf den frühmoderne Mythos von Doktor Faustus voraus, der auf seiner Suche nach diesen Qualitäten alle Hürden überwindet.
Was bezüglich des linkshändigen Pfades im altertümlichen Wotanismus festzuhalten bleibt, ist, dass er eine traditionelle, etablierte Methode der Selbsttransformation nach göttlichem Vorbild anwendete, ohne die Absicht, mit dem Gott zu verschmelzen. Der archaische Wotanismus, der sich letztlich von derselben religiösen Denkströmung ableitet, die wir in ostindoeuropäischen Formen des linkshändigen Pfades vorfinden, war ein Weg, das Selbst göttergleich im Sinne der mythisch-heroischen Vorbilder zu machen, die in den germanischen Überlieferungen gerühmt werden. In diesen religiösen Nährboden wurden die christlichen Vorstellungen eingesetzt – deshalb war das Aufkommen von Ideen des linkshändigen Pfades im kulturellen Kontext zu erwarten. Man bedenke außerdem, dass es der Form des Christentums, wie sie anfangs von den Goten angenommen wurde, selbst nicht an Qualitäten des linkshändigen Pfades mangelte!