Kitabı oku: «Ab 40 wird's einfach nicht schwer», sayfa 13
Sophia – Die Geschichte der guten Einsamkeit
Sophia erwachte, als der Morgen die Dunkelheit der Nacht ablöste. Sanftes Licht kitzelte durch die Vorhänge. Sie blinzelte. Neben Sophia lag ihr Krokodil aus Plüsch. »Guten Morgen«, flüsterte sie und nahm es in den Arm. Ob es richtig war, diesen infantilen Bedürfnissen nachzugehen? Das Bett neben ihr war kalt und leer. Er war gegangen. War er jemals wirklich da gewesen?
Sophias Körper glühte nicht. Ihre Haut fühlte sich kalt an, schal. Sie sah langsam und beinahe ängstlich an sich herab. Hatte ihre Haut nicht bereits einen grauen Schimmer angenommen; die Spuren fehlender Zärtlichkeit und des Alters? Es war doch noch gar nicht so lange her, dass sie den Schmetterlingen hinterhergelaufen war und so lange in die Grashalme gepustet hatte, bis ihr die Luft weggeblieben war. Unbeschwert war sie über Pflastersteine gehüpft, hatte ihrer eigensinnigen Großmutter gebannt zugehört und sich über schlechte Zensuren geärgert.
Was hatte ihr die Zeit angetan? Aber, war sie ihr etwas schuldig?
Die Sonne streichelte ihre Haut, kitzelte sie behutsam und ein wenig neckend an der zierlichen Nase. Sophia stand behäbig auf, ging zum Spiegel, berührte die stummen Zeugen der Bitterkeit, die ihren Mund umgaben. Dunkel schimmernde Ringe unter ihren Augen, die sie seit einem halben Jahr jeden Morgen ertragen musste, waren Indizien für die täglich quälende Ermüdung. Sophias Augen waren matt, trübe und leblos. Sie suchte den alten Glanz, das Leben darin. »Hör auf!«, brüllte sie ihr Spiegelbild an.
Und dann schrie sie haltlos. Sonst war sie nie laut gewesen; sie konnte nicht wütend sein, anderen nicht zeigen, wenn sie verletzt wurde. Erschöpft von ihrem Gefühlsausbruch kauerte sie sich hin, schlang die Arme um ihre Beine und schaukelte ihren Körper beruhigend hin und her. Sie fühlte sich, als säße sie inmitten einer Ruine. Kalte Wände ließen ihren Körper erschauern; sie sahen trist und grau, voller Hass auf sie herab. Sophia fühlte sich allein. Dann vergingen einige Minuten, in denen sie nichts spürte. Sie wrang ihren Schmerz nicht aus, dachte nicht, sondern pendelte nur ihren Körper wie in einer friedlichen Melodie. So hatte ihre Mutter sie einst gewiegt, wenn Sophia geweint hatte. Das war zu einer Zeit gewesen, als ihre Zöpfe noch im Wind sprangen, wenn sie mit den anderen Kindern um die Häuser gelaufen war und Verstecken gespielt hatte.
Endlich kehrte Ruhe in Sophia ein; jene Ruhe, die sie in ihre eigene Welt dringen ließ, welche sie liebevoll lähmte. Sie mochte jetzt nicht aufhören zu träumen.
Was hielt sie an? Die Zeit? Das Leben? Ihr Sein?
Mit einem Ruck sprang sie auf und hüllte sich in einen hellen Kuschelbademantel, der mit ihrer Porzellanhaut zu verschmelzen schien. Der Kaffee dampfte vor sich hin. Das Ticken der Küchenuhr machte ihr bewusst, dass sie wach war.
Ihr sicherer Hafen war die Wohnung. Sehr bewusst hatte sie die Farben gelb und orange als Wandfarben gewählt, um sich mit Frische und Lebendigkeit zu umgeben. Meine Wohnung ist lebendiger als ich, dachte sie, als sie sich später im Schlafzimmer wie jeden Tag prüfend vor dem Spiegel betrachtete. Noch fand sie sich hübsch. Lange dunkelblonde Haare fielen weich über ihre Schultern, schmeichelten ihrem Hals, ihrem Gesicht. Seit einigen Jahren war die Hüfte breiter geworden, die Brüste größer.
Ihr Gesicht dagegen wurde härter, schmaler. Diese ungeliebten Augenringe zeichneten sich deutlich ab. Es waren Fragmente der Zeit, des vergangenen Leides; es waren Spuren eines Lebens, welches zu schnell verging. Kaum hatte sie bemerkt, wie eilig es das Leben zu haben schien, als wolle es sich davonstehlen.
Heute jedoch war ein besonderer Tag, so wunderbar trist und einsam. Die Räume ihrer Zufluchtsstätte wurden weit; Sophia atmete und weinte darin, lachte und sie wuchs über sich hinaus. Sie wollte bei sich bleiben.
Leise, und doch seltsam eindringlich, hörte sie Musik, die eindrucksvollen Klänge der Sehnsüchte und der Freude. Ihre Arme begannen, sich nach oben zu bewegen. Sie glitt mit ihren Händen durch ihr langes Haar, berührte ihre Wangen, ihren Mund, ihre Augen und sang. Ihre Stimme hatte einen sanften Klang. Sie kniete sich auf den Boden, ihr Rücken wölbte sich wie der einer Katze, die auf dem Sprung war. Sie weinte und lachte, fühlte sich selbst und glaubte, sie sei verrückt.
Endlich wartete sie auf nichts mehr. In diesem Moment war sie nur sie selbst. Erschöpft stand sie auf. Ihre Bewegungen waren langsam, als sie lächelnd den Kühlschrank öffnete und einen erfrischenden Schluck Wasser trank. Es rann an ihrem Kinn zu ihrem Hals und hinab zwischen ihre Brüste. Die Kühle erschreckte Sophia zunächst. Dann aber warf sie spontan den Bademantel von sich und begann nackt zu tanzen. Das Haar schlang sich wild um ihren Körper, ihre Brüste bebten nach der unliebsamen Enthaltsamkeit, tanzten Freiheit und die Berührung mit dem Leben.
Ihr fiel das lilafarbene Lieblingskleid ein, das sie schon zwei Jahrzehnte lang besaß und nur zu besonderen Anlässen getragen hatte.
Sie kramte es hektisch aus ihrem Schrank, streifte es sich fast dramatisch über den Kopf, bürstete ihr Haar in derselben Geschwindigkeit und schloss die Wohnungstür hinter sich zu. Es dämmerte schon ein wenig und die Sonne glitt wie eine liebevolle Gefährtin durch die Wolken.
Sophia lief in den Wald zu ihren Lieblingsbäumen, die mit ihr gewachsen waren, seit sie Zöpfe getragen hatte. Sie streckte sich neben ihnen aus wie auf einem seidenen Kissen. Ein Gefühl der Vergänglichkeit, der Freiheit, der Wandelbarkeit überkam sie. Erst dann lief sie weiter, auf dem Weg der guten Einsamkeit.
Frau Schröder hatte ihr sanft über den Kopf gestreichelt.
»Sie machen alles nach Ihrem Rhythmus – es ist Ihr Leben, es sind Ihre Gefühle, als kleines Mädchen oder als erwachsene Frau.«
Nach einer ruhigen und traumlosen Nacht sah Silke aus dem Fenster des Pensionszimmers. Der Regen trommelte ans Fensterglas, auf den Straßen sammelte er sich in großen Pfützen. Am Himmel jagte eine düstere Wolke die nächste. Ein Tag zum Lesen und Ausspannen also. Beim Frühstück in der Pension langten alle mit gutem Hunger am Büfett zu, denn bereits um halb neun Uhr war der Joghurt alle. Die blonde Schönheit war pfiffig und schnell wurde aufgefüllt. Als Silke ihren Kaffee schlürfte, kam sie an ihren Tisch.
»Det war jestern ihr Sohn?«
»Ja«, antwortete Silke.
»Ein janz Hübscher, aber det weiß er sicher.«
Und bei diesem Satz streckte sie ihren Busen demonstrativ raus, als ob Julian noch da wäre. Silke nickte, lächelte gezwungen und kaute an ihrem Brötchen. Neben ihrem Tisch saß ein Ehepaar in ihrem Alter, das sich in einem unschönen Dialog befand. Silke bemühte sich, den Streit möglichst zu überhören, was angesichts der Lautstärke schwierig war. Ob sie sich an einen anderen Tisch setzen sollte? Da schwang so viel aufgestauter Frust aus den Wortfetzen der beiden mit, dass sie sich der bedrückenden Stimmung kaum entziehen konnte. Vor allem störte das laute Gekeife. Kein schöner Tagesbeginn.
»Also wirklich, du bist faul, einfach nur faul«, lamentierte die Frau aus der Sparte »Blumenkohlfrisur« und ihre Wangen zitterten seltsam beim Sprechen.
»Warum denn? Es regnet heute. Da fahre ich nicht nach Berlin rein, um durch Pfützen zu laufen und nichts davon zu haben. Am Ende hole ich mir wieder eine Erkältung. Und dann?«
Die tiefe Stimme des Mannes klang danach, dass er gelernt hatte, sich zu wehren.
»Du hast immer eine Ausrede: zu warm, zu kalt, zu viel Regen, zu weit … Warum sind wir dann überhaupt in den Kurzurlaub gefahren? Da hätten wir auch zu Hause bleiben können!«, warf die Dame ihm mit vollem Mund vor und verschluckte sich. Der wohlerzogene Gatte klopfte ihr hilfreich auf den Rücken. Nachdem der Husten nachgelassen hatte, blieb er noch immer ruhig.
»Weil ich zu Hause von einem Meeting zum nächsten haste, weil ich teilweise sechzehn Stunden täglich arbeite, weil ich auch Mitte fünfzig und kein junger Hüpfer mehr bin; weil ich mich endlich mal nach Ruhe und Erholung sehne und nicht ein Highlight nach dem nächsten brauche, auf Teufel komm raus, verdammt noch mal!«
Im letzten Teil seiner Ansprache wurde seine Stimme leiser, wirkte fast drohend.
»Und ich arbeite nicht?«, schmetterte die Ehefrau ihm entgegen.
»Du arbeitest seit fünfundzwanzig Jahren zwanzig Stunden in der Woche. Den Rest verbringst du in Frisör- und Nagelstudios. Allerdings frage ich oft nach dem Erfolg dieser Ausflüge!«
Der saß. Silke musste nach unten sehen, denn ihr entfloh ein glucksender Ton. Die Situation war zu komisch, aber auch traurig. Was sollte sie nur tun? Sie versuchte, sich einzig und allein auf das Bestreichen der nächsten Brötchenhälfte zu konzentrieren. Kurz blickte sie auf und sah, wie der Herr ihr zuzwinkerte. Seine Gattin befand sich hochroten Kopfes im Vorstadium eines Wutanfalls. Silke überlegte jetzt ernsthaft, sich umzusetzen. Die Frau presste die Lippen aneinander und zischte:
»Dann suche dir doch was Besseres! Denkst du, ich hätte nicht gesehen, wie du der Möchtegernpocahontas zugezwinkert hast? Ha! Du glaubst sowieso, ich wäre blöd, oder? Wie lange vögelst du denn schon deine Assistentin, hm?«
Autsch. Ich bleibe doch lieber single, dachte Silke. Sie schlürfte hingebungsvoll ihren Kaffee weiter und begann, sich ihrer Müslischüssel zu widmen.
»Was ist mit dir nicht in Ordnung? Das frage ich mich allerdings schon länger«, warf der Herr seiner Frau hin.
»Nein, was mit dir nicht in Ordnung ist, das ist die Frage!«
Ein seltsamer Dialog.
»Ich habe dir eine Frage gestellt, die du beantworten solltest.«
»Doch nicht hier, im Frühstücksraum. Wir klären das im Zimmer.«
»Warum? Jetzt ist offenbar der Moment der Wahrheit gekommen!«
Ihre Stimme wurde immer schriller.
»Weil uns Gott und die Welt zuhört. Willst du uns zum Narren machen?«, fauchte er sie an. Daraufhin schwieg sie und sah sich endlich um. Auf der linken Seite ihres Tisches frühstückten gerade zwei junge Männer, gegenüber ein altes Ehepaar. Betroffen sahen sie alle zu ihnen. Die Berliner Schöne stand mit offenem Mund am Tresen. War das ein Bild! Wie in einem Stummfilm, den man auf »Pause« gedrückt hatte. Das reichte der Frau als Beweis, dass sie diesen Dialog im Zimmer weiterführen sollten. Die Streithähne standen wortlos auf und verließen den Raum. Dabei konnte sich die aufgebrachte Frau nicht verkneifen, Silke einen bösen Blick zuzuwerfen. Nach und nach hörte man von den anderen Tischen wieder Geräusche, Klappern von Geschirr, Wortfetzen und vor allem Kichern. Was für ein Start in den Tag!
Sie entschloss sich trotz Regens zu einem Verdauungsspaziergang. Gut, dass sie auch Praktisches in den Koffer gepackt hatte. Mit flachen Stiefeletten und einer Regenjacke bekleidet lief sie in Richtung der bekanntesten und beliebtesten Einkaufsstraße in Steglitz. Sandra hatte ihr von der zweitwichtigsten Einkaufsmeile Berlins, der Schlossstraße, vorgeschwärmt. Also wäre ein solcher Sauwettertag genau richtig dafür. Sie musste nicht weit gehen und schon beim ersten Anblick war sie überwältigt. Auch andere ließen es sich trotz des schlechten Wetters nicht nehmen, hier zu flanieren; ein Geschäft neben dem anderen.
Sie lief am »Turmrestaurant Bierpinsel« vorbei, das nicht mehr betrieben wurde, dann am Lichtspieltheater »Titania-Palast«, in dem jetzt ein modernes Multiplex-Kino sowie mehrere Geschäfte untergebracht waren. Letztendlich endete sie in einem Kaufhaus. Mit zwei Taschen bepackt kehrte sie zufrieden zurück. Als sie in der Pension die Treppe in die erste Etage zu ihrem Zimmer hinaufging, hörte sie, wie hinter ihr die Pensionstür geöffnet wurde. Auf der Treppe überholte sie ausgerechnet der Blumenkohl, dem die Röschen eingefallen waren. Die Dame hat doch nicht etwa ihre Wut im Regen verrauchen lassen? Als sie drei Stufen über ihr stand und damit Silkes Körpergröße übertraf, sah sie abfällig auf die vermeintliche Konkurrentin.
»Na, shoppen gewesen?«, schleuderte die Frau ihr schnippisch entgegen. Silke lächelte die Dame nur liebreizend an und ging ruhig die Treppe nach oben, um in ihr Zimmer zu gelangen. Die Frau schien frustriert zu sein, das wollte sie ihr nicht übel nehmen.
Im Zimmer duschte sie lange und so heiß wie möglich. Ihr war kalt geworden. Und jetzt Zeit für einen Freundinnenplausch. Mal sehen, wer dafür gerade ansprechbar ist. Vergnügt tippte sie:
»Hey, Caro, bin nun schon den zweiten Tag hier. Heute regnet es in Strömen, da mache ich einen Ruhigen. Wie sieht es bei dir so aus?«
»Hey, Sandra, heute war Shoppen dran. Was soll man sonst machen bei dem Sauwetter? Alles okay bei dir?«
Sandra schien wirklich auf ihrem Smartphone zu sitzen, damit sie dessen Vibrieren körperlich spürte.
»Hey, Mausi, was, du? Da warst du ja schon zwei Mal shoppen? Ich glaube es nicht! Du wirst dich noch für Shopping-Queen bei VOX anmelden.« Zwinker-Smiley, Lach-Smiley.
»Ha, ha, never! Mich bekommt niemand in so eine Frauenverdummungssendung und wage es ja nicht, mich irgendwo ungefragt anzumelden!« Zwinker-Smiley.
»Auch nicht in Sendungen wie ›Ein Tisch für zwei‹?« Zungenrausstreck-Smiley.
»Ich würde Dich umbringen!« Wütend-Smiley.
»Weiß ich doch. Und da ich noch bisschen leben will, lass ich es. Sonst noch was?« Kuss-Smiley.
»Wie meinst Du das?« Große-Augen-mach-Smiley.
»Ob Du sonst noch was erlebt hast – natürlich!« Augenroll-Smiley.
»Klar, ich habe einen Ehestreit im Frühstücksraum mitbekommen und die Frau hat mich beleidigt, weil ihr Gatte mir mitten im Streit zuzwinkerte. Das war extrem unangenehm. Muss ich Dir mal in Ruhe erzählen.« Lach-Smiley.
»Oh, oh, das klingt nach Gesprächsstoff für unsere nächste Mädelsrunde. Ich stelle schon mal den Sekt kalt!« Zwei Lach-Smileys.
»Okay, mach das. Bei Dir alles paletti?«
»Na ja, geht so. Hatten gestern den ersten Streit.« Wein-Smiley.
»Hm … Streiten klärt Konflikte, das weißt Du doch.« Kuss-Smiley.
»Auf diese Konfliktklärung hätte ich gern verzichtet.« Kein Smiley.
»Worum ging es denn?«
»Sie hat mit einer anderen geflirtet, und zwar wie mit mir damals in ›Fortunas Licht‹. Ich war stocksauer.« Kotz-Smiley.
»Manche flirten gern, das hat nicht immer was zu sagen.« Umarm-Smiley.
»Schreibst ausgerechnet Du?« Nachdenk-Smiley.
Das stimmte.
»Das war blöd von mir, okay? Aber sie weiß jetzt, dass DU das nicht magst. Akzeptiert sie es?«
»Jein. Aber wir sind immer noch in Gesprächen. Der Versöhnungssex war jedenfalls schon mal toll.« Zwei Herz-Smileys. Jetzt war der Zeitpunkt, sich zu verabschieden.
»Na siehste, wird alles. Wir sehen uns ja bald. Ich gehe jetzt mal unter die Dusche, mir ist kalt.« Kuss-Smiley. Sie hatte gelogen, aber nur für einen guten Zweck. Es war schließlich kein Platz im kleinen Pensionszimmer für einen Elefanten.
»Bis bald, Mausi, und pass auf Dich auf!« Zwei Kuss-Smileys. Anett schrieb nur:
»Huhu, mein Herz, das machst Du richtig. Erhole Dich gut. Bei mir ist alles super. Max ist himmlisch! Und: Ich habe wieder vier Kilo abgespeckt, ich glaube, das ist die Liebe … Bald würde das rote Kleid passen, wäre es nicht kaputt. Küsschen.« Zwinker-Smiley, Lach-Smiley, Herz.
Schön! Aber jetzt war Zeit für ihr Buch. Endlich konnte sie anfangen zu lesen.
»Ein ganzes halbes Jahr«, schon lange erschienen, wartete auf sie. Erst am Abend flog eine Antwort von Caro ein.
»Hallo Du Liebe, genieße Deinen Urlaub. Liebste Grüße und eine herzliche Umarmung von Deiner Caro.«
Eine Rose, ein Umarmungs-Smiley. Immerhin. Es wurde Zeit, dass sie sich wiedersahen. Der restliche Tag verging wie im Fluge. Zum Abendessen sah sie das streitende Paar nicht mehr. Mit Julian hatte sie schon am Vormittag vereinbart, dass sie sich erst am Tag darauf sehen würden. Er hatte im Ballhaus Berlin-Mitte zwei Karten reserviert.
13. Kapitel
Julian und Julia
»Du bist ein Glückspilz. Weißt du das überhaupt?«
Julian Liebmann
An diesem dritten Tag schlief sie lange. Nach dem Frühstück ging sie spazieren, sah, wie die Streithähne in mieser Stimmung auscheckten, obwohl der ältere Pensionswirt sie aufzumuntern versuchte. »Na, det nächste Mal kommen Sie und alles ist jut, glooben Sie nem ollen Mann!« Der Herr lächelte gezwungen und der Blumenkohl der Gattin hatte wieder seine ursprüngliche Form angenommen.
Auf dem Zimmer las Silke noch einige Kapitel in ihrem Buch und ging die Garderobe durch. Sie wollte für diesen Abend das Richtige auswählen. Noch war genug Zeit, das Tablet vom Schreibtisch zu nehmen und nach dem Ballhaus zu googeln. Die Fotos allein waren schon sehr ansprechend und was sie las, noch mehr. »Berliner Ballhaus: Im Ballhaus Berlin glühen die Tischtelefone«. Jawohl! So wollte sie es haben. Das erste Mal in ihrem Leben würde sie mit ihrem Sohn eine Tanzveranstaltung besuchen. Das allein war phänomenal und durch nichts zu überbieten.
»Du siehst umwerfend aus! Womöglich wird man dich für meine Freundin halten«, rief Julian für seine Verhältnisse überschwänglich aus.
»Mein Sohn, Du bist ein Charmeur mit Neigung zu maßloser Übertreibung. Aber das ist gut so, es könnte eines Tages nützlich sein.«
Sie sah ihn dabei vielsagend an.
»Mama. Ich weiß, du wartest darauf, dass ich dir mal eine Schwiegertochter präsentiere. Aber ich bin noch nicht so weit. Ich hatte zu viel mit meinem Studium zu tun und jetzt bin ich mit den Vorlesungen und der Promotion voll ausgelastet. Da passt keine Frau rein.«
Die erste Erklärung, die sie von Julian diesbezüglich hörte. Also war er nicht schwul. Selbst das hatte sie als Möglichkeit in Betracht gezogen.
»Und wenn?«, hatte ausgerechnet Sandra gewettert.
»Was, und wenn? Was erwartest du von mir, zum Teufel? Dass ich vor Begeisterung, nie einen Enkel zu bekommen, aus dem Häuschen wäre? Nein. Aber ich würde es respektieren.«
»Da kann Julian aber froh sein.« Und ihre Freundin hatte mit den Augen gerollt. Julian unterbrach ihre Gedanken, als sie Richtung Autobahn fuhren.
»Die Atmosphäre soll dort wunderbar sein«, erklärte er geschwollen.
»Ja, total geil, ich habe Bilder gesehen und freue mich schon riesig!«
Sie erntete einen strafenden Blick ihres Sohnes und dachte nach. Ach ja, sie hatte »geil« gesagt und das mit fast fünfzig Jahren. Das glich schon einem Kardinalsfehler, wenn es nach ihrem Sohn ging.
»Heute ist Samstag, da gibt es ab einundzwanzig Uhr Livemusik«, schwärmte er, als ob er seine Mutter noch motivieren müsste.
»Ehrlich? Das ist ja abgefahren.« Na gut, das war Absicht.
»Mama, geht das schon wieder los?«
»Mensch, Sohn, mach dich mal locker. Du bist so ein Spießer geworden!«
»Nein, bin ich nicht. Der Umgang formt den Menschen und wahrscheinlich sind Sandra und Anett …« Das reichte.
»Julian, ich bin bald fünfzig. Meinst du nicht, dass ich erwachsen genug bin zu entscheiden, wer für mich gut ist, und dass ich ein Recht darauf habe, mich von gestrengen Ritualen zeitweise entfernen zu dürfen, wenn mir danach ist?!« In diesem Satz steckte zwar eine Frage, im Tonfall allerdings eine Feststellung.
»Ist ja gut, wir wollen uns nicht streiten. Aber dann lass auch mich, wie ich bin, und schimpfe mich nicht einen ›Spießer‹.« Einige Minuten sprachen sie nicht mehr. Als sie über die A 100 rollten, hing jeder seinen Gedanken nach.
»Jetzt wird es spannend«, brach Julian das Schweigen, als sie in Berlin Mitte auf die Chausseestraße fuhren.
»Hoffentlich bekommen wir einen Parkplatz.« Sie hatten Glück.
Auch hier tummelten sich überall Menschen. Berlin, eine lebendige Stadt, immer am Puls der Zeit. Trendig, multikulturell, verrückt und nichts für Langweiler. Diese Stadt hatte etwas Grenzenloses. Sie betraten das Ballhaus um zwanzigUhr. Genau das, was sie auf der Homepage des Hauses las und sah, erwartete sie hier. Alles im Stil der wilden Zwanziger gestaltet, fühlte sie sich sofort in dieses Jahrzehnt versetzt mit den années folles, wie die Franzosen sagen würden. Es war die Zeit, in der Frauen selbstbewusst in der Öffentlichkeit rauchten, möglichst mit langer Zigarettenspitze, um mondän zu wirken; die Männer Knickerbocker und Schiebermützen und die Frauen elegante Topfhüte trugen. Die wilden Zwanziger, wo sich die Kunst immer weiter aus akademischen Zwängen befreite und »Schamloses« modern wurde; diese spannende Zeit der Veränderung konnte man hier förmlich spüren. Stuck an den Wänden, an den Decken imposante Kronleuchter, die den Räumen eine warme Atmosphäre verliehen. Überall, wo sie hinsah, Nostalgie und Magie zugleich. Sie betraten den Festsaal, in dem sie die nächsten Stunden verbringen wollten. Silke hatte das Gefühl, zu träumen. Der hohe Raum mit Holzvertäfelung, einer Wendeltreppe und Holzbalustraden, versetzten sie in eine andere Zeit. Sie musste fast fünfzig Jahre alt werden, um so ein Abenteuer zu erleben? An jedem Tisch war ein antikes Telefon befestigt. Sie kannte das bisher nur aus Filmen und sah sich um, ob irgendwo ein Filmteam zu sehen war. Wenn sie kein Mascara aufgetragen hätte, würde sie sich die Augen gerieben haben. Julian war nicht weniger begeistert und drückte das auf seine Art aus.
»Es ist Faszination pur, unglaublich!«
Silke nickte nur. Ihre Begeisterung konnte sie nicht in Worte fassen. Der Raum füllte sich jetzt mit Gästen. So mancher kam im Outfit der Zwanziger.
»Wo bleibt die Kamera?«, flüsterte Silke ihrem Sohn zu.
»Welche Kamera?« Kurz darauf begriff er.
»Ah, ja, das dachte ich vorhin auch. Es wirkt, als ob wir in einem Film mitspielen. Ich habe gelesen, dass die Telefone aus dem Jahr 1938 seien. Ist da nicht meine Oma geboren worden?«
»Ja, stimmt.«
»Na, wenigstens sind die Telefone aus diesem Jahr gut.« Wenn es um ihre Mutter ging, hatte Julian keinen Sinn für Anstand.
»Julian, bitte! Sie ist immerhin meine Mutter, wir hatten das Thema schon oft genug.«
Er winkte ab.
»Einunddreißig Tische sind es, ich habe sie gezählt«, meinte er versöhnlich.
»Was, in der kurzen Zeit?«
»Na klar«, grinste er. Im Hintergrund lief eindeutig Jazz der Zwanziger. Feierlich schritten sie die Wendeltreppe empor und setzten sich an ihren Tisch.
»Hier kann ich alles überblicken. Wie hast du das nur wieder hinbekommen, hier oben einen Tisch zu reservieren?«
»Das ist mein Geheimnis«, flüsterte er. Sie hatten kaum Platz genommen, wartete er wieder mit seinem Wissen auf.
»Hörst du die Musik?«
»Nein.« Sie grinste ihn an. Da war es wieder …
»Ist ja gut«, lachte er auf. »Im Ernst, wusstest du, dass die Zwanziger nicht nur als das goldene Zeitalter, sondern auch als das Zeitalter des Jazz gelten? Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs wollten die Menschen wieder aufatmen, ihre neue Freiheit leben, in den Nächten tanzen und feiern, Alkohol trinken, einfach ihrer Lebenslust frönen.«
»Streber.«
»Ja, bin ich. Ich habe das gestern alles gegoogelt, um meiner Mutter zu imponieren.«
Sie lachten beide. Es war nicht nötig, weitere Erklärungen abzugeben.
»Es ist interessant. Und was hast du noch herausgefunden?«
Jetzt kam Julian in seinem Element an.
»Nun ja, in der Musik gab es große Wendungen. ›Die Menschen erwachten aus einer Art Verpuppung‹, hieß es auf einer Webseite, ›sie schlüpften in neue Persönlichkeiten, lebten ihre inneren Ängste aus, die in schrillen Tönen und Gesängen verarbeitet wurden. Die Massenkultur erwachte‹.«
»Okay.«
Silke schielte zur Kellnerin, die bereits die ersten Gäste bediente.
»Ich glaube, ich muss darüber auch mal was lesen. Aber schau, im Moment habe eher Durst.«
»Entschuldige, ich labere und meine Mutter dehydriert.«
Er winkte der Kellnerin, die in diesem Moment zu ihnen sah. Die fesche junge Frau im kurzen Kleid kam zu ihnen und sie bestellten zwei Drinks. Bis sie alle Eindrücke in sich aufgesogen hatten, war es einundzwanzig Uhr und die aus fünf Männern bestehende Ballhaus Band begann zu spielen. Sie spielten Musik von früher und doch von heute, Alt und Neu vereint; diese Mischung machte es besonders.
»Das sind coole Typen«, entfuhr es Silke.
»Welcher gefällt dir am besten?«, forschte ihr Sohn nach.
»Was für eine Frage! Aber warte.«
Und sie besah sich die Männer der Reihe nach.
»Der Sänger, würde ich sagen.«
»Der ohne Haare?«
»Siehst du einen anderen?«
Julian nippte an seinem Glas und grinste wieder. Immerhin, er grinste und gelacht hatte er an diesem Tag auch schon.
An manchen Tischen saßen Paare, aber die meisten Gäste kamen als Singles. Ob sie wirklich zur partnerlosen Kategorie zählten, wusste man nie. Es dauerte nicht lange, da beschritt das erste Pärchen das Tanzparkett.
»Sieh mal, sie tanzen!«, rief Silke begeistert aus. Julian schlürfte sein Ginger Ale.
»Das hat eine Tanzveranstaltung so an sich.« Er grinste sie an.
»Sehr witzig, sieh doch mal, wie sie tanzen! Und diese Frau! Sie ist umwerfend.«
Gelangweilt ließ er von seinem Getränk ab, sah auf die Tanzfläche und riss die Augen auf. Nicht nur er, auch alle anderen Gäste starrten auf die Tanzenden. Eine junge, große und grazile Frau mit langer, feuerroter Mähne tanzte einen Charleston, dazu noch synchron mit ihrem Tanzpartner. Ihre Hüften und Schenkel zitterten, die Hände und Arme bewegten sich unabhängig voneinander, mit den Beinen tanzte sie die typische X/O-Kombination des Charleston, dann bebte der Rumpf der Frau und ihre Mähne legte sich wie ein sich ausbreitendes Feuer um ihren Kopf. Silke versuchte, sich das Gesicht der Tänzerin näher anzusehen, was auf die Entfernung keine leichte Aufgabe war. Sie würde die Frau nicht zu den »typischen Schönheiten« zählen. Ihr Gesicht war sehr schmal und auffällig blass, die Augen auseinanderstehend wie die einer Katze, auch ihr Hals war lang und erinnerte sie an den einer Ballett-Tänzerin, die sie viele Jahren zuvor im Urlaub kennengelernt hatte. Auf ergreifende Weise war sie faszinierend. Etwas Zerbrechliches, zugleich Starkes und Elegantes war an ihr. Sie lachte wie ein sehr junges Mädchen und tanzte wie eine Göttin. Mit vor Berührung wässrigen Augen schielte sie zu Julian hinüber. Hoffentlich sah er nicht, dass sie schon wieder nah am Wasser gebaut war. Er bemerkte es nicht, saß wie versteinert auf seinem Stuhl und wirkte, als würde er nicht atmen. Ohne auch nur eine Sekunde den Blick von der Tanzfläche abzuwenden, hielt er den Mund leicht geöffnet, und was war das in seinen Augen? Eine Träne benetzte den Augenwinkel. Die Musik verebbte und das Tanzpaar umarmte sich fröhlich. Tosender Applaus! Mit roten Wangen und vielen Verbeugungen verließen sie die Tanzfläche. Julian sah ihr nach und streckte sich, um genau zu sehen, wohin sie gingen.
Ruhig, aber gespannt, das Kinn auf die Hand gestützt, lächelte Silke ihren Sohn an und zog die Augenbrauen hoch.
»Was?«
»Wie, was?«
»Ich kenne diesen Blick, Mama. Also?«
»Na, hör mal, ich weiß gar nicht, was du meinst«, sagte sie unschuldig und stellte fest, dass Julian dunkelrot gefärbte Wangen bekommen hatte.
»Eins ist klar: Deine Wangen sehen jetzt aus wie das Haar der jungen Tänzerin«, meinte sie zu ihrem Sohn.
»Ja, es war ein sehr schöner Tanz. Wusstest du, dass der Charleston nach der Hafenstadt in South Carolina benannt wurde, von wo schwarze Hafenarbeiter ihn nach New York brachten? Er wurde aber in Europa nach 1920 erst durch Josephine Baker bekannt«, plapperte Julian aufgeregt.
»Nein, das wusste ich bis eben noch nicht, zumindest nicht so genau.«
»Mir gefallen solche Tänze, zumal ich selbst Salsa mag, der im Viervierteltakt getanzt wird. Der Charleston ist aber ein verhältnismäßig schneller Tanz bei fünfzig bis fünfundsiebzig Takten pro Minute«, erklärte Julian ihr.
Auch das war ihr neu. Trotzdem, er lenkte ab. Sie kannte ihren Sohn gut genug, um zu wissen, dass sie jetzt lieber nicht nachfragen sollte. Es war ihm unangenehm. Der Abend war noch jung.
»Sag jetzt nicht auch noch, du hast Salsa tanzen gelernt!«
Julian trank von seinem Ginger Ale und nickte.
»Auch andere Tänze, die ich zwar nicht so gut beherrsche wie Salsa, aber immerhin«, bemerkte er. Silke schüttelte den Kopf und fragte sich, ob sie ihren Sohn überhaupt noch kannte.
»Tanzen befreit.«
»Wann hast du damit angefangen?«
»Schon im dritten Semester. Ein Kommilitone hatte mich mitgenommen, für mich war es eine Art Ausgleich und dazu noch ein Sport. Fitnessstudios sind ja nicht so meins.«
»Du hast mir nie davon erzählt«, stellte sie fest, ohne Vorwurf in der Stimme.
»Sei doch mal ehrlich, du hast doch bestimmt schon geglaubt, ich sei schwul, weil ich nie eine Freundin hatte. Stell dir vor, ich hätte dir von den Tanzkursen erzählt …«
Silke lachte auf. »Das stimmt allerdings.«
Die Tanzfläche hatte sich längst gefüllt, der Saal begann ein Eigenleben zu entwickeln. An der Bar tummelten sich Leute, und überall, wo man hinsah, war die Stimmung fröhlich.
»Mama, ich sehe mich mal ein wenig um. Du langweilst dich nicht ohne mich?«
Gern wäre sie mitgegangen. Ihr Hintern schmerzte bereits vom Sitzen. Doch sie vermutete, Julian wollte auf Pirsch gehen.
»Nein, geh nur. Ich komme gut klar«, schwindelte sie. Kaum verschwand er im bunten Treiben, klingelte es neben ihr. Sie zuckte zusammen und wollte nach dem Handy greifen, bis ihr gewahr wurde, dass das Klingeln vom Tischtelefon kam. Sie nahm den Hörer ab.
»Hallo?«
War das ulkig! Sie saß mitten in einer Tanzveranstaltung und bekam einen Anruf direkt an den Tisch.
»Hallo, schöne Frau. Gefällt es Ihnen hier?«, hauchte eine männliche Stimme, die sich nicht anstrengen musste, erotisch zu klingen.