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Rom und die Wissenschaften
In der historischen und kunsthistorischen, aber auch der musikwissenschaftlichen Forschung haben die kulturellen Investitionen des römischen Mäzenatentums große Aufmerksamkeit erhalten. Doch im Gegensatz zur Kunst- oder Musikpatronage sind das Phänomen der Wissenschaftspatronage oder die Interdependenzen zwischen Wissen und Kunst erst in jüngerer Zeit vermehrt zum Gegenstand von Analysen geworden.69 Einer der Gründe dafür ist die Tatsache, dass der Stellenwert Roms als Ort der Wissenschaften lange als gering erachtet wurde. Besonders für die Wissenschaftsgeschichte war Rom folglich nicht von besonderem Interesse.70 Die Hinrichtung Giordano Brunos 1600 sowie die Verurteilung Galileo Galileis 1633 galten als symptomatisch für die Wissenschaftsfeindlichkeit und die religiöse Verblendung Roms.71 Die Opposition, die zwischen Religion und Wissenschaft errichtet wurde, ließ Rom von der Landkarte der Wissenschaftsgeschichte verschwinden. Der Kirchenstaat stand für Repression, Zensur und Rückständigkeit. Was an Wissen aus dem Papsthof hervorging, wurde vorschnell als religiöse Propaganda oder als pure Unterhaltung ohne jeglichen wissenschaftlichen Wert abgetan.72 So bemerkt etwa Peter Hersche:
»Es muss auch darauf hingewiesen werden, dass Galilei kein Einzelfall war. Auch andere, weniger berühmte Forscher sahen sich von der Inquisition und den Jesuiten – die ihren eigenen Wissenschaftlern strikte Limiten auferlegten – verfolgt, in ihren Arbeitsmöglichkeiten behindert, im Publikationsrecht beschränkt, ja zur Emigration gezwungen. Wer damals weiter forschen wollte, musste im Kopfe Glaube und Wissen möglichst trennen, auf philosophische Überlegungen zur Natur weitgehend verzichten, sich am besten rein technischen Fragen widmen.«73
Diese statische Vorstellung obrigkeitlicher Machtausübung sowie die starre Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Religion reduzieren jedoch die tatsächliche politische und soziale Komplexität des Kirchenstaates beträchtlich. Die Höfe der römischen Adelsfamilien, klerikalen Würdenträger und Nepoten waren alles andere als repressive und statische Gebilde, sondern eröffneten dynamische Möglichkeitsräume. Vor allem die Studien von Mario Biagioli, David Freedberg und Antonella Romano zeigen deutlich, dass zwischen »Hof« und »Wissenschaft« kein Antagonismus bestand. Ganz im Gegenteil trugen die Höfe der Spätrenaissance und der Frühen Neuzeit in Italien mit ihrer Kultur und Etikette, mit ihrem Ehrenkodex und ihrem Patronage-System Wesentliches zur Ausdifferenzierung der neuen Wissenschaften und zur Ausbildung der sozioprofessionellen Identität des Wissenschaftlers bei.74 Die an den Höfen konzentrierten Ressourcen – finanzielle Mittel, wissenschaftlicher Austausch, Forschungsmöglichkeiten in Form von Bibliotheken und Sammlungen – ebenso wie die Plattform, welche die Mäzene dort gewährten, begünstigten die Genese, Zirkulation und Distribution von Wissen.75 Ingo Herklotz hat diesbezüglich die besondere Rolle des Kardinals Francesco Barberini, Neffe von Urban VIII., hervorgehoben und gezeigt, dass der Barberini-Hof nicht nur die Arbeit einer neuen Künstlergeneration beflügelte, sondern auch eine ganze Schar von auswärtigen Gelehrten anzog.76
Die Hofkultur gab folglich den Rahmen vor, innerhalb dessen die Diskurse der Wissenschaft stattfanden. So waren auch die römischen Wissenschaftszirkel und Akademien wie die Accademia degli Umoristi oder die Accademia dei Lincei geprägt von dem elitären Bewusstsein der kurialen Hofkultur, wobei sich die Accademia dei Lincei im Hinblick auf die wissenschaftliche Ausrichtung und durch ihre äußerst selektive Aufnahme neuer Mitglieder deutlich von den Umoristi unterschied.77 Gelehrte übertrugen ihre Forschung in höfische Formen der Präsentation, so zum Beispiel Francesco Stellutis mikroskopische Autopsie der Biene (Melissographia, 1625) (Abb. 5). Bereits die Wahl seines Untersuchungsobjekts wurde durch den höfischen Kontext bestimmt: Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die auf neuester Instrumententechnik basierten, präsentierte er als Panegyrik auf die Barberini-Familie, deren heraldisches Zeichen drei Bienen waren. Der von Matthäus Greuter angefertigte Kupferstich in Folio wurde Urban VIII. an Weihnachten des Heiligen Jahres 1625 feierlich übergeben. Das auf emblematische oder panegyrische Weise in Szene gesetzte Wissen stand dabei im dynamischen Austausch mit anderen Darstellungsformen wie Kunst, Theater, Oper, Liturgie und diversen Festinszenierungen. Für frühneuzeitliche Wissenschaftler war die Patronage folglich nicht nur eine ökonomische Ressource, sondern Bestandteil der Selbstformung, die auch den wissenschaftlichen Diskurs, die Motive und die theoretische Ausrichtung beeinflusste.78

5 Kupferstich von Matthäus Greuter nach Beobachtungen von Francesco Stelluti, Urbano VIII. Pont. Opt. Max. Cum accuratior Melissographia à Lynceorum Academia in Perpetuae Devotionis Symbolum ipsi offerretur, Rom 1625
Über die strukturellen, inhaltlichen und ästhetischen Aspekte der höfischen Wissensproduktion hinaus wird am Beispiel des Barberini-Hofes aber auch deutlich, dass Wissen nicht nur lokal produziert wird, sondern stets auch über den Produktionskontext hinausweist. Schon alleine die Kommunikationsnetze der Mitglieder der famiglia der Barberini, in denen intellektuelle, strategische, ökonomische, aber auch politische Angelegenheiten verhandelt wurden, sowie das in weite Teile der Welt reichende Netz von Informanten und Agenten sind Phänomene, die weit über Rom hinausweisen. Für den Mäzen Francesco Barberini beispielsweise stellten die lokalen Investitionen in Kunst und Wissenschaft zugleich ein geeignetes Mittel zur Unterhaltung familiärer Beziehungen nach Frankreich dar; sie dienten also nicht allein der Verfolgung von intellektuellen Interessen und der Maximierung seines Sozialprestiges, sondern waren auch ein konfessions- und machtpolitisches Instrumentarium. Die Verbindung mit dem französischen Gelehrten und Mäzen Claude Fabri de Peiresc nahm diesbezüglich eine Schlüsselrolle ein. Niemand sandte so viele Protegés nach Rom wie der Mäzen aus Aix-en-Provence.79 Die Korrespondenz zwischen Barberini und Peiresc liefert ein instruktives Zeugnis für die Überlagerung unterschiedlichster Interessen im Bereich der Kulturpatronage.80
Über die Vermittlertätigkeit von Peiresc kam auch der Jesuit Athanasius Kircher im Herbst 1633 nach Rom, und die Mitglieder der famiglia Francesco Barberinis stellten wichtige Anlaufstellen für den Neuankömmling dar.81 Über eine Zeitspanne von mehr als vier Jahrzehnten agierte Kircher nun ähnlich wie Gian Lorenzo Bernini als Impresario der römischen Eliten. Ebenso wie Bernini schaffte es der Pater, allen sich wandelnden Machtverhältnissen zum Trotz, stets in der Gunst der Führungselite zu bleiben und nacheinander die Päpste Urban VIII., Innozenz X., Alexander VII. und Clemens IX. als Schirmherren für sich zu gewinnen. Dies war keineswegs selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass gerade der Übergang zum Pontifikat Innozenz’ X. Pamphilj, der gute Beziehungen zu Spanien unterhielt, weitreichende Einflusseinbußen für die nach Frankreich orientierten Barberini mit sich brachte. Der Konflikt ging sogar so weit, dass die Familie vorübergehend nach Frankreich emigrieren musste.82 Dieser abrupte Machtwechsel hatte auch für die Günstlinge der Barberini erhebliche Konsequenzen – nicht jedoch für Kircher und Bernini. Um in diesem vom ständigen Wandel der Machtverhältnisse und Konkurrenzdruck bestimmten Milieu bestehen zu können, brauchte es eine besondere Fähigkeit zum Erkennen möglicher Trends, eine perfekte Beherrschung des höfischen Formen- und Zeichenrepertoires sowie ein dichtes Netz von Informationszuträgern, Agenten und Assistenten. Das Verhältnis von Patron und Klient war somit keineswegs das eines linearen Sender-Empfänger-Modells, sondern fand in Handlungsarenen statt, deren Beziehungsgefüge und Abhängigkeitsverhältnisse weit über das persönliche Verhältnis zwischen Patron und Klient hinausführten. Den Funktionsmechanismen und der Tragweite höfischer Kulturinvestitionen kann eine personenzentrierte Analyse somit nicht gerecht werden. Im Falle Kirchers, der als Ordensmann im Gegensatz zu den Höflingen andere Spielräume besaß, sind auch die Interessen, Netzwerke und Handlungsräume der Jesuiten von entscheidender Bedeutung. Dieses dynamische Interaktionsfeld zwischen den Handlungsräumen der Jesuiten und denjenigen von Kurie und Adelsfamilien gilt es in den folgenden Kapiteln genauer zu beleuchten.
Das Collegio Romano: Schaltstelle des Jesuitenordens
Die Jesuiten leisteten einen bedeutenden Beitrag zur Umsetzung und Verbreitung des gegenreformatorischen Programms der katholischen Kirche. Als eine Art Eliteeinheit zur Verbreitung der katholischen Orthodoxie erlebte der 1540 vom Papst anerkannte Orden einen großen Aufschwung. Bereits zu Lebzeiten des Gründers Ignatius von Loyola (1491–1556) prosperierte die Gesellschaft. Zählten die Jesuiten 1544 erst 40 Mitglieder, so waren es 1556 schon um die 1000, welche in etwa 50 Niederlassungen wirkten.83 1640, zum hundertjährigen Ordensjubiläum, konnten bereits über 15000 Mitglieder verzeichnet werden. Die größte und weitreichendste Bedeutung entfalteten die Jesuiten im Erziehungswesen und in der Mission.84 In jeder größeren Stadt wurde ein höheres Schulwesen eingerichtet und mit den Kollegia regelrechte Ausbildungszentren geschaffen, die insbesondere auf den weltlichen und geistlichen Adel ausgerichtet waren. Das erste Jesuitenkolleg wurde bereits 1548 in Messina gegründet, darauf folgte 1551 das römische Kolleg. Kurz nach 1600 bestanden bereits 245 Schulen weltweit, und um 1750 leitete der Orden mehr als 500 Kollegien und Universitäten in Europa, etwa 100 in Überseekolonien und etwa 270 Missionsstationen.85 Die Ausbildung und Koordination der Jesuiten sowie der eigenverantwortliche Unterhalt der Kollegien, ihrer Gebäude, Schüler und des Lehrpersonals stellte eine enorme logistische Herausforderung dar.86
Als Koordinationsstelle der weltweiten Aktivitäten und Zentralsitz der Verwaltung wurde Rom gewählt. Ignatius von Loyola erwarb mit den Gründungsmitgliedern eine Residenz in der Nähe von S. Maria della Strada, der späteren Ordenskirche Il Gesù. Bereits 1547 bezeichnete der Generalsekretär des Ordens, Juan de Polanco, Rom und die Kurie als Herz, Hirn und Magen des Ordens. Von hier aus sollte der Orden gesteuert und am Leben gehalten werden; ohne die Organe Herz, Hirn und Magen könne der Orden zwar wachsen, aber nicht dauerhaft erfolgreich prosperieren.87 Neben diesem Sitz des Ordensgenerals und seines Sekretärs fungierte ein kleines Gebäude an der Via di Nuova Capitolina, das dem Orden von Francesco Borgia gestiftet worden war, als erster Standort des Jesuitenkollegs. Bereits nach kurzer Zeit überschritten die Studierendenzahlen jedoch die räumlichen Kapazitäten. Insgesamt drei Mal wechselte das Collegio Romano seinen Sitz, bis es in den 1580er Jahren an seinen heutigen Standort in unmittelbarer Nähe zum Palazzo Doria Pamphilj, an die Piazza del Collegio Romano, zog. Mit erheblichen Zuwendungen von Papst Gregor XIII. wurde das bestehende Gebäude umgebaut und vergrößert.88 Das 1586 fertiggestellte neue Kolleg verschaffte nun auch den Jesuiten die gewünschte Sichtbarkeit auf der städtischen Bühne Roms. Denn nicht nur die Höfe der Kardinäle, Prälaten, Nepoten und der auswärtigen Ambassadoren standen in einem steten Wettkampf um größtmögliche Sichtbarkeit. Auch die religiösen Gemeinschaften aus aller Welt, die eine Niederlassung in Rom hatten, wollten in möglichst unmittelbarer Nähe zum Papsthof gesehen werden. Ihre Zentren lagen bisweilen dicht nebeneinander, was beträchtliches Konfliktpotential über Besitzansprüche und Grenzziehungen im städtischen Raum barg.89
Die vielen religiösen Gemeinschaften zog es aber nicht nur aus spirituellen und religionspolitischen Gründen nach Rom. Der Kirchenstaat war mit den Informationsnetzen der päpstlichen Diplomatie, den lokalen Handelshäusern und den unzähligen Reisenden, die täglich in Rom ankamen, ein Informationsknotenpunkt erster Güte. Auch der Jesuitenorden selbst entwickelte ein engmaschiges und durchstrukturiertes System der Briefkommunikation, um über die Unternehmungen seiner weit verstreuten Mitglieder informiert zu sein, aber auch um Ressourcen und Personal zu koordinieren.90 Im Collegio Romano wurden Informationen und Wissen aus der ganzen Welt gesammelt, gebündelt, aufbereitet und weitergeleitet; es war zugleich ein spirituelles, intellektuelles, kulturelles und ein administratives Zentrum. Die Ordenszentrale bildete somit einen wesentlichen Konsolidierungsort: Hier verdichteten sich Glaube, Wissen (mitsamt seiner konfessionellen Funktionalisierung) und höfische (Re-)Präsentation. Eine aus der Werkstatt des flämischen Kupferstechers Joannes Collaert stammende Karte von 1610 setzt diese Verdichtung von Wissen, Konfession und höfischer Prachtentfaltung in Szene (Abb. 6). Dargestellt ist das römische Stadtbild, in dem die zahlreichen jesuitischen Gebäude aufgrund ihrer überdimensionierten Größe deutlich hervortreten. Die sieben römischen Hauptkirchen dagegen werden nicht gekennzeichnet, St. Peter liegt sogar außerhalb des Bildausschnitts. Im Mittelgrund werden Il Gesù und das Collegio Romano – zudem herausgehoben durch eine Gruppe Jesuiten, darunter Ignatius von Loyola (mit einem Nimbus gekennzeichnet) – durch ihre besondere Größe als unangefochtenes Zentrum der Stadt präsentiert. Selbst die Straßenzüge, insbesondere diejenigen im Umkreis der jesuitischen Gebäude, sind verbreitert und erscheinen dadurch als den Konflikten um die Vormachtstellung im Stadtraum enthoben. Die Karte ist Bestandteil einer illustrierten Vita des Ignatius von Loyola, die unmittelbar nach dessen Seligsprechung 1609 gedruckt wurde.91

6 Joannes Collaert, Karte von Rom mit il Gesù, Professhaus, Noviziat, Collegium Romanum und weiteren Gebäuden der Jesuiten, in: Petrus Ribadeneyra, Vita beati patris Ignatii Loyolae religionis Societatis Iesu fundatoris, Antwerpen 1610. Abbildung 12, o.P.
1622 zahlten sich das Engagement des Ordens in Mission und Bildung sowie seine vielfältigen kulturellen und materiellen Investitionen mit der Heiligsprechung von Ignatius und seinem Verbündeten Franciscus Xavier durch Gregor XV. schließlich aus. Die Jesuiten erfuhren dadurch eine Legitimation von höchster Instanz. Besonders aber das Ordensjubiläum 1640 erschien als passender Moment zur monumentalen Zurschaustellung der eigenen Erfolgsgeschichte. Spektakuläre Feste in Rom, Paris, Bahia und Goa wurden veranstaltet. Das Collegio Romano fungierte innerhalb dieser Feierlichkeiten neben Il Gesù wiederum als Hauptbühne. Der römische Chronist Giacinto Gigli92 berichtet von der kunstreichen Ausgestaltung des Kollegs. Zum Gedenktag des Heiligen Ignatius von Loyola am 31. Juli 1640 hätten die Jesuiten im Collegio Romano ein einzigartiges Fest veranstaltet. Zwischen den Arkaden des Innenhofes seien insgesamt 19 bronzefarbene Stuckstatuen errichtet worden, darunter die Statuen der Päpste Urban VIII., Gregor XIII. und Gregor XV. sowie Personifikationen der Künste und Wissenschaften. Hinter den Statuen wurden Bildnisse sowohl aller noch lebenden als auch der bereits verstorbenen Kardinäle angebracht, die im Collegio Romano studiert hatten. Die Darstellung der Kardinäle des Hauses Barberini erschien Giacinto Gigli besonders erwähnenswert. Neben den Kardinälen seien auch eine Vielzahl von Prälaten und Gelehrten dargestellt, die ihre Ausbildung ebenso im römischen Jesuitenkolleg absolviert hatten.93 Hervorgehoben wurden aber nicht allein das römische Kolleg und seine illustren Absolventen, sondern die große Bedeutung und weltweite Ausdehnung des jesuitischen Bildungssystems insgesamt:
»[…] et sopra tutte le porte delle Scuole sotto l’Archo della volta vi erano i Retratti delle città, et luogi dove li Gesuiti hanno i loro Collegi, et finalmente vi erano in forma di medaglie molti emblemi Gieroglifici, et altre Scrittioni fatte in diverse lingue.«94
Giglis Ausführungen verdeutlichen, dass nicht nur im Umfeld der weltlichen und geistlichen Höfe, sondern auch im ordenspolitischen respektive institutionellen Kontext zur Mehrung des Ansehens und zur Präsenzmarkierung oder Einbindung in lokale Herrschaftsverhältnisse auf dasselbe Formen- und Zeichenrepertoire zurückgegriffen wurde. So sehr der Jesuitenorden intern, auf der ordenspolitischen und administrativen Ebene, auch die kuriale oder päpstliche Einflussnahme zu verhindern suchte, wurden nach außen hin gerade die Nähe zur Kurie und die weitreichende Vernetzung mit dem römischen Adel betont.95 Insbesondere der im vierten Ordensgelübde versprochene absolute Gehorsam gegenüber dem Papst wurde öffentlichkeitswirksam bekräftigt: Als große Wohltäter der Gesellschaft herausgehoben wurden Gregor XIII. Boncompagni, der sich um die Finanzierung und den Umbau des Collegio Romano verdient gemacht hatte, Gregor XV. Ludovisi, der Ignatius von Loyola und Francesco Xavier heiligsprechen ließ, sowie der amtierende Papst Urban VIII. Barberini, der den Orden ebenfalls finanziell unterstützte. Somit wurde gerade im Bereich des Zeremoniells der jesuitische Raum zu einem wesentlichen Bestandteil des Papsthofes. Daneben wurde mit den Gemälden aller im Collegio ausgebildeten Kardinäle (wobei den Familienmitgliedern der Barberini eine besondere Bedeutung zukam), aber auch mit der Sichtbarmachtung der weltweiten Ausdehnung der Kollegien auf die Erfolgsgeschichte des eigenen Erziehungswesens in seiner lokalen und globalen Dimension verwiesen. Das Collegio Romano wurde damit zum intellektuellen Fundament für die kulturelle Superiorität Roms und des Katholizismus im Allgemeinen stilisiert. Dieser Anspruch wird auch durch die Hervorhebung berühmter Poeten, Wissenschaftler und Kunstschaffender, die das jesuitische Bildungssystem durchlaufen hatten, nochmals verdeutlicht.
Auch die am Collegio wirkenden Professoren trugen zu dessen Prestige als Ort besonderer Gelehrsamkeit Wesentliches bei. Mit ihren unablässig produzierten Publikationen und ihren Wortmeldungen in wissenschaftlichen Debatten waren sie ein wichtiger Bestandteil der römischen Gelehrtenkultur. Besonders im Bereich der Mathematik und der Naturphilosophie erarbeiteten sie sich ein großes Renommee, zu dem insbesondere die Forschungen und Publikationen der Gelehrten Christoph Clavius (1538–1612), Christoph Grienberger (1561–1636), Horatio Grassi (1582–1694), Nicolaus Zucchi (1586–1670) sowie Athanasius Kircher beitrugen. Das Prestige der Institution basierte daneben aber auch auf den Theater-, Opern- und Tanzaufführungen und den aufwändig inszenierten Disputationes der frisch promovierten Studenten, die dort stattfanden.96 Dies alles machte das Kolleg zu einem kulturellen Zentrum des barocken Roms, einer Art »manufactury of representations«, welche auf die Unterhaltung, Belehrung und religiöse Erbauung eines solventen Publikums ausgerichtet war.97 Einmal mehr wird daran deutlich, wie sehr die höfischen Rahmenbedingungen auch den Bereich der Wissenschaften innerhalb der religiösen Orden prägten. Am Beispiel der ordenseigenen Sammlung soll diese Dynamik zwischen »innen« (Orden) und »außen« (Stadt) im Folgenden exemplarisch herausgearbeitet werden.
Domus Kircheriana: Das Museum
Auch die ordenseigene Kunst- und Wunderkammer, die das Collegio Romano seit 1651 beherbergte, gehörte zu dieser »Repräsentationsmanufaktur«. Situiert im Herzen des Jesuitenordens, war sie aber gleichzeitig auch ein integraler Bestandteil des Raumes der städtischen Elite. Dieses Spezifikum zeigt sich bereits bei der Museumsgründung: Der römische Patrizier und Sekretär des Popolo Romano Alfonso Donini vermachte seine persönliche Sammlung, die hauptsächlich aus Antiken bestand, den Jesuiten mit der Auflage, sie öffentlich zugänglich zu halten und im Unterricht der Jesuitenschule einzusetzen.98 Die Schenkung gab den entscheidenden Impuls zum Aufbau eines jesuitischen Museums im Innern des Kollegs, zu dessen erstem Kustos Athanasius Kircher ernannt wurde. In das Museum wurde neben Doninis Erbe auch die ordenseigene Gemäldesammlung integriert, und auch Kircher fand Gelegenheit, seine persönlichen Sammlungsobjekte zu präsentieren.
Italien im 16. und 17. Jahrhundert beherbergte eine überaus große Zahl an gelehrten Sammlungen, sowohl des Adels als auch des Bürgertums. Sammeln war ein Ausdruck des »guten Geschmacks« der römischen Elite, mit dem diese sowohl ihre finanziellen Möglichkeiten als auch ihre Bildung präsentierte.99 Für den weltlichen und geistlichen Adel Roms war die Sammlung, neben der Bibliothek und dem gestalteten Garten, ein essentieller Bestandteil seines höfischen Selbstverständnisses und daher immer auch Ausdruck der repraesentatio majestatis.100 Vor allem aber dienten das Sammeln von Antiken und ihre Publikation in Sammlungskatalogen in Rom über lange Zeit der Nobilitierung und der Zurschaustellung des sozialen Status einzelner Familien.101 Die Betonung von höfischem Status sowie des eigenen kulturellen Kapitals war aber nicht der einzige Zweck dieser Galerien. Gerade in Rom fungierten sie, insbesondere für die katholische Kirche, auch als ein Mechanismus zur Verwandlung von Wissen in Macht. Vor allem die antiken Sammlungsgegenstände eigneten sich zur Demonstration der Tradition, Beständigkeit und Größe Roms. So verweisen die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Stadt gegründeten Sammlungen, wie beispielsweise das hier besprochene Museum des Collegio Romano oder das Kabinett von Giovanni Giustino Ciampini, immer auch auf die intellektuelle Vormachtstellung des päpstlichen Rom.102 Als besonders aufschlussreich erweist sich dabei, dass die Gründung zahlreicher Antikensammlungen jeweils in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit der Wahl eines neuen Papstes und damit dem Machtantritt einer neuen Familie stand.103 Gerade Athanasius Kircher verstand sich bestens darauf, das im Kolleg zusammenkommende Wissen gemäß den Vorstellungen und dem Geschmack der römischen Oberschicht zu präsentieren und dabei stets auch die religiöse, politische und symbolische Hegemonie des Papsttums und den Anspruch der Jesuiten auf eine intellektuelle und missionarische Vormachtstellung zu betonen.
Obwohl die Sammlung des Jesuitenkollegs in der Repräsentation von Status durchaus Gemeinsamkeiten mit den höfischen Sammlungen aufwies, gilt es auch die Unterschiede zu beachten. So spiegelte die Sammlung zum Beispiel auch den Stellenwert des Kollegs als (Aus-)Bildungsinstitution wider; das Ordensmuseum funktionierte somit immer auch als »Laboratorium«, d.h. als Ort des Wissens und der Forschung.104 Hier zeigte Kircher einem ausgewählten Publikum exotische oder antike Objekte und führte Experimente sowie unterhaltsame magnetische, pneumatische und hydraulische Maschinen vor. Wie am Beispiel des Besuchs von Christina von Schweden später noch detaillierter dargestellt werden wird, gestaltete der Pater seine Führungen adressatengerecht entsprechend des Ranges, der Bildung und der Konfession der Besucher. Somit war gerade die sich stets verändernde Bühne des Museums ein Beispiel für die Dynamisierung des Raumes.105 Das Museum als Ort des wissenschaftlichen Austauschs und der Zurschaustellung von Wissen bildete zusammen mit der jesuitischen Institution des Collegio Romano und dem städtischen Raum mit seinen vielen Höfen, Akademien und Salons einen elastischen Wissensraum, in dem sich unterschiedliche Wissenspraktiken verdichteten und sich zeitgenössische Diskurse von Wissenschaft und Wissenskultur manifestierten. Städtischer Raum, Kolleg und Museum sowie auch Hofkultur und religiöse Institutionen sind folglich nicht als räumlich voneinander getrennte Bereiche zu betrachten, sondern als sich überlagernde Felder. In diesem elastischen Wissensraum kam dem jesuitischen Museum als Verdichtungsort von Kommunikation eine wichtige Bedeutung zu: Es bot ein Forum für die Kommunikation über Sammlungsobjekte und für den Austausch von Geschenken zur Etablierung neuer oder zur Pflege bereits bestehender Patronageverhältnisse. Es fungierte somit als Ort von (sozialem) Austausch und sozialer Reproduktion.

